Vorurteil

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Das Wort Vorurteil hat verschiedene Bedeutungen:

  1. Alltagssprachlich ist ein Vorurteil ein vorab wertendes Urteil, das eine Handlung leitet und in diesem Sinne endgültig ist. Es ist eine meist wenig reflektierte Meinung – ohne verstandesgemäße Würdigung aller relevanten Eigenschaften eines Sachverhaltes oder einer Person. Anders als ein Urteil ist das wertende Vorurteil für den, der es hat, häufig Ausgangspunkt für motivgesteuerte Handlungen, manchmal zweckdienlich, ein andermal zweckwidrig. Umgangssprachlich wird Vorurteil auch als Synonym für Vorliebe oder Bevorzugung benutzt. Im Unterschied zum Vorurteil sind diese nicht endgültig, können aber ein entsprechendes Vorurteil bestätigen und dauerhaft festlegen. Trotz gegenteiliger Bemühungen (s. Rehabilitierung des Vorurteils) ist der Ausdruck „Vorurteil“ in der Alltagssprache meist abwertend und bezeichnet oft jede Art von negativer Kritik, die an einer Sache geübt wird.
  2. Im ursprünglich semantischen Sinne ist ein Vorurteil ein vorläufiges Zwischenergebnis während der Entwicklung eines Urteils.
  3. Psychologisch bezeichnet der Begriff eine Einstellung gegenüber Gruppen, mit negativen affektiven (Feindseligkeit), kognitiven (Stereotypen) und Verhaltenskomponenten (Diskriminierung).
  4. Da auch Wissenschaftler, die Vorurteile erforschen, dabei von Vorurteilen behindert werden, bemühen sich einige geisteswissenschaftliche Ansätze um deren Aufklärung, siehe Vorurteilsforschung.

Allgemeines[Bearbeiten]

Definitionen[Bearbeiten]

Die klassische Definition des „Vorurteils“ stammt von Gordon Allport aus seiner Arbeit The nature of prejudice („Die Natur des Vorurteils“) von 1954. Nach ihm hat es die beiden Komponenten Einstellung und Überzeugung und äußert sich bei zunehmender Stärke in den Stufen Verleumdung, Kontaktvermeidung, Diskriminierung, körperliche Gewalt, Vernichtung (s. Allport-Skala).

Werner Bergmann definierte: „Im Alltagsverständnis gebrauchen wir den Begriff Vorurteil, um ausgeprägte positive und negative Urteile oder Einstellungen eines Mitmenschen über ein Vorurteilsobjekt zu bezeichnen, wenn wir sie für nicht realitätsgerecht halten und der Betreffende trotz Gegenargumenten nicht von seiner Meinung abrückt. Da wir in unseren Urteilen zumeist nur unsere Sichtweise wiedergeben und Urteile fast immer gewisse Verallgemeinerungen enthalten, sind in jedem Urteil Momente des Vorurteilshaften zu finden.“[1]

Das Vorurteil hat viele Eigenschaften mit dem Stereotyp gemeinsam. Vorurteile gehören wahrscheinlich zur psychischen Ökonomie. Das mentale Operieren mit Stereotypen vereinfacht, entlastet in der reizüberflutenden Informationsfülle.

Menschen ändern ihre Einstellungen am wahrscheinlichsten, wenn sie sonst Nachteile oder zumindest weniger Vorteile erleiden. Das Vorurteil „moderne Kunst ist elitär“ kann ein Mensch sein Leben lang (fast) ohne Nachteile aufrechterhalten (außer man grenzt ihn deswegen aus).

Nach der Idolenlehre von Francis Bacon von 1620 lassen sich Einschränkungen in der Urteilsfähigkeit als Vorurteile definieren.

Kritische Betrachtung des Vorurteils[Bearbeiten]

Historisch bedeutsam kritisierte die Frühaufklärung durch Vorurteile getrübtes Denken. So forderte der Aufklärer Christian Thomasius dazu auf, überkommene Urteile und Denkweisen eigenständig zu prüfen und gegebenenfalls abzulegen. Hierin wurzelt der spätere Wahlspruch der Aufklärung: "Wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" (Sapere aude). Die Gattungen, in die Vorurteile eingeteilt wurden, wiesen auf verschiedene Ursachen fehlerhaften Urteilens.

