Wanderjahre

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Wandergesellen-Treffen in Bad Kissingen (2010)

Der Begriff Wanderjahre (auch Wanderschaft, Walz, Tippelei, Gesellenwanderung) bezeichnet die Zeit der Wanderschaft zünftiger Gesellen nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit (Freisprechung). Sie war seit dem Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung eine der Voraussetzungen der Zulassung zur Meisterprüfung. Die Gesellen sollten vor allem neue Arbeitspraktiken, fremde Orte, Regionen und Länder kennenlernen sowie Lebenserfahrung sammeln. Ein Handwerker, der sich auf dieser traditionellen Wanderschaft befindet, wird als Fremdgeschriebener oder Fremder bezeichnet.

Das heutige Bild über die Gesellenwanderung ist teilweise verklärt – etwa durch Gedichte oder Schuberts Liederzyklen. Allgemein bekannt sind nur einzelne fragmentarische Überlieferungen, die sich überwiegend auf den Zeitraum zwischen dem späten 18. und frühen 20. Jahrhundert beziehen. Die Geschichte der Wanderschaft als Teil der Handwerks- und Industriegeschichte sowie der Migrationsforschung ist bislang nur in Bruchstücken rekonstruiert. Eine neuere, erst 1998 aufgefundene und 2000 publizierte Quelle ist z. B. das Tagebuch des österreichischen Zuckerbäckers Ludwig Funder, der 1862 bis 1869 auf Arbeitssuche ganz Deutschland durchwanderte.

Wanderpflicht zwischen Mittelalter und Industrialisierung[Bearbeiten]

Die Pflicht zur Wanderschaft der Gesellen war erst in nachmittelalterlicher Zeit in bestimmten Zünften, aber längst nicht in allen, als ein Teil des vorgeschriebenen Ausbildungsweges eingeführt worden. Vorausgegangen waren diesen Vorschriften in romanischer und besonders gotischer Zeit die Wanderungen einzelner Bauhandwerker und ganzer Bauhütten von einem Kirchenbauprojekt zum anderen, was heute nur noch selten quellenmäßig fassbar ist und allenfalls durch kunsthistorische Vergleiche und Analyse von Stilmerkmalen nachvollzogen werden kann. Der Zeitraum, den die Wanderschaft umfasste, unterschied sich über die Jahrhunderte, je nach Gewerk und Ort der Zunft. In deren Statuten waren die Anforderungen dazu jeweils genau festgelegt.

Nach dem Ablauf der Hälfte der Wanderjahre bestand die Möglichkeit, sich durch Angehörige als Anwärter auf die Meisterschaft im Buch der jeweiligen Innung eintragen zu lassen. Erst nach Beendigung der Wanderschaft und einer weiteren mehrjährigen Arbeitszeit, den so genannten Mutjahren in einer Werkstatt am Ort der Antragstellung, bestand die Möglichkeit, sich zum Meisterstück anzumelden. An die Erlangung der Meisterschaft war das Niederlassungsrecht gebunden und damit die Eintragung als Bürger in das Bürgerbuch der Stadt. Erst dann bestand in manchen Zünften die Möglichkeit der Heirat.

Ablauf[Bearbeiten]

Der Ablauf der Wanderschaft wurde in den auf die innere Ordnung der Zunft speziell abgestimmten Artikeln, dem Artikelbuch, festgelegt und unterschied sich zeitlich, regional und nach dem Gewerk.

