Washington Square (Roman)

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Washington Square (deutsch auch: Die Erbin vom Washington Square) ist ein Roman von Henry James, der 1881 erstmals in Buchform erschien.

Inhalt[Bearbeiten]

Dr. Austin Sloper, ein reicher und intelligenter Witwer, lebt am Washington Square in New York City mit seinem einzig überlebenden Kind, Catherine, die allerdings seinen Erwartungen nicht gerecht wird. Slopers Frau und ihr gemeinsamer vielversprechender Sohn sind schon seit vielen Jahren tot. Seine Schwester, die verwitwete Lavinia Penniman, lebt ebenfalls im Haushalt.

Eines Tages trifft Catherine auf einer Party den charmanten Morris Townsend und ist hingerissen von ihm. Morris wirbt um Catherine, unterstützt von Mrs. Penniman, die ein Faible für Melodramatik hat. Dr. Sloper lehnt die Verbindung ab, da er überzeugt ist, Morris könne nur hinter Catherines Geld her sein. Als Catherine und Morris dennoch ihre Verlobung bekannt geben, erkundigt sich Sloper nach Morris' Hintergrund und entdeckt, dass dieser tatsächlich völlig mittellos ist und auf Kosten anderer lebt. Er untersagt seiner Tochter die Ehe mit Townsend, und die loyale Catherine kann sich nicht zwischen ihrem Vater und ihrem Verlobten entscheiden.

Sloper versteht Catherines Dilemma und bedauert sie ein wenig, andererseits zieht er durchaus eine Form von weltmännischer Unterhaltung aus der verzwickten Situation. Um die Dinge zu bereinigen, erklärt er, dass er Catherine kein Geld hinterlassen werde, sollte diese Morris heiraten; anschließend fährt er mit ihr auf eine 12-monatige Grand Tour durch Europa und hofft, dass sie sich durch die räumliche und zeitliche Distanz von ihrem Geliebten löst. Während ihrer gemeinsamen Monate im Ausland erwähnt Sloper Catherines Verlobung nur zweimal: Einmal als sie allein in den Alpen sind und einmal am Vorabend ihrer Rückreise. Zu beiden Gelegenheiten, bleibt Catherine fest in ihrem Hochzeitsplan. Nachdem sie sich ein zweites Mal geweigert hat, Morris aufzugeben, vergleicht Sloper sie sarkastisch mit einem Schaf, das zum Schlachten gemästet wird. Damit geht er schließlich zu weit: Catherine erkennt seine Verachtung, zieht sich von ihm zurück und widmet nun Morris all ihre Liebe und Loyalität.

Nach ihrer Rückkehr drängt sie ihren Verlobten zur Heirat und bietet ihm an, ihr Leben durch ihr stattliches mütterliches Erbe zu finanzieren, doch Morris löst die Verbindung, als Catherine ihm mitteilt, dass ihr Vater niemals nachgeben und ihr sein Geld nicht hinterlassen wird. Catherine findet nach einiger Verzweiflung ihren Gleichmut wieder, aber kommt innerlich nie über diese Verletzung hinweg. Viele Jahre vergehen; Catherine lehnt die Anträge zweier respektabler Heiratskandidaten ab und wird zur ältlichen Jungfer. Dr. Sloper stirbt und hinterlässt ihr qua Testament ein drastisch gekürztes Einkommen — aus Sorge, dass Morris Townsend sonst wieder ermutigt werden könnte. In der Tat besucht Morris — dick, glatzköpfig, kaltäugig, aber immer noch faszinierend — Catherine und hofft auf Versöhnung; doch Catherine lässt auch ihn jetzt abblitzen. Im letzten Satz heißt es: "Catherine hatte unterdessen im Salon ihre Häkelarbeit wieder aufgenommen und sich damit niedergelassen — gewissermaßen fürs Leben."[1]

Personen[Bearbeiten]

Die vier Hauptfiguren des Buches sind Catherine, ihr Vater Dr. Sloper, ihre Tante Mrs. Penniman und ihr Verlobter Morris Townsend. Dr. Slopers andere Schwester, Mrs. Almond und Townsends Schwester, Mrs. Montgomery spielen weitere Rollen.

