Waldsiedlung (Bernau bei Berlin)

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52.73422222222213.48645555555670Koordinaten: 52° 44′ 3″ N, 13° 29′ 11″ O

Waldsiedlung
Höhe: 70 m
Fläche: 1,5 km²
Eingemeindung: 1. Juli 2001
Postleitzahl: 16321
Vorwahl: 033397
Haupteingang zum früheren „Innenring“ der Waldsiedlung (Aufnahme: Juli 2004)

Haupteingang zum früheren „Innenring“ der Waldsiedlung (Aufnahme: Juli 2004)

Die Waldsiedlung Bernau bei Berlin, fälschlicherweise meist nach dem nahegelegenen Ort Wandlitz als Waldsiedlung Wandlitz bezeichnet, ist eine eineinhalb Quadratkilometer große Wohnsiedlung. Sie entstand ab 1958 für die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros des ZK der SED, deren Tätigkeitsbereich in Berlin lag. Das bewachte Gelände wurde nach der Wende geöffnet, umgestaltet und in großen Teilen neu bebaut. Es liegt auf dem Gebiet der Stadt Bernau und ist seit 2001 ein offizieller Stadtteil von Bernau.

Geschichte[Bearbeiten]

Bau und Bezug[Bearbeiten]

Bebauungsplan Waldsiedlung 1959–1989

Die Siedlung wurde 1958 bis 1960 auf Beschluss des SED-Politbüros inmitten eines Waldgebietes gebaut, das bei der einheimischen Bevölkerung als Schießstände bekannt war. Die fertige Siedlung, in die zunächst 23 Politiker mit ihren Familien einzogen, unterstand der Hauptabteilung Personenschutz des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Die Mitglieder des Politbüros konnten dort besser gesichert werden als in ihren Villen am Majakowskiring in Berlin-Niederschönhausen. Den Wohnsitz in der Waldsiedlung zu nehmen war mit der Berufung in das Politbüro für dessen Mitglieder obligatorisch.

Sicherung[Bearbeiten]

Mauer am Westrand des Areals noch in Originalhöhe, Innenansicht, August 2010

Die Abschirmung war von außen nicht unmittelbar erkennbar. Der äußere Ring wurde durch einen Maschendrahtzaun umsäumt, an dem Schilder mit dem Hinweis auf ein Wildforschungsgebiet hingen. Der innere Ring, der nur teilweise vom äußeren Ring umschlossen war, war mit einer zwei Meter hohen und rund fünf Kilometer langen grün angestrichenen Beton-Sicherungsmauer umgeben und durfte nur mit Sonderausweis betreten werden. Die vier Tore wurden von Soldaten des MfS und des Wachregiments Feliks Dzierzynski bewacht. Zusätzlich war die PS-Wache (Hauptabteilung Personenschutz) eingesetzt. Insgesamt umfasste der Sicherungsbereich 33 Postenbereiche, einschließlich der Postenbereiche 32 (Badestelle Liepnitzsee) und 33 (Haus am See – Sommerhaus der sowjetischen Botschaft). Zwei Posten waren in vorgelagerten Wachtürmen untergebracht. Die Bewachung wurde als „Militärisch-operativer Sicherungsdienst“, unter Diensttuenden mit „MOS“ bezeichnet.

Die Sicherungsposten hatten einen pilzförmigen Unterstand mit einem aus dem Bergbau bekannten explosionsgeschützten Telefon. Die Tore wurden zusätzlich zu den Posten auch per Video überwacht. Die grüne Mauer war nachts etwa alle 30 Meter mit einer Leuchtstofflampe beleuchtet. Bei Nebel wurde eine zweite nach oben leuchtende dazugeschaltet. In einigen Abschnitten waren Signalanlagen auf der Mauer befestigt. Die Posten hatten jeweils über 24 Stunden Dienst und wurden in dieser Zeit vier Mal aufgeführt.

Leben in der Siedlung[Bearbeiten]

ehemaliges Haus 11 (Honecker), heute Habichtweg 5, Bauzustand 2010

Die Waldsiedlung bestand im inneren Ring aus 23 ein- und zweistöckigen Einfamilienhäusern mit teils 7 und teils 15 Zimmern, letztere mit 180 Quadratmetern Grundfläche, einem Klubhaus mit Arztpraxis, Schwimmbad, Sauna, Kino und Gaststätte, einem Handfeuerwaffen-Schießstand und einem Sportplatz mit Tennisanlage. Im äußeren Ring (die beiden Ringe lagen in Wirklichkeit nebeneinander) gab es unter anderem eine Gärtnerei, eine Poliklinik sowie Wohn- und Sozialgebäude für Angestellte und Wachpersonal. In der Siedlung wohnten die Funktionäre auf einem für DDR-Verhältnisse sehr hohen Niveau. Über eine als Ladenkombinat bezeichnete Verkaufseinrichtung gelangten die Bewohner in den Genuss hochwertiger DDR- und Westerzeugnisse sowie eines außergewöhnlichen Angebots an Frischobst und -gemüse. Nahezu jeder Einkaufswunsch, ggf. auch mittels Bestellung per Katalog, konnte erfüllt werden. Als während der Wende die Sendung Elf 99 des DDR-Fernsehens den relativen Luxus von Wandlitz zeigte, trug dies zur Empörung der Bevölkerung über das Regime bei.

