Walter Nicolai (Geheimdienstoffizier)

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Oberstleutnant Walter Nicolai

Walter Nicolai (* 1. August 1873 in Braunschweig; † 4. Mai 1947 in Moskau) war Oberst und Chef des deutschen Geheimdienstes III B während des Ersten Weltkrieges.

Leben[Bearbeiten]

Walter Nicolai wurde als Sohn eines preußischen Hauptmanns und einer Bauerntochter in Braunschweig geboren. 1893 schlug er die militärische Laufbahn ein. Er studiert von 1901 bis 1904 an der Kriegsakademie in Berlin. Zur Ausbildung gehörte auch, dass er Generalstabsreisen unternahm. Diese Reisen führten ihn kurz vor seiner Berufung als Chef des Nachrichtendienstes der deutschen Obersten Heeresleitung auch nach Russland. Er sprach fließend Russisch. Nicolai wird als ultrakonservativer, kaisertreuer, unpolitischer, gleichwohl das politisierte Offizierskorps des Kaiserreichs vertretender Offizier beschrieben.[1]

1906 begann seine Karriere beim militärischen Geheimdienst des Kaiserreichs III B, als er die Nachrichtenstation in Königsberg übernahm. Er baute die Nachrichtenstation Königsberg zum Führungsstab für die Spionage in Russland aus. Nach zweijähriger Dienstzeit wurde er Anfang 1913 Chef des Geheimdienstes III B, die u. a. zur Aufklärung des österreichischen Spionagefalls Redl beitrug. Nicolai leitete den deutschen Geheimdienst von 1913 bis 1919. Er richtete den Geheimdienst III B intensiv auf den Krieg aus. Nicolai schrieb unter anderen: „Vor jeder Neuerwerbung, Lieferung pp. frage sich der N.O. [Anmerkung: N.O. = Nachrichten-Offizier]: Welchen Nutzen bringt sie für den Krieg.“[2]

Als Erich Ludendorff Generalquartiermeister wurde, kam es zu einer Expansion vom militärischen Geheimdienst zur Geheimpolizei.[3] Nicolai sah sich als unerbittlicher Erzieher zum militärischen Siegeswillen, Aufpasser und Initiator vaterländischer Selbstdisziplin. Nicolai unterstanden nun das Kriegspresseamt und die Oberzensurstelle. Nur noch von Offizieren und Beamten der III B gebilligte Berichte über militärische Vorgänge durften erscheinen. Im Inland wurde nun ein Netz von V-Männern in Firmen, Behörden und in privaten Kreisen aufgebaut. Nach einer Verfügung der Obersten Heeresleitung vom 8. Mai 1917 schuf Nicolai eine Propagandastelle und führte bei den Truppen einen vaterländischen Unterricht ein. Seine Offiziere beteiligten sich an der Werbearbeit für Kriegsanleihen. Nicolai stand hinter der Gründung der chauvinistisch-reaktionären Vaterlandspartei. Er stand hinter der Stimmungsmache gegen gemäßigte und linke Politiker. Er mobilisierte eine nationalistische „Volksempörung“, wenn der Reichstag es wagte, eine sieglose Friedenslösung zu besprechen. In Pressekonferenzen forderte er von Journalisten härteste propagandistische Unterstützung der deutschen Kriegsanstrengungen. Bald galt Nicolai als „Vater der Lügen“.

Nach Beendigung des Ersten Weltkrieges wurde Nicolai als Oberst pensioniert. Sein Stellvertreter und späterer Nachfolger ab 1920 war Major Friedrich Gempp. In seiner nachmilitärischen Zeit publizierte Nicolai zwei Bücher über seine Tätigkeit.

In der Zeit des Nationalsozialismus gehörte er zum Sachverständigenbeirat des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschland.[4] Seit dem 1. April 1936 hatte er an diesem Institut einen Forschungsauftrag mit dem Titel „Politische Führung im Weltkrieg“. Dazu sollte er alles verfügbare Material zum Ersten Weltkrieg zusammentragen und „systematische Befragungen bei den seinerzeit führenden Persönlichkeiten“ durchführen.[5]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Nicolai 1945 vom sowjetischen Geheimdienst NKWD aus Deutschland verschleppt und in Moskau verhört. Er starb während der Haft am 4. Mai 1947 im Hospital der Moskauer Butyrka. Der Leichnam wurde verbrannt und auf dem Moskauer Don-Friedhof in einem Massengrab bestattet. Erst 1999 rehabilitierte die russische Militärstaatsanwaltschaft Walter Nicolai.[6]

Schriften[Bearbeiten]

  • Nachrichtendienst, Presse und Volksstimmung im Weltkrieg. Berlin 1920.
  • Geheime Mächte. Internationale Spionage und ihre Bekämpfung im Weltkrieg und Heute. Leipzig 1923. Faksimile-Ausgabe: Verlag für Ganzheitliche Forschung, Viöl/Nordfriesland 1999, ISBN 3-932878-24-8.

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinz Höhne: Canaris – Patriot im Zwielicht. Bertelsmann, München 1976, ISBN 3-570-01608-0.
  • Jürgen W. Schmidt: Gegen Russland und Frankreich: Der deutsche militärische Geheimdienst 1890–1914. 3. Auflage. Ludwigsfelder Verlags-Haus, Ludwigsfelde 2009, ISBN 978-3-933022-44-8.
  • Klaus-Walter Frey: Oberst Walter Nicolai, Chef des deutschen militärischen Nachrichtendienstes IIIb im Großen Generalstab (1913-1918). Mythos und Wirklichkeit - Biographische Beiträge. In: Jürgen W. Schmidt (Hg.): Geheimdienste, Militär und Politik in Deutschland. 2. Auflage Ludwigsfelde 2009, S.135-198
  • Markus Pöhlmann: German Intelligence at War, 1914–1918. In: Journal of Intelligence History. 5, 2005, S. 33–62.
  • Kenneth J. Campbell: Colonel Walter Nicolai: A Mysterious but Effective Spy. In: American Intelligence Journal 27.1 (2009) S. 83-89.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heinz Höhne: Canaris – Patriot im Zwielicht. S. 149.
  2. Heinz Höhne: Canaris – Patriot im Zwielicht. S. 150.
  3. Heinz Höhne: Canaris – Patriot im Zwielicht. S. 150f.
  4. Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 433.
  5. Anne Christine Nagel (Hrsg.): Die Philipps-Universität Marburg im Nationalsozialismus. Dokumente zu ihrer Geschichte. Franz Steiner, Stuttgart 2000, S. 398.
  6. Jürgen Schmidt: Spionage: Mata Haris erfolgloser Chef, Tagesspiegel, 7. Oktober 2001

Weblinks[Bearbeiten]