Wanderarbeiter

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Wanderarbeiter in den Vereinigten Staaten

Wanderarbeiter sind Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz weit entfernt von ihrem Wohnort aufsuchen müssen.[1] Heute werden nach einer Definition der Internationalen Organisation für Migration (IOM) unter dem Begriff sehr unterschiedliche rechtliche Kategorien zusammengefasst, die neben Arbeitsmigranten, Werkvertragsarbeitsnehmer, Saisonarbeitskräfte auch illegal beschäftigte Arbeitnehmer beinhalten, die sich für die Dauer der Beschäftigung am Arbeitsort aufhalten. Eingeschlossen werden auch inländische Arbeitskräfte, die dauerhaft im Ausland leben und im Land ihrer Staatsangehörigkeit einer Beschäftigung nachgehen. Entscheidend sei der mit der Beschäftigung verbundene Aufenthaltsraum in einem anderen Land, als dem in dem man dauerhaft lebt.[2]

Nach der Definition des Europäischen Vereins für Wanderarbeiterfragen sind weder die nach den traditionellen handwerklichen Zunftordnungen „fremdreisenden rechtschaffenen Gesellen“ noch Migranten gemeint, die meist mitsamt Familie auf Dauer ihr Heimatland verlassen, sondern solche Arbeitnehmer, die ihre familiäre Anbindung im Heimatland behalten und mehr oder weniger oft von den ausländischen Arbeitsstellen nach Hause zurückkehren.[3]

Geschichte[Bearbeiten]

In Deutschland gab es seit der Restaurationszeit für über Generationen ein stabiles unterbürgerliches Sozialmilieu, das von sozialer Not getrieben – aus wirtschaftlich schwachen Gebieten arbeitssuchend umherzog. Sogenannte „Leutenot“ in der Landwirtschaft sowie „Arbeiternot“ in Industrie, im Straßen- Kanalbau und in der Landwirtschaft (letzteres insbesondere in Norddeutschland) ließen seit den 1890er Jahren die Saisonwanderungen stark ansteigen. So setzte man zum Beispiel auf der Insel Fehmarn bei einer Bevölkerung von ca. 10.000 Menschen zur Erntezeit bis zu 3.500 Wanderarbeiter ein (nach Thomsen 1982). Vor dem Ersten Weltkriegs gab es 1,2 Millionen ausländische Wanderarbeiter im Deutschen Reich. Umgekehrt fanden deutsche Wanderarbeiter zum Beispiel als sogenannte Hollandgänger in den Niederlanden, in Belgien, Frankreich und der Schweiz saisonale Arbeit.[4] Ein weiteres Beispiel waren die Sachsengänger. Solche sogenannten „Grenzgänger“ wurden von Peter Meusburger als „zwischenstaatliche Pendler, die im Inland wohnhaft und einkommenspflichtig sind, aber im Ausland unselbstständig erwerbstätig sind und täglich oder mindestens einmal wöchentlich ihren inländischen Wohnsitz aufsuchen“ definiert.[5]

In den Vereinigten Staaten wurden meist obdachlose und umherziehende Wanderarbeiter Hobos genannt, die in wirtschaftlichen Krisenzeiten während des späten 19. Jahrhunderts nach dem Civil War und im frühen 20. Jahrhundert während der Weltwirtschaftskrise nach Arbeit als Erntehelfer, Bau- oder Waldarbeiter suchten.[6]

Maßgeblich beeinflusst durch die britische Kolonialpolitik zu Gunsten der Industrie und des Agrarsektors im südlichen Afrika nahmen die Ausmaße der Wanderarbeit um 1900 einen beträchtlichen Umfang an. Der Premierminister Cecil John Rhodes, ein Magnat der Montanwirtschaft in der damaligen Kapkolonie, schuf 1894 mit dem Glen Grey Act ein legislatives Instrument, mit dem durch steuerliche Regelungen und einer Grundstücksvergabe ohne ausreichende wirtschaftliche Tragfähigkeit auf die schwarze Bevölkerung ein unausweichbarer Druck zur Aufnahme von Arbeit ausgeübt wurde. Auf diese Weise erhielten die prosperierenden Bergbauzentren sowie große Farmen der Briten und Buren im südlichen Afrika eine reiche Auswahl an beliebig verfügbaren Wanderarbeitern, die bis in die Apartheidepoche hinein ein feste ökonomische Größe der "weißen" Industrie bildeten.[7][8]

