Ward Churchill

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Ward Churchill bei einer Rede auf der „Bay Area Anarchist Book Fair“ im Mai 2005

Ward LeRoy Churchill (* 2. Oktober 1947 in Urbana, Illinois, USA) ist ein US-amerikanischer Professor, Schriftsteller und politischer Aktivist.

Er hat Kommunikationswesen studiert. Bis zu seiner 2007 erfolgten Entlassung aufgrund schwerwiegender Verstöße gegen Grundsätze wissenschaftlichen Verhaltens war er Professor für Ethnic Studies an der University of Colorado in Boulder. Die Untersuchungen zu dem Fehlverhalten wurden aufgenommen, nachdem eine 2005 geplante Rede Churchills zum 11. September 2001 einen landesweiten Skandal verursacht hatte. Churchill strengte mehrere vergebliche Prozesse gegen seine Entlassung an, der Universität wurde jeweils Recht gegeben.

Churchill war zudem mehrfach wegen falscher Angaben bezüglich seiner Herkunft und Vergangenheit in den Schlagzeilen. So stellte er sich als militärisch hochqualifizierter Kriegsveteran dar, was später widerlegt wurde. Churchill nahm zudem mehrfach eine Zugehörigkeit zu einzelnen Indianerstämmen für sich in Anspruch, ohne dies jemals zu belegen oder tatsächlich von einer indianischen Ethnie anerkannt worden zu sein. Er ist im American Indian Movement of Colorado tätig, der jedoch keiner größeren Dachorganisation wie dem bundesweiten AIM angehört.

Leben vor 2005[Bearbeiten]

Nach seiner Geburt in Urbana (Illinois) wuchs er in Elmwood (Illinois) auf, nachdem sich seine Eltern hatten scheiden lassen, als er zwei Jahre alt war.

Zeit als Soldat und Hochstapelei mit vermeintlichen militärischen Qualifikationen[Bearbeiten]

Er wurde 1966 als 19-Jähriger in die United States Army eingezogen und diente unter anderem im Vietnamkrieg. Behauptungen Churchills gegenüber Medien, er hätte dort unter anderem als Fernspäher in einer Long Range Reconnaissance Patrol (LRRP), Fallschirmjäger und PR-Spezialist gedient und Spezialausbildungen wie Bombenbau erhalten, die er später der Terrorgruppe Weathermen zur Verfügung gestellt habe,[1] erwiesen sich nach entsprechenden Recherchen im Jahr 2005 als frei erfunden. Die einzigen Spezialausbildungen, die Churchill während seiner Zeit im Militär erhalten habe, seien die eines Filmvorführers und Kleinlastfahrers gewesen, entsprechend sei er auch eingesetzt worden.[2]

Wissenschaftliche Karriere[Bearbeiten]

Churchill hatte 1974 einen B.A. in Kommunikationstechnik und seinen Master-Abschluss 1975 an der University of Illinois at Springfield (damals Sangamon State University) in Kommunikationswissenschaften erhalten. Danach arbeitete er an der University of Colorado at Boulder als Angestellter für das Affirmative Action Programm und bekam bald einen Lehrauftrag für Indianerangelegenheiten. Als Außerordentlicher Professor (Associate Professor) wurde er 1980 trotz fehlender Promotion in Colorado eingestellt. 1992 erhielt er von der Alfred University für seine Geschichtsvorlesung einen Ehrendoktor. 1997 erhielt er in Colorado eine Vollprofessur.

Essay-Kontroverse 2005[Bearbeiten]

Eine bereits 2001 vorliegender Essay namens Some People Push Back wurde im Januar 2005 zum Gegenstand einer Kontroverse. Churchill hatte daraus im September 2003 ein Buch namens On the Justice of Roosting Chickens verfasst. Der Titel nahm ein Zitat eines Sprichworts (Ausgeflogene Hühner kehren zum Schlafen zum Stall zurück, im Sinne wer anderen eine Grube gräbt) durch Malcolm X auf, der zur Ermordung Präsident Kennedys damit bemerkt hatte, der hätte sich diese selbst zuzuschreiben. Darin bezeichnete er die Beschäftigten im World Trade Center als „Little Eichmanns“ (kleine Eichmänner) und Angehörige eines „technokratischen Korps im Herzen des globalen amerikanischen Finanzimperiums“.[3] Die Anschläge vom 11. September 2001 seien deswegen ein unausweichliches Ergebnis der US-Außenpolitik gewesen.