Catherine Sloper, vom Erzähler gelegentlich als "arme Catherine" bezeichnet, ist das einzig überlebende Kind von Dr. Sloper; ihr Bruder starb mit drei, und ihre Mutter starb kurz nach Catherines Geburt im Wochenbett. Catherine ist gutherzig und ehrlich, aber auch schüchtern, ein wenig simpel und nicht "raffiniert". Das enttäuscht die Erwartungen ihres Vaters.

Dr. Austin Sloper, ein Witwer Anfang fünfzig, beruflich höchst erfolgreich und einst der Ehemann einer schönen Erbin. Er ist intelligent, erfahren, scharfsinnig, satirisch und sehr von sich überzeugt. Gegenüber Catherine wird er oft ironisch, die damit nicht recht umzugehen weiß. Catherine liebt ihn, auch wenn sie ihn fürchtet.

Lavinia Penniman, Slopers kinderlose, lang verwitwete Schwester, bringt ein komisches Element in die Geschichte dank ihrer unrealistischen romantischen Vorstellungen, ihrer wilden Übertreibungen und ihrer Heuchelei. Sie nimmt reges Interesse an Catherines Bewerbern und ist später vernarrt in die Vorstellung von Morris als Sohn des Hauses. Sie hintergeht sowohl Catherine als auch Morris, um deren Beziehung eine melodramatische Note nach ihrem Gusto zu geben.

Morris Townsend, ein großer stattlicher Mann um die Dreißig, hat auf Reisen seine kleine Erbschaft durchgebracht und lebt jetzt bei seiner Schwester. Er ist ein Glücksritter, aber James stattet ihn mit soviel Würde und Intelligenz aus, dass seine Anziehungskraft auf Catherine glaubwürdig bleibt.

Mrs. Almond, Slopers andere Schwerster, ist vernünftig und klug, mit einer großen blühenden Familie. Sloper vertraut sich ihr an, was seine Sorgen um Catherine betrifft. Seine sarkastische Sicht der Dinge kontrastiert mit ihrer offenen mitfühlenden Art.

Marian Almond Mrs. Almonds Tochter und damit Catherines Cousine, bildet einen scharfen Kontrast zu ihr. Marian entspricht den Konventionen ihrer Gesellschaftsschicht: Sie ist konventionell, kokett und selbstbewusst — und heiratet genau zur rechten Zeit.

Mrs. Montgomery, Morris' verwitwete Schwester, lebt in würdevoller vornehmer Armut mit ihren fünf Kindern.

Struktur[Bearbeiten]

Der Roman ist aus der Perspektive eines auktorialen Ich-Erzählers geschrieben, der sich aber nicht offenbart. Der Erzähler richtet sich mit seinen Kommentaren oft direkt an den Leser.

Die Geschichte beginnt mit Abstand von den Figuren und beschreibt den Hintergrund der Sloperschen Familie. Danach erzählt James detailliert die Geschichte von Catherines Romanze mit Morris Townsend. Als Morris sie fallen lässt, wechselt der Erzähler auf einen weiteren Blickwinkel aus größerer Entfernung. Wie James selbst schreibt: "Unsere Geschichte hat sich bisher mit sehr kleinen Schritten fortbewegt, doch da sie sich ihrem Ende nähert, muss sie nun einen großen Schritt tun."[2] Die letzten drei Kapitel sind dann wieder in kurzen Schritten erzählt, endend mit der Vignette von Catherine, die Morris' erneuten Antrag ablehnt.

Hauptthemen[Bearbeiten]

Der Roman behandelt das Grundthema der persönlichen Empfindung im Konflikt mit der Loyalität und dem Verstand, das sich auch in anderen Romanen von Henry James[3] findet. Catherine muss sich zwischen ihrer Liebe zu Morris und der Loyalität gegenüber ihrem Vater entscheiden, während Dr. Sloper in seiner Liebe zu Catherine hin- und hergerissen ist zwischen der naiven Zuneigung seiner Tochter und seiner abgebrühten Lebenserfahrung, die ihm sagt, dass Morris nur ein Windhund ist, der es auf ihr Geld abgesehen hat. Mit einer gewissen Tragik stürzt er sein Kind ins Unglück, um es vor Unglück zu bewahren.

Catherine wächst im Verlauf der Geschichte und erkennt ihre Situation immer klarer. "Von ihrem Standpunkt aus waren die bedeutendsten Tatbestände ihrer Lebensgeschichte, dass Morris Townsend mit ihrer Liebe gespielt und ihr Vater deren Spannkraft gebrochen hatte. Nichts konnte jemals diese Tatbestände ändern; sie waren immerzu gegenwärtig, wie ihr Name, ihr Alter, ihr reizloses Gesicht."[2] Catherine wird nie brillant sein, aber sie lernt klar zu sehen.

