Vincenzo Vinciguerra

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Vincenzo Vinciguerra (* 1949 in Catania) ist ein italienischer Terrorist und früheres Mitglied der neofaschistischen Organisationen Avanguardia Nazionale und Ordine Nuovo („Neue Ordnung”). Er verbüßt eine lebenslängliche Freiheitsstrafe für den Mord an drei Carabinieri mit einer Autobombe nahe dem Ort Peteano im Jahr 1972. Die Ermittlungen zu der bis ins Jahr 1984 nicht aufgeklärten Straftat durch den Untersuchungsrichter Felice Casson führten über das Geständnis Vinciguerras zur Aufdeckung der Geheimorganisation Gladio in Westeuropa[1] und in der Folge zu einer Staatskrise in Italien (Gladio-Affäre).

Hintergrund: Terror als politisches Instrument/Der Peteano-Anschlag 1972[Bearbeiten]

1984 untersuchte der venezianische Untersuchungsrichter Felice Casson ein bis dahin ungeklärtes Bombenattentat im Jahr 1972. Fünf Carabinieri (eine italienische Polizeieinheit) hatten einen nahe der Ortschaft Peteano an einer Landstraße abgestellten Fiat 500 untersucht. Als sie den Kofferraum öffneten, wurden drei der Männer durch eine dadurch ausgelöste Bombe getötet. Für den Anschlag wurde die linksextreme Terrororganisation Rote Brigaden verantwortlich gemacht, die Täter wurden jedoch nie ermittelt. Casson fand zahlreiche auffällige Unstimmigkeiten in den polizeilichen Ermittlungen, die auf gezielte Manipulation und Beweisfälschung deuteten. Schließlich führten ihn seine Ermittlungen auf die Spur des Neofaschisten Vinciguerra, der ein umfangreiches Geständnis ablegte.[2]

Vinciguerra sagte aus, dass er von Personen aus dem Staatsapparat gedeckt worden sei und dass das Attentat Teil einer umfassenden Strategie gewesen sei, die Casson später als Strategie der Spannung bezeichnete. Casson ermittelte daraufhin weiter und deckte nach Recherchen in den Archiven des Militärgeheimdienstes SISMI die Existenz einer hochgeheimen komplexen Struktur innerhalb des italienischen Staates auf.[2] Er bewies, dass Mitglieder des italienischen Militärgeheimdienstes SISMI, Neofaschisten und Teile des von NATO und CIA betriebenen Gladio-Netzwerks von den 1960ern bis in die 1980er Jahre zahlreiche politisch motivierte Terroranschläge und Morde in Italien begangen hatten. Dabei hatte ein Netzwerk geheimdienstlicher Stellen durch Verbreitung von Falschinformationen und Fälschung von Beweisen dafür gesorgt, dass die Verbrechen linksextremen Terroristen zugeordnet wurden, vor allem den Roten Brigaden.[2][3][4] Diese Vorgehensweise zielte auf die Diskreditierung der in Italien traditionell starken Kommunistischen Partei (KPI) und wurde als Strategie der Spannung bekannt.[2] Eine zentrale Rolle spielte dabei auch die wilde Loge Propaganda Due unter Licio Gelli.

Cassons Enthüllungen führten zu einer Staatskrise in Italien. Der italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti gab im Rahmen einer nachfolgenden parlamentarischen Untersuchung an, dass Gladio auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern existiere, was einen europaweiten politischen Skandal auslöste. Dies führte zu parlamentarischen Anfragen in mehreren Ländern. In Italien, Belgien und der Schweiz kam es zu Untersuchungskommissionen.

Das Europaparlament drückte nach einer Debatte am 22. November 1990 seinen scharfen Protest gegenüber der NATO und den beteiligten Geheimdiensten aus.

