Vom Ende einer Geschichte

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Vom Ende einer Geschichte ist ein 2011 erschienener Roman des englischen Schriftstellers Julian Barnes. Im englischen Original lautet der Titel The Sense of an Ending.

Inhalt[Bearbeiten]

Geschönte Erinnerungen, die es uns erlauben, besser mit der eigenen Vergangenheit zu leben, und die Frage nach der persönlichen Verantwortlichkeit sind die beiden Hauptthemen, die diesen Roman durchziehen. Sie beschäftigen den Ich–Erzähler Tony Webster, als er im Alter eine Bilanz seines Lebens zieht. Der Roman ist in zwei Teile unterteilt.

Teil 1[Bearbeiten]

Im ersten Teil schildert Tony Webster rückblickend Ereignisse in seiner Jugend. In der Schule bildet er zunächst mit zwei anderen Jungen, Alex und Colin, eine Clique, die sich darin gefällt, herablassend auf die Welt der Erwachsenen zu schauen und mit Phrasen auf weltanschauliche Fragen der Lehrer zu reagieren. So gibt Tony auf die Frage seines Geschichtslehrers, was Geschichte sei, die Antwort: "Geschichte ist die Summe der Lügen der Sieger." (S. 24), woraufhin der Lehrer zu bedenken gibt, Geschichte sei auch immer die Selbsttäuschung der Besiegten. Zu dieser Clique stößt der hochbegabte Adrian Finn, der, früh gereift, weil seine Mutter die Familie verlassen hat, nachdenklicher an viele Fragen herangeht. Als der Lehrer nach den Ursachen für den Ersten Weltkrieg fragt, entwirft Adrian eine Verantwortungskette: "Mir scheint, es gibt – gab – da eine Kette individueller Verantwortung,...,aber die Kette ist nicht so lang, dass jeder einfach die Schuld auf den anderen schieben kann.", S. 19. Nach dem Schulabschluss, dem die Schüler entgegenfiebern, weil sie ungeduldig darauf warten, dass ihr Leben endlich beginnt, nimmt Adrian mit Hilfe eines Stipendiums ein Studium in Cambridge auf, während Tony Geschichte in Bristol studiert. Bald hat er eine Freundin, Veronica, die sich jedoch als sehr anspruchsvoll und zickig erweist und ihn vor allem sexuell auf Distanz hält. Zum Alptraum wird für ihn ein Wochenende bei ihrer – wie er meint – sozial überlegenen Familie, bei dem er sich von Veronica, ihrem grobschlächtigen Vater und ihrem vermeintlich arroganten Bruder von oben herab behandelt fühlt. Sein Stolz ist verletzt. Nur die Mutter begegnet ihm freundlich und warnt ihn sogar, sich von Veronica nichts gefallen zu lassen. Kurz darauf stellt er das Mädchen seinen Schulfreunden vor, so dass sie Adrian kennenlernt. Nach einiger Zeit beschließt er jedoch, sich von Veronica zu trennen.

Schließlich erreicht ihn ein Brief von Adrian und Veronica, in dem ihm beide mitteilen, dass sie nun zusammen seien. Nachdem Tony erst mit einer Karte kurz und unterkühlt auf diese Nachricht reagiert, schickt er den beiden schließlich einen Brief, in dem er sie übel beschimpft. Unter anderem verweist er Adrian an Veronicas Mutter, weil die ihn schon vor Veronica gewarnt habe. Den Inhalt dieses Briefes, dessen Wortlaut man erst im 2. Teil des Romans erfährt, verdrängt Tony. In seiner Erinnerung "... erklärte ich ihm (sc. Adrian) recht genau, was ich von ihren gemeinsamen moralischen Skrupeln hielt.", S. 55. Nach dem Abschluss seines Studiums schließt er einen USA-Aufenthalt an und erfährt bei seiner Heimkehr, dass Adrian sich umgebracht hat. In seinem Abschiedsbrief äußert Adrian die Auffassung, dass das Leben ein Geschenk sei, das man auch zurückgeben könne: "... und wenn dieser Mensch sich entscheidet, dieses Geschenk, um das niemand gebeten habe, zurückzuweisen, sei es seine moralische Pflicht, den Konsequenzen dieser Entscheidung gemäß zu handeln.", S. 62. Tony heiratet in der Folgezeit Margaret, eine ruhige, unaufgeregte Ehe schließt sich an, die jedoch geschieden wird. Tonys ereignisarmes Leben bis zur Pensionierung wird in extremem Zeitraffer auf zwei Seiten geschildert.

Teil 2[Bearbeiten]

Im zweiten Teil holen ihn die geschilderten Ereignisse der Vergangenheit ein. Meisterlich gelingt es Barnes, alle wichtigen Elemente aus dem ersten Teil wieder aufzunehmen, die alten Wahrnehmungen Tonys durch neue Fakten subtil in Frage zu stellen und dem Leser die Fragwürdigkeit aller Erinnerungen einschließlich der eigenen vor Augen zu führen. Ein Brief erreicht Tony, in dem ihm mitgeteilt wird, dass Veronicas Mutter gestorben sei und ihm Adrians Tagebuch hinterlassen habe. Das Tagebuch befindet sich jedoch im Besitz Veronicas, die ihm davon gezielt nur eine Fotokopie einer Seite aushändigt, auf der wieder die Verantwortungskette hinterfragt und eine merkwürdige Gleichung aufgemacht wird, die anscheinend ein Beziehungsgeflecht zwischen Tony, Adrian, Veronica, ihrer Mutter und einem rätselhaften b darstellt. Die Seite endet mit dem offenen Satz „Zum Beispiel, wenn Tony ...“ (S. 110). Auch den Wortlaut des üblen Briefes spielt Veronica ihm zu, über den Tony ehrlich entsetzt ist. Die Vergangenheit kehrt zurück und holt ihn ein wie die Gezeitenwelle des Severn, ein Naturphänomen, das er mit Freunden beobachtet. Dabei flutet des Wasser des Flusses entgegen seinem natürlichen Lauf wieder das Flussbett hinauf. Dieses Bild stellt ein Leitmotiv des Romans dar. Tony empfindet tiefe Reue und wünscht sich, diese in Schuld zurückverwandeln zu können, um so Vergebung zu finden, was sich aber als unmöglich erweist.

