Wehrsportgruppe Hoffmann

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Die Wehrsportgruppe Hoffmann war eine terroristische Vereinigung neonazistischer Prägung, die 1980 verboten wurde. Sie war die bislang größte und bekannteste der in der Bundesrepublik aktiven rechtsextremen Wehrsportgruppen (WSG).

Geschichte[Bearbeiten]

Schloss Ermreuth

1973 gründete Karl-Heinz Hoffmann die nach ihm benannte Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG). Als Hauptquartier der WSG diente ab 1974 zunächst das Schloss Almoshof und ab 1978 das Schloss Ermreuth bei Neunkirchen am Brand.

Organisation[Bearbeiten]

Die WSG Hoffmann war eine nach dem Führerprinzip ausgerichtete Organisation und bezeichnete sich selbst als „nach militärischen Gesichtspunkten organisierter, straff geführter Freiwilligenverband“. Mitglieder wurden erst nach einer positiven Bewertung eines Aufnahmeantrages, nach „abgeschlossener Sicherheitsprüfung“ und „längerer Beobachtungszeit“ aufgenommen. Die Mitglieder hatten sich einer organisierten Willensbildung unterzuordnen. Hoffmann war das einzige „Willensbildungsorgan“ der WSG und besaß die uneingeschränkte Befehlsgewalt.

Die Organisation und die Tätigkeit der WSG erstreckte sich über Bayern hinaus. Die Wehrsportgruppe unterhielt mehrere Ortsgruppen, so etwa eine zur WSG gehörende Sturmabteilung 7 in Frankfurt. Hoffmann selbst gab Hinweise auf Kameraden in Tübingen, Köln und Bonn.

Ab Januar 1979 gab Hoffmann die Zeitschrift Kommando - Zeitung für den europäischen Freiwilligen heraus, die sich selbst als „WSG-Zeitung“ bezeichnete.

Inhaltliches Profil[Bearbeiten]

Ideologisch präsentierte sich die WSG als eine politische Kraft, die die parlamentarische Demokratie und ihre Repräsentanten ablehnte und sich als Speerspitze eines Umsturzes begriff.

In einem 1. Manifest der Bewegung zur Verwirklichung der Rational Pragmatischen Sozial Hierarchie formulierte Hoffmann 19 Leitsätze. Darin bekannte er, dass er „jedes Vertrauen in die bisher der Welt angebotenen Ideologien, Staats- und Wirtschaftsformen restlos verloren" hätte. Als Konsequenz forderte er „eine radikale Veränderung der Gesamtstruktur in allen Bereichen". Das bestehende System sollte durch eine „nach dem Leistungs- und Selektionsprinzip ausgerichtete Führerstruktur" ersetzt werden, wobei die Regierungsgewalt „von einer in der obersten Führung zusammengefaßten Gruppe" ausgehen solle. In dieser der „Volksgemeinschaft dienenden Staatsform“ sollten die Mitglieder der Regierung anonym sein. Wahlen wären verboten, Gewerkschaften und Kirchen seien zu entmachten.

Aktivitäten[Bearbeiten]

Die Wehrsportgruppe Hoffmann trat erstmals ab 1974 öffentlich in Erscheinung.[1] So übernahmen die Mitglieder beispielsweise den Saalschutz für verschiedene rechtsextreme Veranstaltungen. In mehreren Orten kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen, so etwa anlässlich einer Veranstaltung des rechtsextremen Hochschulrings Tübinger Studenten am 4. Dezember 1976 in der Tübinger Universität zwischen Ordnern der WSG Hoffmann einerseits und Gegendemonstranten andererseits. In deren Folge wurden mehrere Gegendemonstranten verletzt und mussten im Krankenhaus behandelt werden. Auf einer „Hitler-Gedenkfeier“ der Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten (ANS/NA) am 22. Juli 1978 in Lentföhrden lieferten sich Mitglieder der WSG Hoffmann zusammen mit ANS/NA und NSDAP/AO-Anhängern eine Saalschlacht mit der Polizei.

