Vom Fischer und seiner Frau

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Dieser Artikel behandelt das Märchen; zum Film siehe Vom Fischer und seiner Frau (2013).
Vom Fischer und seiner Frau; Darstellung von Alexander Zick

Von dem Fischer un syner Fru (Vom Fischer und seiner Frau) ist ein Märchen (ATU 555). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 19 (KHM 19) auf Plattdeutsch. Bis zur 4. Auflage schrieb sich der Titel Von den Fischer und siine Fru, Von dem Fischer un siine Fru, Van den Fischer un siine Fru bzw. Van den Fischer und siine Fru.

Inhalt[Bearbeiten]

Ein Fischer, der mit seiner Frau in einer armseligen Hütte (Pissputt) lebt, angelt im Meer einen Butt, der als verwunschener Prinz um sein Leben bittet; der Fischer lässt ihn wieder frei. Als Ilsebill, die Frau des Fischers, das hört, fragt sie ihn, ob er sich denn im Tausch gegen die Freiheit des Fisches nichts von ihm gewünscht habe. Sie drängt ihren Mann, den Butt erneut zu rufen, um sich eine kleine Hütte zu wünschen. Diesen Wunsch erfüllt ihm der Zauberfisch. Doch schon bald ist Ilsebill damit nicht mehr zufrieden. Erneut verlangt sie von ihrem Mann, den Butt an Land zu rufen und einen größeren Wunsch vorzutragen.

Der bekannt gewordene Refrain mit des Fischers Ruf an den Butt lautet jedes Mal:

Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wol will.

Der Fischer teilt die Wünsche seiner Frau nicht, beugt sich aber trotz wachsender Angst ihrem Willen. Je maßloser Ilsebills Wünsche werden, desto mehr verschlechtert sich das Wetter. Die See wird erst grün, dann blauviolett, dann schwarz, und immer heftiger wird der Sturm. Nach der Hütte verlangt sie ein Schloss. Als sie auch damit nicht zufrieden ist, möchte sie König, Kaiser und schließlich Papst werden. Alle diese Wünsche werden vom Butt erfüllt und angekündigt mit der Formel: Geh nur hin, sie ist es schon.

Als sie schließlich fordert, wie der liebe Gott zu werden, wird sie wieder zurück in die armselige Hütte versetzt, wie am Anfang. (Ga man hen. Se sitt all weder in’n Pissputt.)

Herkunft[Bearbeiten]

Philipp Otto Runge schickte Johann Georg Zimmer, dem Verleger von Achim von Arnims Des Knaben Wunderhorn, in einem Brief vom 24. Januar 1806 das eigenhändig aufgezeichnete Märchen, zusammen mit einem weiteren, das als Von dem Machandelboom ebenfalls in Grimms Märchen eingehen sollte. Er gab in dem Brief an, sich an die mündliche Überlieferung gehalten zu haben, wie es sich angehört habe, und fand es eigentlich erhaben Patetisch und wird durch die Kümmerlichkeit u gleichgültigkeit des Fischers sehr gehoben. Der Sprachform des Textes nach mischten sich vielleicht pommersche Kindheitserinnerungen mit neueren aus Hamburg. Runge hatte die Märchen wohl schon früher bei Erzählabenden wiedergegeben. Offenbar auf Achim von Arnims öffentlichen Aufruf hin, volksläufige Literatur einzusenden, schrieb er sie auf. Über diesen gelangte sein Text an die Brüder Grimm. Runge schrieb später noch mindestens drei weitere, variierte Fassungen, von denen eine in Abschrift Friedrich Heinrich von der Hagens 1812 durch Johann Gustav Büsching veröffentlicht wurde.[1]

Grimms Erstdruck von 1812 beruht auf Runges erster Fassung, von der Wilhelm Grimm 1808 eine Abschrift erstellte. Büschings Erstveröffentlichung hatte wenig Einfluss. Ab der 5. Auflage von 1843 beruht Grimms Text stattdessen auf Runges vierter Fassung, die sein Bruder Daniel 1840 in schlechtem Hamburgerisch abdruckte. Grimms spätere Auflagen unterscheiden sich nicht.[2]

Quelle und Rezeption[Bearbeiten]

