Videokunst

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Die Videokunst ist eine Kunstform, die sich der Projektion als Medium der künstlerischen Aussage bedient. Die Videokunst entstand in den frühen 1960er Jahren in Deutschland und Amerika.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Begriff bezieht sich darauf, dass die Künstler mit Videotechnik arbeiten, also Videos im Rahmen einer Videoinstallation oder in Form einer Videoskulptur präsentieren. Dabei wird entweder die Technik selbst thematisiert und die Möglichkeiten des Mediums ausgelotet, oder der Bildschirm wird als neue Leinwand betrachtet, die neue Möglichkeiten und Formen einer Malerei mit bewegten Bildern eröffnet. Verwandtschaften bestehen aber auch zum Experimentalfilm. Videokunst kann in Form einer raumgebundenen Videoinstallation auftreten, das Video kann Teil einer Rauminstallation sein, oder nicht raumgebunden, auf Unterhaltungsgeräten konsumierbar wie andere Medien.

1963 veränderte Nam June Paik in der Wuppertaler Galerie Parnass echte Fernsehbilder mit Hilfe starker Magneten so sehr, dass die Fernsehbilder zu gegenstandslosen Formen mutierten.[1][2] Im selben Jahr entsteht Wolf Vostells Sun in your head und die Smolin Gallery in New York zeigt Wolf Vostells Installation 6 TV-Dé-coll/agen das heute zur Kunstsammlung des Museo Reina Sofía in Madrid gehört, und weitere TV-Dé-coll/agen von Wolf Vostell, bei denen der Empfang gestört, die Geräte zerstört oder mit Stacheldraht umwickelt und vergraben wurden. [3] [4][5]

Die eigentliche Videokunst begann etwas später, nachdem es tragbare Videoausrüstungen gab. 1969 fand in der New Yorker Howard Wise Gallery die erste zusammenfassende Ausstellung unter dem Titel „TV as a Creative Medium“ statt. In der Frühphase der Videokunst wurde meist ein mit der Videokamera aufgenommenes Bild dem Zuschauer direkt auf einem angeschlossenen Monitor präsentiert. Später fertigten die Künstler längere Videoproduktionen unter künstlerischen Aspekten an, um sie in Form von Installationen vorzuführen, bei denen die bewegten Bilder auf einer Vielzahl von Monitoren gezeigt wurden. 1977 war Nam June Paik mit einer Videoinstallation auf der documenta 6 ebenso wie Wolf Vostell vertreten. Deutsche Videokünstler sind etwa Marcel Odenbach, Mike Steiner, Klaus vom Bruch, Ulrike Rosenbach, oder Julian Rosefeldt. Weitere Videokünstler sind die Amerikaner Bill Viola, Gary Hillmund und die Niederländerin Nan Hoover.

Themen und Bezüge[Bearbeiten]

Performance[Bearbeiten]

Performance- und Land-Art-Künstler bedienen sich auch oft des Mediums Video, um ihre (eigentlichen) Arbeiten zu dokumentieren. Diese gehören strenggenommen nicht zur Videokunst; allerdings haben sich die Entwicklungen der verschiedenen Richtungen stark untereinander beeinflusst. Gerry Schum entwickelte ab 1968 verschiedene Formate, die unter den Namen Fernsehgalerie oder Videogalerie Filme von Künstlern versammelten und diese außerhalb der herkömmlichen Ausstellungssituationen präsentieren sollten, die für die neuen Kunstrichtungen unzureichend schienen. Schum zeigte vor allem Künstler der Land Art wie Robert Smithson oder Richard Long, aber auch Joseph Beuys und erste Filme von Gilbert and George.

Während Künstler wie Vito Acconci, Chris Burden oder Joan Jonas Video vorerst zur Dokumentation benutzten, wurden Themen und Techniken der Performancekunst – wie die Akzentuierung einzelner Handlungsabläufe oder des menschlichen Körpers selbst – durch Bruce Nauman, Gary Hill oder Nan Hoover explizit zur Grundlage von Videoarbeiten.

Film[Bearbeiten]

Videoinstallation Fliegende Bilder, Adolf Winkelmann

Die Übergänge zwischen Videokunst und experimentellem oder traditionellem Film sind fließend. Viele Videokünstler beschäftigen sich mit dem Medium und seinen Strukturen selbst; die erzählerischen Möglichkeiten oder Konventionen des Kinos werden dabei zum eigentlichen Thema. Exemplarisch dafür sind Arbeiten von Douglas Gordon – wie 24 Hour Psycho (1993), in der Alfred Hitchcocks Filmklassiker Psycho auf eine Laufzeit von 24 Stunden verlangsamt wird – oder von Künstlern wie Rodney Graham oder Isaac Julien, die typische Erzählmuster und Mythen des Hollywood-Kinos analysieren und mitunter persiflieren.