Der aktuelle, umgangssprachliche Begriff des Vorurteils schließt daran an. Propaganda, Werbung usw. stiften ihn nichtsdestoweniger auch aktiv.

Rehabilitierung des Vorurteils[Bearbeiten]

Hans-Georg Gadamer sah in der aufklärerischen Philosophie eine Diskreditierung des Vorurteils durch die Ablehnung von Autorität und Tradition. Indem Gadamer den antiken hermeneutischen Zirkel weiterentwickelt, ist das Vorurteil hier neutral, da jeglicher Sachverhalt (sei es ein Text) mit der Vormeinung des Subjekts abgeglichen wird, welche sich empirisch konstituiert aufgrund der Erfahrungen und der Tradition, in der es steht. Nachdem neue Erfahrungen gesammelt wurden, werden die Vormeinungen bzw. Vorurteile des Subjekts damit abgeglichen und folglich werden sie zu einem Urteil aus besagtem Sachverhalt und Vorurteil; analog zur Hegelschen Dialektik: Synthese aus These und Antithese. Somit ist das Vorurteil nach Gadamer losgelöst von positiven oder negativen Wertungen.

Arten der Vorurteile[Bearbeiten]

Positive und negative Vorurteile[Bearbeiten]

„Das negative Vorurteil ist mit dem positiven eins. Sie sind zwei Seiten einer Sache“, so formuliert es Max Horkheimer in seinem Aufsatz „Über das Vorurteil“. Vorurteile werden heute meist per se als negativ empfunden: Wenn in Debatten über Vorurteile gestritten wird, geht es fast ausschließlich um negative Vorurteile. Wie entscheidend Vorurteile für unser tägliches Überleben sind, gerät darüber in Vergessenheit. Der moderne Alltag ist ohne Vorurteile nicht zu bewältigen. Horkheimer erklärt: „Im Dschungel der Zivilisation reichen angeborene Instinkte noch weniger aus als im Urwald. Ohne die Maschinerie der Vorurteile könnte einer nicht über die Straße gehen, geschweige denn einen Kunden bedienen.“ Alle Eigenschaften, die dazu führen, dass negative Vorurteile kritisch gesehen werden, bergen umgekehrt positive Folgen. Der von Albert Einstein überlieferte Satz "Ein Vorurteil ist schwerer zu spalten als ein Atom" birgt bezüglich der sozialen Orientierung eine entscheidende Hilfestellung. Jedes Individuum hat den Wunsch die Welt zu beurteilen, sein Ge- oder Missfallen an den Geschehnissen auszudrücken – dies ist ohne Vorurteile ein unmögliches Unterfangen. Oft sind kollektive Vorurteile das Ergebnis historisch gewachsener Interpretationsmuster, eine "normale" Vereinfachung um die Vielfalt der sozialen Wirklichkeit irgendwie zu bündeln.

Positive Vorurteile spielen eine entscheidende Rolle im Wirtschaftsleben, denn positive Vorurteile über z. B. eine Marke oder ein Produkt sind entscheidend für jedes Unternehmen, das langfristig und wirtschaftlich erfolgreich am Markt existiert bzw. existieren will: Ein VW Golf ist besonders zuverlässig, ein Fahrzeug von Alfa Romeo ist sportlich, bei ALDI kann billig eingekauft werden oder die Deutsche Lufthansa ist eine pünktliche und sichere Fluggesellschaft. Der Aufbau und die Führung von Marken erfordern den behutsamen und sensiblen Umgang mit existierenden Vorurteilen, damit das Vertrauen in ein solches Marken-Vorurteil in der Kundschaft nicht erschüttert wird. Oft wurden solche "positiven Vorurteile" über viele Jahrzehnte aufgebaut, d. h., das Unternehmen hat kontinuierlich eine Produktleistung erbracht und auf diese Weise es geschafft, sich einen guten Ruf bzw. ein positives Vorurteil aufzubauen. Die sozialen Mechanismen, die zu negativen Vorurteilen führen, funktionieren auch auf dem umgekehrten Wege – mit, wirtschaftlich gesehen, äußerst positiven Folgen. Markensoziologisch betrachtet ist eine Marke in erster Linie ein von vielen Menschen geteiltes positives Vorurteil über eine Produktleistung. Diese Leistung ist mit einem Namen verkoppelt.