Im Januar 2005 wurde eine geplante Rede beim elitären Hamilton College of Clinton, New York nach glaubhaften Morddrohungen gegenüber Churchill abgesagt. Im Vorfeld dieser Veranstaltung wurde der Essay erstmals breiter bekannt und diskutiert. Auch der Kanzler von Colorados Universität, Phil DiStefano, kritisierte ihn. Unter anderem der Gouverneur von Colorado, Bill Owens, und Parlamentsabgeordnete forderten Churchills Entlassung. Die teils heftigen Angriffe führte zum Rücktritt der Präsidentin der Universität, die vor einer Neubelebung des McCarthyismus warnte.[4] Kurz darauf trat Churchill als Dekan des Fachbereichs Ethnic Studies mit der Begründung zurück, im momentanen politischen Klima den Fachbereich nicht mehr präsentieren zu können.[5]

Untersuchung wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens[Bearbeiten]

Im März 2005 wurde von der Universität eine Untersuchung gegen Churchill eingeleitet. Im Untersuchungsbericht des „Standing Committee on Research Misconduct“ der Universität wurde eingestanden, dass er in seiner Forschung sehr aktiv gewesen sei („atypical but impressive record“), man kam aber zu dem Ergebnis, dass es verschiedenes Wissenschaftliches Fehlverhalten („several forms of academic misconduct“) gegeben habe. Insgesamt wurden sieben Fälle solches Verhaltens vorgeworfen.[6]

Entlassung und anschließende Gerichtsprozesse[Bearbeiten]

Am 26. Juni 2006 gab Interim Chancellor Phil DiStefano bekannt, Churchill seines Postens an der University of Colorado entheben zu wollen.[7] Eine Kommission der Universität (Privilege and Tenure Committee) zu den Anschuldigungen wies zwei der sieben Fälle als nicht evident genug zurück, empfahl jedoch mehrheitlich, Churchill zu degradieren. Im Juli 2007 wurde Churchill dann von der Universität entlassen.[8] Churchill klagte gegen den Rauswurf. Im April 2009 befand eine Jury in erster Instanz, die Entlassung Churchills sei maßgeblich unter dem Eindruck seiner politischen Ansichten erfolgt und bezweifelte die Notwendigkeit einer Entlassung. Über eine Aufhebung der Entlassung befand die Jury nicht und gestand Churchill eine Entschädigung in Höhe von einem Dollar zu.[9][10] Über Bedeutung und Konnotation dieses geringen Betrags, zu dem sich die Jury zunächst nicht äußerte, wurde viel spekuliert. Ein Jurymitglied sagte später in einem Interview, dass Churchill und sein Anwalt mehrfach betont hätten, es ginge ihnen nicht um Geld, sondern um Gerechtigkeit, weshalb man sie beim Wort genommen habe.[11] In zwei weiteren Instanzen wurden am 7. Juli 2009 und 24. November 2010 Churchills Anträge um Aufhebung der Kündigung und eine höhere Entschädigung jeweils abgewiesen, da die Entscheidung der Universität in einem legitimen Ermessen gelegen habe. 2011 nahm der Colorado Supreme Court einen weiteren Revisionsantrag des Falls an und bestätigte im September 2012 die vorinstanzlichen Entscheidungen.[12]

Vermeintliche indianische Abstammung[Bearbeiten]

Churchill behauptete 2003, väterlicherseits von den Muscogee und Creekindianern sowie mütterlicherseits von den Cherokee abzustammen,[13] er gab ein Achtel Creek und ein Sechzehntel Cherokeeabstammung an.[14] Er ist Ehrenmitglied der Keetoowah Band of Cherokee Indians. Eine engere Zugehörigkeit Churchills zu den Ketowah wurde von diesen 2005 klar zurückgewiesen, Churchill habe nie Beweise vorlegen können, indianischer Abstammung zu sein.[15]

Die Herkunft von Churchills Vorfahren wurde durch die Rocky Mountain News 2005 näher untersucht, es gab keinerlei Hinweise auf indianische Vorfahren. Es handelte sich bei der Indianerabstammung vermutlich um eine Familienlegende.[16][17]

Die Betrachtung war insoweit Gegenstand einer öffentlichen Auseinandersetzung, als Churchill seine erste Universitätsanstellung im Rahmen einer special opportunity position erhielt. Später wurde ihm vorgeworfen, die Stelle als Dozent nur wegen einer vorgetäuschten indianischen Abstammung erschlichen zu haben. Die Universität erklärte aber, dass man keine Person aufgrund einer ethnischen Abstammung einstelle und daher den Fall hinsichtlich einer falschen oder vorgetäuschten Ethnizität nicht weiter verfolge.[18] Churchill selbst stritt ab, jemals eine regelrechte indianische Abstammung vorgetäuscht zu haben. Es wäre dies auch egal, er habe nie behauptet, der verdammte Sitting Bull zu sein.[19]

Positionen[Bearbeiten]

Churchill behauptete in seiner Schrift A Little Matter of Genocide, die Ermordung der europäischen Juden sei kein "festes politisches Ziel" der Nazis gewesen (was not at all a "fixed policy objective of the Nazis"'[20]).

