Webstuhl

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Senkrechtwebstuhl
1 Fuß,
2 Rahmen,
3 Querstreben,
4 Keile,
5 Pedale zum Betätigen der Schäfte,
6 Warenbaum,
7 Sperrrad,
8 Hebel zum Drehen des Warenbaums und Spannen der Kettfäden,
9 Klinke,
10 Streichbaum,
11 Gewebe,
12 Blatt,
13 Lade,
14 Litzen,
15 Fach (Hinterfach),
16 Kettbaum,
17 Sperrrad,
18 Klinke,
19 Umlenkrolle für Schaft,
20 Harnischschnur
Moderner Webstuhl (1987)
Webstuhl um 1568

Ein Webstuhl, seit der Industrialisierung als Webmaschine bezeichnet, ist eine technische Vorrichtung zur Herstellung von Geweben.

Geschichte[Bearbeiten]

Vorindustrielles Zeitalter[Bearbeiten]

Prähistorischer Webstuhl aus Lejre (Dänemark)
Jacquard-Band-Webstuhl
Webstuhl des Schweizer Unternehmers Caspar Honegger (1860)
Henni Jaensch-Zeymer im Websaal des aktiven Museum der Handweberei Geltow
Rundwebmaschine zur Herstellung von Feuerwehrschläuchen
Hauptartikel: Gewichtswebstuhl

Hölzerne Webrahmen und einfache Webstühle sind bereits aus der Jungsteinzeit bekannt. Die Existenz von Webtechniken kann indirekt bereits für das 7. vorchristliche Jahrtausend bewiesen werden, da webmusterartige geometrische Wandbemalungen im türkischen Tell von Çatalhöyük stark an gewebte Kelims erinnern. Auch die ab etwa 6000 v. Chr. übliche Keramikbemalung, die sich von Anatolien über Südosteuropa (Sesklo, Karanowo-Kultur, Vinča-Kultur) bis nach Mitteleuropa (Bandkeramik) ausbreitete, weist zumeist geometrische Muster auf, wie sie für Webtechniken typisch sind. Da in Fundstellen dieser Kulturen keine tönernen Webgewichte gefunden wurden, wird die Verwendung kleiner, mobiler Webrahmen angenommen. Die älteste Abbildung eines horizontalen Webrahmens ist als Ritzzeichnung auf der Innenseite einer Keramikschale vom Fundplatz Badari (Ägypten) erhalten und wird auf etwa 4400 v. Chr. datiert.[1][2] Die Schale (Badari, Grab 3802) wird zusammen mit etwa gleich alten Leinresten im Londoner Petrie Museum of Egyptian Archaeology ausgestellt.

Erst im Spätneolithikum kann – mit tönernen Webgewichten – für Mitteleuropa der archäologische Nachweis des Gewichtswebstuhls erbracht werden. Hier ist jedoch bislang unbewiesen, ob neben pflanzlichen Fasern bereits Wolle gewebt wurde.

Aus dem Mittleren Reich (2137 bis 1781 v. Chr.) in Ägypten, das zeitlich etwa mit der Frühbronzezeit in Mitteleuropa übereinstimmt, gibt es aus dem Grab des Meketre eine Modellszene, die das Weben mit horizontalen Webrahmen zeigt.[3]

Geschichte der Webmaschinen[Bearbeiten]

Die ersten Webmaschinen waren die so genannten Bandmühlen, mit deren Hilfe im 16. Jahrhundert Bänder hergestellt wurden. Der älteste Entwurf eines mechanischen Webstuhls stammt von 1678, kam aber nie zur Ausführung.

1728 verwendete ein Seidenweber aus Lyon gelochte Holzbrettchen zu Steuerung seiner Webstühle. Jacques de Vaucanson aus Grenoble entwickelte diesen einfachen Webstuhl zu einem mechanisch durch eine hölzerne Lochkarte gesteuerten Modell weiter (1745). Mit diesem Automaten war es erstmals möglich, gemusterte Stoffe herzustellen. Jedoch kam das Gerät nie über den Status eines Prototyps hinaus und wurde nie industriell eingesetzt. Fast zeitgleich, nämlich 1733 erfand John Kay den Schnellschützen, der die Webgeschwindigkeit verdoppelte.