Die Geschichte spielt in einem sehr engen Zirkel der New Yorker Oberschicht. Vermögen und Ansehen sind die Hauptmerkmale, die für die Figuren im Roman zählen. Das Thema Geld spielt eine besondere Rolle, da Geld das Mittel ist, um in der Gesellschaft einen Eindruck zu hinterlassen. Ironischerweise hat Catherine zwar am Ende Geld, aber gesellschaftlich bedeutet sie nichts. Geld ist auch das Hauptthema, das ihre Beziehung zu Morris treibt (von seiner Seite) und hindert (von ihres Vaters Seite).

Literarische Bedeutung und Kritik[Bearbeiten]

"Jedermann mag Washington Square, sogar die Verächter von Henry James", schrieb der Kritiker Donald Hall[4], und die meisten Kommentatoren spiegeln diesen Eindruck. Obwohl James selbst diesen Roman sehr gering schätzte, mögen die Leser seine lineare Erzähltechnik, seine geradlinige Prosa (weit entfernt von der verschachtelten Sprache seiner späten Werke) und die scharfgezeichneten Porträts seiner Figuren. Selbst der etwas holprige Handlungsstrang um Slopers Testament hat manche Kritiker mit seiner altmodischen Einfachheit beeindruckt.[5]

Catherines langsame, aber unaufhaltsame Entwicklung zu innerer Unabhängigkeit und Weisheit hat Kritiker und Leser gleichermaßen von James eingenommen. Robert Gale etwa schreibt: "James always downgraded this fine, easily read novel, even though in it he brilliantly characterizes the two Slopers."[6]

Adaptionen für Theater, Film, Fernsehen[Bearbeiten]

Ruth und Augustus Goetz schrieben eine sehr erfolgreiche Bühnenfassung, The Heiress (deutsch: Die Erbin), die 1947 am Broadway erstmals aufgeführt wurde. Wendy Hiller spielte die Catherine und Basil Rathbone den Dr. Sloper.

Das Bühnenstück wurde 1949 unter dem Titel Die Erbin verfilmt, mit Olivia de Havilland als Catherine, Ralph Richardson als Dr. Sloper und Montgomery Clift als Morris unter der Regie von William Wyler. Stück und Film hielten sich eng an die Vorlage und übernahmen viele Dialogzeilen direkt aus dem Roman. Allerdings verändert die Goetzsche Version den Inhalt und die Figur der Catherine, die sich vor lauter Zorn weigert, ihren Vater am Totenbett zu besuchen, und raffiniert genug, sich mit einer List an Morris zu rächen. Der Film gewann vier Oscars.

Die polnische Filmemacherin Agnieszka Holland verfilmte den Stoff 1997 noch einmal mit Jennifer Jason Leigh, Albert Finney und Ben Chaplin in den Hauptrollen und Maggie Smith als Mrs. Penniman. Auch wenn dieser Film ebenfalls frei mit dem Originaltext umgeht, bietet er inhaltlich eine sehr werkgetreue Fassung.

Deutsche Ausgabe[Bearbeiten]

  • Henry James: Washington Square, deutsch von Karl Ludwig Nicol, München: dtv, 1998, ISBN 3-423-08407-3

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kapitel 35, zitiert nach der deutschen Übersetzung von Karl Ludwig Nicol.
  2. a b Kapitel 32, zitiert nach der deutschen Übersetzung von Karl Ludwig Nicol.
  3. etwa im Bildnis einer Dame
  4. Washington Square, Signet Classics 1964, Nachwort von Donald Hall, S. 181
  5. Vgl. Edward Wagenknecht: The Novels of Henry James, Frederick Ungar Publishing Co. 1983, ISBN 0-8044-2959-6, S. 68-75. Wagenknecht kritisiert einige Aspekte des Romans, aber gesteht zu, dass er wohlwollend aufgenommen worden sei und belegt das mit mehreren positiven Besprechungen in seinen Quellen.
  6. Vgl. Robert Gale: A Henry James Encyclopedia, Greenwood Press 1989, ISBN 0-313-25846-5, S. 797-798.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Washington Square – Quellen und Volltexte (englisch)