Die Wehrsportgruppe Hoffmann entwickelte sich rasch zur größten deutschen Wehrsportgruppe, die im gesamten Bundesgebiet Zweigstellen unterhielt. Viele Mitglieder der WSG waren zuvor in der Wiking-Jugend aktiv. Die Wehrsportgruppe Hoffmann hatte Vorbildcharakter für andere ideologisch ähnlich ausgerichtete Gruppen, wie beispielsweise die von Michael Kühnen ins Leben gerufene Wehrsportgruppe Werwolf.

Finanzierung[Bearbeiten]

Die WSG Hoffmann finanzierte sich aus Spenden. Hierzu wurde von Hoffmann 1976 ein Freundeskreis zur Förderung der Wehrsportgruppe Hoffmann gegründet. Das Ziel des Freundeskreises beschrieb dessen Präsident Bruno Weigand wie folgt:

„Die WSG Hoffmann-Truppe unterhält in vielen Städten Deutschlands und Österreichs Truppen, sie pflegt Kontakte mit vielen artverwandten Vereinigungen. Der angedeutete Umfang macht deutlich, daß die Unterhaltung der WSG Hoffmann-Truppe materielle Mittel benötigt, die über die Möglichkeit einer einzelnen Person weit hinausgehen. Aus diesem Grunde hat sich ein «Freundeskreis zur Förderung der Wehrsportgruppe Hoffmann» die Aufgabe gestellt, die materiellen Voraussetzungen zur Erhaltung und Ausbreitung der WSG zu organisieren.“

Auf eine parlamentarische Anfrage von März 1978 bezüglich der Finanzierung der WSG bestätigte die bayerische Staatsregierung die Finanzierung über den Freundeskreis, der zirka 400 Personen umfassen würde, und antwortete, dass man keine Möglichkeiten sehen würde, diese Finanzierung zu unterbinden.[2]

Laut Reinhard Opitz, Anette Linke und zwei Autorenkollektiven sei Gerhard Frey Mitglied des Förderkreises gewesen.[3] Die Behauptung von Reinhard Opitz bezüglich einer Mitgliedschaft Freys ließ sich laut Rainer Fromm „nicht verifizieren“; auf den Einladungen des Freundeskreises sei Frey zu keiner Zeit als Mitglied aufgeführt worden.[4] Frey bezahlte jedoch 1977 eine Geldstrafe Hoffmanns in Höhe von 8.000 Mark; die WSG stellte damals in mehreren Fällen den Saalschutz für DVU-Veranstaltungen.[5]

Verbot[Bearbeiten]

Die WSG Hoffmann wurde am 30. Januar 1980 durch den Bundesinnenminister Gerhart Baum als verfassungsfeindlich verboten und offiziell aufgelöst. Die Richter befanden, die WSG verfolge „in kämpferisch-aggressiver Form das Ziel, die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik Deutschland zu untergraben und schließlich zu beseitigen“.[6] Der bayerische Innenminister Gerold Tandler relativierte die Gefährlichkeit der WSG und nannte als eigentlichen Verbotsgrund die Sorge um das bundesdeutsche Ansehen, welches im Ausland durch die halbverrückten Spinner permanent diskriminiert werde.[7]

Nach dem Verbot wurden bei Hausdurchsuchungen nach offizieller Angabe in drei Bundesländern 18 Lastwagenladungen an Material beschlagnahmt. Darunter befanden sich z. B. Propagandamaterial und Stahlhelme, sowie Waffen wie Karabiner, Pistolen, Munition für diese Waffen, Bajonette und Handgranaten. Am Tage des Verbots am 30. Januar 1980 hatte die WSG zirka 400 Mitglieder.

