W. E. B. Du Bois

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W. E. B. Du Bois (1918)

William Edward Burghardt Du Bois ([duːˈbɔɪz], * 23. Februar 1868 in Great Barrington, Berkshire County, Massachusetts; † 27. August 1963 in Accra, Ghana) war ein führender US-amerikanischer Vertreter der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, Soziologe, Philosoph, Journalist und Pazifist.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Du Bois entstammte einer seit vielen Generationen freien schwarzen Familie in Massachusetts, die schon früh ins Bürgertum aufgestiegen war. Mütterlicherseits kann man die Familie auf Freie vor den Revolutionskriegen zurückverfolgen, väterlicherseits auf eingewanderte haitianische Schwarze, deren einstiger Sklavenhalter ein französischer Hugenotte war. Der Familienname Du Bois‘ findet hier seinen Ursprung.[1]

Ab 1883 arbeitete er als Journalist und studierte nebenher. 1885 erwarb er einen Bachelortitel und arbeitete bis 1888 als Lehrer an einer Landschule in Tennessee. 1888 setzte er seine Studien in Harvard fort, wo er 1892 einen Master in Geschichte erwarb und das Slater-Auslandsstipendium gewann. [2] Von 1892 bis 1894 studierte er in Deutschland an den Universitäten Berlin und Heidelberg.

In Heidelberg besuchte er Vorlesungen bei Max Weber, in Berlin bei Gustav von Schmoller und Heinrich von Treitschke. In seiner Autobiografie sprach er von einer Horizonterweiterung in der deutschen Hauptstadt: „Da waren Weiße - Studenten, Bekannte, Lehrer -, die die Gegenwart mit mir erlebten. Sie betrachteten mich nicht als Abnormität oder als Untermenschen. Ich war nur ein etwas privilegierterer Student, den sie froh waren, zu treffen und mit dem sie über Gott und die Welt, besonders über die Welt, aus der ich kam, reden konnten.“ Auch fand du Bois wohl in Berlin seine große Bewunderung für den deutschen Kanzler Otto von Bismarck: „Er formte aus einer Masse sich zankender Völker eine Nation. [...] Dies ließ mich ahnen, was die amerikanischen Schwarzen tun müssen: mit Kraft und Entschlossenheit unter fähiger Führung voranmaschieren.“[3]

Nach seiner Rückkehr promovierte er 1895 als erster Schwarzer in Harvard über den transatlantischen Sklavenhandel. Trotz bester Noten blieb ihm eine wissenschaftliche Karriere an den renommierten Universitäten verwehrt, und er nahm 1895 eine Lehrerstelle am Wilberforce College in Ohio an. Ein Jahr später bekam er einen Forschungsauftrag in Philadelphia, die Lehre blieb ihm aber verwehrt. Mit der Veröffentlichung seiner Forschungsarbeit über die Situation der Schwarzen in Philadelphia gelang ihm sein wissenschaftlicher Durchbruch als erster schwarzer Soziologe überhaupt.

W. E. B. Du Bois (1904)
Du Bois' Statistik Negro Colleges 1898.

Von 1897 bis 1910 hatte er eine Professur für Geschichte und Wirtschaftswissenschaften an der schwarzen University of Atlanta/Georgia inne, die er für weitere Studien über die Situation der schwarzen Bevölkerung vor allem in ländlichen Gegenden nutzte.[4] Gleichzeitig publizierte er eine Reihe von Aufsätzen und gründete mehrere Zeitungen. Während des Jahres 1900 nahm er an der ersten Pan-Afrikanischen Konferenz in London teil und wurde dort bekannt durch seine Proklamation To The Nations of The World: „The problem of the twentieth century is the problem of the colour line.“ Mit colour line ist die Rassenschranke gemeint. Die Proklamation richtete sich direkt an die britische Regierung und forderte eine Überwindung der Beurteilung von Menschen anhand ihrer physischen Beschaffenheit: „Let not mere colour or race be a feature of distinction drawn between white and black men, regardless of worth or ability.“

Du Bois engagierte sich in der entstehenden Bürgerrechtsbewegung, brach aber mit den unter anderem von Marcus Garvey vertretenen Ansichten, eine Emanzipation der Schwarzen sei nur in einem eigenen Staat oder durch Rückkehr nach Afrika zu erreichen. 1905 gründete er in Ablehnung der Haltung von Booker T. Washington, Schwarze sollten ihren gesellschaftlichen Status hauptsächlich durch berufliche Bildung und Anpassung zu verbessern suchen, eine Bewegung, die volle bürgerliche Freiheiten und ein Ende der Diskriminierung forderte und sich nach dem ersten Treffpunkt Niagara Movement nannte.

