Vest Recklinghausen

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Das Vest (aufgehellt) auf den Kartenblättern des Deutschen Reiches (Ende 19. Jahrhundert) mit heutigen Verwaltungsgrenzen und Gewässerverläufen
Der kurkölnische Vest Recklinghausen und Umgebiet

Das Vest Recklinghausen ist die Bezeichnung für den Gerichtsbezirk des mittelalterlichen Gogerichts in Recklinghausen. Das Vest stellte neben dem Erzstift Köln und dem Herzogtum Westfalen einen weltlichen Herrschaftsbereich der Erzbischöfe von Köln dar. Während der frühen Neuzeit gehörte es als Teil Kurkölns dem Kurrheinischen Reichskreis an.

Lage[Bearbeiten]

Die Flüsse Emscher und Lippe bildeten die natürliche Grenze, im Süden zur Grafschaft Mark und zum Reichsstift Essen und im Norden zum Fürstbistum Münster. Im Osten, zwischen Lippe und Emscher, sicherte eine Landwehr die Grenze zur Reichsstadt Dortmund. Im Westen bildeten der Köllnische Wald und die Kirchheller Heide die Grenze zum Herzogtum Kleve.

Das Vest entspricht somit in etwa dem Gebiet des heutigen Kreises Recklinghausen. Jedoch gehörten auch Teile der heutigen Städte Gelsenkirchen, Oberhausen und Bottrop zum Vest. Die südlich der Emscher gelegene Stadt Castrop-Rauxel (mit Ausnahme des Stadtteils Henrichenburg) und die nördlich der Lippe gelegenen Teile der heutigen Städte Dorsten und Haltern am See gehörten nicht zum Vest.

Geschichte[Bearbeiten]

Der kurkölnische Statthalter des Vestes residierte auf Schloss Herten
Der kurkölnische Kellner des Vestes residierte auf Schloss Horneburg

Recklinghausen geht auf einen karolingischen Königshof zurück. Seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts nach dem Sturz Heinrichs des Löwen und der Zerschlagung des Herzogtums Sachsen begann sich ein kölnischer Herrschaftsbereich zu entwickeln. Im Jahre 1228 erstmals als Gogericht erwähnt, lässt sich der Begriff Vest ab 1359 nachweisen. Die beiden Ausgangspunkte der Kölner Herrschaft in diesem Bereich waren Recklinghausen und Dorsten, die 1235 und 1251 Stadtrecht erhielten.

Im Vest entwickelten sich Ansätze zu einem Eigenbewusstsein. So kam es 1305 zu einer Einung der Städte des Vests, die später erneuert wurde. Das Gebiet (eigentlich in Westfalen gelegen) löste sich seit der Mitte des 14. Jahrhunderts immer mehr vom Herzogtum Westfalen und orientierte sich immer stärker hin zum rheinischen Erzstift. Schon 1371 huldigten die beiden Städte dem neuen Erzbischof Friedrich III. von Saarwerden nicht zusammen mit den westfälischen Städten, sondern mit denen des Rheinlandes. Bei der Erblandesvereinigung von 1463 schlossen sich die vestischen Stände ebenfalls den rheinischen an. An der Zugehörigkeit zum rheinischen Erzstift gab es in der frühen Neuzeit keinen Zweifel mehr.

Der kurkölnische Statthalter residierte auf Schloss Herten, die Oberkellnerei saß in Horneburg bei Datteln. Von 1446 bis 1476 war das Vest Pfandbesitz der Edelherren von Gemen, seit jenem Jahr bis 1576 dann der Grafen von Holstein-Schaumburg. Das Vest war der kleinste der drei Kölner Herrschaftsbereiche. Zur Zeit von Dietrich II. von Moers lebten dort etwa 14.500 Personen. Im westfälischen Teil waren es dagegen 59.000 und im rheinischen Teil waren es an die 100.000 Personen.

