Walahfrid Strabo

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Walahfrid von der Reichenau (auch Walahfried), genannt Strabo (lat. der Schielende) oder Strabus (* 808/809; † 18. August 849) war ein Benediktiner, Dichter, Botaniker, Diplomat und von 838 bis 849 Abt des Klosters Reichenau.

Leben[Bearbeiten]

Walahfrid war von niederer, alemannischer Herkunft und wurde am Bodensee geboren.[1] Bereits im Kindesalter wurde er von seinen Eltern als Oblate ins Kloster Reichenau gegeben. Nachdem er 823/24 seine Profess abgelegt hatte, begab er sich 825 zum Studium ins Kloster Fulda, wo er von Rabanus Maurus unterrichtet wurde. Dort lernte er Gottschalk den Sachsen kennen, mit dem er in lebenslanger Freundschaft, die in zahlreichen Gedichten ihren Niederschlag fand, verbunden blieb. In den Jahren 829 bis 838 befand er sich am Hof Kaiser Ludwigs des Frommen in Aachen und war dort Kapellan der Kaiserin Judith sowie Erzieher Karls des Kahlen. Nicht nur in Fulda, sondern auch in Aachen quälten ihn große Heimwehgefühle nach der Insel Reichenau, die er in seinem persönlichsten Gedicht, dem Metrum Saphicum zum Ausdruck brachte.

Kaiser Ludwig der Fromme ernannte Walahfrid 838 zum Abt des Klosters Reichenau, um ihn für seine treuen Dienste am Hofe zu entlohnen. Dies widersprach jedoch dem Recht des Konvents auf freie Abtswahl.[2]

Als es nach dem Tod Ludwigs des Frommen zwischen seinen Söhnen zum Streit um die Reichsaufteilung kam, schlug sich Walahfrid Strabo auf die Seite Lothars I. und war deshalb gezwungen, das Kloster Reichenau wieder zu verlassen, da dieses im Machtbereich Ludwigs des Deutschen lag. Er befand sich fast zwei Jahre im Exil in Speyer bevor er 842 wieder auf die Reichenau zurückkehren und sein Amt als Abt wiederaufnehmen konnte, das während seiner Abwesenheit von Ruadhelm ausgeübt worden war.

Im Alter von 40 Jahren ertrank Walahfrid am 18. August 849 in der Loire. Damit verlor die Insel Reichenau viel von ihrer Bedeutung als eines der wichtigen Zentren der abendländischen Religion.

Werke[Bearbeiten]

Walahfrid zählt zu den bedeutendsten Dichtern der karolingischen Renaissance.

824 verfasste er die Visio Wettini, welche in lateinischen Hexametern die zunächst von dem resignierten Abt Heito in Prosa festgehaltene Sterbevision seines Lehrers Wetti wiedergibt. Walahfrids Werk ist die früheste dichterische Umsetzung einer mittelalterlichen Jenseitsvorstellung; er gab damit den Anstoß zum Wiederaufleben einer Gattung, die in der Divina commedia Dantes ihren unüberbietbaren Gipfelpunkt erreichen sollte. In der Visio wird geschildert, wie Wetti unter Führung eines Engels durch die Unterwelt wandert und dort die Bestrafung der verschiedensten Sünder beobachtet, unter ihnen auch Karl der Große. In der Einleitung bietet Walahfrid eine Übersicht über die Geschichte der Insel Reichenau sowie Kurzbiographien Heitos und des „regierenden“ Abtes Erlebald.

Um 840[3] schrieb er den Liber de cultura hortorum (‚Das Buch über die Gartenpflege‘), auch bekannt als Hortulus, eines der bedeutendsten botanischen Werke des Mittelalters. In Versform sind in diesem Werk 24 Heilpflanzen aufgeführt.

Ein weiteres bedeutendes Werk ist De imagine Tetrici, eine Kritik an der von Karl dem Großen veranlassten Überführung der Statue des Ostgotenkönigs Theoderichs des Großen von Ravenna nach Aachen.

Der Codex Sangallensis 878 enthält das sogenannte Vademecum des Wahlafrid, ein persönliches Handbuch, in das er seit seiner Jugend Eintragungen u.a. zu Grammatik und Metrik, zu bemerkenswerten Ereignissen, zu Medizin und Landwirtschaft gemacht hat. Es stellt zudem eines der wenig bekannten Autographen einer bedeutenden Persönlichkeit aus dem frühen Mittelalter dar.

