Waechtersbacher Keramik

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Das Ysenburger Wappen findet sich als Blindstempel unter vielen Produkten des Steingutherstellers

Die Waechtersbacher Keramik im hessischen Brachttal-Schlierbach in der Nähe der namensgebenden Stadt Wächtersbach wurde 1832 gegründet und existiert als Produktionsstätte seit 2011 nicht mehr. Zwischen dem Ende des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts gehörte sie, sowohl was den Umfang der Produktion als auch deren gestalterische Qualität angeht, zu den bedeutendsten deutschen Herstellern von Waren aus Steingut. Aktuell (2014) ist WAECHTERSBACH GERMANY eine Marke der Könitz Porzellan GmbH in Unterwellenborn. Produziert wird derzeit in China, Thailand und Deutschland (Unterwellenborn-Könitz).

Geschichte[Bearbeiten]

Eierbecher mit Tablett, Steingut, 1930er Jahre
Verwaltungsgebäude
Fabrikgebäude

Produzierte die Waechtersbacher Keramik in den Anfangsjahren von 1832 bis etwa 1845 hauptsächlich einfaches, weißes Gebrauchsgeschirr, so wurden in den 1850ern mit den ersten Kupfer-Umdruckverfahren aufwendigere Arbeiten ausgeführt. Die Kapazität und Qualität der Arbeiten steigerte sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, als die Fabrik unter der Leitung von Max Roesler im Historismus ihren ersten Höhepunkt erreichte. Äußerst qualitätvolle und technisch aufwendige Arbeiten belegen den hohen Standard in der Fabrikation, der von vielen Konkurrenten kopiert wurde. War die Waechtersbacher Keramik bis dato nur lokal vertreten, belieferte sie nun das gesamte Deutsche Reich.

Max Roesler verließ die Fabrik im Streit, weil ihm eine Beteiligung seitens des Fürsten verwehrt wurde und gründete die Max Roesler Feinsteingutfabrik in Rodach.

Am 1. April 1901 wurde Christian Neureuther die Gründung des Keramischen Ateliers Wächtersbach mit Zustimmung der Fabrikleitung der Wächtersbacher Steingutfabrik gestattet. Erst 1903 gelang es auf Betreiben des Direktors Dr. Ehrlich bei Ferdinand Maximilian zu Ysenburg und Büdingen in Wächtersbach innerhalb der Wächtersbacher Steingutfabrik eine selbstständige Kunstkeramische Abteilung unter Christian Neureuther anzugliedern.

Ab dem Jahr 1900 beteiligte sich die Wächtersbacher Steingutfabrik mit Neureuther an den Ausführungen einiger keramischer Entwürfe, die von Joseph Maria Olbrich und Hans Christiansen herrührten und für die erste Darmstädter Ausstellung – Ein Dokument Deutscher Kunst – bestimmt waren. Die Fabrik erhielt hierfür die Plakette Darmstadt 1901. Für die zweite Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie im Jahre 1904 wurden mehrere Vasen nach Entwürfen von Paul Haustein umgesetzt. In etwa ab 1906 kam es zur Zusammenarbeit mit Albin Müller, dem damals neuen Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie. Ebenso entwarf der Spätromantiker Johann Georg Mohr für die Wächtersbacher Steingutfabrik.

Durch den enormen Erfolg und die wegweisenden Entwürfe konnte das Unternehmen Konkurrenten wie Villeroy&Boch weit hinter sich lassen. Nach dem Tode Neureuthers 1921 wurde die Kunstabteilung von Eduard Schweitzer übernommen, jedoch bereits 1929 wieder geschlossen. Trotzdem konnte man in den 1930er Jahren mit Ursula Fesca eine weitere renommierte Entwerferin verpflichten. Fesca setzte sehr früh Bauhaus-Ideen um und entwarf Serien, die dem allgemeinen Zeitgeschmack so weit voraus waren, dass sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg produziert wurden. Wegen Krankheit verließ Fesca von 1939 bis 1945 die Fabrik. Dadurch und wegen rigider Produktionsbeschränkungen setzte ein Niedergang ein, was Kapazität, Qualität und Innovation betrifft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Produktion mit Frau Fesca wieder aufgenommen werden und Waechtersbach entwickelte sich zum größten Keramikhersteller Deutschlands. Seit den 1960er-Jahren exportiert das Unternehmen seine Erzeugnisse auch nach Amerika. Waechtersbach Keramik hat in den letzten Jahren das Interesse von Kunstsammlern gefunden und ist zu einem Gegenstand des Antiquitätenhandels geworden.

Jüngste Firmengeschichte[Bearbeiten]

Am 21. Januar 2005 wurde die Fabrik nach 173 Jahren in Familienbesitz an die BEFI GmbH in Wain bei Laupheim verkauft. Über das Vermögen der Gesellschaft ist mit Beschluss des Amtsgerichts Hanau vom 1. Januar 2006 das Insolvenzverfahren eröffnet worden. „Unter schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen konnte das Unternehmen daran anschließend fortgeführt werden“, heißt es in einer Presseerklärung.