Nach den juristischen Ermittlungen stammte der bei dem Anschlag verwendete C-4-Sprengstoff aus einem Gladio-Waffendepot auf einem Friedhofsgelände bei Verona. Dessen Existenz wurde von Giulio Andreotti gegenüber den Richtern Felice Casson und Carlo Mastelloni aufgedeckt. Casson ermittelte, dass Marco Morin, ein Sprengstoff-Experte, der für die italienische Polizei gearbeitet hatte und ebenso wie Vinciguerra Mitglied der rechtsextremen Gruppe Ordine Nuovo war, eine falsche Expertise geschrieben hatte. Der zufolge sollte der Sprengstoff angeblich identisch zu dem von den Roten Brigaden verwendeten Typ sein. Casson konnte jedoch beweisen, dass der Sprengstoff von dem Typ C4 war, der ausschließlich zu militärischen Zwecken eingesetzt wird, unter anderem in NATO-Streitkräften. Eine Gruppe von Carabinieri hatte am 24. Februar 1972 zufällig ein Waffendepot nahe Triest ausgehoben, das Waffen, Munition und C4 enthielt, der identisch zu dem in Peteano verwendeten war. Der Historiker Daniele Ganser schrieb dazu:

" *Casson's investigation revealed that the right-wing organization Ordine Nuovo had collaborated very closely with the Italian Military Secret Service, SID (Servizio Informazioni Difesa). Together, they had engineerred the Peteano terror and then wrongly blamed the militant extreme Italian left, the Red Brigades. Judge Casson identified Ordine Nuovo member Vincenzo Vinciguerra as the man who had planted the Peteano bomb… He confessed and testified that he had been covererd by an entire network of sympathizers in Italy and abroad who had ensured that after the attack he could escape. 'A whole mechanism came into action', Vinciguerra recalled, 'that is, the Carabinieri, the Minister of the Interior, the customs services and the military and civilian intelligence services accepted the ideological reasoning behind the attack.'"[5][6]


  • "Cassons Untersuchung ergab, dass die rechte Organisation Ordine Nuovo sehr eng mit dem italienischen Militärnachrichtendienst, SID (Servizio Informazioni Difesa) zusammengearbeitet hatte. Zusammen waren sie verantwortlich für den Peteano-Terroranschlag und haben diesen dann wahrheitswidrig der links-militanten italienischen Roten Brigade, zugerechnet. Richter Casson identifizierte das Mitglied der Ordine Nuovo, Vincenzo Vinciguerra, als den Mann, der die Peteanobombe platziert hatte...Er gab zu und bezeugte, dass er von einem ganzen Netzwerk von Sympathisanten in Italien und aus dem Ausland gedeckt worden sei, die veranlassten, dass er nach dem Attentat entkommen konnte. "Eine ganze Maschinerie" sei laut Vinciguerra "in Gang gesetzt worden, da die Carabinieri, der Innenminister, und die Nachrichtendienste die dahinterstehende Ideologie teilten".

Nach Aussage von Vinciguerra war die 1969 auf der Piazza Fontana explodierte Bombe dazu gedacht, den Minister des Inneren, Mariano Rumor, dazu zu bewegen, den Notstand auszurufen.[6]

Aussage zum Anschlag von Bologna 1980[Bearbeiten]

Als er von den Untersuchungsrichtern zum Bologna-Massaker im Jahr 1980 befragt wurde, sagte Vincinguerra 1984 aus: „Nach dem Massaker von Peteano und allen folgenden sollte völlig offenbar sein, dass eine real existierende Struktur bestand, im Dunkeln und verborgen, mit der Möglichkeit zur Vorgabe einer Strategie des Schreckens … [Sie] liegt innerhalb des Staates selbst… In Italien existiert eine geheime Kraft, parallel zu den bewaffneten Streitkräften, bestehend aus Zivilisten und Militärs, mit einer antisowjetischen Ausrichtung, um den Widerstand auf italienischem Boden gegen die russische Armee zu bilden … Eine geheime Organisation, eine Über-Organisation mit einem Netzwerk an Nachrichtenverbindungen, Waffen und Sprengstoffen sowie Männern, die diese auch anzuwenden verstehen … Eine Über-Organisation, die mangels einer sowjetischen militärischen Invasion die Aufgabe übernehmen kann, ein Abrutschen des Landes aus der politischen Mitte nach links zu verhindern. Dies tat sie mit Unterstützung der offiziellen Geheimdienste und der politischen und militärischen Kräfte.[7]

