Vierte Welt

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Weltkarte der Least Developed Countries (Stand: 2006)

Der Begriff Vierte Welt kennzeichnet Menschen, die unter Armut und sozialer Ausgrenzung leiden. Er wurde von Joseph Wresinski 1969 in Frankreich geprägt und verknüpft die Begriffe Dritte Welt und Vierter Stand.

Im Laufe der Jahre hat sich sein Bedeutungsschwerpunkt verlagert. In den 1970er Jahren diente er dazu, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die anhaltende Armut in den industrialisierten Ländern zu lenken, und die benachteiligte Bevölkerung, die auch als „Subproletariat“ bezeichnet wurde, in ihrer historischen und soziologischen Realität zu benennen. In dem Manifest Un peuple parle (1968) meldete sich diese Bevölkerung erstmals öffentlich zu Wort.

Mit dem Namen Vierte Welt verbanden die Armutsbetroffenen schon bald ein neues Selbstbewusstsein und die Bewegung, in der sie sich ausdrückten, nahm ihn in ihren Namen auf: Aus „Aide à tout détresse“ (Hilfe in aller Not) wurde ATD Vierte Welt.

Seit den 1980er Jahren wurde der Name auf die Menschen bezogen, die, in den reichen wie in den armen Ländern, aufgrund ihrer großen Armut von der Gesellschaft ausgeschlossen waren und sich dagegen wehrten. Allmählich weitete sich seine Reichweite auf alle aus, die sich im Rahmen der internationalen Bewegung ATD Vierte Welt für eine Welt ohne Elend und Ausgrenzung einsetzen. Als soziologische Kategorie wurde er so allerdings unbrauchbar.

In einer anderen Tradition, die sich im englischen Sprachraum entwickelt hat, ist Vierte Welt eine klassifizierende Zusammenfassung bestimmter Entwicklungsländer nach wirtschaftlichen Aspekten in Abgrenzung zur Dritten Welt. Dabei gab es verschiedene Arten der Klassifikation:

  • Länder, die wesentlich stärker vom Erdölverkauf abhängen als andere Entwicklungsländer, wurden so bezeichnet.
  • Eine andere Bedeutung sind Länder, die gerade keine exportierbaren Rohstoffe besitzen, und daher noch ärmer sind als die Dritte Welt.

Der Begriff einer Vierten Welt ist insofern fragwürdig, als er nicht nur eine „Dritte Welt“, sondern auch eine „Erste Welt“ und eine „Zweite Welt“ voraussetzt. Unter der Zweiten Welt verstand man traditionellerweise den sog. Ostblock, der spätestens seit 1990 nicht mehr existiert. Der Begriff Dritte Welt erscheint daher heute überaus undifferenziert, der Begriff Vierte Welt sogar noch mehr. Daher werden beide Begriffe inzwischen seltener benutzt.

Bei Johan Galtung wird der Begriff Vierte Welt neu definiert. Er rechnet sie gemeinsam mit der Ersten Welt zu den MDC (more developed countries) und zählt den ostasiatischen Markt der buddhistisch-konfuzianistischen Länder Japan, China (zusammen mit Hongkong und Taiwan), Korea, Thailand und Vietnam dazu.

Immer mehr versteht man unter Vierte Welt auch Länder und Gesellschaften, die den Wandel zur Informationsgesellschaft wirtschaftlich, gesellschaftlich, technologisch, etc. bedingt, nicht vollziehen können. In dieser Vierten Welt kommen die Bürger der Gesellschaft nicht an die immer wichtiger werdende Ware Information, und werden daher gegenüber anderen Gesellschaften ausgegrenzt.

Gelegentlich findet man auch den Begriff „Fünfte Welt“. Dieser wird als Synonym für die Least Developed Countries verwendet, wo der Begriff Vierte Welt andersartig Verwendung findet (z. B. für die OPEC-Staaten oder Minderheiten in Industrieländern).

Literatur[Bearbeiten]

  • Marie-Rose Blunschi Ackermann: Joseph Wresinski. Wortführer der Ärmsten im theologischen Diskurs. Academic Press Fribourg, Freiburg 2005, S. 42–45, ISBN 3-7278-1535-3
  • Léon Cassiers et al.: Histoire: De la honte à la fierté. Histoire du passage de la honte de la misère à la fierté d’appartenir à un peuple. In: Groupe de recherche Quart Monde - Université (Hrsg.): Le croisement des savoirs. Quand le Quart Monde et l’université pensent ensemble. Les Editions de l’Atelier/Editions Ouvrières, Les Editions Quart Monde, Paris 1999, S. 43–140, ISBN 2-7082-3420-X
  • Louis Join-Lambert: Quart Monde. In: Encyclopédia Universalis, Universalia 1988 (1989), S. 341–344
  • Manuel Castells: Das Informationszeitalter (Opladen 2004) Bd. III, Kap. 2, S. 73–174