Vorschule

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Vorschule (Begriffsklärung) aufgeführt.

Vorschule ist die Erziehung vor dem Schuleintritt, z. B. im Kindergarten und gesonderten Vorschuleinrichtungen (Schulsystem), die schulische Leistungen vorbereiten und besonders die Benachteiligung von Kindern aufgrund ihrer sozialen Herkunft abbauen soll. Die Vorschulerziehung wird in den deutschsprachigen Staaten sehr unterschiedlich gehandhabt.

Deutschland[Bearbeiten]

Ursprüngliche Bezeichnung im Kaiserreich und Nennung im Grundgesetz[Bearbeiten]

Im Deutschen Kaiserreich (bis 1918) bezeichnete das Wort "Vorschule" eine Schulform, die von der 1. bis zur 3. Klasse reichte. Sie konnte anstelle der Grundschule besucht werden, war ein Jahr kürzer und bereitete aufs Gymnasium vor. Ihr Besuch kostete erhebliche Gebühren, sodass er den wohlhabenderen Bevölkerungsschichten vorbehalten war. Dadurch hatten die Kinder aus diesen Schichten einen Vorteil in der weiteren höheren Bildung (Gymnasium, Universität). In der Weimarer Republik wurden die Vorschulen deshalb abgeschafft.

Noch heute findet sich im Art. 7 Abs. 6 des Grundgesetzes der Satz "Vorschulen bleiben aufgehoben", der aus der Weimarer Reichsverfassung übernommen wurde. Der Satz bezieht sich auf die privaten Vorschulen, die auf den Besuch des Gymnasiums vorbereiten sollten. Sie wurden 1920 durch die kostenlose staatliche Grundschule ersetzt. Vorschulen sollen nach heutigem Sprachgebrauch auf die Grundschule vorbereiten.

Vorschule[Bearbeiten]

Eine typische Vorschule – zwischen Kindergarten und Grundschule – gibt es heute (mit Ausnahme zum Beispiel in Hamburg) kaum noch. Schulkindergärten oder Vorschulklassen werden, wo sie noch bestehen, abgebaut und dem Kindergartenbereich zugeordnet. Eine solche (auf das letzte Jahr vor der Einschulung konzentrierte) Vorbereitung auf die Schule wurde als spät einsetzend und zu kurz greifend kritisiert. In der Bildungsdebatte der 70er Jahre in der Bundesrepublik stand die Frage der Zuordnung der 5-jährigen Kinder schon einmal auf der Tagesordnung und wurde bereits damals zugunsten des Kindergartens entschieden.

In der DDR war dies immer unumstritten. Der Vorschulunterricht wurde i.d.R. ein Jahr vor der Einschulung im gleichen Gebäude durchgeführt in dem sich die künftige Schule befand. Der Unterricht sollte den Kindern helfen, um sich auf den sie zukommenden Schulunterricht zu orientieren und am Rhythmus anzupassen. Zum Unterricht gehörten Sprachübungen, Handmotorik, mathematische Vorstellungen und Kreativität.[1]

Die im Zuge der PISA-Studien kritisierten Defizite der frühen Bildung richten sich nicht auf das Fehlen einer Vorschule, sondern auf die zu wenig systematische und ungenügend neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen folgende frühe Bildung in den verschiedenen Formen der Kindertagesbetreuung.

Kindergarten[Bearbeiten]

In Kindergärten, die die Kinder ab dem dritten Lebensjahr besuchen, gibt es im Gegensatz zu Schulen keinen allgemeinverbindlichen Lehrplan. Art. 7 Grundgesetz billigt zwar der Schule einen (gegenüber dem Elternwillen) eigenständigen Bildungsauftrag zu, nicht aber den Einrichtungen der Kindertagesbetreuung. Die inhaltliche Gestaltungshoheit, auch die Festsetzung von Bildungszielen, liegt beim Träger der Einrichtung. Seit 2004 gibt es (auch infolge der PISA-Studien) eine verstärkte Diskussion über die frühe Bildung. Inzwischen haben fast alle Bundesländer Bildungspläne, die zumeist über Vereinbarungen mit den Trägern eine gewisse Verbindlichkeit erlangen sollen.