Wurden diese Webstühle noch immer von Hand betrieben, so fand Vaucanson eine Möglichkeit, dass man sie mit einem Göpel durch ein Pferd oder einen Esel betreiben konnte. Das Muster wurde durch eine Nockenwalze erzeugt.

1785 erfand Edmond Cartwright den vollmechanisierten Webstuhl mit dem Namen Power Loom. Durch diese Technik wurden sehr viele Arbeitsplätze vernichtet. Als Folge kam es zur Maschinenstürmerei und viele Webstühle wurden zerstört. Insbesondere der schlesische Weberaufstand von 1844 verdeutlichte das soziale Elend in dem niedergehenden Familienhandwerk.

Joseph-Marie Jacquard aus Lyon verbesserte die Maschine 1805 entscheidend, indem er Vaucansons Steuerungstechnik in Cartwrights Maschinen einbaute. Von jetzt an spielte die Webmaschine eine entscheidende Rolle in der Textilindustrie und der industriellen Revolution.

Diese Lochkartenwebstühle waren nicht nur einer der wichtigsten Beiträge zur Industrialisierung, sondern auch der Grundstein zur Entwicklung der Steuerungstechnik bis hin zum PC. Gewünschte Muster im Gewebe wurden auf einer Lochkarte gespeichert und mechanisch abgetastet. Heute erfolgt die Steuerung der Jaquardmaschinen natürlich vollelektronisch.

Die erste dampfbetriebene Webmaschine wurde im mittelenglischen Bradford gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingesetzt.

Nicht zuletzt die Erfindung der Webmaschine löste die Befürchtung von David Ricardo und Karl Marx aus, technischer Fortschritt würde auf Dauer zu Massenarbeitslosigkeit führen.

Es ergaben sich zwei Effekte:

  • die Produktivität einer Arbeitskraft erhöhte sich um ein Vielfaches
  • die Kosten für das Produkt sanken erheblich.

Neben der Spinnmaschine war die Erfindung der Webmaschine einer der wichtigsten Meilensteine der industriellen Revolution. Durch sie veränderten sich die Produktionsbedingungen entscheidend und ehemalige Heimarbeiterinnen mussten sich fortan als Fabrikarbeiterinnen ein Auskommen schaffen.

Die Weiterentwicklung der Einbringung des Schussfadens ging über die Greiferwebmaschine zur aktuellen Luftdüsenwebmaschine.

Webmaschinen veränderten jedoch nicht nur die soziale Realität der Menschen, sondern auch die Produkte selber: Die kunsthandwerkliche Gestaltung wurde durch technisch perfekte Muster ersetzt. Exklusive Luxusartikel wurden zu bürgerlichen Konsumgütern und Massenwaren.

Funktionsweise von Webmaschinen[Bearbeiten]

Auf Webmaschinen werden Kettfäden von der Hinterseite der Maschine nach vorne geführt. Dabei werden Schussfäden jeweils von einer Seite zur anderen zwischen den Kettfäden durchgeschossen, so dass die Kettfäden beim fertigen Gewebe durch den Schussfaden zusammengehalten werden. Um dieses Durchschießen zu ermöglichen, wird ein Teil der Kettfäden gehoben und der andere Teil abgesenkt. Dadurch entsteht eine Öffnung, durch die der Schussfaden gezogen werden kann. Diese Öffnung nennt man das Fach. Der Faden kann dabei auf verschiedene Art hindurchgeführt werden. Die älteste Form ist dabei der Schütze, der eine Garnspule trägt und durch das Fach als Ganzes geschleudert wird. Es gibt auch Webmaschinen, bei denen der Schussfaden mit einem feinen Luft- oder Wasserstrahl von einer Seite durchgeblasen, mit einem sogenannten Webschlitten (einem Projektil) durchgeschossen oder von zwei Greifern durch das Fach hindurchgereicht wird. Bei schmalen Bändern kann der Faden mit einer Nadel durchgefädelt und auf der anderen Seite verhäkelt werden.

