Walddeutsche

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Trachten der Walddeutschen (1898)[1]
Polnische Makroregion Mittleres Beskidenvorland, in der viele Siedlungen der Walddeutschen lagen

Als Walddeutsche, gelegentlich auch Taubdeutsche (polnisch Głuchoniemcy) oder gegenwärtig Oberländer (polnisch Pogórzanie),[2] wurde eine ethnisch deutsche Minderheit aus dem Karpatenvorland bezeichnet, die im späten Mittelalter im zu Polen gehörenden Sanoker Flachland zwischen den Flüssen Wisłoka und San entlang der westlichen Beskiden siedelte.[3] Ethnographisch betrachtet wurde das Siedlungsgebiet der Walddeutschen im Norden von der masowischen Lasowiakenkultur sowie im Süden durch das Lemkenland, die Zipser Sachsen und slowakische Einflüsse begrenzt. Der ebenfalls gängige und vor allem im Polnischen genutzte Begriff Głuchoniemcy (deutsch Taubdeutsche), entstand im 18. Jahrhundert aufgrund der vollständigen Polonisierung der Minderheit, die zuvor noch rein deutschsprachig gewesen war.[4] In den späten 1930er Jahren wurde als Bezeichnung für die Walddeutschen im Polnischen der Begriff Pogórzanie (deutsch Oberländer) etabliert.[5]

Herkunft und Ansiedlung[Bearbeiten]

Als Herkunftsregion der Ansiedler wird auf Grund sprachwissenschaftlicher Analysen Niederschlesien, besonders die Umgebung der Stadt Neisse, oder Westsachsen, besonders das thüringisch-sächsische Grenzgebiet beiderseits der Saale, angesehen. Dass es sich hier um ein reines Siedlungsgebiet der damaligen deutschen Ostkolonisation handelt, [6] ergibt sich auch daraus, dass hier fast ausschließlich die Form des Waldhufendorfes anzutreffen ist, also die Dorfform, in der damals die deutschen Kolonisten siedelten.[7] Haczów (Hanshof), Krzemienica (Kremnitz), Markowa (Markshau), Urzejowice, Kombornia (Kaltborn) und all die anderen Dörfer dieses Raumes sind typische Waldhufendörfer.[8][9][10]

Im Lichte der bekannten Quellen und der bisherigen Studien ist anzunehmen, dass das Kolonisationswerk in den Regionen von Łańcut, Sanok und Krosno von König Kasimir dem Großen veranlasst wurde (1349 stellt traditionell das älteste belegte Datum dar und bezieht sich auf die Gründung des Dorfes Krzemienica bei Łańcut) und zwischen Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts abgeschlossen wurde. Der Chronist Maciej Stryjkowski berichtet 1582, er habe selber gesehen, dass die deutschen Bauern bei Przeworsk, Przemyśl, Sanok und Jarosław „tüchtige Landwirte“ seien.[11]

Zu den bekannteren Siedlungsgebieten zählen Rzeszów, Pilzno und Łańcut im Norden der Beskiden, Krosno, Haczów und Sanok in den mittleren Beskiden; eine dritte Region liegt in der Gegend zwischen Biecz, Gorlice und Grybów in den südwestlichen Beskiden.[12] Weitere Enklaven der ländlichen deutschen Besiedlung fanden sich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts und zu Anfang des 15. Jahrhunderts vor allem in oder um die Orte Brzostek, Wielopole, Frysztak, Jasło, Czudec, Tyczyn, Brzozów, Jaćmierz, Rymanów, Ropczyce, Kańczuga und Dynów.[13]

Schon im alten polnischen Schrifttum des 16. bis 17. Jahrhunderts wurde die Anwesenheit der deutschen Ansiedler im vorkarpatischen Raum vermerkt.[14] Damit fand auch ein Einfluss des polnischen Staates auf die Minderheit Einzug. Spätestens im 18. Jahrhundert erfolgte eine völlige Polonisierung der Nachkommen der deutschen Ansiedler, welche zur Verstärkung des Polentums im polnisch-ruthenischen Grenzbereich beitrug. Die Spuren der Walddeutschen finden sich jedoch auch heute noch in vielen Familiennamen in der gesamten Region.[15]

Walddeutscher Dialekt[Bearbeiten]

Als Beispiel für den Dialekt der Walddeutschen soll das Karfreitagslied gelten:[16]

Das Charfreitaglied

Am Donnerstag zeita,
Am Charfreitag früh
Wo Gött gefanga auf sein Kreutzbrett geschwon.

Sein Seittley gestocha.
Sein Seittley gebrocha.
Die Ingfer Maria grienst;
Gott zu Sie;

Ne grein, ne grein
Fran fi Mutter mein
Auf a dritta Tag weis vyn Toda aufadystehu

Mir warms zieha and Himmelreich
(Wier werden sein)
Dyta wann mir seyn ewig und gleich
(Dort werden wier)
Am Himmelreich hat viel Freuda die Engelen
Sie Singars si spielas Götty sehr schön.

