Vlada der Chauffeur
Wlado Georgiew Tschernosemski (bulgarisch Владо Георгиев Черноземски) bekannt als Vlada der Chauffeur (* 19. Oktober 1897 in Kameniza, heute Teil von Welingrad in Bulgarien; † 9. Oktober 1934 in Marseille) war ein bulgarischer Revolutionär, Mitglied der IMRO (Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation) und der Attentäter, der den jugoslawischen König Alexander I. und den französischen Außenminister Louis Barthou erschoss[1].
Inhaltsverzeichnis |
Das Attentat auf Alexander I. [Bearbeiten]
Der IMRO-Führer Iwan Michajlow hatte Verbindungen zur kroatischen Ustascha-Bewegung, die Kroatien aus dem von König Alexander I. geschaffenen jugoslawischen Königreich lösen wollten. Im Jahr 1929 festigten beide Organisationen ihre Verbindungen mit der Deklaration von Sofia. Auf Geheiß des Ustascha-Anführers Ante Pavelić sollte Tschernosemski den jugoslawischen König bei dessen Staatsbesuch in Frankreich ermorden. Zu diesem Zweck reiste er in Begleitung von weiteren Attentätern über die Schweiz nach Frankreich ein.
Am 9. Oktober 1934 besuchte der König die Hafenstadt Marseille. Er wurde vom französischen Außenminister Louis Barthou empfangen. Beide fuhren in einem Auto-Konvoi in die Innenstadt. Obwohl die französische Polizei vor dem Attentat gewarnt worden war, waren die Sicherheitsvorkehrungen sehr niedrig. Somit konnte es dem am Straßenrand wartenden Tschernosemski gelingen, das Spalier der Polizei zu durchbrechen, als der Wagen passierte. Mit dem Ruf Vive le roi! stürmte er auf die Limousine des Königs zu und feuerte sofort mehrere Schüsse in das Wageninnere ab.
Der König und der Außenminister starben kurz nach der Tat an ihren zahlreichen Schussverletzungen. Der Fahrer des Wagens und General Alphonse Georges, der ebenfalls im Auto saß, überlebten das Attentat. Der Fahrer konnte Tschernosemski an den Haaren festhalten und gegen die Karosserie drücken. Dort wurde Tschernosemski von einem Säbelhieb eines französischen Offiziers schwer verwundet. Aufgeregte Passanten stürzten sich sofort auf den Attentäter und traktierten ihn mit Fußtritten. Tschernosemski wurde bewusstlos und starb am Abend des 9. Oktober 1934 gegen 22:00 Uhr auf der Polizeiwache von Marseille an seinen schweren Verletzungen.
Durch das sofortige Abbremsen des Fahrers kam der Wagen genau vor einer Kamera zum Stehen, so dass der von Tschernosemski ausgeführte Anschlag das erste (nahezu) vollständig gefilmte Attentat wurde. Im Kugelhagel der Leibwächter und Polizisten starben auch zwei Frauen und ein Polizist am Straßenrand. Weiterhin wurden 10 Passanten verletzt.
In Tschernosemski Jackentasche fand sich ein tschechischer Pass auf den Namen Peter Kelemen. Die französische Polizei ermittelte jedoch recht schnell, dass es sich dabei um ein gefälschtes Ausweispapier handelte. Da seine Identität ungeklärt blieb, wurde Tschernosemski bereits am 13. Oktober 1934 in einem mehrfach versiegelten Sarg auf einem Marseiller Friedhof begraben.
Alexander I. wurde von einer Kugel in den Rücken getroffen, während Louis Barthou von vorn erschossen wurde. Daher gibt es Spekulationen, ob der König wirklich von Tschernosemski erschossen oder versehentlich von einem seiner eigenen Leibwächter getroffen wurde.
Um das Attentat ranken sich zahlreiche Mythen, so wird eine Beteiligung deutscher und italienischer Geheimdienste am Attentat nicht ausgeschlossen. Da Tschernosemski unter verschiedenen Namen bekannt war, weichen die Schilderungen der Tathintergründe oft ab. So existieren unterschiedliche Ansichten, ob er für die kroatische Ustascha oder für die bulgarische IMRO arbeitete. Wobei diese Frage unrelevant ist, da seit der Deklaration von Sofia (1929) beide Organisationen in Absprache gemeinsame Aktionen planten und ausführten. Aufgrund dessen hielt sich Tschernosemski auch unmittelbar vor dem Attentat als Verbindungsmann der IMRO, in einem Ausbildungslager der Ustascha auf.