Als Zielorte der Wanderschaft kamen vor allem Städte im Reichsgebiet in Betracht. Bei Berufen die der Kunst- und Luxusproduktion zuzuordnen sind, wie beispielsweise Bildhauer oder Goldschmied, durchaus auch das Ausland. Wenn der Wandergeselle in eine fremde Stadt kam, hielt er mit Hilfe eines dazu bestimmten Schaumeisters oder Schaugesellen Umschau, indem er in bestimmter Reihenfolge die Werkstätten aufsuchte und um Arbeit fragte. Fand er keine, bekam er bei bestimmten Zünften (in Norddeutschland: bei den sogenannten geschenkten Ämtern) ein kleines Zehrgeld geschenkt und reiste umgehend weiter. Wer blieb, musste sich wenigstens auf bestimmte Zeit, oft ein halbes Jahr, verdingen. Der Eintritt in den Kreis der Gesellen war an vielen Orten bis weit ins 18. Jahrhundert Anlass für ein Gelage mit den damit verbundenen derben und unmäßigen Trinkscherzen. Die Einschreibung der Gesellen nach Ankunft bei der Lade war mit der Ablegung eines Geselleneids auf die Zunftlade verbunden. Oftmals wurden die Gesellen bestimmten Meistern zugewiesen, da es für die Zahl der Meister Beschränkungen in der Anzahl der zu beschäftigenden Gesellen gab. Die Kündigung war beiden Seiten möglich.

Kundschaft für einen Tischlergesellen, ausgestellt in Bremen 1818. Kupferstichformular mit handschriftlichen Einträgen und Siegelstempelabdruck.

Zwischen 1730 und 1820 wurde den zünftig gebundenen Wandergesellen bei der Beendigung längerer Arbeitsperioden an größeren Orten die Kundschaft, eine gedruckte, mit gestochener Ortsansicht versehene Urkunde als Nachweis für Arbeitszeit und Wohlverhalten ausgehändigt. Ohne eine solche konnte er im nächsten Ort kaum Arbeit finden. Während seines Verbleibs in einer örtlichen Werkstatt verblieb die Kundschaft in der Zunftlade bis zum ordnungsgemäßen Abschied. Das Entlaufen der Gesellen war auch mit diesem Kontrollinstrument ein von den Meistern häufig beklagter Missstand. In manchen Gesellenherbergen hing eine „Schwarze Tafel“, auf der allen durchreisenden Gesellen zur Kenntnis und Warnung die Namen derjenigen groß verzeichnet waren, die unter Hinterlassung von Zechschulden die Stadt verlassen hatten.[1]

Das Artikelbuch der Zunft regelte im Allgemeinen die Bedingungen der Wanderschaft für die ausziehenden Gesellen wie auch das arbeitsrechtliche Verhältnis von Gesellen und Meistern. Dabei wurden neben dem Lohn auch die Beiträge zur Gesellenlade, das Krankenwesen und die Reglementierung des Lebens der Gesellen festgelegt. Ein Beispiel dafür sind die in unterschiedlichen Abständen abgehaltenen Irthen an den so genannten Zechtagen. Diese Trinkgelage während der Gesellenversammlungen mussten durch den Innungsältesten und dessen Beisitzer genehmigt werden und waren beim Herbergsvater, dem Ladenvater, anzumelden.

Die sich im 18. Jahrhundert bildenden Gesellenkorporationen wurden jedoch nicht überall widerspruchslos geduldet. Den größeren Geselleninnungen standen oft ein oder mehrere Altgesellen, die Ladengesellen, vor. Als Geselle gehörte man zu den Besitzlosen, den Habenichtsen.

Wanderrouten[Bearbeiten]

Das Wanderungsverhalten der Gesellen wird in der historischen Migrationsforschung untersucht. Einen nicht geringen Einfluss auf die gewählten Ziele hatten dabei Sprachgrenzen, die Religion und bereits bestehende Migrationsnetzwerke. Deren europäische Auswirkungen, z. B. auf den Wissenstransfer, sind erst in neuerer Zeit wissenschaftlich untersucht worden.[2] Ballungsräume waren das bevorzugte Ziel der Wanderungen. Staatliche Restriktionen des Wanderungsverhaltens wirkten sich erst im 19. Jahrhundert aus.

