Volkmar Sigusch

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Volkmar Sigusch (1987)

Volkmar Sigusch (* 11. Juni 1940 in Bad Freienwalde (Oder)), ist ein deutscher Arzt und Sexualforscher. Er war Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft am Universitätsklinikum Frankfurt am Main. Er begründete die deutsche Sexualmedizin und gilt als einer der wichtigsten Sexualforscher weltweit.[1]

Leben[Bearbeiten]

Sigusch hat Medizin, Psychologie und Philosophie (bei Horkheimer und Adorno) in Frankfurt am Main, Berlin und Hamburg studiert. An der Universität Hamburg habilitierte er sich 1972 nach einer psychiatrischen Ausbildung für das damals erstmals von einer Universität als selbstständig anerkannte Fach Sexualwissenschaft. Seit seiner Berufung auf den neu eingerichteten Frankfurter Lehrstuhl für Sexualwissenschaft im selben Jahr gehört er als Hochschullehrer neben dem Fachbereich Medizin auch dem Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an, in dem er Professor für spezielle Soziologie ist. Außerdem war Sigusch zwölf Jahre lang gewählter geschäftsführender Direktor des Zentrums der psychosozialen Grundlagen der Medizin (ZPG) des Klinikums der J. W. Goethe Universität Frankfurt am Main, in dem die Fächer Medizinische Psychologie, Medizinische Soziologie, Arbeitsmedizin und Sexualwissenschaft vertreten waren.

Heute ist Sigusch, der 1973 die International Academy for Sex Research zusammen mit William Masters, John Money, Gunter Schmidt und anderen gegründet hat, einer der international angesehensten Sexualwissenschaftler. Er gilt als Pionier der deutschen Sexualmedizin (erste empirische Studien und theoretische Abhandlungen zur Konzeption dieser Disziplin Ende der 1960er Jahre) und laut „Großer Brockhaus“ als Begründer der kritischen Sexualwissenschaft. Sigusch war mehrfach Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, der ältesten und größten Fachgesellschaft in Deutschland.

Die international führenden Fachblätter The Journal of Sex Research und Archives of Sexual Behavior beriefen Sigusch als Co-editor für Europa, die Society for the Scientific Study of Sex als Fellow, die Harry Benjamin Gender Dysphoria Association als Charter Member. Mehrere europäische und amerikanische Universitäten zeichneten ihn als Leading Scientist aus.

Sein Buch Ergebnisse zur Sexualmedizin war 1972 das weltweit erste Buch, das „Sexual Medicine“ oder „Sexualmedizin“ im Titel führt. Sein Buch Die Mystifikation des Sexuellen ist in die Encyclopédie philosophique universelle / Les oeuvres philosophiques (Paris: Presses Universitaires de France 1992) aufgenommen.

Durch Artikel in Der Spiegel (3. Juni 1996)[2] und in Die Zeit (4. Okt. 1996)[3] führte Sigusch den Begriff Neosexuelle Revolution ein, womit er der Entwicklung Rechnung tragen wollte, dass im Anschluss an die sogenannte Sexuelle Revolution der Jahre 1968ff ganz neuartige Erscheinungsformen des Sexuellen zu konstatieren sind.

Im Jahr 2000 widmeten ihm Martin Dannecker und Reimut Reiche, die sich bei ihm habilitiert haben, im Campus-Verlag die Festschrift Sexualität und Gesellschaft, mit Beiträgen unter anderem von Isabelle Azoulay, Günter Amendt, Werner Bohleber, Wolfgang Fritz Haug, Rüdiger Lautmann und Stavros Mentzos.

