Vogelwarte Rossitten

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Institut der Vogelwarte (um 1920), existiert nicht mehr (2013)
Museum der Vogelwarte Rossitten von 1931
Früheres Vogelmuseum (2013)
Fangen und Beringen, 1939

Die Vogelwarte Rossitten in Rossitten war eine Gründung von Johannes Thienemann im Jahre 1901, unterstützt durch die Deutsche Ornithologische Gesellschaft und die Universität Königsberg, auf der Kurischen Nehrung in Ostpreußen. Ab 1923 gehörte die Vogelwarte zur Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Ihre Arbeit wird nach der Evakuierung 1944 durch die Vogelwarte Radolfzell am Bodensee für die Max-Planck-Gesellschaft fortgesetzt. Eine russische Vogelwarte im jetzigen Rybatschi sieht sich in der Nachfolge der deutschen Vogelwarte Rossitten vor Ort.

Geschichte[Bearbeiten]

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand eine wissenschaftliche Vogelkunde, die stark durch empirische Forschung geprägt war. Bei einem Besuch auf der Nehrung erlebte der Ornithologe Johannes Thienemann 1896 einen „Vogelzug, so gewaltig, wie er bisher noch nie in Deutschland beobachtet worden war“. Auf dem schmalen Landstrich verdichten sich flaschenhalsartig die Flugrouten der Vögel, die das offene Wasser meiden: in Spitzenzeiten bis zu zwei Millionen Vögel am Tag.

Auf Thienemanns Initiative hin wurde 1901 eine „ornithologisch-biologische Beobachtungsstation“ in Rossitten (heute: Rybatschi) gegründet, im südlichen Drittel der langgestreckten Halbinsel. 1923 übernahm die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften die Station und gliederte sie in ihr Forschungsnetzwerk ein. Thienemann ging 1929 in den Ruhestand, die formale Leitung übernahm Oskar Heinroth von Berlin aus, vor Ort koordinierte Ernst Schüz die Arbeit als Kustos. 1936 wurde er auch der offizielle Leiter der Vogelwarte.

Die Vogelwarte stand in engem Kontakt mit der wissenschaftlichen Gesellschaft Albertina in Königsberg. Sie war die erste ornithologische Forschungsstation der Welt und erlangte durch ihre Pionierarbeit Weltruf. Bedeutend ist auch der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der an der Albertus-Universität Königsberg einen Lehrstuhl innehatte.

Gebäude in Rossitten: Das Institut mit den Arbeits- und Geschäftsräumen der Vogelwarte befand sich in einer geräumigen Villa in Nachbarschaft zur Kirche. 1931 wurde daneben in der Kirchstraße ein Museum für Besucher in einem holzverschalten Neubau eröffnet, mit benachbartem Freigelände. Neben dem Kurhaus gab es eine Teichanlage mit Winterhäuschen und Versuchs-Storchenherde.

Außenstellen[Bearbeiten]

Der Ulmenhorst war ab 1908 eine Beobachtungsstation der Vogelwarte, die etwa 6 km südlich des Hauptgebäudes im Dünengürtel angelegt wurde. Sie wurde nach dem Ersten Weltkrieg durch "Revolutionäre" zerstört, 1926 mit Spenden auch niederländischer Vogelfreunde wiederaufgebaut und bis 1944 genutzt. Sie trug am Giebel die Inschrift: "Zur Ehre Gottes und seiner Natur". Geforscht wurde auch an Wasservögeln am Möwenbruch unweit von Rossitten, dem einzigen Süßwassersee auf der Nehrung.

Von Ernst Schüz wurde auch eine Außenstation mit Vogelwarte am Drausensee bei Elbing eingerichtet. Das Vogelparadies Drausensee ist vielfach beschrieben worden. Man konnte die Vogelzüge bei stundenlanger Dampferfahrt auf dem Oberländischen Kanal gut beobachten. Nach Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung und der Übernahme durch die polnische Administration nach 1945 wurden die Fahrten auf dem Oberland-Kanal wiederaufgenommen.

Reichsweite Bedeutung[Bearbeiten]

Unter Ernst Schüz wurde in Rossitten die Beringung von Vögeln als wissenschaftliche Methode weiterentwickelt, er bereicherte die Arbeit der Vogelwarte auch um physiologische und ökologische Fragestellungen.

