Vigilantismus

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Vigilantismus (lat. vigilans, wachsam, aus dem angelsächsischen Sprachgebrauch) bezeichnet „systemstabilisierende Selbstjustiz“.[1] Nach Mike Davis richtet der Vigilantismus seine Gewalt oder ihre Androhung gegen untere Klassen „unter dem populistischen Deckmantel der Verteidigung höherer Werte und des Staates“ und ist zumeist gleichzeitig rassistisch motiviert.[2] Nach David Kowalewski bezeichnet man mit Vigilantismus „Aktivitäten zur Unterdrückung von abweichendem Verhalten (Devianz) anderer Bürger seitens Privatpersonen“.[3] Anhänger von Bürgerwehren, die „das Recht in die Eigenen Hände“ nehmen, werden als Vigilanten bezeichnet.

Übersicht[Bearbeiten]

David Kowalewski zählt Vigilanten „zu den gewalttätigsten gesellschaftlichen Gruppierungen überhaupt“.[4] Während eine Vielzahl der Autoren den Vigilantismus anhand der Weststaatengeschichte in den USA untersucht, nimmt die aktuellere Gewaltforschung das Phänomen international unter die Lupe. Das Forschungsfeld reicht von salvadorianischen Todesschwadronen und europäischen Skinheads über die Morde und das Verschwindenlassen von „Andersdenkenden“ im Reservat Pine Ridge, das Vorgehen gegen Dissidenten in der Sowjetunion durch Veteranen aus dem Afghanistankrieg und Vigilanten des CIA-Phoenix-Programms in Vietnam bis zu den US-amerikanischen Prohibitionisten. Die Vigilanten fühlen sich in ihrem Terror durch Eliten gedeckt, besonders wenn die „Anhänger einer Gegenbewegung“ von den Eliten als „Sympathisanten“ denunziert werden. Am Ende der Gewaltkette steht bei Vigilanten häufig eine Wahllosigkeit in den Zielen ihres Terrors, bei dem dann nur noch „Spaß“ als Motiv angeführt wird, um Mitglieder von Minderheiten und Randgruppen anzugreifen. So töteten Vigilanten in Kolumbien vor allem Bettler, Prostituierte und Homosexuelle.[4] Um der Gewalt etwas entgegenzusetzen, entstehen bisweilen Selbstschutzorganisationen wie die Deacons for Defense and Justice, die sich organisiert gegen den Terror des Ku-Klux-Klans stellten.[4] Häufig werden Vigilanten auch seitens der Regierung oder der Eliten nicht nur geduldet, sondern auch mit Informationen, Unterkünften und Waffen versorgt, um sich nicht selbst die Hände schmutzig zu machen („Pontius-Pilatus-Syndrom“).[5]

Vigilantismus in den Vereinigten Staaten[Bearbeiten]

Der Vigilantismus, besonders in der Reconstruction-Ära der Vereinigten Staaten, bedient sich der Methoden des anhaltenden Terrors „durch grundlose Verhaftungen, Chaingangs, Brandstiftung, Massaker, Mord und öffentlichen Lynchmord“.[6] Bekannt wurden Vigilantenvereinigungen auch als Werkschutzkräfte und Privatdetektivagenturen wie die Pinkerton-Detektei oder die kalifornischen Farmers' Protectiv Leagues (1933) und der Order of the Caucasians im Westen der USA, die jeweils auf streikende Einwanderer Jagd machten, sowie im Süden der USA der Ku Klux Klan, der als organisierte Rassistengruppe gegen Afroamerikaner seinen Terror organisierte.[7] Zur Ausbreitung des bandenförmigen Vigilantismus in Kalifornien – z. B. der Glanton Gang – gehörten auch genozidale Gewalt, brutale Raubzüge, Marodieren.

Vigilantismus in Kalifornien[Bearbeiten]

Die ersten sogenannten Committees of Vigilance formten sich 1851 in San Francisco als Bürgerwehr, tatsächlich mit der Absicht, „das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen“. Die Mitglieder des Committees – darunter viele angesehene Bürger – waren über die politischen Zustände im Land erbost, denn die gewählten Politiker und Amtsträger waren bestechlich und schützten viele bekannte Verbrecher oder nahmen es mit dem Gesetz selber nicht so genau. Das Committee nahm mehrere Schwerverbrecher fest, hielt ihnen (kurzen) Prozess und hängte sie auf. Diese Aktionen erfüllten insofern das Ziel, als in den darauffolgenden Wahlen die Forderungen der Komiteemitglieder erfüllt wurden.[8]

Mike Davis – der den Vigilantismus in der Geschichte Kaliforniens untersucht – stellt fest, dass eine Vielzahl von Minderheiten Ziele des Terrors wurden: „darunter indianische Ureinwohner, Iren, Chinesen, Punjabis, Japaner, Philippiner, Okies, Afroamerikaner und Mexikaner (...), außerdem Radikale und Gewerkschafter aller Art“.[9] Von der privaten Versklavung, der Rekrutierung zur billigen Haushaltshilfe, sexualisierter Gewalt und Vergewaltigung sowie dem Kinderraub waren vor allem Kinder und Frauen betroffen.[10]