Moderne Webmaschinen können auch mehrere Fächer besitzen, sodass gleichzeitig mehrere Schussfäden hindurchgeschossen werden können, um die Produktivität zu steigern. Damit sind auf solchen Webmaschinen bis zu 5000 m/min Schusseintrag möglich.

Das verwendete Verfahren hängt von der Breite der produzierten Gewebe ab. Möglich sind schmale Bandwebmaschinen bis Breitgewebe bis zehn Meter und mehr.

Durch das unterschiedliche Heben und Senken der Fäden entsteht die Bindung des Gewebes. Bei einfachen Geweben sind auf der Vorderseite Rahmen, so genannte Schäfte, wo jeweils ein Teil der Kettfäden durch Litzen auf und abbewegt werden. Diese Schäfte werden durch Exzenter oder Schaftmaschine auf und ab bewegt. Bei komplizierteren Geweben wird die Jacquardmaschine verwendet, wo jeder Kettfaden einzeln gehoben und gesenkt werden kann.

Damit das Gewebe nicht zu locker wird, schlägt nach jedem Schusseintrag ein Webblatt, Webkamm oder Riet den neu eingelegten Schuss an das Gewebe an. Dies geschieht während des Fachwechsels (Überkreuzen der Kettfäden); damit wird der neue Schuss in seiner Position fixiert.

In diese Gewebe können auch in der Kettrichtung Gummifäden eingearbeitet werden, so dass das Gewebe elastisch ist. Dazu müssen die Gummifäden, die entweder nackt oder mit anderen Fäden umsponnen sein können, im ausgespannten Zustand verarbeitet werden. Der elastische Effekt wird aber auch durch so genannte Bauschgarne erreicht, die bis zu einem gewissen Grad elastisch sind.

Speziell die Bandwebmaschinen haben durch ihre technischen Fortschritte in Musterung und Geschwindigkeit sehr stark die Flechtmaschine ersetzt.

Museen[Bearbeiten]

Im „Aktiven Museum Henni Jaensch-Zeymer“ wird vorwiegend Leinen in traditioneller Handweberei[4] an historischen Webstühlen verwebt. An mehreren Stühlen verschiedener Herkunft kann in der Handweberei in Geltow (nahe Potsdam) die Arbeitsweise besichtigt werden. In diesem Kunsthandwerksbetrieb wird Tisch- und Küchenwäsche, Wohnaccessoires und maßgeschneiderte Kleidung (quasi) im Museum gefertigt.[5]

Ein bekanntes Bandwirkermuseum steht in Wuppertal Ronsdorf oder ein lebendes Textilmuseum in Groß-Siegharts in Niederösterreich. In Meldorf ist die Dithmarscher Museumsweberei zu besichtigen. Es ist eine Handweberei mit sieben Jacquard-Webstühlen. Auf diesen Webstühlen werden noch Beiderwand-Stoffe nach Kundenwunsch hergestellt.

Eine Besonderheit ist das Deutsche Damast- und Frottiermuseum in Großschönau in der Oberlausitz, dem (einst) wichtigen europäischen Zentrum der Damast- und Frottierweberei. Hier wird die Damast- und Frottierherstellung an funktionstüchtigen historischen Webstühlen demonstriert. Von 1666 bis 1933 stellten die Großschönauer echten Damast her. In keinem anderen Ort Deutschlands wurde so viel und so lange echter Damast gewebt. Auch die Frottierweberei hat in Großschönau eine lange Tradition. 1856 wurde hier der erste Frottierhandwebstuhl Deutschlands in Betrieb genommen. Das Museum zeigt technische Raritäten, die es nur noch in Großschönau gibt, wie einen funktionstüchtigen, rekonstruierten Damastzugwebstuhl aus dem Jahre 1835 und den letzten Frottierhandwebstuhl Deutschlands.