Am 28. Juni 2006 teilten Geschäftsführer Klaus-D. Michels und Rechtsanwalt Göran Berger mit, dass die im Insolvenzverfahren stehende Gesellschaft die Produktion im Juli 2006 ruhen lassen und die Mitarbeiter zum 1. Juli 2006 für einen Monat freistellen will. Mitte September 2006 wurde die Produktion in Schlierbach nach fast drei Monaten Unterbrechung wieder angefahren. Die Waechtersbacher Keramik wurde von Turpin Rosenthal, einem ehemaligen Ikea-Manager, im September 2006 übernommen, in mehrere Einzelfirmen aufgeteilt und als Tochterunternehmen der Könitz Porzellan GmbH geführt. Eine dieser Einzelfirmen war die Keramische Fertigungsstätte Brachttal GmbH. Im September 2011 meldete sie Insolvenz an.[1] Das Werk in Brachttal-Schlierbach wurde in diesem Zusammenhang geschlossen. Am 30. Mai 2012 wurde nahezu das gesamte Inventar der Firma im Auftrag des Insolvenzverwalters Franz-Ludwig Danko und Turpin Rosenthals Firma Könitz Porzellan durch die Firma Perlick Industrieauktionen versteigert. 2013 eröffnete Turpin Rosenthal mit verbliebenen Mitarbeitern am Standort Schlierbach eine Schauproduktion.[2]

Sammlungen[Bearbeiten]

Nennenswerte Bestände an historischer Waechtersbacher Keramik sind in folgenden Museen zu finden:

Literatur[Bearbeiten]

  • Neureuther, Christian (Verlag: Strauch & Zahn, Hamburg): Ornamente (10 Blätter + Titel). Hamburg/Schlierbach wohl 1900/01.
  • Wächtersbacher Steingutfabrik Schlierbach bei Wächtersbach (Hrg.): Der Ausstand in Schlierbach (Separat-Abdruck aus Keramische Rundschau, 66 Seiten). Schlierbach 1904.
  • Ruppel, Jacob: Die Geschichte der Steingutfabrik, 1876 aufgestellt von Jacob Ruppel. Schlierbach 1907.
  • Ecksteins biographischer Verlag Berlin: Historisch biographische Blätter – Industrie, Handel und Gewerbe: Geschichte der Wächtersbacher Steingutfabrik. Berlin, ohne Jahr (ca. 1910/11).
  • Wächtersbacher Steingutfabrik G.m.b.H./Verlag DIE SCHAULADE G.M.B.H., Bamberg (Hrg.): Hundert Jahre Waechtersbach (1832-1932) – zum 8. Juni 1932 (42 Seiten, Jubiläumsbroschüre). Bamberg/Schlierbach 1932.
  • Dezernat Kultur und Freitzeit, Museum für Kunsthandwerk (heute: Museum für angewandte Kunst) Stadt Frankfurt am Main (Hrg.): Kleine Hefte, Nr. 8, Wächtersbacher Steingut – Ausstellung vom 27.9. bis 12.11.1978. Frankfurt am Main 1978.
  • Wächtersbacher Keramik (Hrg.): Colour Comedies – Internationaler Architekten- und Designer-Workshop der Waechtersbacher Keramik – Michael Graves, Zaha Hadid, Elizabeth Garouste/Mattia Bonetti, Atsushi Kitagawara, Jo Laubner und Ettore Sottsass. 1992 ISBN 3926048905.
  • Frensch, Heinz/Frensch, Lilo: Wächtersbacher Steingut. 1995 ISBN 3784579507.
  • Wurzel, Thomas (Hrg.): Ausstellungskatalog "Wächtersbacher Steingut – Die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen". Kassel 2001.
  • Rinn, Ludwig/Vonderau-Museum, Fulda (Hrg.): Markentafel Wächtersbacher Keramik. 2002 ISBN 3935590288.
  • Kirchner, Volker (Hrg.): Der große Streik in der Wächtersbacher Steingutfabrik. Brachttal 2004.
  • Schulte-Wülwer, Ulrich/Museumsberg Flensburg (Hrg.): Wächtersbacher Steingut. Die Sammlung Angelika Jensen. Flensburg 2006.
  • Berting, Ulrich/Neidhardt, Erich (Hrg.): Wächtersbacher Steingut – Figuren und Figürliches. Brachttal 2007.
  • Heß, Pascal; Museum für angewandte Kunst Frankfurt (Hrg.): Wächtersbacher Keramik, Spiel von Haut und Körper. Frankfurt 2008.
  • Brachttal-Museum (Hrg.): Ausstellungskatalog Wächtersbacher Steingut – Die Zwanziger Jahre. Brachttal 2011.
  • Museum Kurhaus Kleve (Hrg.): Ausstellungskatalog Tendenzen deutscher Keramik 1905-1935 – Vom Jugendstil zum Bauhaus. Kleve 2012.
  • Mülot, Nora (Hrg.): "Waechtersbach – Das Atelier Christian Neureuther", 2014.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Waechtersbacher Keramik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Frankfurter Rundschau: Waechtersbacher-Keramik restlos am Ende, abgerufen am 12. Oktober 2011
  2. Gelnhäuser Tagesblatt: "In Schlierbach wird wieder produziert"