Vollbeschäftigung

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Die Vollbeschäftigung ist die komplette Auslastung aller Produktionsfaktoren in der Volkswirtschaftslehre in einem allgemeinen Sinn. Im engeren Sinn, auf den Produktionsfaktor Arbeit bezogen, steht sie für die Beschäftigung aller arbeitswilligen Erwerbspersonen und ein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt.[1]

Definition[Bearbeiten]

In der politischen Diskussion wird Vollbeschäftigung meist im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gesehen. Sie wird hier definiert als Nichtüberschreitung eines bestimmten Prozentsatzes der Arbeitslosenquote, z. B. weniger als zwei Prozent. In Regionen mit einem extrem hohen Beschäftigungsgrad können tatsächlich Arbeitslosenquoten von unter zwei Prozent beobachtet werden (z. B. Südtirol mit einer Arbeitslosenquote von 1,9 %).

William Henry Beveridge definierte 1945 in seinem Werk Vollbeschäftigung in einer freien Gesellschaft Vollbeschäftigung als einen Zustand, in dem die Zahl der offenen Stellen die der Arbeitslosen übersteigt, wobei er dies bei einem Satz von drei Prozent (friktioneller) Arbeitslosigkeit als gegeben ansah. [2]

Deutschland[Bearbeiten]

In Deutschland ist im Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft seit 1967 unter anderem ein hoher Beschäftigungsstand als Ziel staatlichen Handelns ausdrücklich genannt. In Westdeutschland wurde in den Zeiten des Wirtschaftswunders und des Arbeitskräftemangels noch die Ein-Prozent-Marke als Grenze zur Vollbeschäftigung betrachtet. Nach dem Ende der 1950er Jahre galt Vollbeschäftigung bei einer Arbeitslosenquote von zwei Prozent als prinzipiell erreicht. Zwischenzeitlich wurden in den 1990er Jahren mehrheitlich Marken von 4 %, 5 % oder gar 6 % als Maßstab genommen. Im Jahr 2004 meinte der sozialdemokratische Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement, man müsse sich in Deutschland dauerhaft auf eine Arbeitslosenquote zwischen drei und fünf Prozent einstellen, was unter den heutigen Bedingungen praktisch Vollbeschäftigung bedeute.[3] Der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel sieht Vollbeschäftigung in Deutschland dann als erreicht, wenn ein Zustand von maximal etwa einer Million arbeitsloser Menschen berichtet würde. Etwa 400.000 davon dürften vorübergehend in der Zeit ihrer Suche nach einer neuen Arbeitsstelle in der Statistik auftauchen und ungefähr 600.000 Personen wegen mangelnder Qualifikation schwer vermittelbare Arbeitslose sein.[3]

Der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Joachim Möller, hält Vollbeschäftigung in den kommenden Jahren für erreichbar. Grund ist, dass viele Baby-Boomer in Rente gehen, aber wenige junge Leute nachkommen.[4]

Österreich[Bearbeiten]

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In Österreich gilt eine Arbeitslosenquote von unter 3,5 % als Vollbeschäftigung.

Theorien[Bearbeiten]

Gemäß dem Sayschen Theorem entsteht in einem sich selbst regulierendem Markt automatisch Vollbeschäftigung, das heißt wenn der Staat nicht durch wirtschaftspolitische Maßnahmen in das Marktgeschehen eingreift und dadurch die Nachfrage nach Arbeitskräften einschränkt.

Laut Milton Friedman existiert in jeder Volkswirtschaft eine durch strukturelle Faktoren und Unvollkommenheiten des Marktes bedingte spezifische natürliche Arbeitslosenquote, deren Wert durch Strukturreformen reduziert werden könne.

Theorien zur Möglichkeit von Vollbeschäftigung[Bearbeiten]

Hauptartikel: Das Ende der Arbeit

Nach Auffassung des US-Ökonomen Jeremy Rifkin, die er insbesondere in Das Ende der Arbeit darlegt, wird durch die digitale Revolution langfristig die Arbeit verschwinden. Daraus ergibt sich die Frage, womit ein Mensch seinen Lebensunterhalt bestreiten soll.[5][6]

Richard Buckminster Fuller stellte in seinem Buch Critical Path (1981) fest: Arbeitslosigkeit beruhe unmittelbar auf der technischen Möglichkeit einer Ephemerisierung. Ähnlich äußert sich Norbert Wiener, ein Mitbegründer der Kybernetik, der 1947 darauf hinwies, dass der Fortschritt in der Computertechnik Massenarbeitslosigkeit auslösen werde.

Der französische Sozialphilosoph André Gorz meint ebenfalls, dass seit Jahrhunderten immer mehr Arbeiten durch Maschinen übernommen werden. Der dadurch bewirkte Anstieg der Produktivität führe dazu, dass selbst bei zunehmender Produktion weniger menschliche Arbeitskraft benötigt wird. Die Vorstellung von Vollbeschäftigung werde zur Illusion. Mit dieser These begründet Gorz seine Forderung nach einem Grundeinkommen.[7]

Im Hinblick auf eine Entwicklung zu einer am Gender Mainstreaming orientierten Gesellschaft, bei der dem Individuum ausreichend Zeit für Kindererziehung und gesellschaftliches Engagement bleibt, wird ein Modell eines geänderten Vollbeschäftigungsziels mit verringerter Wochenstundenzahl vorgeschlagen, etwa auf 30 Wochenstunden [8] oder auf 25 bis 30 Wochenstunden [9] basierend.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Duden Wirtschaft von A bis Z. Grundlagenwissen für Schule und Studium, Beruf und Alltag. 2. Aufl. Mannheim: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus 2004. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2004.
  2. Willi Alberts, Anton Zottmann: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft, 1977, S.277
  3. a b Augsburger Allgemeine vom 3. August 2009: Vollbeschäftigung
  4. Patrick Bernau, Ralph Bollmann, Winand von Petersdorff: Arbeit für alle, FAZ.net. Abgerufen am 3. Mai 2013
  5. Stuttgarter Zeitung, 29. April 2005: Interview über das Ende der Arbeit mit Jeremy Rifkin.
  6. Jeremy Rifkin, Das Ende der Arbeit, ISBN 3-596-16971-2, S. 205-208.
  7. http://www.attac.de/frankfurt/x_docs/Gorz-Referat.doc.
  8. Sabine Berghahn: Ehe als Übergangsarbeitsmarkt?, Discussion Paper FS I 01–207, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, November 2001, ISSN Nr. 1011-9523, S. 41
  9. In: Melanie Groß, Gabriele Winker: Queer- / Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse, Unrast e.V., Juni 2007, ISBN 3-89771-302-0, S. 15–49. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatGabriele Winker: Traditionelle Geschlechterordnung unter neoliberalem Druck. Veränderte Verwertungs- und Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft. Abgerufen am 30. Oktober 2009 (PDF; 174 kB). S. 44 ff.