Die Verwaltung des Vests teilte sich spätestens um 1600 in das Obervest im Osten, das weiterhin von Recklinghausen aus verwaltet wurde, und das Untervest im Westen, das von der Stadt Dorsten aus verwaltet wurde. Zum Obervest gehörten die Stadt und das Kirchspiel Recklinghausen sowie die Kirchspiele Ahsen, Datteln, Flaesheim, Hamm, Henrichenburg, Herten, Horneburg, Oer, Suderwich, Waltrop und Westerholt. Zum Untervest gehörten die Stadt und das Kirchspiel Dorsten sowie die Kirchspiele Bottrop, Buer, Gladbeck, Horst, Kirchhellen, Marl, Osterfeld und Polsum.

Wie auch im Herzogtum Westfalen gab es im Vest Recklinghausen seit dem 16. Jahrhundert Hexenprozesse. Im Jahr 1514 wurden elf Frauen verurteilt, denen man die Heraufbeschwörung eines schweren Sturms vorwarf. Einen ersten Höhepunkt erreichten die Prozesse zwischen 1590 und 1600. Auch später gab es weitere Prozesse. Die Zahl der Opfer wird auf insgesamt 94 geschätzt.[1]

Der Kölner Erzbischof Ferdinand von Bayern verfügte am 4. September 1614, dass jedem Nichtkatholiken der dauernde Aufenthalt im Vest verboten ist. Dies galt bis 1802, als das Vest an das Herzogtum Arenberg-Meppen kam. Es kam zu verschiedenen Reformen etwa der Einführung des Code Civil oder Ansätzen zur Bauernbefreiung.[2] 1811 kam es an das Großherzogtum Berg. 1815 wurde das Vest in die preußische Provinz Westfalen eingegliedert und ging 1816 im Kreis Recklinghausen auf.

Zugehörigkeit des Vest Recklinghausen

Heutige Begriffsverwendung[Bearbeiten]

Heute wird der Begriff Vest meist synonym zum Kreis Recklinghausen verwendet. Der Kreis Recklinghausen nennt sich seit 2006 im Untertitel seines Signets auch „Vestischer Kreis“, und das Jobcenter nach dem SGB II heißt „Vestische Arbeit“, darüber hinaus wird der Name von zahlreichen Unternehmen genutzt (Radio Vest, Vestisches Museum, Vestische Straßenbahnen Vestische Kampfbahn (Stadion) etc.). Die Städte Waltrop, Datteln und Oer-Erkenschwick werden als Ostvest bezeichnet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Monika Storm: Das Herzogtum Westfalen, das Vest Recklinghausen und das rheinische Erzstift Köln: Kurköln in seinen Teilen. In: Harm Klueting (Hrsg.): Das Herzogtum Westfalen, Bd. 1: Das Herzogtum Westfale: Das kurkölnische Westfalen von den Anfängen kölnischer Herrschaft im südlichen Westfalen bis zu Säkularisation 1803. Münster 2009, ISBN 978-3-402-12827-5, S. 358
  • Der Vestische Kalender, erscheint seit 1923 für das Vest Recklinghausen, mit Inhaltsverzeichnis
  • Vestische Zeitschrift, wissenschaftliche Zeitschrift, erscheint seit 1891

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tanja Gawlich: Der Hexenkommissar Heinrich von Schultheiß und die Hexenverfolgungen im Herzogtum Westfalen. In: Harm Klueting (Hrsg.): Das Herzogtum Westfalen. Bd. 1: Das Herzogtum Westfalen: Das kurkölnische Westfalen von den Anfängen kölnischer Herrschaft im südlichen Westfalen bis zu Säkularisation 1803. Münster 2009 S. 300, 303
  2. Werner Burghard: "Wenn der Bauer zehn Furchen zieht, sind mindestens drei für den Gutsherrn." Probleme der Ablöse im Vest Recklinghausen 1808–1860. In: Bert Becker, Horst Lademacher (Hrsg.): Geist und Gestalt im historischen Wandel. Facetten deutscher und europäischer Geschichte 1789–1989. Münster 2000, S.67–92