Ein Stab von über 60 Hausangestellten sorgte sich um alle Aspekte des täglichen Lebens. Die Mitglieder der Partei- und Staatsführung leisteten sich in der Waldsiedlung einen Lebensstil, der weit über dem eines normalen DDR-Bürgers lag. Dies und die Abschottung von der eigenen Bevölkerung trugen zur Entfremdung zwischen der Führung und dem Volk bei und wurden während der Wende, aber auch schon zuvor, immer wieder scharf kritisiert. Verglichen mit der Führung anderer Staaten war der Lebensstandard in der Waldsiedlung jedoch bescheiden.

Ehemalige Bewohner der Waldsiedlung[Bearbeiten]

Alphabetisch sortiert (in Klammern die ehemalige Hausnummer, Straßennamen gab es nicht)[1]

Auflösung der Politikersiedlung und Nachnutzung[Bearbeiten]

Erste Kurgäste in der Brandenburg Klinik, Januar 1990

1989 mussten die Bewohner auf Beschluss der DDR-Regierung unter Ministerpräsident Hans Modrow die Siedlung verlassen. 1990 wurde die Brandenburg Klinik Bernau als erstes großes Rehabilitationszentrum in den neuen Bundesländern auf dem Gelände der Waldsiedlung errichtet. Mit dem Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 begann ein umfassendes Bau- und Renovierungsprogramm.

Außer den Reha-Kliniken und andere neu gebauten Einrichtungen wurden die früheren Wohngebäude vermietet. Eine Vielzahl neuer Wohnhäuser ist hinzugekommen. Ein komplett angelegtes erweitertes Wegesystem mit den Hauptachsen Brandenburgallee (West-Ost-Richtung) und Kurallee (Nord-Süd-Richtung) erschließt den Bernauer Stadtteil.

Aktuelles Leben in der Waldsiedlung[Bearbeiten]

Gesundheit und Gewerbe[Bearbeiten]

Ab 1990 erfolgte die schrittweise Umwandlung der Häuser der Waldsiedlung in medizinische und Betreuungseinrichtungen unter der Leitung des ehemaligen stellvertretenden Ministers für Gesundheit der DDR, Ulrich Schneidewind.[2] Per Dezember 2011 sind auf dem Gelände vorhanden:

Haupthaus der Brandenburg-Klinik
  • das Unternehmen Michels-Kliniken mit dem Komplex Brandenburg-Klinik (Brandenburgallee 1). Diese Klinik beheimatet Fachabteilungen für Neurologie in den Behandlungsphasen B (75 Akutbetten im Krankenhausbedarfsplan des Landes), C und D, Psychosomatik sowie Orthopädie und Kardiologie. Mit einer Aufnahmekapazität von insgesamt 700 stationären Patienten ist die Brandenburg Klinik[3]das größte Haus im Unternehmensverbund der Michels Kliniken. Die einzelnen Fachbereiche verteilen sich auf mehrere Häuser wie folgt: Klinik I Haus Brandenburg, Klinik II Haus Barnim, Klinik IV Haus Havelland, Klinik VI Haus Berlin, Klinik V Parkklinik.
  • Die Kindernachsorgeklinik Berlin-Brandenburg ist eine gemeinnützige familienorientierte Rehabilitationsklinik für herz- und krebskranke Kinder und Jugendliche mit 100 Betten. Sie wird durch „Carpe diem“, einen Förderverein für krebskranke Kinder, betreut.[4]
  • das Wachkoma-Zentrum im Regine-Hildebrandt-Haus[5]
  • das Seniorenzentrum Haus Birkenhof für 99 Bewohner (Johann-Strauß-Str. 2)[6]
  • die Seniorenresidenz Lindenhof (2003 eröffnet; Offenbachstr. 150), eine Wohnanlage mit insgesamt 65 Zwei- oder Dreizimmerwohnungen [7]

Außerdem haben sich in einigen vorhandenen oder neu errichteten Hallen Firmen angesiedelt wie Möbel-Wolf (Lager, Spedition, Werksverkauf), eine Lebensmittelkette oder eine Gärtnerei.

Wohnbereich[Bearbeiten]

Ein Netz aus elf Straßen in West-Ost- und drei Straßen in Nord-Süd-Richtung erschließt das Gelände. Für die Bewohner gibt es Dienstleister wie Friseur, Kosmetik, Schneider, Arztpraxen, Restaurants, Imbiss. Eine Sonderschule für geistig Behinderte und eine Montessori-Schule vervollständigen das Angebot.