Vigilante-Man[Bearbeiten]

Der „Vigilante-Man“, der nach einem Song von Woody Guthrie mit „abgesägter Schrotflinte in der Hand“ streikende Arbeiter und Arbeiterinnen niederschießt, wurde zu einer Symbolfigur der „Großen Depression“ in den 1930er-Jahren in Kalifornien. Die Vigilanten-Farmer entwickelten dabei einen „ethno-rassistischen“ Terror gegen die unteren Klassen. Beschwerden bei den örtlichen Sheriffs wurden zunächst nicht angenommen. Nach dem Generalstreik in San Francisco beteiligten sich auch die verfassungsgemäßen Ordnungshüter am Terror gegen die Streikbewegung, die sich vorwiegend aus mexikanischen Einwanderern zusammensetzte. John Steinbeck erinnerte an den Terror dieses Vigilantismus in den Romanen Stürmische Ernte und Früchte des Zorns.[11]

Als Neo-Vigilanten werden in der George-Bush-Ära mediengewandte Personen bezeichnet, die beanspruchen, mit Waffengewalt die mexikanische Grenze zu kontrollieren.[9]

Soziale Basis des Vigilantismus[Bearbeiten]

Nach den Studien Robert Ingalls über Tampa sowie Ray Abrahams über Vigilante Citizens, der hierbei internationale Erscheinungsformen von Vigilantengruppen erforscht, erfüllt der Vigilantismus die Funktion, die Herrschaft von Eliten aufrechtzuerhalten. Nach Richard Brown, der den Vigilantismus der Frontiers untersuchte, ist „der typische Anführer der Vigilanten ein ehrgeiziger junger Mann aus den alten Niederlassungen im Osten (…). Sie wollten eine Position in den Oberschichten der neuen Gemeinde derer entsprechend einnehmen, die sie in ihren Herkunftsorten innehatten oder anstrebten.“[12] Mike Davis sieht einen Unterschied in der Sozialstruktur des viktorianischen Vigilanten in der kalifornischen Geschichte des 19. Jahrhunderts gegenüber dem des 20. Jahrhunderts. Der viktorianische Vigilantismus wurde mit Ausnahme der Vigilantenexzesse von 1850 in San Francisco von weißen Bauern, Arbeitern und Kleinunternehmern – einer extremistischen Mitte der Gesellschaft – getragen. Er war geprägt von Verschwörungstheorien, nach der eine Elite das Land mit „Ausländern“ und „Kulis“ überschwemmen wolle. Die viktorianische Vigilantismus-Bewegung appellierte in ihrem Nativismus an die Werte der Jackson-Ära und wendete sich gegen die Abschaffung „der Monopolstellung weißer Arbeit“ (Davis). Im 20. Jahrhundert führten wohlhabendere lokale Eliten die Vigilantismus-Bewegungen an und richteten sich gegen Asiaten, Gewerkschafter und linke Intellektuelle.[13] Als der Vigilantismus in den 1930er-Jahren ungekannte Ausmaße annahm, wurde er von „der faschistischen Farmers Association angeführt“.[13]

Rechtfertigungsstrategien des Vigilantismus[Bearbeiten]

Eine Grundargumentation zur Rechtfertigung des Vigilantismus findet sich in Behauptungen, man müsse das Recht selbst in die eigenen Hände nehmen, „weil der Staat entweder nicht vorhanden oder in den Händen von Verbrechern sei oder seine grundlegenden Verpflichtungen nicht erfülle“.[14] So habe man selbst das Recht, das Privateigentum zu verteidigen oder Einwanderungsgesetze zu vollstrecken. Besonders die Westerner rechtfertigten ihren Terror mit Hinweisen auf das Gesetz und das Frontier-Prinzip posse comitatus. Diese Frontier-Demokratie wird noch heute als „gesunde Tradition spontaner kommunaler Rechtsprechung“[15] romantisiert und gefeiert. Persönlichkeiten wie Hubert Howe Bancroft, Leland Stanford und Theodore Roosevelt lobten und verteidigten zahlreiche Formen des Vigilantismus in den Weststaaten und trugen damit zur Legitimation bei. Dagegen beriefen sich Vigilanten in den Südstaaten deutlicher auf „rassistisch begründete Vorrechte und weiße Ehre“ (Davis) und fanden über ihre Region hinaus weniger Unterstützung.[14] Auch die Manifest Destiny diente sogenannten weißen Wilden wie Galton der Rechtfertigung von Terrorismus.

