Videobeweis

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Der Videobeweis ist die Nutzung einer Fernsehaufzeichnung zur Tatsachenentscheidung eines Schiedsrichters.

American Football[Bearbeiten]

Die umfassendste Nutzung von Kamerabildern als Videobeweis erfolgt in der NFL, der amerikanischen Profi-Footballliga. Dort kann fast jede Entscheidung der Schiedsrichter vom Headcoach eines der Teams angefochten (challenged) werden, allerdings nur zweimal in einem Spiel. Der Hauptschiedsrichter (Referee) begibt sich dann in eine spezielle Video-Kabine, wo er innerhalb von 60 Sekunden unter Zuhilfenahme der verfügbaren Fernsehbilder seine Entscheidung überprüft. Bleibt die Entscheidung bestehen (the ruling on the field stands), wird dem Team, das sie angefochten hatte, ein Time-Out abgezogen.

Basketball[Bearbeiten]

Auch in der amerikanischen Basketball-Liga NBA ist der Videobeweis zugelassen. Am Anfang wurden Videoaufzeichnungen nur dazu benutzt, um zu entscheiden, ob der Ball bei Ablauf der 24-Sekunden-Uhr oder Spielzeit die Hand des Werfers verlassen hat. Inzwischen wird per Videobeweis auch über Unsportlichkeiten und Fouls entschieden. Ebenso können die Schiedsrichter feststellen, ob der Spieler bei einem Wurf hinter der 3-Punkt-Linie stand. Bei Fouls kann die Anzahl der Freiwürfe mit Hilfe eines Videobeweises entschieden werden. Des Weiteren kann, falls die Spieluhr bei einem Foul oder Ähnlichem nicht direkt angehalten wird, entschieden werden, wie viel Spielzeit noch verbleibt.
Der Basketball-Verband FIBA hat am 6. April 2006 bekannt gegeben, dass bei FIBA-Turnieren der Videobeweis verwendet werden kann, um zu entscheiden, ob ein Buzzer Beater noch innerhalb der Spielzeit erfolgt ist. Zum ersten Mal wurde der Videobeweis bei der Basketball-Weltmeisterschaft 2010 eingesetzt[1].

Cricket[Bearbeiten]

Bei hochklassigen internationalen Spielen im Cricket, d.h. Test Matches und One-Day Internationals, wird der Videobeweis sowohl im Rahmen des Decision Review Systems als auch des Third Umpire TV Replay Systems eingesetzt.[2] Dabei werden außer des Videobildes noch weitere technische Systeme zur Entscheidungsfindung herangezogen. Dies sind in erster Linie Hawk-Eye und die sogenannten Hot Spot Kameras, welche Videobilder im Infrarotbereich aufnehmen.

Eishockey[Bearbeiten]

Im Eishockey sind Fernsehaufzeichnungen international durch den Verband als Videobeweis zugelassen. Ein zusätzlicher Videoschiedsrichter mit einem eigenständigen Monitor kann auf Anforderung durch den Hauptschiedsrichter diesen damit unterstützen.[3]. Dabei kann geklärt werden, ob der Puck die Torlinie überschritten hat und dies regelkonform passierte. Zusätzlich kann über den Monitor des Videoschiedsrichters die tatsächlich gespielte Spielzeit unabhängig von der offiziellen Anzeigentafel und der Uhr bei der Zeitnahme festgestellt werden. Neben internationalen Veranstaltungen wie dem Eishockey-Turnier bei den Olympischen Winterspielen oder der Eishockey-A-Weltmeisterschaft wird auch in einigen Ligen von dieser Regel Gebrauch gemacht. Dazu gibt es eine spezielle Kamera über dem Tor.

In der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL werden Videoaufzeichnungen von einem Videorichter ausgewertet, der in der NHL-Zentrale in Toronto sitzt. Ist ein Videobeweis erforderlich, kann der Schiedsrichter den Videorichter anrufen, der dann sämtliche zur Verfügung stehenden Kameraperspektiven nutzen darf, um eine Entscheidung zu fällen, die er innerhalb weniger Minuten dem Schiedsrichter telefonisch mitteilen muss.

