Wahhabiten

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Dieser Artikel behandelt die Wahhabiten. Für die Anhänger des indischen Sayyid Ahmad Barelvi (1786–1831), siehe Sayyid Ahmad Barelvi; für die Assoziation junger Muslime in West-Afrika, siehe Subbanu al-Muslimin.

Als Wahhabiten – in älteren Berichten auch Wechabiten – werden die Anhänger der Wahhabiya (arabisch ‏الوهّابية ‎, DMG al-wahhābiyya), einer konservativen und dogmatischen Richtung des sunnitischen Islams hanbalitischer Rechtsschule, bezeichnet. Die Bewegung gründet auf den Lehren Muhammad ibn Abd al-Wahhabs. Die Anhänger Ibn Abd al-Wahhabs nehmen für sich in Anspruch, die islamische Lehre authentisch zu vertreten. Die in Asien verbreitete Gruppe Ahl-i Hadîth sowie das Al-Qaida-Netzwerk steht den Wahhabiten nahe. Auch die Ideologie der Taliban weist große Ähnlichkeiten mit dem Wahhabismus auf.[1]

Der Wahhabismus lehnt den Sufismus und die islamische Theologie (Ilm al-Kalam) ab. Er wendet sich auch strikt gegen viele Formen des islamischen Volksglaubens, etwa die Verehrung von Heiligen, Wallfahrten zu Gräbern oder die jährliche Feier des Geburtstags des Propheten.

Wahhabiten erheben den Anspruch die „reine Form“ des Islam zu präsentieren. Jede Vielfalt wird strikt abgelehnt. Glaubensauffassungen, die mit dem Wahhabismus nicht vereinbar sind, werden in der Regel als unislamisch deklariert.[2] Dies hat ihnen in der Gesamtheit der muslimischen Welt den Ruf der Intoleranz und des Fanatismus eingebracht.[3] Die meisten Wahhabiten leben in Saudi-Arabien. Sie stellen dort die größte religiöse Gruppe in der Bevölkerung dar, und ihre Lehre ist Staatsreligion.

Ursprung und Lehre[Bearbeiten]

Hauptartikel: Muhammad Abdul Wahhab, Ibn Taimiya

Muhammad ibn Abd al-Wahhab lebte im 18. Jh. und stammte aus der Oasenstadt Uyaina im Nadschd (Saudi-Arabien). Er studierte unter anderem in Bagdad. Im Gegensatz zu anderen islamischen Gruppen lehnte Ibn Abd al-Wahhab es ab, die Aussagen des islamischen Rechts, die sich aus dem Koran und der Überlieferung vom Lebenswandel des Propheten (Hadith) ableiten, fortzuentwickeln und mit Hilfe von Analogieschlüssen veränderten Zeiten und Umständen anzupassen. Die möglichst wortgetreue Umsetzung der islamischen Quellen hatte für ihn Vorrang vor der Frage nach der zugrundeliegenden Absicht (niya) der Rechtssätze, die Spielraum für zeitgemäße Veränderungen des Rechts gegeben hätte. Die Lehre ist gegenüber „Neuerungen“ (Bid'a) streng.

Gemäß wahhabitischer Lehre ist nicht nur alles verboten, was nach dem Koran oder anderen Überlieferungen verboten ist, sondern auch jede Handlung oder Situation, die zu einer solchen verbotenen Tat führen könnte. Im 20. Jahrhundert waren lange Zeit auch Musik und Fernsehen verboten, da sie einen „schlechten Einfluss“ darstellen könnten. Diese Einstellung entspricht einer wortwörtlichen Auslegung des Koran und der Sunna, den Überlieferungen über das Leben, die Handlungen und Aussagen des Propheten Muhammed.

Die Anhänger der Lehre Ibn Abd al-Wahhabs betrachten sich selbst nicht als eine Strömung unter vielen, sondern als Muslime schlechthin. Als Wahhabiten – also als Sondergruppe, die nach ihrem „Gründer“ benannt ist – werden sie nur von ihren Gegnern bezeichnet. Sie selbst sprechen von sich als muwahhidun – als Bekenner des tauhid, des Eingottesglaubens – oder einfach als Muslime. Glaubensauffassungen, die mit den ihren nicht vereinbar sind, erscheinen ihnen deshalb schnell als abgeirrt, was ihnen in der Gesamtheit der muslimischen Gemeinschaft und darüber hinaus den Ruf der Intoleranz und des Fanatismus eingebracht hat.

Ähnliche Philosophien[Bearbeiten]

Wegen der Ähnlichkeit des Gedankenguts zu den Wahhabiten, wurde die Tariqa-yi muhammadiya früher sowohl von den Briten als auch verfeindeten indischen Gruppen als Wahhabiten bezeichnet. Daher rührt das Missverständnis, dass der wahhabitische Islam einen großen Einfluss auf religiösen Spannungen in Pakistan hätte. In Wirklichkeit ist der „wahhabitische“ Islam in Pakistan und von dort ausgehend in Afghanistan kein Importprodukt aus Saudi-Arabien, sondern eine innerindische Entwicklung, die bereits im 18. Jahrhundert ihren Ursprung hat. Der Islam der Wahhabiten aus Arabien hat vielmehr dieselben Wurzeln wie der Islam der Tariqa-yi Muhammadiya, Deobandis oder Ahl-i Hadîth. Ihre Verbindung in der Gegenwart ist nur eine Verbindung von Ideologien, die von vornherein zusammengehörten.