Vorschulähnliche Erziehung an Grundschulen[Bearbeiten]

Aktuelle Einrichtungen (Stand: 2013)[Bearbeiten]

In den in einigen Bundesländern bestehenden Schulkindergärten bzw. in den baden-württembergischen Grundschulförderklassen werden Kinder aufgenommen, die bei Erreichen des Alters für die allgemeine Schulpflicht noch nicht die erforderliche Schulreife haben. In den Förderklassen erwerben die Kinder neben den sozialen Kompetenzen auch fehlende sprachliche, graphomotorische und kognitive Fähigkeiten. Ziel dieser Einrichtungen ist es, eine Einschulung in einer Grundschule zum Beginn des nächsten Schuljahres zu ermöglichen. Kinder, deren Defizit nur im Bereich der deutschen Sprache liegt, weil z.B. die Eltern nicht deutschsprachig sind, gehören nicht zur Klientel.[2] Das heißt, der Ausgleich von defizitären Deutschkenntnissen gehört nicht zum Aufgabenbereich einer Grundschulförderklasse.

1970 wurden in Hamburg die ersten Vorschulklassen eingerichtet.[3] Die existierenden Vorschulklassen sind Einrichtungen der Grundschulen. Im Schuljahr 2013/14 wurden an 237 von 246 Grundschulen in Hamburg Vorschulklassen eingerichtet.[4] In die Vorschule aufgenommen werden schulpflichtige Kinder, die vom Besuch der Grundschule zurückgestellt worden sind und Kinder, bei denen im Rahmen der im Hamburgischen Schulgesetz vorgeschriebenen Sprachstandserhebung Defizite festgestellt worden sind.[5] Bei zuurückgestellten Kinder besteht freie Wahl, ob sie eine Vorschulklasse an einer Grundschule besuchen oder das Kind weiter in einer Kindertagesstätte betreut wird. Für Kinder, bei denen dagegen im Rahmen des Vorstellungsverfahrens ein ausgeprägter Sprachförderbedarf ermittelt wurde, ist ein Besuch der Vorschulklassen vor der Einschulung verpflichtend.[6]

In Bayern erhalten Kinder, deren Eltern beide nicht deutschsprachiger Herkunft sind und denen durch Sprachstandserhebung unzureichende Deutschkenntnisse bescheinigt werden, eine 240 Stunden dauernde spezielle Deutschförderung, den sogenannten Vorkurs. Die Vorkurse finden über einen Zeitraum von insgesamt eineinhalb Jahren statt.[7] Verpflichtend sind sie für schulpflichtige Kinder ausländischer Herkunft ohne ausreichende Deutschkenntnisse, die von der Einschulung zurückgestellt werden[8] Die Vorkurse werden in enger Kooperation von pädagogischen Fachkräften der Kindergärten und Grundschullehrern durchgeführt.

Frühere Einrichtungen[Bearbeiten]

Im Schulversuch (in Hessen und in Nordrhein-Westfalen) wurde in den 1970er Jahren die Grundschulzeit an manchen Schulen um ein Jahr vorgezogen und verlängert. Die Kinder wurden auf Wunsch der Eltern bereits ein Jahr vor Erreichen der Schulpflicht in die Schule aufgenommen. Im Rahmen des Schulversuchs sollten die Kinder spielerisch in den Schulalltag und an das Lernen herangeführt werden. Wegen der vorzeitigen Einschulung wurde der Schulversuch umgangssprachlich auch Vorschule genannt.

In Berlin wurde im Rahmen einer Schulreform die Vorschule zum letzten Mal im Schuljahr 2004/2005 durchgeführt. Gleichzeitig wurde das Einschulungsalter der Kinder um ein halbes Jahr vorverlegt. Dies hat zur Folge, dass 2005 anderthalb Jahrgänge eingeschult wurden. Die auf die Schule vorbereitende Erziehung soll zukünftig in den Kindergärten umgesetzt werden. Danach sollen die Kinder in eine "flexible Eingangsphase", die zwischen einem und drei Jahren dauern kann, kommen. Nach der Eingangsphase kommen die Kinder dann in die 3. Klasse. Mit diesem Konzept soll erreicht werden, dass die Kinder in der 3. Klasse in etwa den gleichen Leistungsstand haben.

Österreich[Bearbeiten]

In Österreich werden nicht schulreife, aber schulpflichtige Kinder in die Vorschule aufgenommen. Das bedeutet, dass diese Kinder in einer eigenen Vorschulklasse unterrichtet werden, sofern es diese an der Schule gibt, oder sie werden innerhalb der ersten Klasse Volksschule als Vorschulkinder geführt und nach dem Lehrplan der Vorschule unterrichtet. Ebenso kann es während des ersten Schuljahres zu einer Rückstellung in die Vorschule kommen, aber auch ein Aufstieg in die Volksschule ist innerhalb des Jahres möglich (flexible Schuleingangsphase). Die Kinder werden bereits im Kindergarten speziell gefördert, damit der Besuch einer Vorschule möglichst entfallen kann.