Aufwertende Vorurteile[Bearbeiten]

Vorurteile sind nicht notwendigerweise abwertend. Zu den aufwertenden Vorurteilen können die Sicht des Verliebten auf die Geliebte, der Blick auf die eigene Nation oder das Vertrauen eines kleinen Kindes in die unbegrenzten Fähigkeiten und Kräfte der Eltern gezählt werden. Auch Mythen, die sich um bestimmte Gegenstände, Sachverhalte oder Personen ranken, können als positive (manchmal auch negative) Vorurteile betrachtet werden, welche die Basis für Verehrung oder für Fanrituale bilden.

Abwertende Vorurteile[Bearbeiten]

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Vorurteile sind jedoch oft negative oder ablehnende Einstellungen gegenüber einem Menschen, einer Menschengruppe, einer Stadt oder Gemeinde, einer Nation oder generell einem Sachverhalt. Vorurteilsbildung wird als „Übergeneralisierung“ interpretiert, bei der unzulässigerweise von einzelnen Eigenschaften eines Individuums auf Eigenschaften aller Individuen einer Gruppe geschlossen wird. Vorurteile besitzen einen emotionalen Gehalt und treten als deutliche, stereotype Überzeugungen auf. Sie implizieren oft negative Gefühle und Handlungstendenzen und können zu Intoleranz und Diskriminierung führen.

Abwertende Vorurteile aufgrund von ethnischen Merkmalen werden Ethnophaulismen genannt. Sie treffen vor allem Menschen, die benachteiligt werden und dienen oftmals dazu, Ungerechtigkeiten zu legitimieren.[2]

Beispiele

  • Soldaten sind lediglich für Kriege (und damit zum Töten feindlicher Menschen) zuständig. Siehe Soldaten sind Mörder.
  • Bankkaufleute haben es nur auf das Geld der Kunden abgesehen.
  • Arbeitslose Personen sind Schmarotzer und faul.
  • Der Staat verschwendet sinnlos Steuergelder der Bürger.
  • Übergewichtige Personen haben zu viel Gewicht, weil sie zu viel essen und bewegungsfaul sind.

Merkmale[Bearbeiten]

Das Vorurteil wird durch folgende Merkmale charakterisiert:

  1. Es ist ein voreiliges Urteil, also ein Urteil, das überhaupt nicht oder nur sehr ungenügend durch Realitätsgehalt, Reflexionen oder Erfahrungen gestützt wird, oder es wird sogar vor jeglicher Erfahrung oder Reflexion aufgestellt.
  2. Es ist meist ein generalisierendes Urteil, d. h. es bezieht sich nicht nur auf einen Einzelfall, sondern auf viele Urteilsgegenstände.
  3. Es hat häufig den stereotypen Charakter eines Klischees und wird vorgetragen, als sei es selbstverständlich oder zumindest unwiderlegbar.
  4. Es enthält neben beschreibenden oder theoretisch erklärenden Aussagen direkt oder indirekt auch richtende Bewertungen von Menschen, Gruppen oder Sachverhalten.
  5. Es unterscheidet sich von einem Urteil durch die fehlerhafte und vor allem starre Verallgemeinerung. Bei der Fehlerhaftigkeit geht es weniger darum, ob denn der Inhalt des Vorurteils empirisch mit der Realität übereinstimmt oder nicht. Vielmehr ist die Übergeneralisierung von Bedeutung: Ich lehne eine Person (oder mehrere) nur aufgrund deren Gruppenzugehörigkeit ab. Die Gruppe kann zwar "im Mittel" bestimmte Eigenschaften aufweisen, jedoch betrifft dies kaum alle Mitglieder dieser Gruppe („ökologischer Fehlschluss“).

Für eine deutlichere Aufgliederung des Wesens eines Vorurteils in Merkmale und Hilfsmittel ist auch folgende Übersicht hilfreich:

  1. Überzeugung (auch Meinung)
  2. mangelhafte Begründung (auch Meinung)
  3. Bestimmte Eigenschaften sind bekannt, werden aber nicht berücksichtigt.
    1. wegen der Unzulänglichkeit des Denkens
    2. taktisch oder demagogisch bedingt
    3. für uns zu gewichtig, in uns verwachsen.