Das Reichsnaturschutzgesetz von 1937 sah nur noch die Erhaltung der drei Küstenvogelwarten auf Helgoland, in Rossitten und auf Hiddensee vor. Ihnen blieb das Privileg der Beringung von Vögeln vorbehalten. Damit wurde der in Radolfzell am Bodensee ansässigen Süddeutsche Vogelwarte die Existenzgrundlage und Daseinsberechtigung entzogen; aus finanziellen Gründen wurde die damals einzige binnenländische Vogelwarte in Deutschland wieder geschlossen.

Nach 1945[Bearbeiten]

Kriegsbedingt mussten 1944 die Einrichtungen aus Rossitten evakuiert werden; es entstand 1946 die heutige Vogelwarte Radolfzell am Bodensee. Die Vogelwarte Radolfzell ist seit 1998 eine Abteilung des Max-Planck-Institutes für Ornithologie bei Radolfzell.

Im russischen Rybatschi in der Oblast Kaliningrad befindet sich heute mit der "Biologischen Station" eine Außenstelle des Zoologischen Institutes der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg. Seit diese Trägerorganisation auf Grund ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage alle Zuschüsse gestrichen hat, wird die Forschung zum großen Teil aus Spenden und seit 1997 von der deutschen Heinz-Sielmann-Stiftung finanziert. Der Tierfilmer Heinz Sielmann, der in Königsberg aufgewachsen war, hat im Jahr 2001 500.000 Mark für die Vogelwarte gesammelt.[1] Seine Gattin Inge Sielmann, die Stiftungsratsvorsitzende, setzt die finanzielle Unterstützung der Vogelwarte Rossitten fort (2010). Auch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt hilft.

Die heutige, russische Feldstation "Fringilla", die sich in der Tradition der alten Vogelwarte sieht, befindet sich bei 55° 09' 13" Nord, 20° 51' 27" Ost55.15361111111120.8575 etwa 200 m Luftlinie entfernt.

Das - bis 1944 völlig intakte - stattliche Institutsgebäude der deutschen Vogelwarte Rossitten (die Villa mit den Arbeits- und Geschäftsräumen) in der Kirchstraße (heute Ul. Gagarina) existiert nicht mehr (2013). Lediglich die Tafel "Vogelwarte Rossitten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft" gibt es noch, sie wurde an das Gebäude der Außenstelle des Zoologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften St. Petersburg in Rybatschi (früheres deutsches Kurhotel) versetzt. Dort befinden sich auch bebilderte, deutschsprachige Informationstafeln zur Geschichte der Vogelwarte Rossitten und zu ihren Leitern Johannes Thienemann und Ernst Schüz. Das 1931 errichtete Vogelwarten-Museum beendete seine Funktion 1944, das Gebäude existiert noch mit stark vereinfachtem Äußeren, einem Anbau und in anderer Funktion. Das frühere Wohnhaus von Thienemann in der heutigen Ul. Pobedy (Straße des Sieges), Richtung Haffufer, besteht auch noch, aber erheblich verändert und mit Anbauten. Eine zweisprachig beschriftete Holztafel weist auf den Gründer der Vogelwarte hin. Text: "In diesem Haus lebte ... der bekannte ... deutsche Ornithologe ... Thienemann, der Begründer der Vogelwarte Rossitten". Den Beobachtungsposten Ulmenhorst gibt es nicht mehr.

Impressionen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kurt Geisler: Zugbrücke der Vögel

Literatur[Bearbeiten]

  • Eberhard Gwinner, Wolfgang Wickler: Vogelwarte Radolfzell. Max-Planck-Gesellschaft – Berichte und Mitteilungen, 6/87, Max-Planck-Gesellschaft München, ISSN 0341-7778
  • "Fringilla"-Feldstation: Broschüre des "Freundeskreises zur Förderung des Tier- und Vogelschutzes im Bereich der Kurischen Nehrung und Rybatschy (ehemals Rossitten)" e.V., 2013 (oder früher)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Vogelwarte Rossitten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

55.15227777777820.854583333333Koordinaten: 55° 9′ 8″ N, 20° 51′ 16″ O