Die Vorschulzeit gilt als Teil der Schulzeit und wird der neunjährigen Schulpflicht angerechnet, womit der Besuch einer Polytechnische Schule entfallen kann.

Vorschulen in anderen Ländern[Bearbeiten]

Finnland[Bearbeiten]

Finnland hat, wie die PISA-Studie zeigt, eines der erfolgreichsten Bildungssysteme weltweit. Im Vergleich scheint das finnische Bildungssystem dem deutschen deutlich überlegen zu sein.

Bereits in den frühen Jahren wird in Finnland die Bildung der Kinder als förderungs- und unterstützungswürdig angesehen, ohne dass schulische Bildungsformen auf den vorschulischen Bereich übertragen werden. Die Kinder werden relativ spät eingeschult (7 Jahre). Statt einer frühen Einschulung wird auf die Qualifikation der Fachkräfte im Vorschulbereich, die Personalausstattung, einer wissenschaftliche Begleitung und Unterstützung besonderen Wert gelegt.

Grundsätzlich ist in Finnland der Staat für die Betreuung der Kinder zuständig. Kinder haben ein Recht auf Betreuung und Erziehung (unabhängig von der Form). Die Kindertagesstätten gehören in Finnland zum Bildungssystem - im Gegensatz zu Deutschland, wo der Kindergarten von den Sozialministerien beaufsichtigt wird (nicht vom Kultusministerium eines Bundeslandes).

In Finnland besuchen 55 % der Kinder unter 7 Jahren eine Kindertagesstätte. Die Öffnungszeiten betragen ca. 10 Stunden; es gibt aber auch Tagesstätten die 24 Stunden geöffnet haben. In der Regel wird ganz- oder halbtägige Aufnahme des Kindes angeboten. Die Gruppen werden altersgemischt in Ganztags- oder Halbtagsgruppen aufgenommen. Meist besteht der Tag aus folgenden Schwerpunkten (N. Kuch, S. 5):

  • Zusammenkommen am Morgen
  • Feste Essenszeiten
  • Ruhe am Mittag
  • Spiele draußen
  • musikalische und Sprachförderung
  • Bildung soll angeboten werden, ist aber nicht verpflichtend.

Die Gruppengröße für Kinder unter 3 sind 12 Kinder, für 3-7jährige 20 Kinder. Der Betreuungsschlüssel beträgt für vier Kinder unter 3 Jahren oder sieben Kinder über 3 Jahren eine Fachkraft (in der Regel die inzwischen an der Hochschule ausgebildete Erzieherin; s. u.).

Ein großer Anteil der Kosten für das Bildungssystem werden in Finnland in das Vorschulsystem investiert. Dahinter steckt die Idee, dass frühe Erziehung ein wesentlicher Bestandteil der Bildung ist. Wichtige Schwerpunkte der frühen Bildung sind:

  • Ethik und Philosophie
  • Gesundheit
  • Körperliche und motorische Entwicklung
  • Kunst und Kultur
  • Mathematik
  • Sprache und Interaktion
  • Umwelt und Naturkunde.

(Siehe dazu Literatur: N. Kuch)

Die Ziele der Vorschulerziehung in Finnland sind (nach Natalija Kuch):

  • Das positive Selbstbild der Kinder zu festigen und das Lernvermögen zu fördern, wobei spielerisches Lernen im Vordergrund stehen soll.
  • Das Kind soll lernen, sich als Mitglied der Gruppe zu verstehen.
  • Sie sollen wissen, was für ihr gesundheitliches Wohlergehen wichtig ist.
  • Die sprachliche Identität soll entwickelt werden: Sich vielfältig ausdrücken, verschiedene Formen der Kunst kennenlernen - auch mit solchen aus anderen Kulturen.
  • Sie sollen ihre Umwelt erkunden und analysieren können; sie sollen sich an Schönheit und Vielfalt erfreuen können und die Folgen ihrer Handlungen für die Umwelt erkennen. (N. Kuch, S. 8)

Die Ausbildung von Erzieherinnen wurde 1995 in die Universitäten geholt - in Finnland allerdings nicht unumstritten. Zurzeit gibt es für diesen Studiengang eine Aufnahmeprüfung, weil die Nachfrage sehr groß ist. Erzieherinnen sind in Finnland wie die Lehrer kommunale Angestellte. In der Regel ist dieses Personal gewerkschaftlich organisiert. Aber auch in Finnland verdienen Erzieherinnen (wie in Deutschland) weniger als die Kollegen im Primarschulbereich. Die Sozialerzieherin konzentriert sich stärker auf die Familie und "Sozialhilfe". Dieser Beruf ist erst in letzter Zeit für die Vorschulerziehung von Bedeutung.