Zu den Ursachen[Bearbeiten]

Soziale Ursachen[Bearbeiten]

Soziale Ungleichheit: Aus dem ökonomischen Verhältnis zweier Gruppen lassen sich deren Stereotype gegeneinander vorhersagen. Oftmals dienen Vorurteile dazu, bestehende Ungleichheiten zu rationalisieren, d. h., sie werden aus scheinbar naturgegebenen Unterschieden hergeleitet.

Ein Experiment von Hoffmann und Hurst demonstriert dies: Versuchspersonen wurden gebeten, sich einen fremden Planeten vorzustellen. Auf diesem existierten zwei Arten von Lebewesen, „Ackmanians“ und „Orinthians“. Es gab zwei mögliche Berufe, die ausgeübt wurden, Arbeiter oder Kindererzieher. Den Probanden wurden nun Kurzbeschreibungen von je 15 Ackmanians und Orinthians vorgelegt, in denen jedes Lebewesen mit einer individuellen positiven und einer gemeinnützigen Eigenschaft beschrieben wurden. Zudem wurde vermerkt, wer Arbeiter und wer Erzieher war. Für eine Gruppe von Versuchspersonen war die Mehrheit der Ackmanians Arbeiter und die Mehrheit der Orinthians Erzieher, für die andere Gruppe dagegen umgekehrt. Danach sollten die Probanden beide Lebewesenarten beschreiben. Die Gruppe, bei der die Mehrheit der Ackmanians Arbeiter und die Minderheit Erzieher waren, beschrieben Ackmanians als „kompetenter, kräftiger, technisch begabter“ und Orinthians als „wärmer, häuslicher, emotionaler“. Die andere Gruppe urteilte genau umgekehrt. Fazit: Obwohl die Charakterisierung der beiden Arten für alle Lebewesen gleich war, wurde die bestehenden Ungleichheiten in den Rollen dafür verwendet, um fälschlicherweise auf Persönlichkeitseigenschaften zu schließen.[3]

Selbsterfüllende Prophezeiung: Eine selbsterfüllende Prophezeiung ist ein Prozess, bei dem die erkennbar gewordenen Erwartungen anderer Menschen von einer Person dazu führen, dass sich diese entsprechend den Erwartungen verhält.

In einem Experiment von Word u. a. wurden Bewerbungsgespräche weißer Bewerbungsleiter von den Versuchsleitern beobachtet. Waren die Bewerber farbig, saßen sie bei den Gesprächen weiter entfernt vom Bewerbungsführer, zudem versprach sich dieser öfter und beendete die Gespräche ca. 25 % eher als bei weißen Applikanten. In einer zweiten Phase des Experiments wurde der echte weiße Bewerbungsleiter durch einen Schauspieler ersetzt. Dieser wurde angewiesen, sich gegenüber weißen Bewerbern in genau der gleichen Weise zu verhalten, wie sich der echte Leiter vorher gegenüber Farbigen verhalten hatte. Das Ergebnis war, dass die weißen Bewerber verstärkt Unsicherheit und Ängstlichkeit im Verhalten zeigten. Das beweist, dass Vorurteile gegen Menschen auch dazu führen können, dass sich diese ungewollt entsprechend den Vorurteilen verhalten.

Gruppendruck: Vorurteile werden auf Grund eines wahrgenommenen Gruppendrucks akzeptiert, so werden sie auch leichter übernommen (siehe auch: Konformität).

Erhöhung des eigenen Status: Personen mit niedrigem sozialem Status weisen in Umfragen stärkere Vorurteile auf, was aber auch daran liegen kann, dass sie solche Fragen ehrlicher beantworten.

Emotionale Ursachen[Bearbeiten]

Sündenbocksuche: Die Sündenbocktheorie besagt, dass sich unsere Vorurteile gegen Ersatzobjekte oder -personen richten, wenn die wahren Ursachen unserer Frustration entweder unbekannt oder nicht erreichbar sind. So beobachtete man in Kanada, dass Vorurteile gegenüber Immigranten mit der Arbeitslosenquote stiegen und fielen.