Nach dem Verbot[Bearbeiten]

Nach dem Verbot im Januar 1980 setzte sich ein Teil der Gruppe in den Libanon ab und begann eine am Führerprinzip orientierte, bewaffnete Gruppe aufzubauen. Hoffmann unterhielt gute Kontakte zur Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Über die Partnerorganisation Unified Security Apparatus unter der Führung von Abu Ijad stellte die PLO im Lager Bir Hassan im Süden von Beirut der Wehrsportgruppe-Ausland einen Teil des Geländes zur Verfügung. Das Ziel der im Libanon tätigen WSG-Ausland war es, die staatliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland durch terroristische Akte zu bekämpfen und den Boden für eine Diktatur zu bereiten.[8]

Am 26. September 1980 verübte Gundolf Köhler, ein Mitglied[9] der WSG Hoffmann, einen Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest, bei dem 13 Menschen, darunter Köhler selbst, getötet und über 200 zum Teil schwer verletzt wurden. Eine unmittelbare Beteiligung von Hoffmann und anderen WSG-Mitgliedern konnte nicht nachgewiesen werden. An einer Alleintäterschaft Köhlers bestehen bis heute Zweifel.[10]

Am 19. Dezember 1980 wurden der jüdische Verleger und ehemalige Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, Shlomo Levin, und seine Lebensgefährtin Frieda Poeschke in Erlangen von Uwe Behrendt, einem Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann, erschossen. Levin hatte zuvor mehrfach öffentlich vor der deutschen Neonaziszene und insbesondere vor Hoffmann gewarnt. Die Tatwaffe, eine Maschinenpistole vom Typ Beretta, gehörte Hoffmann; am Tatort wurde die Brille von Hoffmanns Ehefrau Franziska gefunden. Uwe Behrendt flüchtete anschließend in den Libanon. In einem libanesischen Wehrlager beging er am 16. September 1981 Selbstmord.[11] Bei späteren Prozessen berichteten Mitglieder der Wehrsportgruppe von hartem Drill, grausamen Folterungen und den Plänen Hoffmanns, einen Staatsanwalt ermorden zu lassen. Obwohl Generalbundesanwalt Kurt Rebmann 1981 die im Libanon tätige Wehrsportgruppe Ausland zur terroristischen Vereinigung deklarierte, verhinderte der Bundesgerichtshof weitere Ermittlungen und ein Strafverfahren mit der Begründung, nur diejenige Gruppe, „die im räumlichen Geltungsbereich des Grundgesetzes besteht“, dürfe als terroristische Vereinigung verfolgt werden.[6]

Verstrickungen von Geheimdiensten[Bearbeiten]

In einem Flugblatt des Freundeskreises zur Förderung der Wehrsportgruppe Hoffmann von 1976 firmierte der Rechtsextremist Peter Weinmann als Kontaktadresse einer WSG Informationsstelle Bonn.[12] Weinmann war als V-Mann Werner, laut eigenen Angaben, von 1968 bis 1977 für den Kölner Verfassungsschutz tätig gewesen,[13] laut Angaben seiner Stasi-Akte bis zirka 1986.[14] Dies kam im Zuge seines Gerichtsverfahrens in Koblenz 1994 heraus. Der Dreifach-Agent musste sich dort wegen seiner Tätigkeiten für die Stasi als inoffizieller Mitarbeiter IM-Römer ab 1980 verantworten und wurde 1995 wegen Landesverrats zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt.[15] Bereits 1973 hatte Weinmann, in Absprache mit Hoffmann, den ersten Film über die WSG an den WDR, Redaktion Monitor für ein Honorar von 400 DM verkauft.[16]

Nach Recherchen von Regine Igel habe die Stasi Ende der 1970er Jahre Mitglieder der Wehrsportgruppe Hoffmann für eine Kooperation gewonnen.[17][18] Das Wehrsportgruppenmitglied Odfried Hepp arbeitete ab 1982 als inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Als gemeinsame Basis erwähnt Igel Antiamerikanismus und Antiimperialismus und gemeinsame Parteinahme für die Palästinenser im Nahost-Konflikt.

