Volksbefreiungsfront von Tigray

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Die Volksbefreiungsfront von Tigray (Tigrinyaሕዝባዊ ወያኔ ሓርነት ትግራይ, ḥizbāwī weyānē ḥārinet tigrāy; englisch Tigray People's Liberation Front, Kürzel TPLF, in Äthiopien eher bekannt unter dem Akronym Woyane[1]) ist eine ehemalige marxistisch-leninistische Befreiungsbewegung und heutige Partei in der äthiopischen Region Tigray.

Die Partei ist die beherrschende Kraft in der in Äthiopien regierenden Koalition Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker (EPRDF). So ist bzw. war unter anderem auch der äthiopische Außenminister Seyoum Mesfin und der 2012 verstorbene ehemalige Ministerpräsident Meles Zenawi – welcher gleichzeitig auch Parteivorsitzender war – Mitglied der TPLF. Zudem stellt die Volksbefreiungsfront von Tigray in der äthiopischen Region Tigray die Regionalregierung.

Die Volksbefreiungsfront von Tigray hat insgesamt etwa 500.000 Parteimitglieder.[2] Bei der Parlamentswahl im Mai 2005 erhielt die Partei insgesamt 38 der möglichen 546 Sitze, von welche 24 Männer und 14 Frauen waren.[3]

Der ehemalige militärische Arm der Volksbefreiungsfront von Tigray war die Volksbefreiungsarmee von Tigré.[4][5]

Ideologie[Bearbeiten]

Heute ist die Volksbefreiungsfront von Tigray offiziell demokratisch-sozialistisch und setzt sich für die Selbstbestimmung der Tigray-Ethnie ein. Die Volksbefreiungsfront von Tigray ist geprägt von der ehemaligen Erfahrung, dass sie seit 1970 als Guerilla-Organisation im Kampf gegen die kommunistische Derg-Regierung unter der Arbeiterpartei Äthiopiens, welche unter der Führung von Colonel Mengistu stand, ganz auf sich allein gestellt war.

In den 1970er Jahren folgte die Volksbefreiungsfront von Tigray einem albanisch geprägtem Kommunismus als Leitideologie, entwickelte ab den späten 1980er Jahren jedoch eine neue Ideologie, die zusammengesetzt ist aus Staatsdirigismus, Kapitalismus und demokratischen Elementen, wobei gleichzeitig seit ca. 1985 sozialistische Ziele in der Politik der Organisation immer weiter in den Hintergrund rückten.[1] Die TPLF trat ferner für eine antiimperialistische und antifeudale demokratische Revolution gegen den amharischen Zentralismus sowie für das Selbstbestimmungsrecht Eritreas ein.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Volksbefreiungsfront von Tigray wurde 1975 von jüngeren Intellektuellen aus der Tigraynischen Universitäts-Studentenvereinigung (TUSA) als Nachfolgeorganisation der 1974 entstandenen Tigraynischen Nationalen Organisation (TNO) gegründet, die mit dem promonarchistischen Kurs der etablierten Opposition in der Provinz Tigray unzufrieden waren und unter dem Einfluss der Befreiungsfront des Eritreischen Volkes (EPLF) standen. Die TPLF stand seit ihrer Gründung in Opposition zum Derg unter Mengistu und verstand sich zunächst als marxistisch-leninistische Bewegung, die in den 1970er und 1980er Jahren enge Beziehung zur Partei der Arbeit Albaniens und in geringeren Maßen auch zur KPD/ML in der BRD pflegte.

Im Bündnis mit der EPLF gelang es den bewaffneten Einheiten der TPLF, sich Ende der 1970er Jahre gegen die royalistisch-konservativen Kräfte um Ras Mengesha (Äthiopische Demokratische Union), die nationalistische Tigray-Befreiungsfront und gegen die Äthiopische Revolutionäre Volkspartei (IHAPA) militärisch als dominante Kraft der Opposition in Tigray durchzusetzen und – nach einigen militärischen Rückschlägen durch das Derg-Regime – ab 1980 Gebiete zu kontrollieren. Die TPLF begann dort, eine Verwaltung aufzubauen, eine (auch von Gegnern als relativ erfolgreich anerkannte) Agrarreform durchzuführen und wichtige Schritte in Richtung einer Gleichberechtigung von Frauen und Muslimen in einer bisher christlich-patriarchal dominierten Gesellschaft einzuleiten. Der Rebellenorganisation selbst gelang es auch, die Hungerkatastrophe und den von der Regierung eingeleiteten Zwangsumsiedlungen in den Jahren 1984/85 zu überstehen. Ihr gelang es jedoch nicht, über die ihr nahestehende Fürsorgegesellschaft von Tigray (Relief Society of Tigray, REST) Hilfsgüter zu verteilen. Die TPLF soll illegal Entwicklungshilfe für Waffen und die Errichtung einer marxistischen Partei veruntreut haben. Allein 95 % der entsandten Hilfsgelder wurden für Waffenkäufe verwendet.[6]

Ab Anfang 1989 kontrollierte die TPLF Tigray vollständig und schloss sich mit der Demokratischen Bewegung des Äthiopischen Volkes (Ethiopian People's Democratic Movement, EPDM) und der Demokratischen Volksorganisation der Oromo zur Äthiopischen Volksrevolutionären Demokratischen Front zusammen, zeitweise bestand innerhalb der TPLF mit der Marxistisch-Leninistischen Liga von Tigray (MALELIT) eine Parallelstruktur, deren Ziel der Aufbau einer Kaderpartei war.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Giga Hamburg: Parlamentswahlen in Äthiopien. Vorwahlkampf (deutsch) (PDF; 63 kB)
  2. Friedrich-Ebert-Stiftung: Parteien in Äthiopien: Zwischen ethnischer Orientierung und Programmausrichtung (PDF; 135 kB)
  3. Webseite des Äthiopischen Parlaments (Version vom 24. Juli 2008 im Internet Archive) (PDF) (englisch)
  4. Brockhaus Enzyklopädie in 5 Bänden (2004), 1 (A-EIS), S. 260
  5. Meyers Großes Länderlexikon, 2005, L, S. 50
  6. laut.de: Geld für Waffen abgezweigt von 8. März 2010

Literatur[Bearbeiten]

  • Dieter Beisel: Reise ins Land der Rebellen. Tigray, eine afrikanische Zukunft, Reinbek 1989. ISBN 3-499-12515-3
  • Kahsay Berhe: Ethopia: Democratization and Unity: The Role of the Tigray's People Liberation Front, Münster 2005 ISBN 3-86582-137-5
  • John Young: Peasant revolution in Ethiopia: the Tigray People's Liberation Front, Cambridge 1997. ISBN 0-521-59198-8
  • Jenny Hammond: Fire from the Ashes: A Chronicle of the Revolution in Tigray, Ethiopia, 1975–1991. Lawrenceville 1999 ISBN 1-56902-087-6

Weblinks[Bearbeiten]