Zusammen mit Martin Dannecker und Gunter Schmidt ist er Herausgeber der Buchreihe Beiträge zur Sexualforschung, die im Psychosozial-Verlag erscheint (bisher 94 Bände). Er ist außerdem Mitherausgeber der Zeitschrift für Sexualforschung (bisher 22 Jahrgänge) sowie weiterer deutscher und internationaler Fachzeitschriften. Von 1979 bis 1986 gab er das populäre Periodikum Sexualität konkret heraus, zu dem Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, Schriftsteller, Publizisten und Künstler Beiträge lieferten, u. a. Jean Baudrillard, Eric Burdon, Gianna Nannini, Götz George, Tommaso Di Ciaula, Paul Parin, Horst Bredekamp, Günter Amendt, Peter Gorsen, Heinar Kipphardt, Helmut Heißenbüttel, Brigitte Kronauer, Alfred Hrdlicka, Susanne von Paczensky, Ingeborg Drewitz, Gerhard Mauz, Wolf Biermann, Karlheinz Deschner, Hermann Peter Piwitt, Peter O. Chotjewitz, Diedrich Diederichsen und Martin Walser.

Die Schließung des von Sigusch geleiteten Instituts für Sexualwissenschaft erfolgte nach seiner Emeritierung 2006.

Werke[Bearbeiten]

Bisher veröffentlichte Sigusch etwa 600 wissenschaftliche Aufsätze sowie 40 medizinische, soziologische und philosophische Bücher, darunter:

  • mit Gunter Schmidt: Das Vorurteil gegenüber sexuell devianten Gruppen, 1967
  • Exzitation und Orgasmus bei der Frau, 1970
  • mit Gunter Schmidt und Eberhard Schorsch: Tendenzen der Sexualforschung, 1970
  • mit Gunter Schmidt: Arbeiter-Sexualität, 1971
  • mit Gion Condrau, Jean-G. Lemaire u. a.: Die Zukunft der Monogamie, 1972
  • Ergebnisse zur Sexualmedizin, 1972, 1973
  • mit Gunter Schmidt: Jugendsexualität, 1973
  • Therapie sexueller Störungen, 1975, 1980
  • Medizinische Experimente am Menschen, 1977, 1978
  • Sexomemomedico, 1978, 1979, 1980, 1981
  • Sexualität und Medizin, 1979
  • Die sexuelle Frage, 1982
  • Vom Trieb und von der Liebe, 1984
  • Die Mystifikation des Sexuellen, 1984
  • mit Martin Dannecker: Sexualtheorie und Sexualpolitik, 1984
  • mit Ingrid Klein und Hermann L. Gremliza: Sexualität konkret, Sammelband 2, 1984, 1985
  • Operation AIDS, 1986
  • AIDS als Risiko, 1987
  • mit Steffen Fliegel: AIDS. Ergebnisse eines Kongresses, 1988
  • Kritik der disziplinierten Sexualität, 1989
  • Anti-Moralia, 1990
  • Geschlechtswechsel, 1992, 1993, 1995
  • Perversion, Liebe, Gewalt. Aufsätze von Eberhard Schorsch, 1993
  • Sexuelle Störungen und ihre Behandlung, 1996, 1997
  • Karl Heinrich Ulrichs. Der erste Schwule der Weltgeschichte, 2000
  • mit Ilka Quindeau: Freud und das Sexuelle. Neue psychoanalytische und sexualwissenschaftliche Perspektiven, 2005
  • Praktische Sexualmedizin. Eine Einführung. Köln, 2005
  • Sexuelle Welten: Zwischenrufe eines Sexualforschers. Gießen, 2005
  • Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion. Frankfurt a. M., New York, 2005. ISBN 978-3-593-37724-7
  • mit Günter Grau: Der Kampf um das Frankfurter Institut für Sexualwissenschaft. Aufruf – Proteste – Beschlüsse, 2006
  • Sexuelle Störungen und ihre Behandlung (Neuausgabe). Stuttgart, New York 2001, 2007
  • Geschichte der Sexualwissenschaft. Frankfurt a. M., New York 2008. ISBN 978-3-593-38575-4
  • mit Günter Grau: Personenlexikon der Sexualforschung. Frankfurt a. M., New York, 2009
  • Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit. Über Sexualforschung u. Politik. Frankfurt a. M., New York 2011. ISBN 978-3-593-39430-5
  • mit Günter Amendt und Gunter Schmidt: Sex tells. Sexualforschung als Gesellschaftskritik. Hamburg, 2011. ISBN 978-3-930786-61-9
  • Sexualitäten. Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten. Frankfurt a. M., New York 2013 – ISBN 978-3-593-39975-1 (zeitgleich ist eine Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft mit anderem Cover erschienen)