Bedeutungsverlust im 19. und 20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts begannen im Heiligen Römischen Reich gewerberechtliche Reformen, wie die 1731 vom Kaiser ratifizierte Reichshandwerksordnung, die die ständische Gesellschaft in eine vorindustriell geprägte Gesellschaft wandeln sollte. Eine konsequente Umsetzung blieb jedoch aus. Erst nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges kam es in vielen deutschen Ländern zu beschleunigten Staatsreformen, die eine Liberalisierung der Wirtschaft zur Folge hatten. Mit der Zunahme der neu gegründeten Manufakturen entstanden zunehmende Konflikte zum alten Handwerk. Von staatlicher Seite wurde dabei eine immer offenere Förderung und Bevorzugung des Handels- und Manufakturwesens betrieben. Die Reform des Gewerbes im 19. Jahrhundert bildet den administrativen Abschluss der Entwicklung.

Daraus entstanden Konsequenzen für die überlieferten Privilegien, Regelungen und Bräuche der Innungen des Handwerks. Auch die Verpflichtung zur Wanderschaft war davon betroffen. Die verstärkte Spezialisierung und die beginnende Mechanisierung stellten neue Anforderungen an die Arbeitskräfte. Eine umfassende Ausbildung in dem jeweiligen Gewerbezweig der Manufaktur hatten nur noch wenige Meister, Gesellen und Lehrburschen. Sonderregelungen gestatteten es, nicht zünftige Meister und Gesellen anzustellen. Neben diesen wuchs der Anteil unqualifizierter Hilfsarbeiter in den Manufakturen, die nunmehr lediglich Teilarbeiten des Handwerks kannten und ausführten. Die innerbetriebliche Ausbildung der wenigen noch umfassend ausgebildeten Lehrlinge war mit der nachhaltigen Bindung an das Unternehmen gekoppelt. Nur diesen eröffnete sich in der Regel die Möglichkeit des betrieblichen Aufstieges zum Gesellen, Meister oder Werkmeister.

Ihre Förderung war zielgerichtet am Profil des Unternehmens orientiert. Die selbst bestimmte Wanderschaft wurde durch die domestizierte betriebliche Verschreibungen und Delegation in spezielle branchengleiche Unternehmen von gutem Ruf vereinbart. Im Anschluss sollte das gesammelte Wissen das heimische Unternehmen befruchten. Die Form des Wissenstransfers durch Verschreibungen verlor bereits am Ende des 18. Jahrhunderts an Bedeutung. Mit der weiteren Spezialisierung vieler Gewerbe ging die Gründung von Gewerbe-, Ingenieur- und Hochschulen einher, die das Wandern als Qualifikation weitgehend abgelöst haben. Nur in wenigen Haupt- und Nebengewerken des Bauhandwerks blieb die Wanderschaft weiter erhalten.

Die Zahl der reisenden Gesellen unterlag ständigen und großen Schwankungen. So war Anfang des 20. Jahrhunderts die Fremdenzahl im vierstelligen Bereich und gegen Ende der 1920er Jahre besonders hoch. Während der Weltkriege und in der Zeit der Hitler-Diktatur ging die Zahl der Fremdschreibungen sehr zurück, da viele junge Männer für das Militär eingezogen wurden und da die Freiheitsliebe der Fremden mit der Politik des Nationalsozialismus im Konflikt stand. Daher wurden die Schächte von den Nationalsozialisten verboten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs mit Beginn der 1950er Jahre das Interesse an der traditionellen Walz rasch, erreichte aber nie die Dimensionen der 1920er. In der DDR wurde bald das zünftige Reisen verboten. Trotzdem versuchten einige Wenige ihr Glück innerhalb der Grenzen, aber die herrschenden Bedingungen der volkseigenen Betriebe (VEB) machten das Arbeiten an verschiedenen Arbeitsstellen nahezu unmöglich.