Die Kinderpflegerinnen-Ausbildung wurde 1994 in die Ausbildungsschiene Sozialpfleger überführt. Sozialpfleger sollen möglichst breit in unterschiedlichen Bereichen und Gruppen eingesetzt werden können:

  • Betreuung und Pflege
  • Entwicklungsförderung
  • Rehabilitation

Schließlich und endlich gibt es noch den Spielgruppenleiter beispielsweise in Ausbildungsstätten der Lutheranischen Kirche.

Frankreich[Bearbeiten]

Hauptartikel: École maternelle

Vereinigte Staaten[Bearbeiten]

In den Vereinigten Staaten besteht eine große Bandbreite von öffentlichen und privaten Vorschulprogrammen, die mehr als die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren und fast alle Fünfjährigen erreichen.[9] Das bedeutendste ist der Kindergarten, der in den USA kein Kinderbetreuungs-, sondern ein Bildungsprogramm der Grundschulen ist. Im Kindergarten werden die Fünfjährigen, die ein Jahr später in die erste Klasse gehen sollen, alphabetisiert und ganztägig nach einem altersgemäßen Grundschulcurriculum unterrichtet. Auch die privaten Day Care Centers und Nursery Schools, in denen besserverdienende Berufstätige ihre Kinder ganztags unterbringen, sowie die privaten Preschools, die preiswerter sind, aber nur Teilzeitprogramme anbieten, verstehen sich eher als Bildungseinrichtungen denn als Kinderbetreuungsservice. In solchen Einrichtungen wird nicht nur gespielt, gesungen und gebastelt, sondern auch grundschulpropädeutisch gelernt. Ein kleiner Teil der Vierjährigen erlernt hier bereits das Lesen, Schreiben und Rechnen. Auch Fremdsprachenunterricht findet gelegentlich statt. Migrantenkinder, die solche Ganztagsprogramme besuchen, erlernen Englisch per Immersion und sprechen es später meist auf muttersprachlichem Niveau. Viele amerikanische Vorschulprogramme – vor allem die ambitionierten Day Care Centers und Nursery Schools – lassen sich heute ähnlich akkreditieren, wie dies früher nur bei Hochschulen üblich war. Um soziale Ungerechtigkeiten auszugleichen – der Besuch guter Vorschulprogramme ist kostspielig und steht nur der Mittelschicht zur Verfügung – wurde 1965 das staatliche Programm Head Start begründet, in dem Kinder aus bildungsfernen Sozialschichten u. a. kostenlose Vorschulbildung erhalten können.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Natalija Kuch: Vorschulerziehung in Finnland - Versuch eines Vergleichs mit der Vorschulerziehung in Deutschland. Studienarbeit, GRIN Verlag für akademische Texte, Dokument Nr. V140567, 2007, ISBN 978-3-640-48458-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gerhard Witzlack, Illustr.: Werner Klemke: Bald bin ich ein Schulkind. Ein Buch zur Vorbereitung der Kinder auf die Schule Verlag Volk und Wissen Berlin 1973, EAN: B005Q6GU4I.
  2. http://www.schulamt-konstanz.de/,Lde/784541 Schulamt Konstanz: Fragen und Antworten zum Thema Grundschulförderklassen
  3. Vorschulklassen, Beispiel August-Hermann-Francke-Schulen, Hamburg
  4. Abfrage bei HamburgService - Schulinfosystem
  5. Richtlinie für die Bildung und Erziehung in Vorschulklassen, Hamburg
  6. Regelungen an Hamburger Vorschulen: Elternwahlrecht
  7. Vorkurs Deutsch 240, Bayern
  8. Staatsinstitut für Frühpädagogik: Kindergärten mit integrierter Sprachförderung - Vorkurse Deutsch
  9. Why Should Schools Be Involved in Early Childhood?

Weblinks[Bearbeiten]