Literatur[Bearbeiten]

  • Volkmar Sigusch im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
  • Der Große Brockhaus in 15 Bänden, 2005 [1]
  • Brockhaus-Redaktion: Visionen 2000, 2000
  • Der Brockhaus Psychologie, 2001
  • Who is who in Europe
  • „Vom Trieb und von der Liebe”, Film über Volkmar Sigusch von Klaus Podak, 1984
  • Auf der CD-ROM zum „Kürschner Gelehrten-Kalender“ sind 350 Arbeiten von Sigusch aufgeführt.
  • Guha, A.-A.: Siguschs Lehrstuhl in Frankfurt. Frankfurter Rundschau, 12. März 1974
  • Peter Gorsen: Was untrennbar bleibt. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Dezember 1984
  • Helmut Heißenbüttel: Etwas vom frühen Wilhelm Reich. Literatur konkret, Heft 1984/85
  • Eberhard Schorsch: Vom Trieb und von der Liebe. Volkmar Sigusch als Aufklärer. Die Zeit, 21. März 1986
  • Klaus Milich: Lob des Triebes. Volkmar Siguschs Begründung der Kritischen Sexualwissenschaft. Frankfurter Rundschau, 25. August 1990
  • Detlef Grumbach: Der Körper sagt hü, die Seele sagt hott. Volkmar Siguschs neue Thesen zum Transsexualismus. Süddeutsche Zeitung, Feuilleton-Beilage, 2./3. Januar 1993, S. 66
  • Herbert Riehl-Heyse: Über die Liebe in Zeiten der Cholera. Volkmar Sigusch. Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 20 vom 19. Mai 1995, S. 10–15
  • Oliver Tolmein: Volkmar Sigusch. Konflikterfahren. FAZ vom 28. Dezember 2005, S. 38
  • Oliver Tolmein: Ein Fall von Normalisierung. Nach der Abwicklung der Frankfurter Sexualwissenschaft: Bleibt Raum für Patienten?, F. A. Z. 7. Oktober 2006, S. 39
  • Jan Feddersen: Das Ende der Aufklärung. taz vom 30. Dezember 2005, S. 11
  • Volker Breidecker: Und das geschlechtliche Elend dauert fort und fort. Süddeutsche Zeitung vom 9. Januar 2006, S. 11
  • Sascha Zoske: Vom Außenseiter zur Autorität. FAZ vom 17. Januar 2006, S. 44
  • Joachim Güntner: Psychiatrisierung des Sexus. Volkmar Siguschs Institut wird umgepolt. Neue Zürcher Zeitung, 6. September 2006, S. 41
  • Klaus Podak: Am Grunde der Liebe. Das Ende von Volkmar Siguschs Institut für Sexualwissenschaft. Süddeutsche Zeitung vom 29. September 2006, S. 11
  • Oliver Pfohlmann: Wissenschaft der Umarmungen. In: Der Standard, 4./5. Oktober 2008
  • Thomas Sparr: Lust und Liebe. Volkmar Siguschs „Geschichte der Sexualwissenschaft“. Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 63. Jg., Heft 1, S. 67–70, 2009
  • Christian Geyer: Fürs Lob des unbefangenen Begehrens ist es noch zu früh. FAZ, Nr. 176 vom 2. August 2010, S. 28
  • Robert Jütte: Pionierarbeit. Deutsches Ärzteblatt, Jg. 107, Heft 9 vom 5. März 2010, S. B352
  • Magnus Klaue: Sexualwissenschaft in Deutschland. Der Kreis um Sigusch. FAZ vom 5. Januar 2011, S. N5
  • Sascha Zoske: „Ich war ein ziemlich unangenehmes Kind“. [Über den Sexualforscher Volkmar Sigusch]. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 17 vom 29. April 2012, S. R 3

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Zeit vom 12. Mai 2010
  2.  Die Zerstreuung des Eros. In: Der Spiegel. Nr. 23, 1996 (online).
  3. Die Zeit, 41/1996