Aufgrund der Ähnlichkeiten werden Gruppierungen die Ahli-Hadith und die Deobandis von ihren Gegner als „Wahhabiten“ beschimpft.

Entstehung und Zerfall des ersten Wahhabitenreichs[Bearbeiten]

Muhammad ibn Abd al-Wahhab begann seine Missionierung 1731. Im Jahr 1740 verkündete er in Huraimala nahe Riad seine puritanischen Glaubenssätze zur Reinigung des Islam. Es gelang ihm, den Emir von Diraja, Muhammad ibn Saud, und dessen Sohn Abd al-Aziz für seine Lehren zu gewinnen. Die Saudis verfolgten das Ziel, die Einigung der Stämme Arabiens auf der Grundlage des wahhabitischen Glaubens unter ihrer Oberhoheit gewaltsam herbeizuführen. Der Puritanismus des wahhabitischen Glaubens entsprach der bescheidenen Lebensführung der einfachen Menschen in der kargen Landschaft Zentralarabiens, die die Verbreitung seiner Lehren unterstützten.

1744 kam es zum Abschluss eines Vertrages, mit dem sich Abd al-Wahhab die religiöse und Ibn Saud die militärische Führung im „Heiligen Krieg“ der Wahhabiten teilten. Bis 1786 eroberten die Saudis den gesamten Nadschd und begründeten damit das erste Reich der Saud-Dynastie. Der Nadschd stand damals nur theoretisch unter osmanischer Oberherrschaft, tatsächlich hatten die Osmanen im Nadschd keinerlei Macht. Muhammad ibn Abd al-Wahhab gewann durch die Eroberungen der Āl-Saud und durch Missionierung immer mehr Zulauf. Die Wahhabiten eroberten Mekka und Medina, um dann dort ihre Version des Islam durchzusetzen.

Dem Emir von Hedschas, Masud bin Said, gelang die Rückeroberung Mekkas und Medinas. Er trieb die Wahhabiten zurück in den Nadschd. Aber dieser Sieg war nur vorübergehend. Muhammad ibn Abd al-Wahhab erließ eine Fatwa gegen die Nutzung der beiden Heiligen Moscheen, obwohl die Orte im Koran als „unantastbar“ bezeichnet werden. Und wieder blockierten sie die Pilgerwege nach Mekka.

1803 wurden die Wahhabiten von den Prinzen Scharif Ghalib und Scharif Pascha erneut vertrieben. 1805 kehrten sie wieder zurück, eroberten Mekka und Medina und setzten Prinz Mubarak bin Madya als Machthaber in Medina ein. Die Regentschaft über die beiden Heiligtümer dauerte sieben Jahre lang. Sie hielten die Pilger aus Syrien und Ägypten davon ab, die Heiligtümer zu besuchen, da die Wahhabiten sie als „Ungläubige“ bezeichneten.

1811 beauftragte der osmanische Sultan den Herrscher von Ägypten, Muhammed Ali, der nominell ägyptischer Gouverneur der Osmanen war, die Wahhabiten zu bekämpfen und die beiden heiligen Stätten Mekka und Medina wieder unter die Oberherrschaft der Ägypter und damit der Osmanen zu bringen. Ali eroberte Medina, Mekka und schließlich Ta’if. Aufgrund von Erfahrungen aus der Vergangenheit ließ Muhammed Ali eine Armee unter seinem Sohn Ibrahim Pascha 1816 nach Nadschd einmarschieren. Mit seinem Gegner Abdullah bin Saud, Prinz von Dariya, lieferte er sich viele Schlachten. 1818 wurde dieser endgültig besiegt.


Siehe: Osmanisch-saudischer Krieg

Das zweite Reich der Wahhabiten[Bearbeiten]

Das zweite Reich der Wahabiten 1880 (gelb)

Trotz der Eroberung des Hedschas durch die Ägypter konnte die Dynastie der Al Saud im Nadschd ab 1824 wieder ihre Herrschaft aufrichten und langsam wieder ausweiten. Als im Jahre 1865 Faisal, der damalige Herrscher aus dem Hause Saud, verstarb, folgte ihm sein Sohn Abdallah nach. Der wurde jedoch 1871 von seinem Bruder Saud gestürzt. Es folgte eine Zeit der Thronwirren, in der es der Herrscherfamilie der Raschid ab 1887 gelang, die Dynastie der Saud zu verdrängen. 1891 flüchteten die Saud aus dem Hedschas und fanden zunächst beim Beduinenstamm der Murra Zuflucht, später in Kuwait.