In seinem von der deutschen Klassik, von der Völkerpsychologie Herders und Nietzsche beeinflussten Hauptwerk The Souls of Black Folks (1903) beschreibt Dubois die psychischen und sozialen Folgen der Tatsache, dass die Identität der Schwarzen von anderen definiert und zum Problem erklärt wird. Die Musik der Schwarzen, die afrikanischen Wurzeln des Blues und Jazz, erklärt er zum größten und originellsten kulturellen Vermächtnis der schwarzen Rasse, das sie in nach Amerika mitgebracht hat. Max Weber war so beeindruckt von diesem Werk, dass er Dubois 1904 in Atlanta besuchte.

W.E.B. DuBois und Mary White Ovington als Gründungsmitglieder der NAACP

1909 wurde Dubois Gründungsmitglied der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), einer bis heute bestehenden Institution der antirassistischen Bürgerrechtsbewegung. Er war von 1910 bis 1934 Mitglied im Vorstand der NAACP und Herausgeber der Vereinszeitschrift The Crisis, in der er auch regelmäßig publizierte. Sein Essay The Talented Tenth (engl. für das talentierte Zehntel) bezeichnete sein Konzept der Heranbildung einer Elite von schwarzen Amerikanern. Mit diesen Aktivitäten wurde er zum erklärten politischen Gegenpol und Gegenspieler Booker T. Washingtons. Im Widerspruch zu den opportunistisch-angepassten Positionen Washingtons trat er als zunehmend radikaler werdender Vertreter bzw. Vorläufer eines schwarzen Nationalismus auf.[5]

1911 wurde er Mitglied der Sozialistischen Partei, aus der er ein Jahr später wieder austrat. Von 1917 bis 1918 warb er für die Teilnahme von Afroamerikanern am Ersten Weltkrieg und kämpfte gegen ihre Diskriminierung im Kriegsdienst. Beeinflusst vom 14-Punkte-Programm, das der US-Präsident Woodrow Wilson kurz vor Kriegsende verkündet hatte, richtete Du Bois seine politische Tätigkeit auf den afrikanischen Kontinent, für dessen schwarze Bewohner er die gleichen nationalen Selbstbestimmungsrechte propagierte, die Wilson den Europäern zuerkannt hatte. Nach dem Krieg organisierte er 1919 in Paris den ersten Pan-Afrikanischen Kongress als ein Treffen von afrikanischstämmigen Menschen, dem weitere Kongresse unter anderem in Brüssel, London (1921 und 1923), Lissabon und New York (1927) folgten. Themen waren die Situation in der Diaspora, der Prozess der Dekolonisation und der Friedensschluss in Europa.

1919 gab Du Bois zum ersten Mal The Brownies Book heraus, eine monatlich erscheinende Kinderzeitschrift, deren Zielstellung darin lag, „farbigen Kindern zu ermöglichen, festzustellen, dass Farbig-Sein normal und schön ist. Sie mit der Geschichte und den Errungenschaften der Schwarzen vertraut zu machen. Ihnen Wissen darüber zu vermitteln, dass andere farbige Kinder als schöne, nützliche und berühmte Personen aufgewachsen sind.“

In den 1920ern bereiste er Westafrika und die Sowjetunion und publizierte weitere Schriften, darunter auch Romane (siehe auch: Afrikanische Literatur). Ab 1930 bemühte er sich verstärkt um eine Demokratisierung der NAACP; die Veränderungen schlugen aber in seinen Augen fehl, wozu auch die Weltwirtschaftskrise beitrug, welche die Frage der Emanzipation der Afroamerikaner in den politischen Hintergrund rücken ließ. 1934 gab Du Bois seine Ämter auf. Es folgte eine ausgedehnte Reise durch Europa, Japan und China. In seinen Schriften beschäftigte er sich mit Rassismus, Kolonialismus und Demokratie.