Literatur[Bearbeiten]

Handschriften[Bearbeiten]

De cultura hortorum ist in sieben Handschriften überliefert:

  • Augsburg, Staats- und Stadtbibl., 2° Cod. 133, Bl. 46v–58v (1479)
  • Herrnstein bei Siegburg, Gräflich Nesselrode’sche Bibliothek, Ms. 192, Bl. 83vb–86va (12. Jh.; Kriegsverlust)
  • Leipzig, Universitätsbibl., Rep. I. 53, Bl. 1r–10r (2. Dr. 10 . Jh.) [L]
  • München, Staatsbibl., Clm 666, Bl. 1r–12v (1463, Abschrift des Leipziger Codex von Hartmann Schedel) [M]
  • Rom (Vatikanstadt), Bibl. Apostolica Vaticana, Cod. Pal. lat. 1519, Bl. 85va–88vb (10. Jh.) [K]
  • Rom (Vatikanstadt), Bibl. Apostolica Vaticana, Cod. Regin. lat. 469, Bl. 29v–39r (2. Dr. 9. Jh.) [C]
  • Privatbesitz, o.O., 1 Pergamentblatt, Vers 23–99 auf der Versoseite (um 1000) [F]

Frühe Drucke[Bearbeiten]

  • Strabi Galli, poeta et theologie doctissimi, ad Grimaldum Coenobii S. Galli abbatem Hortulus, Wien 1510 (daher der Titel Hortulus, unter dem das Werk in der Neuzeit bekannt wurde); Reprint München 1926; Reprint Reichenau 1974.
  • Strabi Fuldensis monachi, poetae suavissimi, quondam Rabani Mauri auditoris, Hortulus, nuper apud Helvetios in S. Galli monasterio repertus, qui carminis elegantia tam est delectabilis quam doctrinae cognoscendarum quarundam herbarum varietate utilis, Nütnberg 1512.
  • Basel 1527 und Freiburg 1530 als Anhang zu Odo von Meungs De herbarum virtutibus mit einem Kommentar Scholia in Strabi Hortulum von Johannes Atrocianus.

Werkausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten]

  • Walafridi Strabi Fuldensis monachi opera omnia ex editione Duacensi et collectionibus Mabillonii, Dacherii, Goldasti, etc. nunc primum in unum coadunata accurante J.-P. Migne. 2 Bde. Paris 1879 (Patrologia Latina 113. 114).
  • Walahfridi Strabi carmina. In: Poetae Latini medii aevi 2: Poetae Latini aevi Carolini (II). Herausgegeben von Ernst Dümmler. Berlin 1884, S. 259–473 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat)
  • Vita Galli confessoris triplex. III: Vita auctore Wahlafrido. In: Bruno Krusch (Hrsg.): Scriptores rerum Merovingicarum 4: Passiones vitaeque sanctorum aevi Merovingici (II). Hannover 1902, S. 280–337 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat)
  • De cultura hortorum (Über den Gartenbau). Reclam, Stuttgart 2002, ISBN 3-15-018199-2.
  • De cultura hortorum (Hortulus). Das Gedicht vom Gartenbau. Eingeleitet und herausgegeben von W. Berschin, mit Pflanzenbildern von C. Erbar. Mattes, Heidelberg 2012, 2. Aufl., ISBN 978-3-86809-040-6.
  • Visio Wettini (Die Visionen Wettis) Einführung. Lateinisch-deutsche Ausgabe und Erläuterungen von Hermann Knittel: Mattes, Heidelberg 2009, 3. erw. Aufl., ISBN 978-3-86809-013-0.
  • Vita sancti Otmari. In: Georg Heinrich Pertz u. a. (Hrsg.): Scriptores (in Folio) 2: Scriptores rerum Sangallensium. Annales, chronica et historiae aevi Carolini. Hannover 1829, S. 41–47 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat) (834–838; Überarbeitung des um 830 von Gozbert verfassten Originals)
  • Libellus de exordiis et incrementis quarundam in observationibus ecclesiasticis rerum. (Lateinisch/englische Ausgabe und Kommentar hrsg. von Alice L. Harting-Correa. Brill, Leiden u. a. 1996, ISBN 90-04-09669-8)
  • Metrum Saphicum (Lob der Reichenau; Lateinisch/deutsche/alemannische Ausgabe von Bruno Epple. Gessler, Friedrichshafen 2001, ISBN 3-86136-051-9)
  • Zwei Legenden. Versus Strabi de beati Blaithmaic vita et fine; De vita et fine Mammae monachi. Mattes, Heidelberg 2012, 2. erw. Aufl., ISBN 978-3-86809-014-7
  • Vita Sancti Galli / Das Leben des Heiligen Gallus (lateinisch/deutsch), Reclam 2012, ISBN 3-15-018934-9