Bilder[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zygmunt Ajdukiewicz Trachten der Walddeutschen [in:] Die osterreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Galizien. Wien 1898, Seite 281
  2. Ut testat Metrika Koronna, 1658, "quod Saxones alias Głuszy Niemcy około Krosna i Łańcuta osadzeni są iure feudali alias libertate saxonica" [in:] Ks. dr Henryk Borcz. Parafia Markowa w okresie staropolskim. Markowa sześć wieków. 2005 str. 72-189; Wojciech Blajer: Bemerkungen zum Stand der Forschungen uber die Enklawen der mittelalterlichen deutschen Besiedlung zwischen Wisłoka und San. [in:] Późne średniowiecze w Karpatach polskich. red. Prof. Jan Gancarski. Krosno, 2007, ISBN 978-83-60545-57-7
  3. Aleksander Świętochowski. Grundriß der Geschichte der polnischen Bauern, Bd. 1, Lwów-Poznań, 1925; (Głuchoniemcy/Sachsen) S. 498; Die Urkunden und Akten der Land- und Obervogteien. Die Bände und Akten für den Zeitraum 14.Jh. bis 1772. Akta Grodzkie i Ziemskie, Lwów, 1868
  4. Ignacy Krasicki. Kommentar zu "Polnische Wappenrolle" : Kasper Niesiec Herbarz Polski, edit. 1839-1846 B. IX, S. 11. Wincenty Pol: Historyczny obszar Polski rzecz o dijalektach mowy polskiej. Kraków 1869.; Die deutschen Vertreibungsverluste. Bevölkerungsbilanzen für die deutschen Vertreibungsgebiete 1939/50, hrsg. vom Statistischen Bundesamt, Wiesbaden 1958, S. 275-276 und 281 "schlesisch-deutscher Gruppe bzw. die Głuchoniemców (Walddeutsche), zwischen Dunajez und San, Entnationalisierung im 16 Jh. und 18 Jh."; "Polen lange Zeit auf alle westlichen, nichtslavischen Volker anwandten, blieb dann die Bezeichnung fur den deutschen Nachbarn. Die untergegangenem mittelatlerlichendeutschen Volksinseln im Vorkapathenlande zwischen Tarnów, Pilsen (Pilzno), Rzeszów, Landshut (Łańcut), Przeworsk, Jarosław (Jaroslau), Przemyśl (Premissel), Sanok, Dukla, Neu-Sandez sind seity Jahrhunderten na głuchoniemcach genannt worden. [...]." [in:] Kurt Lück. Der Mythos vom Deutschen in der polnischen Volksüberlieferung und Literatur: Forschungen zur deutsch-polnischen Nachbarschaft im ostmitteleuropäischen Raum. Verlag S. Hirzel, 1943. S. 117.
  5. Adam Wójcik. Strój Pogórzan. 1939
  6. Kötzschke-Kretschmar S. 98 ff.; Gause S. 22; Rost Sp.1
  7. "Die Herkunft der Bemmanns" von Dr. Klaus Bemmann
  8. Wojciech Blajer. "Bemerkungen zum Stand der Forschungen [...]", ISBN 978-83-60545-57-7, Krosno. 2007, S. 57-106
  9. Zygmunt Jaślar: Haczów, niezwykła osada szwedzko - niemiecka. Jasło 938 [Hanshau, eine eigenartige schwedisch-deutsche Siedlung] Jessel 1938
  10. Gisele Hildebrandt: Markowa, ein Dorf der mittelalterlichen deutschen Ostsiedlung. In: Ztschr. f. Erdk., H. 6. 1943. Markowa
  11. Maciej Stryjkowski. "Kronika polska, liteweska, etc. 1582; Zbiór dziejopisów polskich. t.II. Warszawa. 1766. S. 399, zitiert nach Kurt Lück: Deutsche Aufbaukräfte in der Entwicklung Polens. Plauen 1934, S. 93; Marcin Bielski: Kronika wszystkyego swyata, edit. 1551,; Wersja cyfrowa w PBI
  12. "Vorgebirgslandschaften infolge der häufigen Einfälle der Litauer verwünstet und leer antraf, siedelte er Leute des deutschen Volkes in jenen Gebieten an, die auch heute noch in den Dörfern um Przeworsk, Przemyśl, Sanok und Jarosław wohnen und, wie ich selbst gesehen habe , ausgezeichnete Landwirte sind. Noch in der Gegenwart werden die Bewohner der alten "regio pedemontana" von ihren Nachbarn als "Głuchoniemcy" (Walddeutsche) bezeichnet. [...]". [in:] Katharine Bechtloff, Julius Krämer: Hilfskomitee der Galiziendeutschen. Heimat Galizien. 1965.;"Thus the region adjoining the Carpathians and extending to a line Tarnów-Rzeszów-Jarosław, the hithero almost uninhabited regio pedemontana was settled by German-spealing Silesians and soon abounded in large Waldhufendorfer with Frankish hides and in towns whose German names were in many case identical with place-names in Silesia (Landskron, Grünberg, [...]) [in:] Göttinger Arbeitskreis. Deutsche Demokratische Republik. Holzner-Verlag, 1961. S. 79.