Fußball[Bearbeiten]

Im Fußball war der Videobeweis von der FIFA bis zum Juli 2012 nicht zugelassen. Dann – kurz nach der EM 2012 – beschloss sie die Einführung der Torlinientechnologie, also den Einsatz technischer Hilfsmittel, um festzustellen, ob der Ball die Torlinie vollständig überquert hat. Die zulässigen Systeme sind das (bereits beim Tennis erprobte) Hawk-Eye-System zur Überwachung der Linie (Torkamera), das GoalControl-System als Konkurrenz mit derselben Funktionsweise wie beim Hawk-Eye-System, sowie das GoalRef-System (Chip im Ball). [4]

Diskussionen um den Nutzen des Videobeweises kommen regelmäßig nach Fehlentscheidungen des Schiedsrichters auf. Beispiele:

  • der Schiedsrichter verkennt ein Foul im Strafraum und entscheidet deshalb nicht auf Elfmeter
  • der Schiedsrichter interpretiert eine Schwalbe im Strafraum als Foul und entscheidet deshalb auf Elfmeter
  • der Ball ist nicht vollständig hinter der Torlinie; der Schiedsrichter sieht den Ball im Tor und entscheidet deshalb auf 'Tor'
  • im Achtelfinale Deutschland gegen England der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika war der Ball im Tor. Fernsehbilder zeigten eindeutig (durch Zeitlupen, verschiedene Kamerawinkel etc.), dass der Ball für Sekundenbruchteile deutlich hinter der Torlinie war, bevor er zur Querlatte hochsprang und vom deutschen Torwart Manuel Neuer gefangen wurde. Der Schiedsrichter entschied hier, durchaus den Regeln entsprechend, auf „kein Tor“, da die Situation aufgrund der natürlichen Grenzen menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit objektiv weder für ihn noch für seinen Assistenten aus dem Spiel heraus (also ohne Zuhilfenahme technischer Hilfsmittel) zweifelsfrei erkennbar war.[5] (Man beachte hier z. B. die offiziellen Anweisungen des DFB zu den Fußballregeln: Bestehen Zweifel, ob der Ball vollständig im Tor war, soll der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen lassen.[6])
  • im Spiel der Gruppe D England - Ukraine bei der Europameisterschaft 2012 wurde ein Treffer von Marko Dević nicht anerkannt.[4]
Schiedsrichter und Torrichter nahmen wahr, dass ein Verteidiger den Ball auf der Torlinie 'rettete'; tatsächlich traf er ihn aber hinter der Torlinie.
  • bei einem Bundesligaspiel im Oktober 2013 flog ein von Stefan Kießling geschossener Ball seitlich durch ein Loch im Tornetz ins Tor; der Schiedsrichter erkannte fälschlicherweise auf Tor.[7]
  • im DFB-Pokalfinale vom 17. Mai 2014 zwischen Borussia Dortmund und Bayern München kam es ebenfalls zu einer heiß diskutierten Fehlentscheidung. Dortmunds Verteidiger Mats Hummels traf zum vermeintlichen 1:0 für seine Mannschaft, der Ball überquerte beinahe vollständig die Linie, wurde aber von Bayerns Dante Bonfim Costa Santos zurück ins Spielfeld geschlagen. Der Schiedsrichter Florian Meyer ließ das Spiel dennoch weiterlaufen und endete schließlich 2:0 n.V. für Bayern München. Diese Tatsachenentscheidung zu Ungunsten Dortmunds befeuerte erneut die Diskussion um die Einführung des Videobeweises, der zwei Monate zuvor nach Abstimmung von den Vereinen der Bundesliga als auch der 2. Bundesliga mehrheitlich, u.a. aus Kostengründen, abgelehnt worden war.

Tennis[Bearbeiten]

Im Tennis werden Verfahren wie die MacCAM, Auto-Ref oder das Hawk-Eye als Videobeweis eingesetzt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Videobeweis – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://turkey2010.fiba.com/pages/eng/fe/10/fwcm/news/p/eid/4728/nid/42729/sid/4728/press-release.html
  2. http://static.icc-cricket.com/ugc/documents/DOC_B8DF336368D2C42F63E23E7BB1E949B0_1352890802526_224.pdf ICC Standard Test Match Playing Conditions; S. 32 ff. und 43. ff
  3. IIHF-Regelbuch 2010–2014 Section 1–4: Regel 330 „Video Goal Jugde System“ und IIHF Sport Regulations Teilbereich „Video Goal Jugde System Operation Procedures“ (online abgerufen 4. Dezember 2010)
  4. a b sueddeutsche.de: Fifa lässt technische Hilfe für Schiedsrichter zu
  5. Anti-Wembley-Tor provoziert Streit über Videobeweis. In: Der Spiegel vom 27. Juni 2010
  6. FIFA-Fußballregeln veröffentlicht auf den Seiten des Bayerischen Fußball-Verbandes
  7. sueddeutsche.de 20. Oktober 2013: Mit künstlicher Dummheit belegt. - Die Fifa gewährt ihren Referees päpstliche Befugnisse: Ihr Pfiff gilt, sei er noch so absurd. Was an diesem Wochenende in Hoffenheim passierte, verdeutlicht wieder einmal, dass der Weltverband sich endlich der Einführung des Videobeweises öffnen sollte. (Kommentar)