Rezeption[Bearbeiten]

Der Militärhistoriker Victor Davis Hanson unterstellte Churchill, sich als Indianer wie traumatisierter Vietnamveteran mit gleich zwei für Affirmative Action wichtige Identitäten versehen zu haben. Dabei hätten sein großspuriges Machogehabe und eine ausgewiesene Showbegabung zeitweise über seine Unfähigkeit und mangelnde Qualifikation hinwegtäuschen können.[21][22]

Werke[Bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten]

  •  Ward Churchill: Marxism and Native Americans. South End Press, Boulder (Colorado, USA) 1984, ISBN 0-89608-178-8.
    • dt. Das indigene Amerika und die marxistische Tradition : eine kontroverse Debatte über Kultur, Industrialismus und Eurozentrismus hrsg. von Ward Churchill, übersetzt von Regine Geraedts und Ilse Utz, Agipa-Press, Bremen 1993, ISBN 3-926529-03-2.
  •  Ward Churchill: Culture versus Economism: Essays on Marxism in the Multicultural Arena. Indigena Press, 1984.
  •  Ward Churchill, Jim Vander Wall: Agents of Repression: The FBI's Secret Wars Against the Black Panther Party and the American Indian Movement. South End Press, Boulder (Colorado, USA) 1988, ISBN 0-89608-294-6.
  •  Ward Churchill, Jim Vander Wall: The COINTELPRO Papers: Documents from the FBI's Secret War Against Domestic Dissent. South End Press, Boulder (Colorado, USA) 1990, ISBN 0-89608-359-4.
  •  Ward Churchill: Fantasies of the Master Race: Literature, Cinema, and the Colonization of American Indians. Common Courage Press, 1992, ISBN 0-87286-348-4.
  • Ward Churchill and Jim Vander Wall (Hrsg.): Cages of Steel: The Politics of Imprisonment in America, Activism, Politics, Culture, Theory, Vol. 4, Maisonneuve Press, 1992, ISBN 978-0-944624-17-3.. Re-released as Ward Churchill and Jim Vander Wall (Hrsg.): Politics of Imprisonment in the United States. AK Press, 2004, ISBN 1-904859-12-7..
  • Ward Churchill: Struggle for the Land: Indigenous Resistance to Genocide, Ecocide and Expropriation in Contemporary North America. Common Courage Press, 1993, ISBN 1-56751-000-0. Released in a revised and expanded edition as Ward Churchill: Struggle for the Land: Native North American Resistance to Genocide, Ecocide and Colonization. City Lights Publishers, San Francisco CA 2002, ISBN 0-87286-414-6. (One essay in this book has been accused of containing a plagiarized paragraph).
  •  Ward Churchill: Indians Are Us?: Culture and Genocide in Native North America. Common Courage Press, 1994, ISBN 1-56751-020-5.
  •  Ward Churchill: Since Predator Came: Notes from the Struggle for American Indian Liberation. Aigis Press, 1995, ISBN 1-883930-03-0.
  •  Ward Churchill: From a Native Son: Selected Essays on Indigenism 1985-1995. South End Press, Boulder, Colorado 1996, ISBN 0-89608-553-8.
  • Ward Churchill: Islands in Captivity: The International Tribunal on the Rights of Indigenous Hawaiians. South End Press, Boulder CO 1997, ISBN 0-89608-567-8. Re-released as Ward Churchill, Sharon Venne (co-editor): Islands in Captivity: The International Tribunal on the Rights of Indigenous Hawaiians. South End Press, Boulder CO 2005, ISBN 0-89608-738-7).
  •  Ward Churchill, Mike Ryan: Pacifism as Pathology: Notes on an American Pseudopraxis. Pacifism as Pathology: Reflections on the Role of Armed Struggle in North America. Arbeiter Ring, 1998, ISBN 1-894037-07-3 (Einleitung von Ed Mead).
  •  Ward Churchill: A Little Matter Of Genocide: Holocaust And Denial In The Americas 1492 To The Present. City Lights Books, San Francisco 1998, ISBN 0-87286-323-9.
  •  Ward Churchill: Draconian Measures: The History of FBI Political Repression. Common Courage Press, 2000, ISBN 1-56751-058-2.
  •  Ward Churchill: Acts Of Rebellion: The Ward Churchill Reader. Routledge, 2002, ISBN 0-415-93156-8.
  •  Ward Churchill: Perversions of Justice: Indigenous Peoples and Angloamerican Law. City Lights Books, San Francisco 2002, ISBN 0-87286-411-1.
  •  Ward Churchill: On the Justice of Roosting Chickens: Reflections on the Consequences of U.S. Imperial Arrogance and Criminality. AK Press, 2003, ISBN 1-902593-79-0.
  •  Ward Churchill: Kill the Indian, Save the Man: The Genocidal Impact of American Indian Residential Schools. City Lights Publishers, San Francisco 2004, ISBN 0-87286-434-0.
  •  Ward Churchill: Speaking Truth in the Teeth of Power: Lectures on Globalization, Colonialism, and Native North America. AK Press, 2004, ISBN 1-904859-04-6.
  •  Ward Churchill: To Disrupt, Discredit And Destroy: The FBI's Secret War Against The Black Panther Party. Routledge, 2005, ISBN 0-415-92958-X.
  •  Ward Churchill, Natsu Saito: Confronting The Crime Of Silence: Evidence Of U.S. War Crimes In Indochina. AK Press, 2006, ISBN 1-904859-21-6.