Gegenwart[Bearbeiten]

Laut der Internationalen Organisation für Migration wird die weltweite Anzahl von Wanderarbeitern auf rund 200 Millionen geschätzt. Sie erwartet bis zum Jahre 2050 einen jährlichen Zuwachs um 2,3 Millionen. Diese Zuwachsrate sei um 40 Prozent höher als jene zwischen den Jahren 1960 bis 2005, als jährlich etwa 1,6 Millionen Personen auf der Suche nach Arbeit die Grenzen überschritten. In Europa leben 70,6 Millionen Zuwanderer aus anderen Regionen, gefolgt von Nordamerika mit 45,1 Millionen und der Arabischen Halbinsel mit 18,8 Millionen.[9]

Heute werden als Wanderarbeiter unter anderem auch die in der Volksrepublik China und anderen Schwellenländern lebenden Tagelöhner bezeichnet. Sie sind meist Bauern, oft aus entfernten Provinzen, die sich aufgrund von Landflucht ohne ihre Familie und ohne abgesicherten Status in den Städten aufhalten, da sie über keine Niederlassungsbewilligung verfügen. Sie verdingen sich im Hoch- und Tiefbau und arbeiten aufgrund ihres Status ohne Arbeitsvertrag und Gesundheitsversorgung, leben in verwahrlosten Unterkünften, oft auch direkt in den Nischen der entstehenden Neubauten und werden inadäquat, unregelmäßig oder gar nicht[10] bezahlt. Ihre Zahl wurde in China 2007 auf etwa 250 Millionen geschätzt.[11] Aufgrund der Finanzkrise ab 2007 hatten rund 20 Millionen Wanderarbeiter ihre Arbeitsplätze verloren, was nach behördlichen Angaben etwa 15 Prozent der insgesamt rund 130 Millionen Wanderarbeiter aus ländlichen Regionen betrifft.[12]

Literarische Bearbeitungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jan Carstensen, Josef Mangold (Hrsg.): Menschen – Ideen – Migration. Neue Blicke auf Baukultur im Rheinland und in Westfalen-Lippe. mit Beiträgen zu historischer Wanderarbeit, Wissenstransfer und Arbeitsmigration von Anke Asfur, Kai Reinbold, Wilfried Reininghaus, Sabine Thomas-Ziegler, Anne Wieland u.a. Essen 2010, ISBN 978-3-8375-0355-5.
  • Ernst Thomsen (1982): Landwirtschaftliche Wanderarbeiter und Gesinde in Schleswig-Holstein 1880 - 1914. Diss. an der Universität Kiel.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dudeneintrag zu „Wanderarbeiter“ in Duden-Online, abgerufen am 25. Dezember 2008
  2. Hans-Günther Homfeldt, Wolfgang Schröer und Cornelia Schweppe: Soziale Arbeit und Transnationalität: Herausforderungen eines spannungsreichen Bezugs. Juventa 2007, S. 81,82 hier online
  3. Matthias Kirchner in Neue gewerkschaftliche Wege
  4. Die Zeit: Drehscheibe Deutschland vom 15. Februar 1991 Nr. 08
  5. Lehrbuch der Allgemeinen Geographie, Bd.8, Allgemeine Staatengeographie von Erich Obst, Josef Schmithüsen und Martin Schwind, Gruyter 1972, S. 101, hier online
  6. Hartmut Häußermann und Walter Siebel: Stadtsoziologie: Eine Einführung, Campus Verlag 2004, S. 51 hier online
  7. The Story Of Gold Recruiting Migrant Workers. auf newhistory.co.za (englisch)
  8. [1] (PDF; 250 kB) Lionel Cliffe: Ruth First: Black Gold: The Mozambican Miner, Proletarian and Peasant. Buchrezension in: Sociology. Durham Vol. 18 (1984) Nr.1
  9. Die Hälfte der Wanderarbeiter sind Frauen Frankfurter Rundschau vom 2. Dezember 2008
  10. Wanderarbeiter warten auf Löhne in Milliardenhöhe FAZ vom 17. August 2005
  11. Spiegel Online: Crashkurs für Chinas Entrechtete vom 31. Dezember 2007
  12. Netzeitung: 20 Millionen Wanderarbeiter in China ohne Job vom 2. Februar 2009