Volker von Prittwitz

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Volker Kurt Erdmann von Prittwitz und Gaffron (* 9. Mai 1950 in Herrsching am Ammersee) ist ein deutscher Politikwissenschaftler und Professor am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Von ihm stammt eine Reihe politikanalytischer Modelle und Erklärungsansätze.

Leben[Bearbeiten]

Prittwitz studierte von 1969 bis 1971 Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Soziologie an der Universität Regensburg, von 1971 bis 1973 Politikwissenschaft und von 1974 bis 1977 Volkswirtschaftslehre an der FU Berlin, wo er zum Dr. rer. pol. promovierte. Nach langjähriger wissenschaftlicher Tätigkeit an verschiedenen deutschen Forschungsinstituten und Hochschulen und seiner Habilitation 1990 an der FU Berlin wurde er dort 2004 zum außerplanmäßigen Professor ernannt. In einem Appell ("Der Betteldozent. Über den Skandal entgeltloser Lehre und Prüfungen an Universitäten") prangerte er an, dass Privatdozenten - darunter auch er - jahrelang fast unbezahlt arbeite(te)n.[1] 2014 gründete er das Democracy Institute Berlin Prof. Dr. Volker von Prittwitz, ein Institut für Politikanalyse und Online-Studien.

Werke[Bearbeiten]

Prittwitz hat das Modell des politikanalytischen Dreiecks aus öffentlichem Handeln (policy), politischem Prozess (politics) und politischem System (polity) eingeführt, in dessen Konsequenz die mehrdimensionale (modularisierte) Analyse von Politik liegt. Dementsprechend sind seine politikanalytischen Lehrbücher und Lehrprogramme systematisch modularisiert aufgebaut. Politikanalyse kann dabei nicht nur im wissenschaftlichen Bereich, sondern auch in anderen Medien, so Politikberatung, Journalismus, Kunst und Unterhaltung betrieben werden. Hieraus ergibt sich die Option multimedialer Politikanalyse.

Zunächst in der Umweltpolitik, dann auch in anderen Politikfeldern zeigte er, dass die öffentliche Wahrnehmung von Katastrophen häufig gegenläufig zu deren Intensität verläuft (Katastrophenparadox). Diese Erscheinung erklärt er kapazitätstheoretisch: Kann ein System ein Problem nicht bewältigen, so ist es auch nicht in der Lage, dieses sachlich angemessen wahrzunehmen und öffentlich zu thematisieren; mit wachsender Kapazität der Problembewältigung nimmt dagegen die Fähigkeit zu, eine Katastrophe als solche zu erkennen und öffentlich zu thematisieren. Dementsprechend werden Katastrophen häufig erst dann politisch wahrgenommen, wenn sich Handlungsmöglichkeiten (Alternativen) zu ihrer Bewältigung entwickeln (Beispiele: Wahrnehmung von Smog, Rauchen, Schadstoffbelastungen im Essen, Atomkraft-Problematik, arabische Despotien).

Abraham Lincolns Gettysburg Address (1863) war der Ausgangspunkt für Prittwitz's Logik der Demokratie. Demnach kann Demokratie als funktionale Folge von Governance of the people, Governance by the people und Governance for the people verstanden werden. Hierbei steht Governance of the people für Menschenrechte und faire Verfahren (Bound Governance), Governance by the people für demokratische Wahlen, direkte Demokratie und freie öffentliche Kommunikationsmöglichkeit. Governance for the people korrespondiert zum einen mit objektivierbaren Leistungen zugunsten der Allgemeinheit, insbesondere gesichertem Frieden durch ein übergreifendes Monopol legitimer Gewalt, zum anderen mit der Zufriedenheit der Bürger/innen mit der politischen Ordnung.