Artikel[Bearbeiten]

Audio und Video[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Denver Post 1987
  2. Questions stoke Ward Churchill's firebrand past, Denver Post vom 13. Februar 2005
  3. Essay Some People Push Back
  4. Der Spiegel: Uni-Präsidentin tritt zurück, 9. März 2005
  5. Ward Churchill Resigns Administrative Post, University of Colorado at Boulder, 31. Januar 2005
  6. Marianne Wesson, Robert Clinton, José Limón, Marjorie McIntosh, Michael Radelet Report of the Investigative Committee of the Standing Committee on Research Misconduct at the University of Colorado at Boulder concerning Allegations of Academic Misconduct against Professor Ward Churchill S. 6, 94 (pdf), University of Colorado at Boulder, May 9 2006.
  7. Denver TV channel report on the recommendation to dismiss Churchill
  8. Jefferson Dodge: Regents dismiss Ward Churchill. In: Silver & Gold Record, 26. Juli 2007. Abgerufen am 8. Januar 2008. 
  9. Johnson, Kirk & Seelye, Katharine Q.: Jury Says Professor Wrongly Fired, N.Y. Times. 3. April 2009. Abgerufen am 2. April 2009. 
  10. Aguilar John: [Churchill wins his case, awarded $1 in damages Reinstatement at CU to be decided at future hearing (Version vom 7. Juni 2009 im Internet Archive) Churchill wins his case, awarded $1 in damages Reinstatement at CU to be decided at future hearing.] In: Daily Camera. 2. April 2009. Abgerufen am 3. April 2009.
  11. Juror Bethany Newill talks about the Ward Churchill trial. Michael Roberts. Denver Westword Blogs. Friday, Apr. 3 2009 @ 2:52PM. http://blogs.westword.com/latestword/2009/04/juror_bethany_newill_talks_abo.php.
  12. Ward Churchill loses appeal to win back CU job, Denver Post vom 10. September 201.
  13. Ward Churchill, An American Holocaust? The Structure of Denial, in Socialism and Democracy 2003 Bd. 17 Nr. 2, S. 25–76.
  14. Marie Annette Jaimes (Hrsg.): The State of Native America: Genocide, Colonization and Resistance. South End Press Boston 1992, ISBN 0-89608-424-8, S. 123–138.
  15. Tribe snubs prof Cherokee band says Churchill's claim of membership a fraud Charlie Brennan. In: Rocky Mountain News. 18. Mai 2005.
  16. Kevin Flynn: The Churchill files; Are Ward Churchill's claims of American Indian ancestry valid? In: Rocky Mountain News. 9. Juni 2005.
  17. Faith Attaguile: Why do you think we call it struggle? Colorado American Indian Movement, 2005.
  18. Charlie Brennan, Stuart Steers: Red-flagged career: Churchill's tenure at CU marked by warnings of trouble. In: Rocky Mountain News, 17. Februar 2005. Abgerufen am 14. Dezember 2011. 
  19. Year in quotes. In: Rocky Mountain News. 25. Dezember 2005. Abgerufen am 14. Dezember 2011.
  20. http://archive.frontpagemag.com/readArticle.aspx?ARTID=9663
  21. Victor Davis Hanson: The Seven Faces of “Dr.” Churchill Academia’s everyman. 24. März 2005.
  22. Dave Curtin, Howard Pankratz and Arthur Kane: Questions stoke Ward Churchill's firebrand past. In: Denver Post. Abgerufen am 14. Dezember 2011.