Schließlich bringt Veronica ihn mit einer Gruppe Behinderter zusammen, von denen einer, wie Tony mühsam herausfindet, Adrians Sohn ist – jedoch nicht mit Veronica, sondern mit Veronicas Mutter gezeugt - das rätselhafte b (= Baby) aus der Gleichung. Tony erinnert sich an die Worte des Lehrers über Geschichte als Selbsttäuschung der Besiegten und erkennt: „Ich betrachtete die Verantwortungskette. Ich sah meinen Anfangsbuchstaben darin. Ich erinnerte mich, dass ich Adrian in meinem hässlichen Brief aufgefordert hatte, Veronicas Mutter zu befragen. Ich ließ die Worte noch einmal abspulen, die mich bis in alle Zeiten verfolgen würden. Genau wie Adrians unvollendeter Satz ‚Zum Beispiel, wenn Tony ...‘ (S. 181).“ Diesen Satz vollendet Tony für sich mit „... nicht Tony gewesen wäre.“ (S. 110).

Literarische Bezüge[Bearbeiten]

Mit dem englischen Titel The Sense of an Ending des Romans hat Barnes den Titel einer Studie des Literaturwissenschaftlers Frank Kermode aufgegriffen, der in einer gleichnamigen Studie 1967 untersuchte, wie Menschen apokalyptisches Geschehen verarbeiten und Schriftsteller die Erschütterungen ihrer Zeit deuten. Peripetien, die tragischen Wendepunkte, sind bei Kermode ein zentraler Begriff. Die Peripetie ist auch fester Bestandteil klassischer Tragödien. In Julian Barnes Roman, der im Aufbau an eine antike Tragödie erinnert, bildet der Brief der Anwältin, der Tony von seinem Erbe in Kenntnis setzt, die Peripetie, die seinem Leben eine Wendung gibt und es von diesem Moment an auf die Katastrophe zusteuern lässt. Ähnlich wie in Sophokles‘ analytischem Drama „König Ödipus“ ist das Unheil im zweiten Teil schon geschehen und muss nur noch aufgeklärt werden, wobei gerade die eigenen Nachforschungen den Protagonisten immer weiter in die Tragödie treiben.

Veronica liest bei einem Treffen mit Tony (S. 141) in einer Novelle von Stefan Zweig. Der Titel wird allerdings nicht genannt. Diese Lektüre hat Julian Barnes nicht willkürlich gewählt. Auch die Protagonisten Stefan Zweigs werden in der Regel auf tragische Weise an der Realisierung ihres Glücks gehindert und resignieren.

Kritik[Bearbeiten]

Die Kritik hat den Roman zumeist positiv bewertet. Die FAZ [1] nennt den Roman, der hier auf Grund seines Umfangs von 182 Seiten als Novelle bezeichnet wird, am 3. Dezember 2011 "eines der herausragenden Werke dieser Saison" und attestiert Barnes: "Die Novelle 'Vom Ende einer Geschichte' zeigt seine ganze Meisterschaft". Christopher Schmidt beeindruckte gemäß seiner Besprechung in der Süddeutschen Zeitung vom 24. Dezember 2011 die "erzählerische Ökonomie, die Fügung der Motive und die moralische Tiefe". Die Zeit [2] bezeichnete "Vom Ende einer Geschichte" als eleganten Roman, "stilistisch vollendet-schmal, konzentriert, nachdenklich.", und die NZZ [3] lobte in ihrer Rezension vom 27. Dezember 2011: "Adrians Tod: Das ist das Herzstück dieses luziden Romans – den zu lesen sich,...,nur schon deshalb lohnt, weil sein Antiheld uns in so vielem verteufelt nahe ist."

Die herausragenden literarischen Qualitäten des Romans haben auch die Booker-Prize-Jury unter dem Vorsitz von Dame Stella Rimington überzeugt. Rimington lobte den Roman in ihrer Laudatio als "fast archetypisches Buch", das "zur Menschheit des 21. Jahrhunderts" spreche [4]. Julian Barnes erhielt daher im Oktober 2011 für "The sense of an ending"/"Vom Ende einer Geschichte" den renommiertesten englischen Literaturpreis, den Man Booker Prize.

Ausgaben[Bearbeiten]

Rezensionen[Bearbeiten]

in der englischsprachigen Presse[Bearbeiten]

in der deutschsprachigen Presse[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.buecher.de/shop/booker-prize/vom-ende-einer-geschichte/barnes-julian/products_products/detail/prod_id/34286938/
  2. http://www.zeit.de/2011/50/L-B-Barns
  3. http://www.nzz.ch/lebensart/buchrezensionen/wenn_der_severn_rueckwaertsfliesst_1.13885700.html
  4. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/britischer-literaturpreis-julian-barnes-gewinnt-booker-prize-a-792633.html