Waldeinsamkeit

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Caspar David Friedrich (1774-1840): Der Chasseur im Walde, 1814

Mit Waldeinsamkeit, einem Aspekt des Motivs der Einsamkeit, wird ein religiöses asketisches Ideal umschrieben, das Bestandteil im asiatischen Mönchtum ist und ebenso bis ins mittelalterliche Mönchtum des Abendlands verbreitet war. Der Begriff erfuhr in der Romantik eine eigene Akzentuierung als literarisches Motiv.

Religion[Bearbeiten]

In der asketischen Tradition des Hinduismus spielt die durch den Vānaprastha ("Waldmönch") freiwillig aufgesuchte Waldeinsamkeit eine maßgebliche Rolle, ebenso wie im Buddhismus[1][2] bis in dessen Gegenwart heute etwa in Thailand als Tudong in der buddhistischen Waldtradition oder auch im Westen[3].

Im europäischen christlichen Mönchtum suchten bis ins späte Mittelalter Einsiedler und Eremiten ihre Zuflucht in die Abgeschiedenheit im Wald einerseits vor dem Treiben in der Stadt (siehe Lebensformen des Mönchtums), andererseits vor verweltlichenden Tendenzen im Kloster (wie die Vallombrosaner), wo sie durch das Volk vielfach hohe Wertschätzung erfuhren.[4]

Literatur[Bearbeiten]

Ludwig Richter (1803-1884): Genoveva in der Waldeinsamkeit, 1841

In Wolfram von Eschenbachs Versepos Parzival verkörpert die Figur des Trevrizent das Ideal des in der Waldeinsamkeit lebenden Asketen. Das Bild vom Einsiedel im Wald wird 1668 in Grimmelshausens Der abenteuerliche Simplicissimus[5] aufgegriffen und in der Barockdichtung zum literarischen Sujet.

In der deutschen Romantik wird die Waldeinsamkeit zu einem Schlüsselbegriff. Der Wald wird als idyllisches und ewiges Ideal mit der Einsamkeit des introvertierten romantischen Dichtertypus verknüpft.[6] In der romantischen Bewegung tauchte der Begriff erstmals 1796 im Kunstmärchen Der blonde Eckbert von Ludwig Tieck auf, der den Begriff als Symbol für die heile Welt im inneren und äußeren Erleben der Protagonistin Bertha verwendet. In Form des Gedichts wird der Ausdruck von einem Vogel eingeführt, wobei sich der Inhalt des Gedichts mit der Verstrickung Berthas in Untaten verändert.

Waldeinsamkeit,
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ewger Zeit,
O wie mich freut
Waldeinsamkeit.
Waldeinsamkeit
Wie liegst du weit!
O Dir gereut
Einst mit der Zeit.
Ach einzge Freud
Waldeinsamkeit!
Waldeinsamkeit
Mich wieder freut,
Mir geschieht kein Leid,
Hier wohnt kein Neid
Von neuem mich freut
Waldeinsamkeit.

Joseph von Eichendorff verwendet den Begriff zur Verklärung des Waldes als zeitlose Idylle, die dem vergänglichen Menschsein gegenübersteht. Im gesamten literarischen Werk dieses Dichters nimmt das Motiv eine entscheidende Stellung ein. Neben einem Gedicht mit dem Titel Waldeinsamkeit im Zyklus Der Umkehrende tritt das Motiv in vielen berühmten Gedichten wie Abschied vom Walde, In der Fremde oder Komm, Trost der Welt auf. Nicht minder bedeutend ist es in seine Prosawerken, wie etwa in der Erzählung Das Schloß Dürande.

Ebenso existieren Gedichte von Heinrich Heine und Adolf von Tschabuschnig mit diesem Titel. Ein Spätwerk Joseph Viktor von Scheffels aus dem Jahre 1884 ist der zwölfteilige Gedichtzyklus Waldeinsamkeit.

Das Motiv tritt, ohne namentlich genannt zu werden, in zahlreichen Werken der Romantik auf, da der Wald und der einsame Dichter als Schlüsselmotive der Epoche betrachtet werden können wie im Roman Heinrich von Ofterdingen von Novalis oder in Gedichten August von Platens, Ludwig Uhlands oder Nikolaus Lenaus.

Der Begriff fand als unübersetzter Germanismus Eingang in die amerikanische Literatur wie in Ralph Waldo Emersons (1803–1882) Poem Waldeinsamkeit (1858).

Malerei und Musik[Bearbeiten]

In der Malerei kommt das Motiv der Waldeinsamkeit vor allem bei Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus, Ernst Ferdinand Oehme, Ludwig Richter oder auch bei Moritz von Schwind zur Geltung. Ludwig Richters Gemälde Genoveva in der Waldeinsamkeit beruht auf der von Gustav Schwab veröffentlichten Sage der Genoveva von Brabant und zeigt den Wald als Sehnsuchts- und Rückzugslandschaft mit einem für die Romantik typischen religiösen Anstrich.[7] Dasselbe Motiv stellte später auch der Maler Hans Thoma dar. Julius Mařáks Wald-Darstellungen boten die Grundlage für Scheffels Gedichtzyklus Waldeinsamkeit.

In der Musik spielt das Motiv etwa in Richard Wagners Opern Siegfried und Parsifal eine Rolle.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 1, Zürich/Wien 41956, S. 122-126. http://www.zeno.org/nid/20009170812
  2. www.palikanon.com/buddhbib/07budjng/budjng05.htm Buddha und seine Jünger: Kassapa
  3. www.tibet.de/fileadmin/pdf/tibu/2005/tibu073-2005-20-bs-krohn.pdf Birgit Stratmann, „Entsagung macht reich“ -ein Portrait von Wolfgang Krohn
  4. Fairy v. Lilienfeld: Mönchtum II 3.3.2.1. Verweltlichung des Mönchtums, in: Gerhard Müller (Hg.), Theologische Realenzyklopädie, Band 23 Berlin, New York, 1994, S. 170
  5. Jakob Koeman, Die Grimmelshausen-Rezeption in der fiktionalen Literatur der deutschen Romantik http://books.google.com/books?id=aP8uMMkseuIC&pg=PA285&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=4#v=onepage&q&f=false B. Der Motivkomplex Wald Einsamkeit Einsiedler Nacht Nachtigall S. 285
  6. Hans Leibundgut: Der Wald in der Kulturlandschaft. Bedeutung, Funktion und Wirkungen des Waldes auf die Umwelt der Menschen. Bern, Stuttgart 1985. S. 114
  7. Ludwig Richter. Der Maler. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, 2004. Seite 216.

Literatur[Bearbeiten]

  • Tieck, Ludwig: Der gestiefelte Kater – Märchen aus dem „Phantasus“ . Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008.
  • Eichendorff, Joseph von: Gedichte. Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 1997.
  • Ludwig Richter. Der Maler. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, 2004.
  • Wolf, Norbert: Caspar David Friedrich. Taschen GmbH, Köln 2007.
  • Hammes, Michael Paul: "Waldeinsamkeit". Eine Motiv- und Stiluntersuchung zur Deutschen Frühromantik, insbesondere zu Ludwig Tieck, Limburg 1933

Weblinks[Bearbeiten]