Theorie der sozialen Identität: Diese Theorie von Tajfel und Turner beruht auf der Identifikation eines Akteurs mit einer (seiner) Gruppe. Diese macht dann einen wichtigen Teil unseres Selbstkonzeptes aus. Unser Selbstwertgefühl speist sich dann nicht nur aus persönlicher Leistung („Genugtuung“), sondern es wird auch durch Gruppenleistungen bzw. den Ingroup Bias (s.u.) angereichert. Man entwickelt somit ein Vorurteil über sich selbst.

Ingroup Bias: Diese Eigengruppen-Verzerrung bezeichnet die Tendenz, die eigene Gruppe zu bevorzugen und die Nichtmitglieder zu benachteiligen. In einem experimentellen Paradigma werden Versuchspersonen per Zufallsentscheid in zwei Gruppen eingeteilt, also willkürlich eine Ingroup = Eigengruppe und Outgroup = Fremdgruppe erzeugt. Sollen die Versuchspersonen später in einem Scheinexperiment der Eigen- bzw. Fremdgruppe Geld zuteilen, wird der Eigengruppe deutlich mehr Geld zugewiesen. Jedoch zielt die Verteilungsstrategie nicht auf maximalen Gewinn der Eigengruppe, sondern auf maximalen Unterschied zur Fremdgruppe.

Kognitive Ursachen[Bearbeiten]

Kategorisierung: Menschen neigen dazu, ihre Umwelt in Kategorien einzuteilen. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen, z. B., dass dieses Verhalten uns hilft, unsere kognitive Belastung zu reduzieren und unsere Handlungsplanung zu vereinfachen (Komplexitätsreduktion). Eine systematische Analyse solcher Kategorisierungen, die individuell unterschiedlich ausgeprägt sind, bietet das Konzept der Impliziten Persönlichkeitstheorie.

Fokussierung: Wir tendieren dazu, Menschen nach ihren salientesten, d. h. auffälligsten Merkmalen wahrzunehmen. Wenn z. B. jemand ein bekannter CDU-Politiker oder Extremsportler ist, so nehmen wir ihn v. a. als „CDU'ler“, „Fallschirmspringer“ etc. wahr und würden in einer Beschreibung der Person diese Eigenschaften als wichtigste nennen. Siehe auch Ankerheuristik und Halo-Effekt.

In einer Untersuchung beobachteten Versuchspersonen einen Mann in einer Videoaufnahme. Wurde ihnen vorab die Information gegeben, es handele sich um einen „Krebspatienten“ oder einen „Homosexuellen“, dann beobachteten die Personen ihn schärfer auf diese Zuschreibung hin und meinten, bestimmte Verhaltensweisen, die die angebliche Eigenschaft widerspiegelten, zu erkennen.

Gerechte-Welt-Phänomen: Wird eine Person vor unseren Augen zum Opfer, dann entsteht in den meisten Fällen in uns ein Gefühl des Unbehagens. Diese aversive Emotion kann auf zwei Arten reduziert werden: Entweder helfen wir dem Opfer, oder wir setzen es herab („Er hat sich selbst in diese Lage gebracht und hat es somit verdient!“). Bleibt die Hilfsmöglichkeit ausgeschlossen, so tendieren Personen dazu, das Opfer abzuwerten: Versuchspersonen beobachteten, wie einer hilflosen Person (in Wahrheit ein Schauspieler) Schocks verabreicht wurden. In einem Versuchsablauf durften die Probanden das Opfer danach belohnen (mit Lob, Süßigkeiten, Geld). In diesem Versuchsablauf fand die Mehrzahl von ihnen das Opfer sympathisch. Im zweiten Versuchsablauf konnten die Versuchspersonen das Opfer in keiner Weise für die Schocks entschädigen und mussten hilflos ansehen, wie die Person geschockt wurde. In dieser Gruppe gab die Mehrzahl der Probanden an, das Opfer unsympathisch zu finden. Es wurde also abgewertet.