Kunst in der Siedlung[Bearbeiten]

Keiler von Waldemar Grzimek, heute Zufahrt Klinik I nahe Haupteingang

Auf dem Gelände wurden nach Fertigstellung der Bebauung zahlreiche Kunstwerke aufgestellt. Dazu gab es eine Kommission, die aus bereits vorhandenen Skulpturen eine Auswahl traf. Etwa 13 Bronzefiguren wurden dann vor Gemeinschaftseinrichtungen wie dem Schwimmbad, dem Sportplatz oder der Verkaufseinrichtung und in Hausgärten aufgestellt, beispielsweise Ruhender Tänzer von Waldemar Grzimek am Haus von Günter Schabowski, Stehender Akt von Lore Plietzsch im Garten von Werner Krolikowski. Weitere Figuren und Kunstwerke, auch aus Sandstein, von bekannten Künstlern wie Walter Arnold oder Gerhard Geyer, ein Terrakottabild und ein Mosaik der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, Putzkeramik von Heidi Manthey und Kunstschmiedearbeiten an Zäunen und Toren schmückten ebenfalls die weitläufige Anlage.[8]

Einige der Kunstwerke wurden nach 1990 gestohlen oder bei der Umwandlung des Geländes zu einer Klinik an neue Standorte umgesetzt. Im Frühjahr 2010 verschwanden weitere Skulpturen, was von den Verantwortlichen der Klinik und vom Kulturdezernenten der Stadt Bernau mit Sicherstellung und fachgerechter Sanierung erklärt wurde. Im Herbst 2011 befinden sich von den Skulpturen nur noch der Keiler von Waldemar Grzimek und das Fritz Kühn zugeschriebene schmiedeeiserne Haupttor im Gelände.

Inzwischen konnten 5 der verschwundenen Skulpturen zurückgewonnen werden, sie waren in Privatgärten und im Kunsthandel aufgetaucht, selbst auf einer Mülldeponie wurde eine gefunden. Das Bernauer Kulturamt hat Mitte Juni 2013 in einer größeren Halle auf dem Gelände eine Ausstellung eröffnet, in denen alle vorhandenen und restaurierten Kunstwerke besichtigt werden können. Das Interesse der Besucher ist groß, weswegen ab August die Öffnungszeiten auf vier Tage pro Woche verlängert werden (Mittwoch, Donnerstag, Freitag 10–18 Uhr, Sonnabend 10–16 Uhr; Juli: nur Mittwoch und Sonnabend). Der Eintritt ist kostenlos.[9]

Verkehrsanbindung[Bearbeiten]

In der Bauphase war das Waldareal nur über unbefestigte Sandwege erreichbar. Danach erhielt die Siedlung durch Verlegung der Fernverkehrsstraße 273 (heute Bundesstraße 273) aus der Wandlitzer Ortsmitte in eine Ortsumfahrung einen vierspurigen Autobahnanschluss. Die frühere Verbindungsstraße zwischen Bernau und Wandlitz wurde teilweise in die neue Verbindung einbezogen. Ihr verbliebener südlicher Teil bildet heute die Landesstraße L 304. Die jetzigen Bewohner der Siedlung sowie die Patienten und Gäste der Klinikeinrichtungen können eine Anfang der 2000er Jahre eingerichtete neue Busverbindung (Linie 894) der Barnimer Busgesellschaft (BBG) nutzen. Sie ermöglicht Anschlüsse an die S-Bahn in Bernau oder an die Heidekrautbahn in Wandlitz.[10]

Literatur[Bearbeiten]

  • Paul Bergner: Die Waldsiedlung. FB-Verlag, 6. Auflage, Basdorf 2012
  • Klaus Bossig: DDR-Führung auf Reisen. Schienen-, Straßen-, Luft- und Wasserfahrzeuge für Staatsreisen der DDR-Führung. EK-Verlag, Freiburg 2010, ISBN 978-388255-734-3.
  • Die Waldsiedlung – Wer wohnte wo? mit Lageplan der DDR-Bauten incl. dreier Bunker, FB-Verlag, Basdorf[11]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Waldsiedlung (Bernau bei Berlin) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Quelle: Paul Bergner: Die Waldsiedlung, Seite 273
  2. Detail aus der Chronik der Wende vom rbb (online), abgerufen am 19. Dezember 2011
  3. Brandenburg Klinik
  4. Webseite der Kinder-Nachsorgeklinik
  5. Webseite mit Informationen zum Wachkoma-Zentrum
  6. Webseite mit Informationen zum Seniorenzentrum Birkenhof
  7. Webseite Seniorenresidenz Lindenhof
  8. Andreas Fritsche: Sanieren in der Waldsiedlung ohne Hand und Fuß. Aus den ehemaligen Hausgärten der SED-Politbüromitglieder sind die Bronzeskulpturen entfernt worden. Neues Deutschland vom 7. April 2010
  9. Nackte Damen gucken. Skulpturensammlung der Waldsiedlung Bernau wird zahlreich besucht. In: Märkischer Sonntag vom 6./7. Juli 2013, Seite 7
  10. Buslinie 894 mit allen Haltestellen; hier: Bernau Brandenburg-Klinik; abgerufen am 21. November 2010
  11. Beschreibung des Buches Wer wohnte wo?