Vigilantismus außerhalb der USA[Bearbeiten]

Vergleichbare Formen fanden sich nach Mike Davis im zaristischen Russland bei den „Schwarzen Hundert“, im Terror der italienischen Landbesitzer Süditaliens sowie in Barcelona zwischen 1917 und 1921, als Arbeitgeber gegen Streikende Auftragsmörder beauftragten.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Matthias Becker. In: Justin Akers Chacón & Mike Davis: Crossing the border. Berlin, Hamburg 2007, S. 11.
  2. Mike Davis (2007), S. 13.
  3. David Kowalewski (2002), S. 426.
  4. a b c David Kowalewski (2002), S. 433.
  5. David Kowalewski (2002), S. 435.
  6. Mike Davis (2007), S. 17.
  7. Mike Davis (2007), S. 11–22.
  8.  Bernard R. Bachmann: Abenteuer Goldrausch – Erinnerungen von Théophile de Rutté (1826–1885), Kaufmann und erster Konsul der Schweiz in Kalifornien. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2008, ISBN 978-3-03823-457-9.
  9. a b Mike Davis (2007), S. 14.
  10. Mike Davis (2007), S. 23–25.
  11. Mike Davis (2007), S. 11–14.
  12. Richard Brown: Strain of Violence: Historical Studies Of American Violence and Vigilantism, New York 1975, S. 97 und S. 111. Zitiert nach Chacon/Davis (2007). S. 21.
  13. a b Davis (2007), S. 21.
  14. a b Davis (2007), S. 20.
  15. Brundage: Introduction. In: Brundage (Hrsg.): Under sentence for death. S. 4. Zitiert nach Davis 2007: S. 20.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ray Abrahams: Vigilante Citizens: Vigilantism and the State. Cambridge 1998.
  • E. Beck, Stewart Tolay: The Killing Fields of the Deep South: The Markett for Cotton and the Lynching of Blacks, 1882-1930. In: American Sociological Review. 55 (1990).
  • E. Beck, Stewart Tolay: A Festival of Violence: An Analysis of Southern Lynchings, 1882-1930. University of Illinois Press, Urbana u. a. 1995, ISBN 0-252-06413-5.
  • Richard Brown: Strain of Violence: Historical Studies of American Violence and Vigilantism. Oxford University Press, New York 1975, ISBN 0-19-501943-1.
  • John Boessenecker: Gold Dust and Gunsmoke. John Wiley, New York 1999, ISBN 0-471-31973-2.
  • Mike Davis: „Was ist ein Vigilante Man?“ Weiße Gewalt in der kalifornischen Geschichte. In: Justin Akers Chacón, Mike Davis: Crossing the border. Berlin/ Hamburg 2007, ISBN 978-3-935936-59-0.
  • S. W. Fitzhugh Brundage: Lynching in the New South: Georia and Virginia. Champaigne-Urbana, 1993.
  • S. W. Fitzhugh Brundage (Hrsg.): Under sentence of death: lynching in the South. Univ. of North Carolina Press, Chapel Hill 1997, ISBN 0-8078-4636-8.
  • Justin Akers Chacón, Mike Davis: Crossing the border. Berlin/ Hamburg 2007, ISBN 978-3-935936-59-0.
  • William Culberson: Vigilantism: A Political History of Private Power in Amerika. Greenwood, New York 1990, ISBN 0-275-93548-5.
  • Ward Churchill, Jim VanderWall: Cointelpro Papers. South End Press, Boston 1990, ISBN 0-89608-360-8.
  • Cletus Daniel: Labor Radicalism in Pacific Coast Agriculture. Dissertation. niversity of California, 1972.
  • Robert Ingalls: Urban Vigilantes in the New South: Tampa, 1882-1936. University of Tennessee Press, Knoxville 1988, ISBN 0-87049-571-2.
  • Donald Fearis: The California Farm Worker, 1930-1945. Dissertation. U.C. Davis, 1971, OCLC 4300161.
  • David Kowalewski: Vigilantismus. In: Wilhelm Heitmeyer, Johna Hagan (Hrsg.): internationales handbuch der gewaltforschung. VS Verlag, 2002, ISBN 3-531-13500-7.
  • Robert Goldstein: Political Repression in Modern America, from 1870 to 1976. Hall u. a., Boston 1978, ISBN 0-8161-8253-1.
  • Roger McGrath: Gunfighters, Highwaymen and Vigilantes. University of California Press, Berkeley 1984, ISBN 0-520-06026-1.
  • Carey McWilliams: North from Mexico. Philadelphia 1948.
  • Carey McWilliams: Factories in the Field. Boston 1939.
  • William Tucker: Vigilante. Stein and Dery, New York 1985.
  • Devra Weber: Dark Sweat, White Gold: California Farm Workers, Cotton, and the New Deal. Berkley 1994.
  • Dominik Nagl: "No Part of the Mother Country, but Distinct Dominions - Rechtstransfer, Staatsbildung und Governance in England, Massachusetts und South Carolina, 1630-1769." LIT, Berlin 2013, S. 594-632. [1]