Weichselland

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Karte des Weichsellandes aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Das „Weichselland“ oder „Weichselgebiet“ genannte Territorium (russisch Привислинский край, Priwislinski kraj; polnisch Kraj Nadwiślański, auch Kraj Przywiślański) bezeichnete ab März 1867 die westlichste Provinz des Russischen Zarenreiches, die zwischen 1831 und 1867 sukzessive im 1815 eingerichteten „Kongresspolen“ errichtet wurde. Das russische Herrschaftsgebiet war beschränkt auf die mittlere Weichsel, denn der Oberlauf um Krakau unterstand Österreich, der Unterlauf ab Thorn gehörte zu Westpreußen.

Der Begriff Weichselland wird im Deutschen auch geographisch verwendet, insbesondere zur geographischen Beschreibung in der Bronzezeit[1] oder vor der Völkerwanderung.[2]

Weitere Bezeichnungen waren Generalgouvernement Warschau und Weichselgouvernement. Zusammen mit dem Generalgouvernement Kowno (Kaunas, Kaun) machte das Weichselgebiet, das sogenannte Russisch-Polen, aus. In der Gegenwart ist das „Weichselland“ der zentrale Teil des Territoriums der Republik Polen.

Geschichte[Bearbeiten]

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Nachdem Polen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch zahlreiche vorangegangene Kriege und Konflikte stark geschwächt war, geriet es 1768 unter die Vormundschaft Russlands. In den Jahren 1772, 1793 und 1795 teilten die Nachbarmächte Russland, Preußen und Österreich den Unionsstaat schrittweise unter sich auf, so dass auf der Karte Europas seit 1795 für über 120 Jahre kein eigenständiger polnischer Nationalstaat mehr existierte. Dies provozierte jedoch den Widerstand der Polen, die in zahlreichen Aufständen versuchten, die Fremdherrschaft abzuschütteln.

Im Jahre 1807 errichtete Napoléon aus den ehemals polnischen und nun von Preußen und Österreich besetzten Gebieten das Herzogtum Warschau, einen Rumpf- und Satellitenstaat, der bis 1815 existierte. Als sein Nachfolger wurde auf dem Wiener Kongress das konstitutionelle Königreich Polen, sog. Kongresspolen, geschaffen[3], das durch Personalunion eng mit dem Russischen Zarenreich verbunden war. Im polnischen Novemberaufstand von 1830 wurde der Zar Nikolaus I. vom polnischen Parlament als polnischer König abgesetzt. Nach Wiederherstellung der russischen Macht 1831 wurden die 1815 beschlossenen Strukturen, wie polnischer Königstitel für den russischen Zaren, Verfassung von 1791, Parlament etc. nicht mehr wiederhergestellt. Somit entsprach der weiterhin geführte Name des Landes "Königreich Polen" nicht mehr den Tatsachen (die im Deutschen übliche Bezeichnung „Kongresspolen“ gibt den Widerspruch nicht deutlich wieder).

Der Januaraufstand von 1863 brachte eine weitere Einschränkung der Autonomie und der nationalen Rechte. Die Anführer des Aufstands wurden hingerichtet, Rechte und kulturelle Freiheiten eingeschränkt. Polnisch wurde als Amtssprache verboten und aus dem offiziellen Gebrauch (z. B. in den Schulen) verdrängt.

Russisches „Weichselland“[Bearbeiten]

Im Jahre 1867 wurde das Wappen von Kongresspolen abgeschafft und seine zehn Gouvernements direkt ins Zarenreich integriert. Obwohl der alte Name nie offiziell geändert wurde[4][5], wurde seit den 1880er Jahren auch in verschiedenen Verwaltungsakten immer häufiger die Bezeichnung „Weichselland“ verwendet und das Wort „Polen“ sogar als geographischer Begriff von russischer Seite gemieden.

Bis 1880 stieg das Weichselland zur wirtschaftlich höchstentwickelten russischen Provinz auf. Die politische Situation stagnierte dagegen. Die Bevölkerung wuchs bis 1900 auf 9,4 Millionen Menschen an. Mit der Thronbesteigung Zar Nikolaus II. 1894 waren keine wesentlichen Veränderungen in den Verhältnissen verbunden. Der russisch-japanische Krieg und die Revolution 1905 hatten kleinere Zugeständnisse in kulturellen und religiösen Fragen zur Folge.

Umwälzung infolge des Ersten Weltkriegs[Bearbeiten]

Im Ersten Weltkriegs verschob sich 1915 die Ostfront deutlich nach Osten, als deutsche und österreichisch-ungarische Truppen den bisher russischen Teil Polens eroberten und besetzten. Bei ihrem Großen Rückzug hinterließ die russische Armee eine sprichwörtlich Verbrannte Erde. Die zaristische Herrschaft war damit dort de facto beendet, mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk Anfang 1918 auch offiziell. Zwar hatten die Mittelmächte 1916 zwischenzeitlich versucht, durch Gründung eines Regentschaftskönigreichs Polen eine polnische Monarchie wiederzubeleben, jedoch bildete sich Ende 1918 die Zweite Polnische Republik.

Administrative Einteilung[Bearbeiten]

Von den zehn Gouvernements (russ. Guberniya), in denen das Gebiet 1867–1916 eingeteilt war, lagen fünf rechts der Weichsel:

Fünf lagen links davon:

1912 wurde aus Teilen der Gouvernements Lublin und Siedlce ein Gouvernement Cholm (Холмская, Sitz in Chełm) gebildet, das aber aus dem Weichselland ausgegliedert und dem Generalgouvernement Kiew unterstellt wurde.

Vizekönige[Bearbeiten]

Der Titel Vizekönig wurde ersetzt durch den des Generalgouverneurs von Warschau.

General-Gouverneure von Warschau[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Manfred Alexander: Kleine Geschichte Polens. Stuttgart: Reclam 2003 (Quelle)
  • Roman Dmowski: Deutschland, Rußland und die polnische Frage (Auszüge). In: Polen und der Osten. Texte zu einem spannungsreichen Verhältnis. Hrg. Andrzej Chwalba, ISBN 3-518-41731-2 (Denken und Wissen. Eine Polnische Bibliothek. Band 7)
  • Hensel, Jürgen (Hrsg.): Polen, Deutsche und Juden in Lodz 1820–1939. Eine schwierige Nachbarschaft. Osnabrück: fibre Verlag 1999

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. „Aus Südosteuropa kommend stießen sie vor 7000 Jahren bis zum heutigen Mecklenburg ... vor, bis ins Weichselland ...“ - Klaus-Rüdiger Mai: Die Bronzehändler: eine verborgene Hochkultur im Herzen Europas. Campus Verlag, 2006 ISBN 3-593-37912-0 S. 51
  2. Gustaf Kossinna: Das Weichselland: Ein uralter Heimatboden der Germanen. 1919
  3. Królestwo Polskie. Encyklopedia PWN. Abgerufen am 10. Dezember 2011.
  4. W. Bartel in.: Historia państwa i prawa Polski. J. Bardach und M. Senkowska-Gluck (Red.). Bd. 3: Od rozbiorów do uwłaszczenia. Warszawa: Państwowe Wydawnictwo Naukowe, 1981, S. 67
  5. M. Czapliński & Autorenkollektiv, In: Słownik encyklopedyczny: Historia, Wydawnictwo Europa Sp. zo. o, Wrocław. 2007. S. 199