Mit dem wachsenden Wohlstand im Wirtschaftswunderland BRD ging auch dort die Motivation, für drei Jahre auf die Straße zu gehen, rapide zurück, so dass in den 1970er Jahren die reisenden Handwerksburschen mit dem schwarzen Hut eine Seltenheit waren. Man hatte die mehrjährige Zeit der Entbehrungen nicht mehr nötig. Die Einheimischen in den Schächten befürchteten schon fast, dass die alten überlieferten Rituale mit ihnen aussterben würden.

Gegenwart[Bearbeiten]

Zwei Gesellen in Erfurt, 1990

Um 1980 wuchs das Traditionsbewusstsein, gleichzeitig aber auch die Emanzipation der Frauen und der Geist der „alternativen“ Lebensweise. Es wurden zwei neue Schächte gegründet, deren Strukturen stark von den „alten“ Traditionsschächten abwichen und die auch Frauen aufnahmen. Außerdem gingen vermehrt Gesellen beiderlei Geschlechts auf Wanderschaft, ohne einem der Schächte beizutreten. Diese nennen sich Freireisende, um ihre Ungebundenheit gegenüber den Gesellenvereinigungen zu unterstreichen.

Nach der Wiedervereinigung nutzten auch viele ostdeutsche Gesellen wieder die Möglichkeit, auf die Walz zu gehen. Die wachsende Arbeitslosigkeit, unter der auch die Baubranche litt, belebte den neuen Boom zusätzlich. So machten nicht wenige aus der Not eine Tugend und verließen für mehrere Jahre ihre Heimat.

Hat man sich aber dafür entschieden, so sind drei Jahre und ein Tag Wanderschaft als Minimum bei Schächten wie den Rechtschaffenen Fremden, den Rolandsbrüdern, dem Fremden Freiheitsschacht oder dem Freien Begegnungsschacht vorgeschrieben. Ausnahmen machen die Freien Vogtländer Deutschlands und Axt und Kelle-Gesellen, welche eine Mindestreisezeit von zwei Jahren und einem Tag vorschreiben. Lediglich der Freie Begegnungsschacht, Axt und Kelle sowie die Freireisenden erlauben die Erwanderung von Frauen.

Im Jahr 2005 waren zwischen 600 und 800 Gesellen entweder freireisend oder, in Schächten organisiert, fremdgeschrieben. Der Anteil der Frauen liegt insgesamt bei etwa 10 Prozent. 2010 zählte man in Deutschland noch wenig mehr als 450 Tippelbrüder, weltweit sollen es etwa 10.000 sein.[3]

Regeln und Brauch[Bearbeiten]

Wanderbuch des Kürschnergesellen Albert Strauß, 1816
Aus dem Wanderbuch des Kürschnergesellen Albert Strauß: Regeln, welche der Wandernde zur Vermeidung angemessener Strafe zu beobachten hat.
Aus dem Wanderbuch des Kürschnergesellen Albert Strauß: Bezeichnung des Inhabers und erstes Zeugniß

Um als Fremdgeschriebener die Welt bereisen zu können, müssen einige Bedingungen erfüllt sein. Auf die Wanderschaft darf heute nur gehen, wer die Gesellenprüfung bestanden hat, ledig, kinderlos und schuldenfrei ist. Die Wanderschaft soll nicht als „Flucht“ vor Verantwortung missbraucht werden. Oftmals ist ein polizeiliches Führungszeugnis ohne Einträge erforderlich. Die meisten Schächte haben eine Altersbegrenzung. Manchmal ist auch die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft erforderlich.

Die Tippelei war und ist teilweise an schwierige Bedingungen geknüpft. So darf der Fremdgeschriebene in seiner Reisezeit einen Bannkreis von meist 50 km um seinen Heimatort nicht betreten, auch nicht im Winter oder zu Feiertagen. Er darf kein eigenes Fahrzeug besitzen und bewegt sich nur zu Fuß oder per Anhalter fort. Öffentliche Verkehrsmittel sind nicht verboten, aber verpönt.