Auch in Steinhude in Niedersachsen wurde einst an Jacquard-Webstühlen gearbeitet, doch war die Spezialität der Weber hier, zweifarbige Gebildweberei aus Leinen oder Halbleinen herzustellen. Typisch waren die sogenannten "Wilhelmstein-Tischdecken" in rot-weiß. Das Fischer- und Webermuseum Steinhude zeigt Zeugnisse aus drei Jahrhunderten Webereigeschichte vor Ort, darunter zwei funktionierende Kartenschlagmaschinen. Damit konnten in Steinhude die individuellen Lochkarten für den Jacquardwebstuhl hergestellt werden.

Im Tuchmacher-Museum Bramsche bei Osnabrück wird der ganze Prozess des Tuchmachens vom Kämmen der Wolle über das Spinnen bis zum Weben demonstriert.

Im Museum „Tuch und Technik“[6] in Neumünster/Schleswig-Holstein erlebt der Besucher bei einer Zeitreise in die Vergangenheit, dass sich die Grundprinzipien der Tuchherstellung von der Eisenzeit bis heute nicht verändert haben. 2000 Jahre Textilgeschichte zeigt das Museum Tuch + Technik. Viele Exponate, darunter Handwebstühle und imposante Maschinen aus der Zeit der industriellen Tuchherstellung, sind funktionstüchtig und werden vorgeführt. In limitierter Produktion werden auf diesen Maschinen hochwertige Wollplaids hergestellt, die im Museumsladen verkauft werden. Das Haus wurde 2007 eröffnet.

Seit Anfang 2010 gibt es in Augsburg/Bayern in der ehemaligen Augsburger Kammgarnspinnerei (AKS) das „Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg“, kurz TIM genannt.[7] Unter dem museumseigenen Slogan „Mensch-Maschinen-Muster-Mode“ werden hier u. a. auf historischen Webstühlen das bekannte „Schlosserhandtuch“ sowie auf modernen HighTech-Textilmaschinen hochwertige Frottier-Souvenierhandtücher in limitierter Auflage mit exklusiven, themenbezogenen Dessins eines Textildesigners aus Brasilien produziert. Die genannten Artikel und noch andere mehr werden über den angegliederten Museums-Shop verkauft.

Die 500-bändige Musterbuchsammlung der Neuen Augsburger Kattunfabrik (NAK) spiegelt über 200 Jahre Design und Mode "Made in Augsburg" wider. Regelmäßige Wander- und Sonderausstellungen ergänzen das Kulturangebot des Museums.

Weitere Museen im deutschen Sprachraum, in denen vor allem die Bandweberei erklärt wird, sind das Bandweber-Museum Friedrich-Bayer-Realschule in Wuppertal und das Lebende Textilmuseum in Großsiegharts[8] im niederösterreichischen Waldviertel, das früher ebenso ein Zentrum der Bandherstellung war.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Webmaschine – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. G. Vogelsang-Eastwood: Textiles. In P. T. Nicholson and I. Shaw (eds.): Ancient Egyptian Minerals and Technology. Cambridge University Press, Cambridge, 2000, S. 268-298
  2. Ancient Egypt: Flax - harvest, linen production (Engl. Website, abgerufen am 9. Januar 2011)
  3. Abbildung des Modells im Grab des Meketre (Website Digital Egypt for Universities, abgerufen am 9. Januar 2010)
  4. Beschreibung des Museums
  5. rbb-online: Arbeitsweise eines Handwebstuhls im Video abgerufen: 12. April 2011
  6. Museum Tuch und Technik
  7. Staatliches Textil- und Industriemuseum Ausburg
  8. Lebendes Textilmuseum abgerufen am 28. August 2010