Waldemar Gurian

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Waldemar Gurian (* 13. Februar 1902 in Sankt Petersburg, Russland; † 26. Mai 1954 in South Haven (Michigan)) war ein Politikwissenschaftler und Publizist. Er gilt als einer der führenden Interpreten des politischen Katholizismus und als Theoretiker des Totalitarismus. Er war eine wichtige Stimme der jüdischen Emigranten in den USA.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk [Bearbeiten]

Gurian, in St. Petersburg als Kind einer wohlhabenden jüdisch-armenischen Familie geboren, wanderte 1911, also noch vor Ausbruch des 1. Weltkrieges, mit der Mutter und seinen Schwestern nach Berlin aus. Hier konvertierte er 1914 wie seine Mutter zum katholischen Glauben.

Nach Studien in Köln, Breslau, München und Berlin wurde Gurian 21-jährig bei Max Scheler mit einer Arbeit über die katholische Jugendbewegung promoviert. Gurian wurde Redakteur bei der Kölnischen Volkszeitung, einem einflussreichen Blatt des katholischen Zentrums. Zudem begann er als freier Publizist Bücher über den Katholizismus zu veröffentlichen, wobei er sich neben dem französischen Katholizismus mit der Frage einer Versöhnung von Kirche und Demokratie beschäftigte. Zudem warnte er vor der Gefahr eines konservativen Nationalismus. 1928 erschien sein Buch über die politischen und sozialen Ideen des französischen Katholizismus.[1] Große Aufmerksamkeit erhielt er jedoch erst drei Jahre später, als sein Buch über den Bolschewismus erschien. Hier leitete er das sowjetische System nicht von der marxistischen Theorie her, sondern begriff es als Ausprägung des „totalen Staates“. Diesem totalen System gegenüber habe die Kirche die Rolle einer „Arche Noah der gesellschaftlichen Freiheit“.

Gurian entwickelte eine enge Bindung zu dem Katholiken Carl Schmitt, die allerdings später über dessen Engagement für den Nationalsozialismus zerbrach (Gurian bezeichnete Schmitt nach dessen Rechtfertigung der Röhmmorde als „Kronjuristen des Dritten Reiches“). Gurian flüchtete 1934 nach der Mord-Aktion, von der er sich als exponierter Kritiker des Nationalsozialismus selbst bedroht sah, mit seiner Familie in die Schweiz. In Luzern gab er mit dem ebenfalls emigrierten Otto M. Knab die „Deutschen Briefe“ heraus, ein Informationsblatt über Kirchenkampf und Kirchenverfolgung. Gurian wollte die deutschen Bischöfe zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufrufen. Zudem versuchte er mit dem ehemaligen Reichskanzler Joseph Wirth und dem Theologen Karl Thieme, der 1934 zur katholischen Kirche konvertierte, gegen den Antisemitismus vorzugehen.

1937 emigrierte Gurian in die USA, wo er an der University of Notre Dame (Indiana) eine Anstellung erhielt. Hier begründete er 1939 die Zeitschrift „Review of Politics“, zu deren Mitarbeitern der ersten Stunde auch Hannah Arendt gehörte.

Schriften (Auswahl) [Bearbeiten]

  • Die politischen und sozialen Ideen des französischen Katholizismus. 1789/1914. Volksvereins-Verlag, Mönchengladbach 1929.
  • Der Bolschewismus. Einführung in Geschichte und Lehre. Herder, Freiburg (Breisgau) 1931.
  • Der integrale Nationalismus in Frankreich. Charles Maurras und die Action Française. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1931.
  • Entscheidung und Ordnung. Zu den Schriften von Carl Schmitt. In: Schweizerische Rundschau. Jg. 34, 1934/35, ZDB-ID 6467-1, S. 566–576.
  • Bolschewismus als Weltgefahr. Vita Nova Verlag, Luzern 1935.
  • Lenins Methoden der Machteroberung im Jahre 1917. In: Werner Conze (Hrsg.): Deutschland und Europa. Historische Studien zur Völker- und Staatenordnung des Abendlandes. Festschrift für Hans Rothfels. Droste, Düsseldorf 1951, S. 271–291.
  • als Herausgeber mit Matthew A. Fitzsimons: The catholic church in world affairs. University of Notre Dame Press, Notre Dame IN 1954.
  • Totalitarianism as Political Religion. In: Carl J. Friedrich (Hrsg.): Totalitarianism (= Grosset's Universal Library. Bd. 167, ZDB-ID 1432009-5). Grosset & Dunlap, New York NY 1964, S. 120–123, 125–129.

Literatur [Bearbeiten]

  • Hannah Arendt: Waldemar Gurian. In: Hannah Arendt: Menschen in finsteren Zeiten (= Serie Piper 3355). Herausgegeben von Ursula Ludz. Ungekürzte, durchgesehene Taschenbuchausgabe. Piper, München u. a. 2001, ISBN 3-492-23355-4, S. 304–328.[2]
  • Heinz Hürten: Waldemar Gurian. Ein Zeuge der Krise unserer Welt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (= Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte bei der Katholischen Akademie in Bayern. Reihe B: Forschungen. Bd. 11). Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1972, ISBN 3-7867-0359-0.

Weblinks [Bearbeiten]

Notizen [Bearbeiten]

  1. Thümmler, Ellen/ Michael Kunze: Waldemar Gurians Frankreichbild im Aufriss seiner Publizistik; in: Söllner, Alfons (Hrsg.): Deutsche Frankreich-Bücher aus der Zwischenkriegszeit, Baden-Baden 2011, S. 173-196.
  2. auch ältere Aufl. - In Englisch online lesbar bei einem angloamerikanischen Internet-Händler ISBN 0-15-658890-0, S. 263–268. Siehe auch Referat bei Heuer in Weblinks.