Bekannte Mitglieder[Bearbeiten]

Folgende Personen werden der Wehrsportgruppe Hoffmann zugeordnet.[19][20][21]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Spiegel am 9. August 1976: Rechtsradikale: Bereit bis zum Letzten, abgerufen am 19. Januar 2014
  2. Bericht über neonazistische Aktivitäten 1979, Pressedienst Demokratische Initiative 1980, S. 111
  3. Reinhard Opitz, Faschismus und Neofaschismus, Band 2, Pahl-Rugenstein 1988, S. 73; Annette Linke, Der Multimillionär Frey und die DVU: Daten, Fakten, Hintergründe, Klartext Verlag 1994, S. 187; Hartmut Herb, Jan Peters, Mathias Thesen: Der neue Rechtsextremismus: Fakten und Trends. Winddruck Verlag, 1980, S. 83f; Günter Grass, Daniela Dahn, Johano Strasser, In einem reichen Land: Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, Steidl Verlag 2002, S. 486
  4. Rainer Fromm: Die "Wehrsportgruppe Hoffmann": Darstellung, Analyse und Einordnung, Diss., Verlag Peter Lang, 1998, S. 125
  5. Rainer Fromm: Die "Wehrsportgruppe Hoffmann": Darstellung, Analyse und Einordnung, Diss., Verlag Peter Lang, 1998, S. 120 und 428
  6. a b  Bei allem Wohlwollen. In: Der Spiegel. Nr. 28, 1986, S. 51-52 (7. Juli 1986, online).
  7.  Neonazis. Nicht nur Pinsel. In: Der Spiegel. Nr. 6, 1980, S. 57-58 (4. Februar 1980, online).
  8. Hartmut Brenneisen, Juliane Bohrer, Dirk Staack: 60 Jahre Grundgesetz. Polizei und Sicherheitsmanagement. Bd 6. LIT, Münster 2010, S. 216. ISBN 3-643-10636-X
  9. Abschlussbericht Bayerisches Landeskriminalamt, Nr. 2508/80 - Kl, den 30. März 1981, S. 4., Zitiert In: Rainer Fromm, Die "Wehrsportgruppe Hoffmann". Peter Lang, Bielefeld 1998, S. 127
  10. Frank Gutermuth, Wolfgang Schoen (Regie): Gladio - Geheimarmeen in Europa. SWR-Dokumentation, Deutschland 2010, 85 Min.
  11. Hans-Gerd Jaschke, Birgit Rätsch, Yury Winterberg: Nach Hitler, radikale Rechte rüsten auf. Bertelsmann, München 2001, S. 42. ISBN 3-570-00566-6
  12. In: Der Spiegel. Hamburg 1994,7(14. Febr.), S. 37
  13. Rainer Fromm: Die "Wehrsportgruppe Hoffmann". Peter Lang, Frankfurt 1998, S. 313
  14. Regine Igel: Terrorismus Lügen. Wie die Stasi im Untergrund agierte. Herbig, München 2012, S. 287. ISBN 3-7766-2698-4
  15. Regine Igel: Terrorismus Lügen. Wie die Stasi im Untergrund agierte. Herbig, München 2012, S. 284. ISBN 3-7766-2698-4
  16. Hans Karl Peterlini: Bomben aus zweiter Hand. Edition Raetia, Bozen 1992, S. 310. ISBN 88-7283-021-4
  17. Regine Igel: Terrorismus Lügen. Wie die Stasi im Untergrund agierte. Herbig, München 2012, S. 255. ISBN 3-7766-2698-4
  18. http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/164190/index.html
  19.  Neonazis in Nahost - betrogen und reingelegt. In: Der Spiegel. Nr. 27, 1981, S. 29-32 (29. Juni 1981, online).
  20. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatWolfgang Most: Vereinigung der Einzeltäter - Wehrsportgruppe Hoffmann. In: haGalil.com. 3. Januar 2006, abgerufen am 19. Januar 2013.
  21. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatAndrea Röpke: Tödliche Schüsse. In: Blick nach Rechts. Institut für Information und Dokumentation e.V., 4. August 2011, abgerufen am 19. Januar 2013 (kostenpflichtig).
  22. Der Spiegel am 29. Juni 1981, Neonazis in Nahost - betrogen und reingelegt, abgerufen am 19. Januar 2014
  23. Der Spiegel am 21. Februar 2983, Machtvolle Kader, abgerufen am 19. Januar 2014
  24. Die Zeit am 25. Februar 1983, Schlag gegen rechte Terroristen, abgerufen am 19. Januar 2014
  25. Neues Deutschland am 23. November 2011, Abschied vom »Hitlerismus«, abgerufen am 19. Januar 2014