  13. Das Gebiet der „Gluchoniemcy“, der polonisierten deutschen Siedler des Mittelalters, auch als Walddeutsche bezeichnet. 15 Bezirke: Brzesko, Dąbrowa, Tarnów, Gorlice, Jasło, Pilzno, Ropczyce, Rzeszów, Strzyżów, Krosno, Sanok, Brzozów, Przemyśl, Przeworsk und Jaroslau. Ortfried Kotzian. Die Umsiedler: die Deutschen aus West-Wollhynien, Galizien, der Bukowina, Bessarabien, der Dobrudscha und in der Karpatenukraine. 2005. S. 75.
  14. Szymon Starowolski: Polska albo opisanie położenia Królestwa Polskiego. Kraków. 1632. [Überse.: A. Piskadło]
  15. Namen, deren eindeutig deutsche Form durch richtige polnische Aussprache (sz=sch, z=s, c=z usw.), durch die Verschiebung von der heutigen Endung -ar in die deutsche Endung -er oder durch die Streichung einer polnischen Endsilbe, z. B. -ski, sofort erkenntlich ist: Bytnar, Flayszar, Frynd, Gebaur, Kielar, Kluz (Klaus), Krauz, Lenar, Michnar, Olbrycht, Pelc, Preys, Raywer, Rewer, Szaier, Szpilma, Szpytman, Szponar, Szubert, Szylar, Taychman, Uchman, Ulman usw.; 2. Namen, die sich bei gründlicher Nachforschung mit Hilfe des alten Schöffenbuches als verbalhomisierte, ehemals deutsche Formen erweisen: Inglot = Engelhardt, Homa = Hofinann, Bar = Bauer, Cwynar = Zwimer, Zyma = Simon (im Polnischen heißt Simon "Szymon") usw.; 3. Namen, die zweifellos nicht polnisch, sondern deutsch sind: Bala-wejder, Balawendern, Lonc, Haynosz, Heynosz u. a.; 4. Namen zweifelhafter Herkunft: Bachta, Hawro, Jarosz u. a.; 5. Polnische Namen: Gorzkowicz, Światoniowski, Wasiewicz, Ziobrowski u. a. Durch eingehendere Untersuchungen der heutigen Namen sowie der Kirchenbücher und des Schöffenbuches ließe sich ohne allzu große Schwierigkeiten ein großer Teil der zu den Gruppen 3 und 4 gehörigen Namen sicher als deutsche noch beweisen, wie z. B. beim Namen Engelhardt; damit würde der schon jetzt hohe Prozentsatz heute deutscher Namen noch zunehmen; "Przyrostek –ar w przyswojonych do języka polskiego nazwach niemieckich zakończonych na –er jest już bardzo dobrze poświadczony w staropolskiej antroponimii." In: Słownik Etymologiczno-Motywacyjny Staropolskich Nazw Osobowych. Nazwy osobowe pochodzenia niemieckiego. Część 5. Kraków. 1997. prof. dr hab. Barbara Czopek-Kopciuch; Eckhard Eggers. Die Phonologie der deutschen Lehnwörter im Altpolnischen bis 1500. Broschiert. 1988; F. A. Doubek, Ein deutsches Sprachdenkmal aus der Gegend von Lancut (Landshut). In: Dt. Wiss. Ztschr. f. Polen, 1928, H. 13.; D. Wrona, Wsie na lancuckim wilkierzu (Dörfer nach Landshuter Willkür). In: Przeglad prawa i administracii Bd.XL.VII, Lemberg 1922, S. 155; Fr. Persowski, Ksiega sadowa wsi Markowej w powiecie przeworskim (Das Schöffenbuch des Dorfes Markowa im Kreise Przeworsk). In: Roczniki dziejöw spoL i gosp. Lemberg 1931, S. 43-52.
  16. Jakub Szputuar, Łańcut, November 1827; Michała Wiszniewskiego Historya literatury polskiej, Band 6, S. 370
  17. Franciszek Kotula. Pochodzenie domów przysłupowych w Rzeszowskiem. Kwartalnik Historii Kultury Materialnej Jahr. V., Nr. 3/4, 1957, S. 557

Literatur[Bearbeiten]

  • Józef Szujski. Die Polen und Ruthenen in Galizien. Kraków. 1896 (Głuchoniemcy/Walddeutsche S. 17.)
  • Raimund Friedrich Kaindl: Geschichte der Deutschen in den Karpatenländern. 1907
  • Przemysław Dąbkowski: Stosunki narodościowe ziemi sanockiej w XV stuleciu (1921), Lwów
  • Taubendeutschtum
  • Adam Fastnacht: Osadnictwo Ziemi Sanockiej, 1946
  • Ernst Schwarz. Von den "Walddeutschen" in Galizien, "Schlesien" Jh. V. Z. III. S. 147-156. 1960.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Walddeutsche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien