Vincenz Müller

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt den deutschen Offizier Vincenz Müller; zum österreichischen Politiker siehe Vinzenz Müller
Vincenz Müller (1951)

Vincenz Müller (* 5. November 1894 in Aichach/Oberbayern; † 12. Mai 1961 in Berlin) war ein deutscher Offizier und Generalleutnant der Wehrmacht und der Nationalen Volksarmee der DDR.

Leben[Bearbeiten]

Müller wurde als Sohn des Gerbermeisters Ferdinand Müller und seiner Frau Viktoria, geb.Deuringer († 1922) in Aichach geboren. Er begann nach dem Abitur am St.-Michaels-Gymnasium der Benediktiner-Abtei-Metten eine Karriere als Berufsoffizier der Pioniertruppe. Bei der bayerischen Armee eingetreten, wechselte er zur württembergischen Armee über. Den Ersten Weltkrieg verbrachte der 1914 zum Leutnant ernannte Müller, nach schwerer Verwundung in den Vogesen[1], überwiegend bei der deutschen Militärmission in der Türkei.

Nach dem Ende des Krieges diente er als Zugführer im Pionier-Bataillon in Ulm und beim Wehrkreiskommando V, Stuttgart. Im Jahre 1923 erfolgte sein Wechsel in das Reichswehrministerium nach Berlin, wo er bis 1933 zum Kreis der Mitarbeiter von Kurt von Schleicher gehörte. Dieser Dienststellung schloss sich von 1926 bis 1927 eine Generalstabsausbildung an. Im gleichen Jahr wurde er zum Major befördert. Müller kehrte ins Reichswehrministerium zurück und diente bis 1931 in der politischen Abteilung. Nach einem kurzen Intermezzo als Kompaniechef beim Pionierbataillon 7 in München war er als Berater beim Befehlshaber des Wehrkreises III in Berlin tätig.

Dabei spielte er seine erste Rolle in der deutschen Geschichte: Beim „Preußenschlag“ am 20. Juli 1932 führte er auf Weisung des Ministers Schleicher und des Befehlshabers Rundstedt die Absetzung der preußischen Regierung aus und nahm die Polizeiführung in Arrest.[2]

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 diente Müller von 1933 bis 1935 als Leiter des Aufbaus der Mobilmachungsorgane im Generalstab des Wehrkreiskommando VII, München, wo sein oberster Vorgesetzter General Wilhelm von Leeb war, den er bereits aus dem Reichswehrministerium persönlich kannte. Anschließend bis 1937 Leiter der Gruppe Mobilmachung im Generalstab des Heeres. Nach dem Besuch der Wehrmachtakademie diente Müller von 1938 bis 1940 als Erster Generalstabsoffizier (Ia) der Heeresgruppe 2, Kassel. In dieser Zeit wurde er zum Oberst befördert.

Müller gehörte bereits 1939 zu den Mitwissern einer Verschwörung um Erwin von Witzleben und Kurt von Hammerstein-Equord, die das Ziel hatte, zur Vereitelung weiterer Kriegspläne Hitler und Göring zu stürzen. So beteiligte er sich als Kurier zum OKH wo er Generaloberst Franz Halder über die Lage informierte und zur Mithilfe aufforderte. Zuvor warnte er Oberst Hans Oster vor übereilten Aktionen. Die Verschwörungspläne blieben erfolglos.[3]

Von 1940 bis 1943 war Müller Chef des Stabes der 17. Armee am Südabschnitt der Ostfront. Nach der Ernennung zum Generalmajor und einem Lazarettaufenthalt diente der zum Generalleutnant beförderte Müller 1943 kurzzeitig als Kommandeur der 56. Infanterie-Division, dann bis Juni 1944 als Kommandeur der aus den Resten seiner eigenen und der 262. Infanterie-Division entstandenen "Korpsabteilung D". Am 4. Juni 1944 wurde er mit der Führung des XII. Armeekorps beauftragt. Während der Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944 versuchte Müller als Befehlshaber einer Kampfgruppe aus Teilen der 4. Armee vergeblich, einer Einkesselung durch die Rote Armee zu entgehen.

Am 8. Juli 1944 ritt Müller in aussichtsloser Lage zur sowjetischen Seite, wo er sich gefangen nehmen ließ und umgehend veranlasste, dass ein von ihm verfasster Befehl, die Waffen niederzulegen, per Flugblatt über seinen Truppen abgeregnet wird. Dies rettete mehreren zehntausend Soldaten das Leben.[4] Noch am Abend des ersten Tags seiner Gefangenschaft beschloss Müller unter dem Eindruck eines Gesprächs mit dem sowjetischen Generalleutnant Lew Sacharowitsch Mechlis, sich aktiv gegen Hitler zu stellen. Die Geschwindigkeit Müllers beim Wechsel der Seiten rief unter deutschen Gefangenen und Emigranten Verblüffung hervor.[5] Zu dem Schaumarsch an der Spitze von 50.000 deutschen Gefangenen durch Moskau am 17. Juli 1944, dessen Bilder sofort um die Welt gingen, soll er sich freiwillig gemeldet haben.[6] Müller trat dem NKFD und dem BDO bei und absolvierte die Antifa-Schule in Krasnogorsk. Ein engeres Verhältnis entwickelte Müller zu dem NKWD-Mitarbeiter Wolf Stern, der sich seinerseits später für Müllers Rückkehr nach Deutschland einsetzte.[7]

Nachkriegszeit und DDR[Bearbeiten]

Vincenz Müller (2.v.l.) bei einem Empfang durch Wilhelm Pieck (1957)

Nach der Entlassung aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft leitete er seit 1949 als Chefinspekteur der Volkspolizei, später als einer der Stellvertreter des Ministers des Inneren den militärischen Aufbau der DDR. Ab Oktober 1952 überwachte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Müller durch dessen persönlichen Sekretär Hauptmann Heinz Sperling.[8] Im Jahr 1953 wurde Müller zum Generalleutnant befördert und zum Chef des Stabes der Kasernierten Volkspolizei (KVP) ernannt. Mit deren Umwandlung in die Nationale Volksarmee (NVA) wechselte er 1956 als Chef des Hauptstabes der NVA in das Ministerium für Nationale Verteidigung und wurde zugleich Stellvertreter des damaligen Innen- und späteren Verteidigungsministers Willi Stoph. Müller war damit der ranghöchste der (im Vergleich zur Bundeswehr) wenigen ehemaligen Wehrmachtsoffiziere in den DDR-Streitkräften.

Bereits 1948 trat Müller in die NDPD ein. Von 1949 bis 1952 war er Erster stellvertretender Vorsitzender dieser Partei und Vizepräsident der Volkskammer.

Sämtliche westlichen Nachrichtendienste interessierten sich für ihn und ehemalige Kameraden besuchten ihn 1952 in Ostberlin auch im Auftrag der „Organisation Gehlen“.[9] Über Kontakte, die er zu alten Kameraden, vor allem nach Bayern, hatte, traf er 1955 und 1956 im Auftrag der DDR-Regierung den damaligen Bundesfinanzminister Fritz Schäffer (CSU) in Ostberlin und führte Gespräche über die Chancen einer deutsch-deutschen Verständigung mit dem Ziel einer Konföderation. Müller deutete einen bevorstehenden Sturz Ulbrichts und die Möglichkeit eines wiedervereinigten Deutschlands an, das aber so neutral wie Österreich sein solle.[10]

Auf Beschluss des Politbüros der SED vom 15. Februar 1957 wurden fast alle ehemaligen Wehrmachtsoffiziere bis Ende der 1950er Jahre schrittweise aus der NVA entlassen und pensioniert.[11] Im Februar 1958 wurde auch Müller pensioniert. Bereits im März 1958 wurde dies in der bundesdeutschen Presse gemeldet und zusätzlich dargelegt, Müller sei bereits im Dezember 1957 vom Dienst suspendiert worden. Weiter hieß es, DDR-Verteidigungsminister Stoph hätte ihm vorgeworfen, sich gegen Beschlüsse des SED-Zentralkomitees bezüglich der führenden Rolle der SED in der Volksarmee gestellt zu haben. Im September 1958 wurde dann auch offiziell bekannt gegeben, dass Müller wegen einer schweren Herzkrankheit auf eigenen Wunsch in den Ruhestand versetzt worden sei.[12]

Am 12. Mai 1961 beging Müller durch einen Sprung aus der Loggia seines Hauses in Berlin-Schmöckwitz Suizid.[13] Kurz darauf flüchteten Müllers Sohn und Schwiegertochter in den Westen. Die DDR-Berichterstattung verschwieg den Selbstmord. Noch im Jahr 1997 ließ der ehemalige Geheime Informant Heinz Sperling in seinem Beitrag für die Neue Deutsche Biographie zu Vincenz Müller wider besseres Wissen die genauen Umstände des Todes offen.[14]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Vincenz Müller – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Auszug aus den Deutschen Verlustlisten (württ. 43) vom 27. Oktober 1914, S. 1345 – Fähnrich, Pionier-Bataillon Nr. 13, 4. Kompagnie
  2. Lapp: General bei Hitler und Ulbricht. S. 41–43
  3. Hans Ehlert, Armin Wagner: Genosse General! Die Militärelite der DDR in biografischen Skizzen, Ch Links Verlag, Berlin, 2003
  4. Lapp (Lit.), S 139f.
  5. Lapp (Lit.), S. 141–143
  6. Sowjetischer Propagandafilm Geführter Transport der kriegsgefangenen Deutschen durch Moskau. Vincenz Müller erscheint ab Minute 1.50 mit Nennung des Kommandos und der Information, dass er am 8. Juli die Einstellung der Kämpfe befohlen hatte.
  7. Lapp (Lit.), S 248f.
  8. Lapp (Lit.), S 187f. Sperling (* 1923) brachte es bis zum Oberstleutnant.
  9. General bei Hitler und Ulbricht. Vincenz Müller – eine deutsche Karriere 3.sat.de, abgerufen am 7. Sep. 2010
  10. Jan von Flocken, Michael F. Scholz: Ernst Wollweber, Seite 197. Aufbau-Verlag, Berlin 1994
  11. Hans Ehlert, Armin Wagner: Genosse General! Die Militärelite der DDR in biografischen Skizzen, Ch Links Verlag, Berlin, 2003
  12. http://www.3sat.de/page/?source=/ard/sendung/69885/index.html
  13. Zum Tod Müllers siehe Lapp (Lit.), S. 241ff.
  14. Lapp (Lit.), S. 242
  15. a b c d e f Rangliste des Deutschen Reichsheeres, Mittler & Sohn Verlag, Berlin 1930, S. 145
  16. a b Veit Scherzer: Die Ritterkreuzträger 1939–1945, Scherzers Militaer-Verlag, Ranis/Jena 2007, ISBN 978-3-938845-17-2, S. 558