Folgen von Vorurteilen[Bearbeiten]

Die Menschen, die das Ziel von Vorurteilen sind, erleiden zahlreiche Nachteile, besonders wenn sie zu einer Minderheit gehören. Zusätzlich zu den schon genannten Folgen wie Feindseligkeit, Ausgrenzung, Diskriminierung usw. können sie unter der Angst leiden, dem Vorurteil gegen ihre Gruppe tatsächlich zu entsprechen (s. Bedrohung durch Stereotype)[4]

Die negativen Folgen für das Selbstwertgefühl der Opfer von Vorurteilen können auch subtiler sein. So spielen afroamerikanische Kinder lieber mit weißen als mit schwarzen Puppen.[5] Studentinnen bewerten einen wissenschaftlichen Artikel besser, wenn sie glauben, der Autor sei ein Mann.[6]

Wandel von Vorurteilen[Bearbeiten]

Stabilität[Bearbeiten]

Vorurteile sind schwer zu verändern. Mitglieder von Fremdgruppen als Individuen kennenzulernen, bedeutet immer einen erheblichen zusätzlichen Aufwand. Die affektive Komponente ist durch Argumente nicht ansprechbar und ist nur durch Konditionierung änderbar. Die kognitive Komponente widersetzt sich mithilfe von schemageleiteter, einseitig auf den Erhalt des Vorurteils gerichteter Informationsverarbeitung, also durch selektive Aufmerksamkeit, Gedächtniseinspeicherung und -abruf. Aufmerksamkeit wecken zum Beispiel nur Nachrichtenquellen, die die eigene Meinung bestätigen. Neue Informationen, die einer Einstellung widersprechen, erzeugen Kognitive Dissonanz. Man müsste zugeben, dass man sich die ganze Zeit geirrt hatte. Zur Abwehr dieses Unbehagens wird die neue Information abgewertet, indem sie zum Beispiel als Ausnahme angesehen wird („Ausnahmen bestätigen die Regel“). Werbung und politische Propaganda zielen oft auf Erzeugung, Erhalt und Steigerung von Vorurteilen. Dabei bedienen sie sich auch sprachlicher Hilfsmittel. Beispiel aus dem ehemals nationalsozialistischen Deutschland: „Deutsche“ Unternehmer vertraten das „schaffende“ Kapital, „jüdische“ hingegen das „raffende“. Einer hartnäckigen Weitergabe von Vorurteilen, nicht nur offen ausgesprochener, sondern auch verborgener, sublimer Art, sieht sich besonders der Handel ausgesetzt. Die "Tradition der Vorurteile" (Schenk) gegenüber den (verkannten) Leistungen und Funktionen der Handelsbetriebe reicht von antiken griechischen Denkern über die römische Kirchenlehre (Patristik) und den sog. wissenschaftlichen Sozialismus bis hin zum neuzeitlichen Bereicherungs- und Manipulationsverdacht.

Überwindung[Bearbeiten]

Die wichtigste Voraussetzung für den Abbau von Vorurteilen ist der Kontakt mit der Fremdgruppe, was aber, wie Şerifs Ferienlager-Experiment zeigte, nur funktioniert, wenn weitere Bedingungen erfüllt sind:

  1. wechselseitige Abhängigkeit der Beteiligten[7]
  2. gemeinsame Ziele[8]
  3. gleicher Status; ungleiche Machtverhältnisse führen leicht zu stereotypem Verhalten[9]
  4. eine freundliche Umgebung, die Interaktionen zwischen den Gruppen erleichtert; Kontakt ohne Interaktion kann Vorurteile verschlimmern[10]
  5. Kontakt mit mehreren Mitgliedern der Fremdgruppe; zu wenige Kontakte könnten als „Ausnahmen“ heruntergespielt werden[11]
  6. Gleichberechtigung als soziale Norm beschleunigt den Prozess.[12]

Auch Allport empfiehlt, Vorurteile gegenüber Personen durch gemeinsame Tätigkeiten zu überwinden, ein Ansatz, der von Elliot Aronsons Gruppenpuzzle-Verfahren aufgegriffen wurde. Nach Allports Ansicht reicht es nicht, nur Informationen über die betreffende Person einzuholen, da Vorurteile stärker als „Voreingenommenheit“ seien. Soziologisch ist zwar zu bestätigen, dass, je häufiger die Interaktion ist, desto stärker auch die Emotion sei (George Caspar Homans), und dies kann bedeuten, dass Zuneigung intensiver wird – aber eben auch Abneigung.

Negativen Stereotypen, die auf falschen Informationen beruhen, kann Aufklärung entgegenwirken. Um Zugriff auf unbewusste und oft ungewollte Vorurteile zu bekommen, ist es notwendig, sie bewusst zu machen. Hier kann ein Diversity-Training helfen.