Das Rätsel um seine Identität [Bearbeiten]
Tschernosemski nahm für seine Aufträge verschiedene Decknamen an. Darüber hinaus ist er durch verschiedene Transkriptionen unter vielen Namen bekannt geworden:
- Welitschko Dimitrow-Kerin (auch Veličko Kerin, Velicko Dimitrov, Velicko Dimitrov, Dimitrow Vetitchko-Kerin, Welitschko Dimitrow-Wladimirov)
- Wladimir Georgiew Tschernozemski (auch Vladimir Ghorgiev Tchernozernsky, Vlada Chernozemsly, Vlado Tchernozernsky, Vlada Chernozamsky)
- Wlada Georgiew (auch Vlada Georgiev)
- Rudolph Suk (unter diesem Decknamen reiste er nach Marseille)
- Peter Kelemen
- Stoyanow
Laut Aussage des ermittelnden Kriminalbeamten Alexandre Guibbal war Vlada der Chauffeur nicht mit Tschernosemski identisch. Vielmehr habe es sich um den bulgarischen Auftragsmörder Welitschko Kerin-Dimitrof (Величко Керин-Димитров) gehandelt. Dieser soll seit 1922 Mitglied der IMRO gewesen sein und innerhalb der Organisation zum persönlichen Leibwächter und Chauffeur des IMRO-Führers Iwan Michajlow aufgestiegen sein. Er wurde daher auch als Vlada oder Vlado der Chauffeur bezeichnet. Als 1927 die serbische Polizei den Vater und Bruder von Michajlow ermorden, verurteilt Michajlow den serbischen König Alexander I. zum Tode. In Michajlows Diensten verübte Kerin-Dimitrow mehrere Morde. Nachdem er am 13. September 1924 den kommunistischen Abgeordneten Dimo Hadschi-Dimow auf offener Straße ermordet hatte, wurde Kerin-Dimitrow am 7. September 1928 von einem Gericht in Sofia in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Am 5. Januar 1932 wurde er wegen eines weiteren Mordanschlages unter anderem Namen erneut in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt.
Siehe auch [Bearbeiten]
Literatur [Bearbeiten]
- Vladeta Milićević: Der Königsmord von Marseille : Das Verbrechen und seine Hintergründe. Hohwacht-Verlag, Bad Godesberg 1959, ASIN B0025WGKG4.
- Themistokles Papasissis: Der König muss sterben. Verlag Heinrich Bär GmbH, Berlin 1959.
- Gerhard Feix: Das große Ohr von Paris. Fälle der Sûrete. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 1985, S. 277-293.
- Sven Felix Kellerhoff: Attentäter. Mit einer Kugel die Welt verändern. Böhlau Verlag, Köln 2003, ISBN 3-412-03003-1, S. 179-181.
Weblinks [Bearbeiten]
- Beschreibung der Attentatsplanung (engl.)
- Interview mit IMRO-Führer Mihalov (engl.)
- Video des Attentats bei YouTube, Anmeldung erforderlich.
- Foto von Vlada dem Chauffeur aus seinem gefälschten Ausweis
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Stefan Troebst, "Historical Politics and Historical “Masterpieces” in Macedonia before and after 1991", New Balkan Politics, Issue 6, 2003: „[...] the suicide-assassin from VMRO, Vlado Cernozemski, who, on orders from Mihajlov and his ethno-national VMRO, which was defined as Bulgarian, killed the Yugoslav king Alexander I Karadzordzevic and the French Minister of Foreign Affairs Louis Bareau in Marseilles in 1934.“
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Vlada der Chauffeur |
| ALTERNATIVNAMEN | Kerin-Dimitrow, Welitschko; Kerin, Veličko; Dimitrov, Velicko; Dimitrov, Velicko; Vetitchko-Kerin, Dimitrow; Dimitrow-Wladimirov, Welitschko; Керин-Димитров, Величко; Chernozemski, Vlada; Tschernozemski, Wladimir Georgieff; Tchernozernsky, Vladimir Gheorghiev; Chernozemsly, Vlada; Tchernozernsky, Vlado; Chernozamsky, Vlada; Gheorghieff, Vlada; Georgiev, Vlada; Suk, Rudolph (Deckname); Kelemen, Peter; Stoyanow |
| KURZBESCHREIBUNG | politischer Attentäter |
| GEBURTSDATUM | 19. Oktober 1897 |
| GEBURTSORT | Kameniza, heute Teil von Welingrad, Bulgarien |
| STERBEDATUM | 9. Oktober 1934 |
| STERBEORT | Marseille, Frankreich |