Vinciguerra erklärte, dass der italienische Militär-Geheimdienst SISMI ihn beschützt hatte, indem er ihm nach dem Peteano-Anschlag per Flugzeug die Flucht in das vom faschistischen Diktator Franco regierte Spanien ermöglichte.

Laut Daniele Ganser beendete die Gladio-Organisation ihre Protektion für Vinciguerra, nachdem er mit seinen Aussagen gegenüber Casson begonnen hatte, was ihm schließlich ein Gerichtsverfahren und die lebenslängliche Freiheitsstrafe einbrachte.[8]

Aussagen zur Verwicklung der NATO[Bearbeiten]

In Bezug auf die Verwicklung der NATO machte Vinciguerra folgende Aussage gegenüber dem Guardian: „Der Weg des Terrors wurde von getarnt agierenden Personen verfolgt, die zum Sicherheitsapparat gehörten, oder die durch Weisung oder Zusammenarbeit mit dem Staatsapparat verbunden waren. Jede einzelne der Gewalttaten nach 1969 passte genau in ein einheitliches, organisiertes Schema... Die Avanguardia Nazionale wurde ebenso wie der Ordine Nuovo für einen Kampf mobilisiert, der Teil einer antikommunistischen Strategie war. Diese entstammte nicht etwa staatsfernen Institutionen, sondern dem Staatsapparat selbst, spezifisch dem Bereich der Verbindungen des Staats zur NATO.”[7]

Aussage zur Ermordung des chilenischen Generals Carlos Prats 1974[Bearbeiten]

Gemeinsam mit Stefano Delle Chiaie bestätigte Vinciguerra in Rom im Dezember 1995 gegenüber dem Richter Maria Servini de Cubria, dass Enrique Arancibia Clavel, ein früherer chilenischer Geheimpolizei-Agent, der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Jahr 2004 verurteilt wurde,[9] sowie der ausgebürgerte US-DINA-Geheimagent Michael Townley direkt in die Ermordung des chilenischen Generals Carlos Prats in Buenos Aires (Argentinien) verwickelt waren.[10]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Regine Igel, "Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien". München 2006

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. CIA Organized Secret Army in Western Europe, Washington Post. 14. November 1990. 
  2. a b c d  Gunther Latsch: Die dunkle Seite des Westens. In: Der Spiegel. Nr. 15, 2005, S. 48 (11. April 2005, online).
  3. Karl Hoffmann: Vor 25 Jahren: Bomben-Anschlag im Bahnhof von Bologna. Italien und der Terror von rechts. In: Deutschlandfunk, 2. August 2005
  4. Daniele Ganser: Nato-Geheimarmeen und ihr Terror. (PDF; 87 kB) In: „Der Bund”, Bern, 20. Dezember 2004, S. 2 ff.
  5. Daniele Ganser, NATO's Secret Armies. Operation Gladio and Terrorism in Western Europe, Franck Cass, London, 2005, ff.3–4
  6. a b Strage di Piazza Fontana spunta un agente USA, La Repubblica. 11. Februar 1998.  (Mit original Dokumenten, einschließlich juristischen Urteilen und dem Bericht der italienischen Kommission zum Terrorismus)
  7. a b Secret agents, freemasons, fascists… and a top-level campaign of political "destabilisation". The Guardian, 5. Dezember 1990
  8. [1] and [2] Untersuchungsprojekt geleitet von Daniele Ganser
  9. Vital rights ruling in Argentina, BBC, 24. August, 2004
  10. Arancibia, "clave" en la cooperación de las dictaduras, La Jornada, 5. Mai, 2000