  • Die Brüder Grimm erhielten ihre Fassung in vorpommerischer Mundart von Philipp Otto Runge. Er hat die Handlung im Bereich seiner Heimat Wolgast, möglicherweise am Achterwasser angesiedelt. In Warthe am Achterwasser ist ein entsprechendes touristisches Arrangement aufgebaut.
  • Vgl. Mann und Frau im Essigkrug in Ludwig Bechsteins Deutschem Märchenbuch.
  • Die Gestalt des Butt dürfte in früherer Zeit eine Meeresgottheit gewesen sein. So wird die These gestützt, dass es sich bei Märchen um abgesunkene Mythen handeln kann, vgl. auch „Frau Holle“.
  • In der Stadt Stade befindet sich ein Brunnen, der die Szene des Anglers am Wasser mit dem Butt zeigt.
  • Vordergründig ist es eine moralisierende Parabel über die Volksweisheit, dass Maßlosigkeit damit bestraft wird, alles zu verlieren. Zeitgenossen deuteten das Märchen als Satire auf Napoleon und seine Verwandtschaft.
  • Der Psychoanalytiker Otto Gross begreift das Verhalten der Protagonisten als Ausdruck des der patriarchalischen Gesellschaft innewohnenden Machtwillens und verweist auf die Erkenntnis des Märchens, dass „Gott allein vor jedem fremden Eingriff in das Innerste gesichert ist“ (vgl. Otto Gross: Zum Solidaritätsproblem im Klassenkampf).
  • Wilhelm Salber vergleicht Frauen, die alles in Dramatisierungen über andere tun, ohne selbst etwas damit anzufangen. Das Märchen zeige, wie alles Metamorphose und nicht auf abstrakten Sinn zu reduzieren ist. [3]

Ausgaben[Bearbeiten]

Adaptionen[Bearbeiten]

Fabian Busch und Katharina Schüttler im Juni 2013 während der Dreharbeiten zu einer Neuverfilmung im Rahmen der ARD-Reihe Sechs auf einen Streich.
  • Das Märchen ist auf diversen deutschen Theaterbühnen gespielt worden. Diese Bühnenadaptionen haben zeitgenössische psychosoziale Interpretationen der Beziehung zwischen Mann und Frau angeregt. Hierbei wird auch auf ein Versagen des Fischers eingegangen: Da der Mann die Wünsche seiner Frau einfach wörtlich erfüllt und Auseinandersetzungen mit ihr aus dem Weg geht, anstatt sich ihren tieferen Bedürfnissen und Beweggründen zuzuwenden, vernachlässige er seine Partnerin, was deren innere Unruhe, Unzufriedenheit und Maßlosigkeit noch verstärke.[4]
  • Eine Biedermeier-Posse mit dem Titel ‎Die beiden Nachtwandler oder Das Notwendige und das Überflüssige schrieb der österreichische Theaterdichter Johann Nestroy 1836. Er übertrug das Thema ins wienerische Lokalkolorit und machte daraus ein märchenhaftes Zauberstück, das aber ganz ohne wirkliche Zaubereien auskam.
  • Das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Ein großes buntes Weihnachtsmärchenspiel in 3 Aufzügen von Robert Bürkner
  • Der Komponist Friedrich Klose schuf 1902 die Oper Ilsebill. Das Märchen vom Fischer und seiner Frau.
  • Komposition von Othmar Schoeck: Vom Fischer und syner Fru op. 43 (1928–1930). Dramatische Kantate in 7 Bildern für 3 Solostimmen und Orchester. Libretto: Philipp Otto Runge (nach einem Märchen der Brüder Grimm). UA 3. Oktober 1930 Dresden (Staatsoper) unter der Leitung von Fritz Busch.
  • De Fisker un sien Fro. Fragment einer dramatischen Ballade (um 1930) von Moritz Jahn (1884-1979) in seinem Gedichtzyklus Ulenspegel un Jan Dood. Niederdeutsche Gedichte. In: Moritz Jahn: Gesammelte Werke II: Niederdeutsche Dichtungen, hrsg. von Hermann Blome, Göttingen 1963, S. 192-198.
  • Vom Fischer und seiner Frau (Fernsehproduktion der Augsburger Puppenkiste, s/w, 1958)
  • De dumme Ilsebill, ist ein Mundart-Hörspiel des NDR aus dem Jahre 1958. Unter der Regie von Hans Mahler sprachen Otto Lüthje, Aline Bußmann und Günther Siegmund.
  • Im Jahre 1962 entstand unter der Regie von August Everding ein Hörspiel für Kinder, in dem Hans Cossy, Edith Schultze-Westrum, Robert Graf und Benno Sterzenbach die Hauptrollen sprachen.
  • Vom Fischer und seiner Frau (Fernsehproduktion der Augsburger Puppenkiste, ital., s/w, 1966)
  • Die Geschichte vom Fischer und seiner Frau (DEFA-Trickfilm, DDR 1976, Regie: Werner Krauße, ca. 13 min.)
  • Das Märchen wurde für Günter Grass zum Ausgangspunkt seines Romans Der Butt (1977). Grass wendet dort als Feminist in mehreren Episoden von der Steinzeit über die Romantik bis zur Gegenwart die Schuldfrage neu und entlastet Ilsebill, die Frau als solche.
  • 1993 komponiert Wolfgang Söring die Oper Vom Fischer und seiner Frau (Libretto Barbara Hass) für Kinder ab 5 Jahren anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Theater für Kinder in Hamburg. Uraufführung am 28. Februar 1993
  • Die Filmemacherin und Autorin Doris Dörrie ließ sich 2004 von diesem Märchen zu dem Film Der Fischer und seine Frau inspirieren.
  • Der Komponist Georg Katzer schrieb „Vom Fischer un sin Fru...“, ein modernes Märchen für Solostimmen und / oder Chor a capella
  • Feridun Zaimoglu schuf 2008 eine Neufassung des Märchens, zu der der Künstler Hans-Ruprecht Leiß 30 Lithografien paraphrasierte.[5]
  • Die Band Caputt verwendete das Märchen als Vorlage für den Song Mantje Mantje Timpe te.
  • Der Komponist Ingfried Hoffmann komponierte als Auftragsarbeit für die Kinderoper Köln die Jazzoper Vom Fischer und seiner Frau für Kinder ab 5 Jahren, Libretto Barbara Hass. Uraufführung 16. Mai 2010
  • Für die ARD-Reihe Sechs auf einen Streich entstand 2013 die Verfilmung Vom Fischer und seiner Frau mit Fabian Busch als Fischer Hein und Katharina Schüttler als Ilsebill.