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Konrad Beyerle: Von der Gründung bis zum Ende des freiherrlichen Klosters (724–1427). In: Konrad Beyerle (Hrsg.): Die Kultur der Abtei Reichenau. Erinnerungsschrift zur zwölfhundertsten Wiederkehr des Gründungsjahres des Inselklosters 724–1924. 1. Teilband. Verlag der Münchner Drucke, München 1925, S. 92–108.
  • Walter Berschin: Walahfrid Strabo und die Reichenau. „Augia felix“. (= Spuren; Band 49). Dt. Schillergesellschaft, Marbach 2000, ISBN 3-933679-45-1.
  • Arno Borst: Mönche am Bodensee. 610–1525. Thorbecke, Sigmaringen 1978, ISBN 3-7995-5005-4 (und mehrere spätere Ausgaben).
  • Irmgard Fees: War Walahfrid Strabo der Lehrer und Erzieher Karls des Kahlen? In: Matthias Thumser/Annegret Wenz-Haubfleisch/Peter Wiegand (Hrsg.): Studien zur Geschichte des Mittelalters. Jürgen Petersohn zum 65. Geburtstag. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1448-4, S. 42–61.
  • Alf Önnerfors: Walahfrid Strabo als Dichter. In: Helmut Maurer (Hrsg.): Die Abtei Reichenau. Neue Beiträge zur Geschichte und Kultur des Inselklosters (= Bodensee-Bibliothek; Bd. 20). Thorbecke, Sigmaringen 1974, ISBN 3-7995-6709-7, S. 83–113.
  • Hans-Dieter Stoffler: Der Hortulus des Walafried Strabo. Aus dem Kräutergarten des Klosters Reichenau. Thorbecke, Sigmaringen 1997, ISBN 3-7995-3506-3.
  • Karl Sudhoff: Codex medicus hertensis (Ms. 192). Handschriftstudie, in: Archiv für Geschichte der Medizin 10 (1917), S. 265–313.
  • Benedikt Conrad Vollmann: Ein neues Fragment von Walahfrid Strabos Gedicht De cultura hortorum. In: Aevum. Rassegna di scienze storiche, linguistiche e filologiche, 79. Jg. Nr. 2, 2005, S. 283–292 (zu [F]).
  • Wilhelm WattenbachWalahfrid Strabo. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 40, Duncker & Humblot, Leipzig 1896, S. 639 f.
  • Klaus-Gunther WesselingWalafrid Strabo. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 13, Bautz, Herzberg 1998, ISBN 3-88309-072-7, Sp. 169–176.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Konrad Beyerle: Von der Gründung bis zum Ende des freiherrlichen Klosters (724–1427). In: Konrad Beyerle (Hrsg.): Die Kultur der Abtei Reichenau. Erinnerungsschrift zur zwölfhundertsten Wiederkehr des Gründungsjahres des Inselklosters 724–1924. 1. Teilband. Verlag der Münchner Drucke, München 1925, S. 55–212, hier S. 93.
  2. Konrad Beyerle: Von der Gründung bis zum Ende des freiherrlichen Klosters (724–1427). In: Konrad Beyerle (Hrsg.): Die Kultur der Abtei Reichenau. Erinnerungsschrift zur zwölfhundertsten Wiederkehr des Gründungsjahres des Inselklosters 724–1924. 1. Teilband. Verlag der Münchner Drucke, München 1925, S. 55–212, hier S. 99.
  3. Johannes Gottfried Mayer, Konrad Goehl: Kräuterbuch der Klostermedizin. Reprint-Verlag Leipzig 2013, ISBN 978-3-8262-3057-8, S. 29.
Vorgänger Amt Nachfolger
Ruadhelm Abt von Reichenau
842–849
Folkwin