1945 organisierte er den fünften Pan-Afrikanischen Kongress in Manchester. 1948 trat er aus dem NAACP wegen dessen Unterstützung von Henry Wallace als Präsidentschaftskandidat der Progressiven Partei und Streitigkeiten über die Haltung zum Kalten Krieg aus. 1949 engagierte er sich an mehreren Friedenskonferenzen in Paris und Moskau und wurde durch sein Eintreten gegen die Atombombe zu einem bedeutenden Fürsprecher der Friedensbewegung. Unter Joseph McCarthy wurde Du Bois wegen seines pazifistischen Engagements und seiner sozialistischen Ideale an seiner Arbeit gehindert; er reiste durch Europa, China und die Sowjetunion. 1951 heiratete er die amerikanische Schriftstellerin Shirley Graham. 1959 erhielt er den Lenin-Friedenspreis in Moskau. 1961 wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei der USA; im gleichen Jahr siedelten er und Shirley nach Ghana um, wo sein Freund Kwame Nkrumah erster Premierminister und nach der Ausrufung der Republik erster Staatspräsident geworden war. In seinen letzten Jahren arbeitete er an der Encyclopedia Africana. Am 27. August 1963, einen Tag vor dem historischen Marsch auf Washington der Schwarzenbewegung mit Martin Luther Kings Rede I Have a Dream, verstarb Du Bois in Accra. Kurz zuvor hatte er die ghanaische Staatsbürgerschaft angenommen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Titelbild von
The Souls of Black Folk
  • The Suppression of the African Slave-Trade to the United States of America. 1638–1870. Dissertation, 1896
  • The Philadelphia Negro. Forschungsarbeit, 1899.
  • The Souls of Black Folk. Aufsatzsammlung, 1903 (deutsch: Die Seelen der Schwarzen. orange-press, Freiburg 2003, ISBN 3-936086-07-9).
  • The Quest of the Silver Fleece. Novelle, 1911.
  • Von der Scham über sich selbst. Ein Aufsatz über Rassenstolz. 1933
  • Black Reconstruction in America 1860–1880. 1935
  • Dusk of Dawn. An essay toward an Autobiography of a Race Concept. 1940.
  • The black flame. Roman-Trilogie, 1957–1961.
  • The autobiography of W. E. B. Du Bois. A soliloquy on viewing my life from the last decade of its first century. 1968; (deutsch: Mein Weg, meine Welt. Memoiren, Dietz, Berlin Ost 1965)
  • Against Racism. Unpublished Essays, Papers, Addresses, 1887–1961. Herausgegeben von Herbert Aptheker, The University of Massachusetts Press, Armherst 1988, ISBN 0-87023-624-5.
  • W. E. Burghard DuBois als Herausgeber - online im Internet Archiv

Literatur[Bearbeiten]

  • David Levering Lewis: W.E.B. Du Bois. Biography of a Race, 1868–1919. Owl Books, 1994. Gewinner des Pulitzer-Preises des Jahres 1994 in der Kategorie Biographien. ISBN 978-0-8050-3568-1
  • David Levering Lewis: W.E.B. Du Bois. The Fight for Equality and the American Century 1919–1963. Owl Books, 2001. Behandelt die zweite Hälfte des Lebens von W.E.B. Du Bois, Gewinner des Pulitzer-Preises des Jahres 2001 in der Kategorie Biographien. ISBN 978-0-8050-6813-9
  • Manning Marable: W.E.B Du Bois – Black Radical Democrat. Paradigm Publishers, 2005, ISBN 1-59451-018-0
  • Paul Gilroy: The Black Atlantic. Modernity and Double Consciousness. 4. Kapitel, 1993. ISBN 0-674-07606-0
  • Marianne Bechhaus-Gerst: W.E.B. Du Bois in Berlin. In: Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller (Hrsg.): „… Macht und Anteil an der Weltherrschaft“ – Berlin und der deutsche Kolonialismus. Unrast-Verlag, Münster 2005, ISBN 3-89771-024-2
  • Amy Helene Kirschke: Art in Crisis. W. E. B. Du Bois and the Struggle for African American Identity and Memory. Bloomington 2007, ISBN 978-0-253-21813-1
  • Hanna Meuter: „Amerika singe auch ich“. Dichtungen amerikanischer Neger. Zweisprachig. Hg. und Übers. zus. mit Paul Therstappen. Wolfgang Jess, Dresden 1932. Mit Kurzbiographien. Reihe: Der neue Neger. Die Stimme des erwachenden Afro-Amerika. Band 1; Neuausgabe ebd. 1959, S. 13–18
  • Shamoon Zamir (Hrsg.): The Cambridge companion to W. E. B. Du Bois. Cambridge University Press, Cambridge [u.a.] 2008, ISBN 978-0-521-69205-2
  • Carol Polsgrove: Ending British Rule in Africa : Writers in a Common Cause, Manchester [u.a.] : Manchester Univ Press, 2012, ISBN 978-0-7190-8901-5

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: W. E. B. Du Bois – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikiquote: W. E. B. Du Bois – Zitate (Englisch)
 Wikisource: W. E. B. Du Bois – Quellen und Volltexte (englisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Monika Plessner: Ich bin der dunklere Bruder · Die Literatur der schwarzen Amerikaner · Von den Spirituals bis zu James Baldwin. Fischer Verlag Frankfurt a.M. 1979, ISBN 3-596-26454-5, S. 119.
  2. W.E.B. DuBois request for the John F. Slater Fund's first fellowship which it granted to DuBois in 1892.
  3. Andreas Eckert: Schwarz, schön und stolz, in der Zeit-Ausgabe vom 4. September 2014
  4. Monika Plessner: Ich bin der dunklere Bruder · Die Literatur der schwarzen Amerikaner · Von den Spirituals bis zu James Baldwin. Fischer Verlag Frankfurt a.M. 1979, ISBN 3-596-26454-5, S. 120.
  5. Monika Plessner: Ich bin der dunklere Bruder · Die Literatur der schwarzen Amerikaner · Von den Spirituals bis zu James Baldwin. Fischer Verlag Frankfurt a.M. 1979, ISBN 3-596-26454-5, S. 1119 ff.