Waardenburg-Syndrom

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Klassifikation nach ICD-10
Q87.8[1] Sonstige näher bezeichnete angeborene Fehlbildungssyndrome, anderenorts nicht klassifiziert
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Das Waardenburg-Syndrom ist eine angeborene, vererbbare Erkrankung, bei der es sich um eine Form des teilweisen Leuzismus handelt. Es ist durch eine variable Kombination aus Pigmentstörungen der Augen, der Haut und der Haare, durch Innenohrschwerhörigkeit und Fehlbildungen des Gesichtes (Gesichtsdysmorphien) gekennzeichnet.[2] Es können vier verschiedene Formen des Waardenburg-Syndroms unterschieden werden. Bis auf Typ IV wird die Erkrankung überwiegend autosomal dominant vererbt.

Epidemiologie[Bearbeiten]

Die Häufigkeit des Waardenburg-Syndroms wird mit 1:4500 Neuerkrankungen pro Jahr (Inzidenz) angegeben.[2] Die Waardenburg-Syndrome machen etwa 2 % Prozent der Fälle von angeborener Schwerhörigkeit aus.[3]

Formen und Ursachen[Bearbeiten]

Nach genetischen und klinischen Kriterien werden vier Haupttypen des Waardenburg-Syndroms (WS) unterschieden (WS1-WS4). Die vier Typen können ihrerseits teilweise in Unterformen eingeteilt werden:

Typen des Waardenburg-Syndroms
Typ Synonyme und Varianten Genort(e)
Typ I WS1 2q35[4]
Typ II WSII
WS2A
WS2B
WS2C
WS2D
3p14.1-p12.3[5]
1p21-p13.3[6]
8p23[7]
8q11[8]
Typ III Klein-Waardenburg-Syndrom
WS3
2q35[9]
Typ IV Waardenburg-Shah-Syndrom
Waardenburg-Hirschsprung-Syndrom
WS4
13q22, 22q13, 20q13.2-q13.3[10]

Die Waardenburgsyndrome WS1, WS2 und WS3 werden autosomal dominant vererbt, für WS4 wurden ausschließlich autosomal-rezessive Erbgänge nachgewiesen.

WS1 und WS3 werden durch Mutationen im Pax3-Gen verursacht. Das Gen codiert unter anderem für ein 479 Aminosäure großes Protein, das an der Regulation des Transkriptionsfaktors MITF (Microphthalmie-assoziierter Transkriptionsfaktor) beteiligt ist. MITF ist an der Regulation der Melanozytenentwicklung beteiligt, die bei allen bekannten Waardenburg-Syndromen gestört ist.

Das WSIIa wird durch eine Mutation direkt im MITF-Gen vor. Beim WSIIB ist bisher lediglich der DNA-Locus bekannt (WSIIB: 1p21-p13.3, WSIIC), in dem es zu Mutationen kommt. Das WSIIC wird durch eine balancierte Translokation von Chromosom 4 auf 8 verursacht. Das heißt ein DNA-Abschnitt, der normalerweise auf Chromosom 4 zu finden ist, befindet sich beim WSIIC auf Chromosom 8. Dem sehr seltenen WSIID liegt eine Mutation im so genannten SNAI2-Gen vor. Auch hier handelt es sich um einen Transkriptionsfaktor, der während der embryonalen Entwicklung in den Nauralleistenzellen exprimiert wird. Dem WSIIE liegt eine Genmutation im SOX10-Gen zugrunde.

Das WS4 wird im Gegensatz zu den Waardenburg-Syndromen 1-3 autosomal-rezessiv vererbt. Bisher wurden Mutationen der Endothelin-3- und Endothelin-B-Rezeptor-Gene sowie des SOX10-Gens nachgewiesen.

Krankheitsbild[Bearbeiten]

Gesichtsfehlstellung beim Waardenburg-Klein-Syndrom

Die Taubheit beim Waardenburg-Syndrom beruht auf Defekten in der Entwicklung von Gewebe der ursprünglichen Neuralleiste. Die Störung der Pigmentzellen, die sich ebenfalls von neuronalem Gewebe ableiten, betreffen vorwiegend die Iris, die Augenbrauen, zum Teil auch die Haut und die Kopfhaare, die zu einer Hypopigmentierung führt. Besonders auffällig ist eine unterschiedliche Färbung der Augen (Iris-Heterochromie), d. h. Betroffene können z. B. ein blaues und ein braunes Auge haben. Dysplasien in Form von Augenfehlstellungen und Fehlbildungen des knöchernen Schädels sind ebenfalls Teil des Waardenburg-Syndroms. Dies erscheint teilweise in einer Verschiebung der Lidfalte oder einer seitlichen Verschiebung des Innenaugenwinkels beider Augen (Dystopia Canthorum).

Geschichte[Bearbeiten]

Das Waardenburg-Syndrom wurde erstmals 1951 von dem niederländischen Augenarzt und Genetiker Petrus Johannes Waardenburg (1886–1979) beschrieben. [11]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatWaardenburg-Syndrom. orphanet.net, abgerufen am 27. Februar 2009.
  2. a b J. Wendler, W. Seidner, U . Eysholdt: Lehrbuch der Phoniatrie und Pädaudiologie. Thieme-Verlag, 4. Auflage 2005, S. 61. ISBN 978-3-13-102294-3, hier online
  3. A. L. Dourmishev et al.: Waardenburg-Syndrome. Int J Dermatol. 1999 Sep;38(9):656-63. PMID 10517681
  4. WAARDENBURG SYNDROME, TYPE I. In: Online Mendelian Inheritance in Man (engl.).
  5. WAARDENBURG SYNDROME, TYPE IIA. In: Online Mendelian Inheritance in Man (engl.).
  6. WAARDENBURG SYNDROME, TYPE IIB. In: Online Mendelian Inheritance in Man (engl.).
  7. WAARDENBURG SYNDROME, TYPE IIC. In: Online Mendelian Inheritance in Man (engl.).
  8. WAARDENBURG SYNDROME, TYPE IID. In: Online Mendelian Inheritance in Man (engl.).
  9. WAARDENBURG SYNDROME, TYPE III. In: Online Mendelian Inheritance in Man (engl.).
  10. WAARDENBURG SYNDROME, TYPE IV. In: Online Mendelian Inheritance in Man (engl.).
  11. Waardenburg PJ: A new syndrome combining developmental anomalies of the eyelids, eyebrowns, and nose root with pigmentary defects of the iris and head hear with congenital deafness. American Journal of Human Genetics (1951) 3: 195-253

Belege[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

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