Literatur[Bearbeiten]

  • Philipp Otto Runge, Jacob und Wilhelm Grimm: „Von dem Machandelboom“. „Von dem Fischer un syner Fru“. Zwei Märchen textkritisch herausgegeben und kommentiert von Heinz Rölleke. Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 2008, ISBN 978-3-86821-045-3. (Schriftenreihe Literaturwissenschaft; Bd. 79)
  • Verena Kast: Mann und Frau im Märchen. Eine psychologische Deutung. 2. Auflage. dtv, München 1988, ISBN 3-530-42101-4, S. 12–35.
  • Hans Jellouschek: Wie man besser mit den Wünschen seiner Frau umgeht. Das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Reihe „Weisheit im Märchen“, Kreuz-Verlag.
  • Eberhard Rohse: Märchenmodelle als poetisches Potential zwischen Zeitroman und Theodizeediskurs: August Hinrichs' "Das Licht der Heimat" und Moritz Jahns "De Fisker un sien Fro". In: Eberhard Rohse, Dieter Stellmacher et al. (Hrsg.): August Hinrichs und Moritz Jahn. Ein literaturwissenschaftlicher Vergleich. 1870-1970. Peter Lang, Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt a.M. 2011, ISSN 1434-3061 ISBN 978-3-631-60820-3 (Literatur - Sprache - Region; Bd. 8), S. 217-254, bes. S 243-254.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelbelege[Bearbeiten]

  1. Philipp Otto Runge, Jacob und Wilhelm Grimm: „Von dem Machandelboom“. „Von dem Fischer un syner Fru“. Zwei Märchen textkritisch herausgegeben und kommentiert von Heinz Rölleke. Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 2008, ISBN 978-3-86821-045-3. (Schriftenreihe Literaturwissenschaft; Bd. 79)
  2. Philipp Otto Runge, Jacob und Wilhelm Grimm: „Von dem Machandelboom“. „Von dem Fischer un syner Fru“. Zwei Märchen textkritisch herausgegeben und kommentiert von Heinz Rölleke. Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 2008, ISBN 978-3-86821-045-3. (Schriftenreihe Literaturwissenschaft; Bd. 79)
  3. Wilhelm Salber: Märchenanalyse (= Werkausgabe Wilhelm Salber. Band 12). 2. Auflage. Bouvier, Bonn 1999, ISBN 3-416-02899-6, S. 103-105, 112.
  4. http://www.theaterderdaemmerung.de/fischer.html
  5. http://www.edition-eichthal.de