Weiterhin muss er in der Öffentlichkeit immer seine Kluft tragen. Da ein Fremder oftmals auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen ist (zum Beispiel bei der Suche nach Arbeit oder einem Schlafplatz), hat er sich immer ehrbar und zünftig zu verhalten, so dass der Nächste ebenfalls gern gesehen ist. Eine gepflegte Erscheinung erleichtert die Kontaktaufnahme und das Trampen.

All sein Hab und Gut verstaut der wandernde Geselle in einem Charlottenburger („Charlie“) oder (seltener) in einem Felleisen, einem historischen Tornister der Schweizer Armee.

Die von den Wandergesellen getragenen Ohrringe waren in der Zeit der Zünfte noch kein Gruppenkennzeichen von Gesellen oder bestimmten Berufsgruppen. Vor der Französischen Revolution nur von Soldaten und Seeleuten getragen, werden sie in Deutschland zwischen 1810 und 1850 von allen Ständen gelegentlich angesteckt, nach der Mitte des Jahrhunderts allerdings verstärkt von wandernden Bauhandwerkern.[4] Im Notfall konnten durch Verkauf auch finanzielle Engpässe, zum Beispiel bei vorübergehender Arbeitslosigkeit, überbrückt werden. Hatte sich ein Geselle unehrenhaft verhalten, wurde ihm der Ohrring ausgerissen.

Auffällig ist sein Stenz (Wanderstab) und vor allem die Bekleidung: ein schwarzer Hut mit breiter Krempe, Zylinder, Dreispitz o. ä. und eine Kluft mit weiten Schlaghosen, Weste und Jackett, die farblich der Tradition seines Berufsstandes entspricht.

Da ein hoher Prozentsatz der Fremden Zimmerleute sind, ist es nur wenig bekannt, dass auch Gesellen anderer Handwerksberufe wie zum Beispiel Tischler, Maurer, Dachdecker, Betonbauer, Bootsbauer, Töpfer, Schmiede, Spengler, Steinmetze, Holzbildhauer, Buchbinder, Schneider, Goldschmiede, Instrumentenbauer, Kirchenmaler und viele mehr auf der Wanderschaft sind. Der Irrglaube, dass nur Zimmerer auf der Walz wären, wird noch dadurch verstärkt, dass viele Gesellen anderer Gewerke ebenfalls die typische schwarze Zimmererkluft mit der weißen Staude, einem kragenlosen Hemd, tragen.

Im mitgeführten Wanderbuch sammelt der „Tippelbruder“ (was mehr als Beleidigung zählt, da damit Berber und Speckjäger gemeint wurden) die Städtesiegel der von ihm besuchten Ortschaften, nachdem er bei deren Bürgermeistern „zünftig um das Siegel vorgesprochen“ hat.

Die Wanderschaft darf nur aufgrund wirklich zwingender Gründe und dann im Einvernehmen mit dem zuständigen Schacht abgebrochen werden, etwa bei einer schweren Krankheit. Andernfalls wäre eine Unterbrechung „unehrbar“, das Wanderbuch würde eingezogen und die Kluft „an den Nagel gehängt“. Wandergesellen, die ihre Wanderschaft „unehrbar“ beenden, werden als „Harzgänger“ bezeichnet.

Nach einer Reisezeit von, je nach Schacht, zwei bzw. drei Jahren und einem Tag kann man sich einheimisch melden, sofern man wieder schuldenfrei ist. Diese Einheimischmeldung wird oftmals groß gefeiert, wobei viele frühere Reisekameraden auch weite Anreisen in Kauf nehmen, um dabei zu sein.

Andere Länder[Bearbeiten]

Naver på valsen[Bearbeiten]

Wandergesellen in Århus

Der dänische Begriff „Naver“ ist eine Kurzform von „Skandi-Naver“ (Skandinavier) und bezeichnet die reisenden schwedischen Gesellen, die nach Süden reisten und um Arbeit ersuchten. Die Reiseform nennt sich „på valsen“ mit einer lautlichen Ähnlichkeit zur deutschen Walz. Die Traditionen des nordeuropäischen Valsen ähnelt auch sonst stark der mitteleuropäischen Walz.