Im Frankreich der 60er Jahre kreiert Jean-Christophe Averty neben zahlreichen Musikvideos (u.a. für Gilbert Bécaud, Serge Gainsbourg und France Gall) auch Fernsehfilme, die als Experimente für Aufsehen sorgen (u.a. 1969 sein Sommernachtstraum). Für sein Videoschaffen erhält Videopionier Averty 1965 einen Emmy Award.

Auch die dokumentarischen Möglichkeiten des Films werden in der Videokunst weiterverfolgt, beispielsweise durch Steve McQueen, Tacita Dean oder Zarina Bhimji. Im Gegensatz zum traditionellen Dokumentarfilm wird in der Videokunst die ästhetische Wirkung oft hervorgehoben und durch Wiederholungen oder andere Manipulationen des Materials verstärkt.

Zwischen Videokunst und Musikvideo kann es ebenfalls zu Überschneidungen kommen; manche Künstler wie Pipilotti Rist inszenieren Videoarbeiten zu Musikstücken oder beziehen sich wie Candice Breitz auf die aus Musikvideos bekannten Bilder und Rollenmodelle. Der Regisseur Chris Cunningham hingegen, der ursprünglich Videos für Musiker wie Aphex Twin oder Squarepusher produziert hatte, stellt seine Arbeiten wie Flex (2000) mittlerweile im Kunstkontext aus.

Oft werden die Zeitläufe oder auch das Bildformat in der Videokunst so weit verändert, dass das Kunstwerk in die Nähe des Tafelbilds gerückt wird. Bill Viola ordnete beispielsweise seine Projektionen Nantes Triptych (1992) und The City of Man (1997) als Triptychon an und stellt sie auch inhaltlich in den Kontext des religiösen Bilds. In The Greeting (1995) stellt er ein Gemälde des florentinischen Malers Jacopo Pontormo als in Zeitlupe verlangsamte Filmszene nach. Der belgische Künstler David Claerbout benutzt ähnliche Mittel, um das photographische Bild ins bewegte Bild zu übertragen.

Technik und digitale Medien[Bearbeiten]

In der zeitgenössischen Kunst, die ihre Wurzeln in der Videokunst hat aber korrekterweise der Computerkunst zuzuordnen ist, entstehen sowohl konzeptuelle Arbeiten, als auch Arbeiten mit Referenzen an die Popkultur (Musikvideo, Spielfilm), Video-Performances und Experimente mit visueller Wahrnehmung. Wenige Kultursender wie 3Sat oder ARTE senden vereinzelt Videokunst-Nächte, ansonsten findet diese Kunstform – obwohl für das Medium Fernsehen prädestiniert – weiterhin eher im White Cube statt.

Weiterhin gibt es seit 2001 den ersten Videokunst TV-Sender, „Souvenirs from earth“ (SFE) gegründet von dem französischen TV-Journalisten Laurent Krivine und Videokünstler Marcus Kreiss.

Im Jahre 2004 fand erstmals durch Willi Bucher und Ralf Kopp der Glasbaustein Einzug in die Videokunst (beboxx). Die Kombination aus Glasbaustein und moderner Bildprojektionstechnik generiert hier eine völlig neuartige visuelle Wahrnehmung der gezeigten Inhalte.

Siehe auch[Bearbeiten]

Institutionen, Festivals[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ursula Frohne (Hrsg.): video cult/ures – multimediale Installationen der 90er Jahre. (Ausstellungskatalog), Karlsruhe und Köln 1999.
  • Lydia Haustein: Videokunst. München 2003.
  • Yvonne Spielmann: Video. Das reflexive Medium. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1739, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-518-29339-3.
  • Willi Bucher, Ralf Kopp: beboxx Dokumentation eines künstlerischen Geniestreichs. Justus Liebig Verlag, Darmstadt 2007, ISBN 978-3-87390-241-1.
  • Wulf Herzogenrath: Videokunst der 60er Jahre in Deutschland, Kunsthalle Bremen, 2006, (Kein ISBN).
  • Rudolf Frieling und Wulf Herzogenrath: 40jahrevideokunst.de: Digitales Erbe: Videokunst in Deutschland von 1963 bis heute, Hatje Cantz Verlag, 2006, ISBN 978-3-7757-1717-5.
  • NBK Band 4. Time Pieces. Videokunst seit 1963. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2013, ISBN 978-3-86335-074-1.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Video art – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wulf Herzogenrath: Videokunst der 60er Jahre in Deutschland, Kunsthalle Bremen, 2006, Seite 8
  2. Nam June Paik, Galerie Parnass, 1963
  3. Wolf Vostell, Galerie Parnass, 1963
  4. Smolin Gallery, 1963
  5. Wulf Herzogenrath: Videokunst der 60er Jahre in Deutschland, Kunsthalle Bremen, 2006, Seite 9