Inzwischen gibt es für Einzelpersonen und verschiedene Gruppen Anti-Bias-Trainings, die gezielt Vorurteile abbauen wollen.[13]

Moderne Vorurteile[Bearbeiten]

Als Folge der Bemühungen um Politische Korrektheit werden heute viel weniger Vorurteile öffentlich geäußert. Untersucht man jedoch das Verhalten oder unwillkürliche Reaktionen (zum Beispiel mit der Bogus-Pipeline-Technik), so zeigt sich, dass viele für überwunden gehaltene Vorurteile weiter bestehen und den Trägern entweder unbewusst sind, oder nur in vertrauter Runde geäußert werden.[14][15]

Das sogenannte „Busing“, der Transport von Schulkindern, um ein ethnisches Gleichgewicht herzustellen, wird in den USA großflächig abgelehnt, obwohl alle Eltern beteuern, keine Vorurteile zu haben.[16]

In einem Experiment von Kawakami et al. (2009) zeigten sich erhebliche Unterschiede zwischen der Vorhersage, wie sich Personen bei einer rassistischen Bemerkung fühlen und verhalten würden und den tatsächlichen Emotionen und Verhalten. Der vorhergesagte emotionale Stress war weit stärker als der erlebte, der weder bei einer leichten, noch bei einer extremen rassistischen Äußerung vom Normalzustand abwich.[17]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Zur Einführung

„Keinem Menschen fällt es ein, Vorurteile in die Welt zu setzen, die sich sofort widerlegen lassen. So würde niemand behaupten, alle Deutschen seien Zwerge. Und die Nazis kamen nicht auf den Gedanken, den Juden kalte Augen nachzusagen. Kein vernünftiger Mensch hätte eine solche Behauptung geglaubt, weil er ja schon an der nächsten Straßenecke Juden mit freundlichen Gesichtern begegnet wäre. Die Nazipropaganda arbeitete subtiler, indem sie behauptete, die Juden seien geizig, raffgierig und verschlagen. Auf diese Weise konnten sie das reine Ressentiment produzieren. Schlichte oder angstvolle Gemüter gingen nun davon aus, dass ein Jude, der einem freundlich begegnete, besonders verschlagen war und sich gut verstellen konnte. Gegen die perfiden Vorurteile der Nazis hatten die Angeklagten keine Chance.“