Tour de France du Compagnonnage[Bearbeiten]

Die « Compagnonnage » ist die Gesellenbruderschaft, die sich bildeten, um reisende Gesellen zu unterstützen. Die Gesellenbünde (associations de compagnonnage) existieren bis heute, sie haben jedoch zumeist die Form von Gewerkschaften und Fortbildungswerken angenommen. So gibt es etwa das Institut européen de formation des compagnons in der Form einer Fachhochschule.

Eine starke Position hat die Association ouvrière des compagnons du devoir du tour de France (Werkbund der Handwerkgesellen auf Tour), der gut zwei Drittel der französischen Handwerkgesellen angehören. Sie fordert die Junggesellen (itinérants) zur Wanderschaft auf. Der Werkbund bietet Kurse und Zeitarbeit für 21 Berufe in 45 Ländern weltweit an und ähnelt so mehr dem organisierten Auslandspraktikum der Studenten.

Der Begriff Tour de France hat hierbei nichts mit dem heutigen Fahrradrennen zu tun. Es bezeichnet schlicht eine Tour (Rundreise) durch das Land Frankreich, die den Gesellen aufgetragen wurde.

Journeyman[Bearbeiten]

Die Wanderschaft mitteleuropäischer Handwerksgesellen unterschied sich von denen des journeyman im Vereinigten Königreich. Journeyman ist heute die Bezeichnung für den Abschluss der Lehre, hat jedoch keinen Bezug zur Wanderschaft mehr – die Gesellenwanderungen sind auf den Britischen Inseln schon früh verlorengegangen. Allein die Sprache bezeugt noch die Existenz – so stammt das Wort Journey vom französischen journée („Tagesspanne“, „Tagesverlauf“) ab und bezeichnete das Tagwerk, für das der Handwerker entlohnt wird. Heute versteht man unter journey in der englischen Sprache ein „Herumreisen“. Der Bedeutungswandel erklärt sich aus der Erfahrung mit reisenden Gesellen im Lande.

Swagman[Bearbeiten]

Australischer Korkenhut, modern drapiert mit Bier und Schlappen
Älterer Swagman auf Wanderschaft, 1901

Swagman (auch Tussocker) im alten Australien bezeichnet reisende Handwerker, die im Hinterland (Outback) von Farm zu Farm gingen und für einen Tagelohn Handwerksdienste verrichteten. Insbesondere zur Zeit der Depression von 1890 und der großen Depression 1930 erlebten die Swagmen einen Höhepunkt. Als frühe Form eines Sozialsystems wurde anreisenden Swagmen am Abend in den Stationen eine Mahlzeit angeboten, egal ob diese Sundowner am nächsten Tag weiterreisten oder im Ort ihre Dienste anboten.

Während viele Elemente der wandernden Swagman von mitteleuropäischen Traditionen der Gesellenwanderung abgeleitet wurden, ist der Cork Hat („Korkenhut“) typisch australisch – an der breiten Hutkrempe der Swagmen wurden Korkenstücke (oft schlicht Flaschenkorken) an Schnüren befestigt. Diese beschwerten den Hut kaum, die herumbaumelnden Korken sorgten jedoch dafür, dass die im Busch allgegenwärtigen Fliegen und Mücken nicht beständig um den Kopf des Wanderers schwirrten. Heute ist er eine typisch australische Kopfbedeckung, wenn man in den australischen Busch fährt oder sich gemeinsam mit Freunden auf die Veranda setzt.

Vokabular[Bearbeiten]

Neben dem bereits erwähnten Vokabular gibt es folgende Ausdrücke:

erwandert werden: Einführung des Jungwandernden in die Bräuche und das Leben der Wandergesellen.
etwas hochmachen: einen guten Eindruck machen.
Jungwandernder: Neuling auf der Walz.
Kamerad (mit langem e): guter Kumpel.
Kuhköppe: liebevolle Bezeichnung der nicht wandernden Bevölkerung.