Im Anschluss an Arbeiten von Watzlawick/Beavin/Jackson (1969) entwickelte Prittwitz das Konzept der ein- und mehrdimensionalen Kommunikation. Demnach kann sich Kommunikation ausschließlich oder dominant auf Beziehungsaspekte verengen (Beispiele: Autoritäre Kommunikation oder Freund-Feind-Kommunikation). Mehrdimensional kommuniziert wird demgegenüber nicht nur in der Beziehungs-, sondern auch in der Sachdimension. Dazu können auch reflexive, strategische und ästhetische Kommunikationaspekte wichtig werden (Beispiel Höflichkeit). Vergleichend analysieren lassen sich Kulturen und Phasen soziopolitischer Kommunikation. So setzt vitale Demokratie mehrdimensionale Kommunikation voraus, während Autokratie zu eindimensionalen Kommunikationsformen tendiert. Eine besondere Herausforderung bildet Kommunikation in der sich bildenden Welt-Gesellschaft. Dies betrifft insbesondere den Übergang von - weitgehend eindimensional kommunizierender - herrschaftlicher Religion zu ziviler Religion, deren Anhänger Verfahren eines friedlichen Konfliktaustrags und damit den Wert von Pluralität anerkennen.

Ausgehend von der vergleichenden Analyse von Luftreinhalte-Politiken in Europa entwickelte Prittwitz das Konzept der Umweltaußenpolitik (1984), mit dem inzwischen in der Umweltpolitik- und Außenpolitik-Analyse regulär gearbeitet wird. Im Mittelpunkt stand dabei die Leitidee, dass Umweltangelegenheiten über die technisch-wissenschaftliche Diskussion hinaus in die Kernbereiche hoher Außenpolitik Eingang finden müssten, um international wirkungsvoll vertreten werden zu können.

Verursacher-, Betroffenen- und Helferinteressen bilden in Politikfeldern ein Interessendreieck, das sich als Interessenspirale politischer Innovation umsetzen kann. Demnach entwickeln sich gegenüber anfangs herrschenden Verursacherinteressen Betroffeneninteressen, gefolgt von Helferinteressen, die dann im Bündnis mit Betroffeneninteressen herrschend werden. Durch neue Folgeschäden und die Bildung entsprechender Betroffenen- und Helferinteressen dreht sich die Spirale weiter...

Nach Prittwitz' Wirkungstiefen-Modell lassen sich beliebige politische Steuerungsherausforderungen und Steuerungsansätze in Form lockerer Wirkungsketten analysieren. In diese Wirkungsketten kann mit unterschiedlich großer Wirkungstiefe eingegriffen werden. Dabei wirken ursächliche Maßnahmen mit großer Wirkungstiefe über alle Folgestufen hinweg und sind insofern effizienter als symptomnahe Maßnahmen mit geringer Wirkungstiefe. Muss ein Problem allerdings akut (unter hohem Zeitdruck) bewältigt werden, erhalten rasch realisierbare Maßnahmen mit geringer Wirkungstiefe meist größeres Gewicht.

Bücher[Bearbeiten]

als Autor
  • Vergleichende Politikanalyse (UTB; 2871). Lucius & Lucius, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8252-2871-2 (unter Mitarbeit von Alina Barenz et al.)
  • Politikanalyse (UTB; 1707). Leske+Budrich, Opladen 1994, ISBN 3-8100-1044-8 (unter Mitarbeit von Kai Wegrich, Stefan Bratzel und Sebastian Oberthür)
  • Das Katastrophenparadox. Elemente einer Theorie der Umweltpolitik. Leske+Budrich, Opladen 1990, ISBN 3-8100-0887-7 (Habilitationsschrift, FU Berlin 1990).
  • Umweltaußenpolitik. Grenzüberschreitende Luftverschmutzung in Europa. Campus-Verlag, Frankfurt/M. 1984, ISBN 3-593-33369-4.
  • Krisenzyklus und Weltwirtschaft. Verlag Sperber, Berlin 1979, ISBN 3-921862-47-7.
als Herausgeber
  • Institutionelle Arrangements in der Umweltpolitik. Zukunftsfähigkeit durch innovative Verfahrenskombinationen? Leske+Budrich, Opladen 2000, ISBN 3-8100-2641-7.
  • Verhandeln und Argumentieren. Dialog, Interessen und Macht in der Umweltpolitik. Leske+Budrich, Opladen 1996, ISBN 3-8100-1470-2.
  • Umweltpolitik als Modernisierungsprozeß. Politikwissenschaftliche Umweltforschung und -lehre in der Bundesrepublik Deutschland. Leske+Budrich, Opladen 1993, ISBN 3-8100-1030-8.

Aktuelle Artikel[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Appell