Das dritte Reich der Wahhabiten[Bearbeiten]

1901 versuchte Abd al-Aziz Al Saud, genannt Ibn Saud, die Herrschaft der Al Saud in Hedschas erneut zu errichten, was jedoch zuerst misslang. 1902 konnte er jedoch mit wenigen Dutzend Getreuen Riad erobern und von dort aus langsam den gesamten Nadschd unterwerfen. Wesentliche Hilfe waren ihm dabei die Ichwan. In den neu eroberten Gebieten wurden die Beduinen aufgefordert, ihr Vieh zu verkaufen und sich in festen Siedlungen niederzulassen, wo sie von Predigern der Wahhabiten unterwiesen wurden und die Einhaltung der religiösen Pflichten streng überwacht wurde. 1924 konnte Ibn Saud auch das Königreich des Hedschas unterwerfen. Er nahm den Königstitel an und nannte sich König des Hedschas und Nedschd. 1932 proklamierte er die unter seiner Herrschaft zusammengefassten Territorien zum Königreich Saudi-Arabien. (Näheres zur weiteren Geschichte siehe dort.)

Wahhabiten in Saudi-Arabien heute[Bearbeiten]

In Saudi-Arabien ist die Lehre Ibn Abd al-Wahhabs Staatsdoktrin. Gleichzeitig fördert der saudische Staat wahhabitische und andere dogmatische sunnitische Organisationen in allen Teilen der Welt. Kennzeichnend für den Einfluss der Wahhabiten sind unter anderem folgende Praktiken im öffentlichen Leben:

  • Verbot des Autofahrens für Frauen
  • Verbot für Frauen, sich in der Öffentlichkeit mit fremden Männern zu zeigen
  • Öffentliche Scharia-Strafen wie Hinrichtungen und Auspeitschungen
  • Verbot der freien Religionsausübung
  • Lange Zeit waren uneingeschränkt Musik und Fernsehen verboten.[4]

Als Hochburgen der Wahhabiten im heutigen Saudi-Arabien gelten Riad und Buraida. Insbesondere in den südlichen Altstadtvierteln, die von Einwanderern aus Pakistan dominiert werden, ist der Einfluss groß. Ein offensichtlicher Unterschied zwischen Wahhabiten und Salafisten ist, dass Wahhabiten loyal zum Königshaus der Saud stehen.[5]

Eine der Eigenheiten des saudischen Systems, die sich aus der Erhebung der wahhabitischen Lehre zur Staatsdoktrin ergibt, sind die Mutawas, die Religionspolizei. Mutawas sind – neben der regulären Polizei – Wächter, die die Einhaltung sittlicher Normen in der Öffentlichkeit kontrollieren sollen. Ferner ist es üblich, dass während des Freitaggebetes die Übertragung der Predigt auf große Lautstärke gestellt wird, so dass das gesamte Umfeld der Moschee beschallt wird.

Bekannte Gelehrte[Bearbeiten]

Bekannte Wahhabiten[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • John L. Esposito (Hrsg.): The Oxford Dictionary of Islam. Oxford University Press, New York und Oxford 2003, ISBN 0-19-512558-4.
  • Bruno Étienne: Islam. Les questions qui fâchent. Bayard, Paris 2003, ISBN 2-227-47090-9.
  • Michael Heim: „Der tote Scheich im Hause Saud. Die verhängnisvolle Geschichte des Wahhabismus“. In: [1], nur Zusammenfassung kostenlos erhältlich, Blätter für deutsche und internationale Politik, Jg. 49, Nr. 10, 2004, ISSN 0006-4416, S. 1262–1269.
  • Joseph Kostiner: The Making of Saudi Arabia. From Chieftaincy to Monarchical State. Oxford University Press, New York und Oxford 1993, ISBN 0-19-507440-8.
  • Guido Steinberg: Religion und Staat in Saudi-Arabien. Die wahhabitischen Gelehrten 1902–1953. Ergon-Verl., Würzburg 2003, ISBN 3-89913-266-1 (=Dissertation, Freie Universität Berlin 2000; =Reihe: Mitteilungen zur Sozial- und Kulturgeschichte der islamischen Welt. Bd. 10).
  • Craig Unger: Öl, Macht und Terror. Piper, München 2005, ISBN 3-492-24457-2.
  • Alexei Vassiliev: The History of Saudi Arabia. New York University Press, New York 2000, ISBN 0-8147-8809-2.
  • Richard Hartmann, Die Wahhābiten in Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Bd. 78 (1924), S. 176 ff. (Online) (für die Zeit vor der Gründung des Königreichs Saudi-Arabien)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20240735.html
  2. http://www.zeit.de/2001/47/200147_wahabismus-kaste.xml
  3. http://www.zeit.de/2001/47/200147_wahabismus-kaste.xml
  4. http://www.zeit.de/2012/22/Saudi-Arabien
  5. Mohammad Gharaibeh: Wahhabiten und Salafisten. Artikel vom 18. Dezember 2013 im Portal dw.de, abgerufen am 25. Juli 2014