Bekannt gewordene Wandergesellen (Auswahl, alphabetisch nach Nachnamen)[Bearbeiten]

Kulturelle Bezüge[Bearbeiten]

  • Der Begriff auf die Walz gehen als Bezeichnungen für die Wanderjahre gibt dem australischen Lied Waltzing Matilda einen Teil des Namens.
  • Reinhard Mey hat auf der CD Bunter Hund diese Thematik im Lied Drei Jahre und ein Tag aufgegriffen.
  • An die Zeit der Wanderburschen in den vorigen Jahrhunderten erinnert auch ein Brettspiel namens Müller & Sohn.
  • Viele Wanderlieder sind Lieder von Handwerksgesellen, Gustav Mahler komponierte Lieder eines fahrenden Gesellen.
  • Verschiedene Märchen, wie zum Beispiel die Märchen der Brüder Grimm: „Das tapfere Schneiderlein“, „Tischlein deck dich!“ oder „Hans im Glück“ greifen das Thema von Handwerkern auf der Wanderschaft in der Fremde auf.
  • Das Wort „Schlitzohr“ als eine redensartliche Bezeichnung eines listigen und durchtriebenen Menschen steht in Verbindung zur Walz: Der Begriff ist wahrscheinlich ein sprachliches Relikt der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Praxis des Ohrschlitzens. Diese Praxis soll im Brauchtum von Handwerkern noch in jüngerer Zeit fortbestanden haben: Hierbei wurde ausgestoßenen Mitgliedern einer Handwerkerzunft und Gesellen, welche auf der Wanderschaft Verfehlungen schuldig wurden, der Ohrring ausgerissen. Dieser Ohrring ist insbesondere seit dem 19. Jahrhundert als Kennzeichen der Zunftzugehörigkeit belegt.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • August Bebel: Aus meinem Leben. Verlag JHW Dietz Nachfolger Berlin 1946
  • August Bringmann: Geschichte der deutschen Zimmerer-Bewegung, J.H.W. Dietz Nachfolger, Stuttgart 1903.
  • Anne Bohnenkamp und Frank Möbus: Mit Gunst und Verlaub! Wandernde Handwerker: Tradition und Alternative. Wallstein Verlag, Göttingen 1989 ISBN 3-89244-006-9
  • Eric J. Hobsbawm: Tramping Artisan. In: Eric J. Hobsbawm: Labouring Men. Studies in the History of Labour. 2. Imprint. Weidenfeld and Nicolson, London 1965, ISBN 0-297-76402-0, S. 34-63.
  • Hans Breuer, Hrsg.: Der Zupfgeigenhansel. B. Schott´s Söhne Mainz
  • Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts. Novelle 1926
  • Harry Frank: Ohne Geld um die Welt. Rütten & Loehning, Frankfurt a. M. 1924, 510 Seiten
  • Künstlerhaus Bethanien Hrsg.: Wohnsitz: Nirgendwo, Vom Leben und Überleben auf der Strasse. Bilder- und Lesebuch zur Ausstellung, Verlag Fröhlich & Kaufmann Berlin 1982, ISBN 3-88725-070-2
  • Axel Schultz-Gora: Zehntausend Meilen: Die verlogene Geschichte eines vollkommen unwichtigen Vaganten unterwegs auf den staubigen Straßen jüngerer Zeit. Roman, Bruderverlag Karlsruhe 1998 ISBN 3-87104-098-3
  • Friedrich Güttler: Auf der Walz (1894). Herausgegeben von Wolfgang Güttler, Engelsdorfer Verlag 2007, ISBN 978-3-86703-439-5
  • Werner Krebs: Alte Handwerksbräuche. Mit besonderer Berücksichtigung der Schweiz. Helbing & Lichtenhahn Verlagsbuchhandlung, Basel 1933.