Sir Peter Ustinov

Wissenschaftliche Literatur

  • Andreas Dorschel: Nachdenken über Vorurteile. Hamburg, Felix Meiner, 2001, ISBN 3-7873-1572-1.
  • Janet K. Swim, Charles Stangor (Hrsg.): Prejudice. The target's perspective. Academic Press, San Diego - London, 1998, ISBN 0-12-679130-9.
  • Susan T. Fiske, Monica H. Lin, Steven L. Neuberg: The Continuum Model. Ten years later. In: Sally Chaiken, Yaacov Trope (Hrsg.): Dual process theories in social psychology. Guildford, New York 1999, ISBN 1-57230-421-9, S. 231–254
  • Curt Hoffman, Nancy Hurst: Gender stereotypes: Perception or rationalization?. In: Journal of Personality and Social Psychology, ISSN 0022-3514, 58 (1990), S. 197–208
  • Julia Angela Iser: Vorurteile. Zur Rolle von Persönlichkeit, Werten, generellen Einstellungen und Bedrohung. Die Theorie grundlegender menschlicher Werte, Autoritarismus und die Theorie der Sozialen Dominanz als Erklärungsansätze für Vorurteile. Ein integrativer Theorienvergleich. Dissertation, Universität Gießen 2007 (Volltext)
  • Ziva Kunda, Kathryn C. Oleson: Maintaining stereotypes in the face of disconfirmation. Constructing grounds for subtyping. In: Journal of Personality and Social Psychology, ISSN 0022-3514, 68 (1995), S. 565–579
  • Lorella Lepore, Rupert Brown.: Category and stereotype activation: Is prejudice inevitable?. In: Journal of Personality and Social Psychology, ISSN 0022-3514, 72 (1997), S. 275–287
  • Badi Panahi: Vorurteile. Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus in der Bundesrepublik heute. Eine empirische Untersuchung. Fischer, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-10-058602-6.
  • Lars-Eric Petersen, Bernd Six: Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung: Theorien, Befunde und Interventionen. Weinheim: Beltz, 2008, ISBN 978-3-621-27645-0.
  • Scott Plous: Understanding Prejudice and Discrimination. McGraw-Hill, Boston u. a. 2002, ISBN 0-07-255443-6
  • Charles Stangor (Hrsg.): Stereotypes and Prejudice. Essential Readings. Psychology Press, Philadelphia u. a. 2000, ISBN 0-86377-588-8 oder ISBN 0-86377-589-6.
  • Elisabeth Young-Bruehl: The Anatomy of Prejudices, Cambridge, Mass., Harvard University Press, 1996, ISBN 0-674-03190-3.
  • Max Horkheimer: Über das Vorurteil. Westdeutscher Verlag, Köln [u. a.] 1963.
  • Gordon W. Allport: Die Natur des Vorurteils, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1971, ISBN 3-462-00826-9.
  • Arnd Zschiesche: Ein Positives Vorurteil Deutschland gegenüber. Mercedes-Benz als Gestaltsystem – Ein markensoziologischer Beitrag zur Vorurteilsforschung, Lit, Münster, 2007, ISBN 978-3-8258-0904-1.
  • Hans-Otto Schenk: Der Handel und die Tradition der Vorurteile. In: Gesa Crockford, Falk Ritschel, Ulf-Marten Schmieder (Hrsg.): Handel in Theorie und Praxis. Festschrift für Dirk Möhlenbruch, Springer Gabler, Wiesbaden 2013, S. 1–25, ISBN 978-3-658-01985-3.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Vorurteil – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Vorurteil – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Werner Bergmann: Was sind Vorurteile? in Informationen zur politischen Bildung: Vorurteile (Heft 271)
  2. Manfred Markefka (1995): Vorurteile – Minderheiten – Diskriminierung, S. 37
  3. C. Hoffman & N. Hurst (1990). Gender stereotypes: Perception or rationalization?. Journal of Personality and Social Psychology, 58(2), S. 197–208
  4. Joshua Aronson, Diane M. Quinn, Steven J. Spencer: Stereotype threat and the academic under-performance of minorities and women. In: Swim & Stangor (s. Literatur), S. 83–103
  5. K. Clark & M. Clark (1947). Racial identification and preference in Negro children. In: Newcombe & Hartley (Hgs.) Readings in social psychology. New York: Holt
  6. P. Goldberg: Are women prejudiced against women? Trans-Action, April 1968, S. 28–30
  7. M. Şerif (1966). In common predicament: Social psychology of intergroup conflict and cooperation. Boston: Houghton Mifflin
  8. I. Amir (1976). The role of intergroup contact in change of prejudice and ethnic relations. In: P. A. Katz (Hg.) Towards the elimination of racism, New York: Pergamon Press, S. 245–308
  9. T. F. Pettigrew (1969). Racially separate or together?. Journal of Social Issues, 25, S. 43–69
  10. S. W. Cook (1984). Cooperative interaction in multiethnic contexts. In: Miller & Brewer (Hgs.) Groups in contact: The psychology of desegregation. New York: Academic Press
  11. D. A. Wilder (1984). Intergroup contact: The typical member and the exception to the rule. Journal of Experimental Psychology, 20, S. 177–194
  12. C. A. Riordan (1978). Equal-status interracial contact: A review and revision of a concept. International Journal of Intercultural Relations, 2, S. 161–185
  13. Louise Derman-Sparks: Anti-Bias-Arbeit1 mit kleinen Kindern in den USA (PDF; 108 kB)
  14. Dovidio & Gaertner (1996). Affirmative action, unintentional racial biases, and intergroup relations. Journal of Social Issues, 52, S. 51–75
  15. Modern Racism in Canada (Phil Fontaine, 24. April 1998)
  16. J. B. McConahay (1981). Reducing racial prejudice in desegregated schools. In: W. D. Hawley (Hg.) Effective school desegregation. Beverly Hills: Sage
  17. Kerry Kawakami et al. (2009). Mispredicting Affective and Behavioral Responses to Racism, Science Vol. 323 No. 5911, S. 276–278