Vielvölkerstaat

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Vielvölkerstaat (oder nach Hannah Arendt Nationalitätenstaat[1]) ist eine Bezeichnung für zumeist historische Staaten, die sich über das Siedlungsgebiet beziehungsweise den Kultur- und Sprachraum von mehreren Völkern und Ethnien (Nationalitäten) erstrecken. Der Vielvölkerstaat ist deshalb ethnisch nicht homogen und vom Einvolkstaat oder Nationalstaat zu unterscheiden, welcher (vornehmlich) nur aus einem Volk (Nationalität) besteht.

Die Einwohner eines Vielvölkerstaates bilden über die gemeinsame Staatsbürgerschaft eine Rechtsgemeinschaft, auch wenn sie aus verschiedenen Volksgruppen bestehen.

Der Begriff des Vielvölkerstaates wird in der Regel im Sinne einer illustrierenden Bezeichnung gebraucht, nicht als analytische Kategorie. So gibt es weder einheitliche Kriterien, unter welchen Voraussetzungen von einem Vielvölkerstaat gesprochen werden kann, noch werden damit theoretische Konsequenzen verbunden. Als Epitheton (Beiwort) wird der Begriff regelmäßig im Zusammenhang mit Österreich-Ungarn, der Sowjetunion, dem Osmanischen Reich und Jugoslawien sowie in jüngster Zeit für die VR China[2], Indien[3], Russland[4] und auch Ländern wie Iran[5] oder Südafrika[6] gebraucht. Die Schweiz mit wenigen Ethnien und als Muster für den liberalen Nationalitätenstaat[7] verstand sich bisweilen als Modell für einen Mehrvölkerstaat, also für einen Föderalismus über ethnische, sprachliche und religiöse Zugehörigkeiten hinweg, mit der Aufgabe des Austarierens der Mitsprache von Ständen und Bürgern. Länder wie Malaysia, Libanon oder auch der Irak können ebenfalls als Mehrvölkerstaaten angesehen werden, wenngleich sie nur bedingt mit der Schweiz vergleichbar sind. Der Begriff Mehrvölkerstaat wird jedoch nur selten verwendet, da meist (auch synonym) die Vokabel Vielvölkerstaaten Verwendung findet.[8][9]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Otto Bauer: Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie. 2. Auflage, Wiener Volksbuchhandlung, Wien 1924.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. 14. Auflage, München 2011, S. 561.
  2. Klemens Ludwig: Vielvölkerstaat China. Die nationalen Minderheiten im Reich der Mitte, C.H. Beck, München 2009.
  3. Indien – Vielvölkerstaat und zweitgrößtes Land der Erde, 3sat.de, abgerufen am 26. Oktober 2014.
  4. Manfred Quiring: Russland. Orientierung im Riesenreich, Ch. Links Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86153-471-6, S. 171.
  5. Iran: Fragiler Vielvölkerstaat, FAZ vom 16. Juni 2009.
  6. Guido Pinkau: Reisegast in Südafrika: Fremde Kulturen verstehen und erleben. 1. Auflage 2010, Iwanowski’s Reisebuchverlag, Dormagen. Hrsg.: Buch & Welt GmbH, München, ISBN 978-3-933041-88-3, S. 30 ff.
  7. Martin Schwind: Allgemeine Staatengeographie (= Lehrbuch der Allgemeinen Geographie, Bd. 8), Walter de Gruyter, 1972, S. 222.
  8. Till Fähnders: Malaysia: Schwieriges Zusammenleben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 11. Juni 2012, abgerufen am 18. April 2015.
  9. «Der Irak hätte ein Vielvölkerstaat wie die Schweiz werden können». In: TagesWoche. 1. März 2015, abgerufen am 18. April 2015: „Der Irak, Mesopotamien, hat die ersten Kulturen hervorgebracht, und die Raffinesse der Landschaft hat die Menschen geprägt. Die Konstitution über die zwei Flüsse, die gemeinsame, vielfältige Geschichte – wenn man so will, hätte der Irak, wie auch der Libanon, ein Vielvölkerstaat wie die Schweiz werden können.“