  • Grit Lemke: Wir waren hier, wir waren dort. Zur Kulturgeschichte des modernen Gesellenwanderns. PapyRossa Verlag, Köln 2002, ISBN 3-89438-247-3
  • Museum für Völkerkunde und schweizerisches Museum für Völkerkunde: Mit Gunst und Erlaubnis! Buch zur Ausstellung, Basel 1987
  • Erik Neutsch: Spur der Steine. Mitteldeutscher Verlag, Halle a. d. Saale 1964.
  • Hans Roth: Von alter Zunftherrlichkeit. Rosenheimer Verlag, Rosenheim 1981, 160 Seiten, ISBN 3-475-52338-8
  • Paul Rowald: Brauch, Spruch und Lied der Bauleute. Schmorl & v. Seefeld Nachfolger, Hannover 1903. (Nachdruck Verlag Th. Schäfer, Hannover 1994, ISBN 3-88746-329-3)
  • A. Scharrer: Aus der Art geschlagen, Reisebericht eines Arbeiters. Verlag Der Bücherkreis, Berlin 1930.
  • Annemarie Steidel: Auf nach Wien! Die Mobilität des mitteleuropäischen Handwerks im 18. und 19. Jahrhundert am Beispiel der Haupt- und Residenzstadt. Verlag für Geschichte und Politik u. a., Wien 2003, ISBN 3-486-56738-1, (Sozial- und wirtschaftshistorische Studien 30), (Teilweise zugleich: Wien, Univ., Diss., 1999: Regionale Mobilität der städtischen Handwerker, die Herkunft Wiener Lehrlinge / Lehrmädchen, Gesellen und Meister im 18. und 19. Jahrhundert).
  • Frieder Stöckle: Fahrende Gesellen – Des alten Handwerks Sitten und Bräuche. Arena Verlag Würzburg, 1. Auflage 1980 ISBN 3-401-03893-1
  • Pavla Vosahlikova, Hrsg.: Auf der Walz Erinnerungen böhmischer Handwerksgesellen. Böhlau Verlag Wien 1994, Damit es nicht verloren geht… Band Nr. 30, Erstauflage, 323 S., ISBN 3-205-98147-2
  • Sigrid Wadauer: Die Tour der Gesellen. Mobilität und Biographie im Handwerk vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Campus Verlag, Frankfurt, New York 2005, ISBN 3-593-37625-3.
  • Rudolf Wissel: Des alten Handwerk Recht und Gewohnheit. Ernst Wasmuth Verlag, Berlin 1929.
  • Heidrun Wozel: Ausbildungsprobleme zwischen Handwerk und Manufaktur. Dargestellt anhand Dresdner Archivalien. In: Karl Czok (Hrsg.): Studien zur älteren sächsischen Handwerksgeschichte. Akademie-Verlag, Berlin 1990, (Sitzungsberichte der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig Philologisch-Historische Klasse Bd. 130, H. 6, vorgelegt am 14. Oktober 1988), ISBN 3-05-001063-0.

Film[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Der Handwerksbursch – geschildert in der „Gartenlaube“ 1864

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ein Exemplar von 1839/45 hat sich im Focke-Museum Bremen erhalten Inv.-Nr. C. 1377
  2. Knut Schulz (Hrsg.): Handwerk in Europa. Vom Spätmittelalter bis zur frühen Neuzeit. München 1999
  3. Drei Wanderjahre und ein Tag in BlickPunkt Frankfurt (Oder), 31. Juli 2010, S. 1
  4. Auf's Ohr geschaut - Ohrringe aus Stadt und Land vom Klassizismus bis zur neuen Jugendkultur. Museum für Deutsche Volkskunde SMPK, Berlin 1989/1990. Schriften des Museums für Deutsche Volkskunde, Band 16, S. 118-123
  5. Braun, J.: Von Schlitzohren, Spießgesellen und heißen Eisen. Rechtliche Relikte in der Alltagssprache. In: Universitas 48,10, 966ff