Weinraute

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Weinraute
Weinraute (Ruta graveolens)

Weinraute (Ruta graveolens)

Systematik
Rosiden
Eurosiden II
Ordnung: Seifenbaumartige (Sapindales)
Familie: Rautengewächse (Rutaceae)
Gattung: Rauten (Ruta)
Art: Weinraute
Wissenschaftlicher Name
Ruta graveolens
L.

Die Weinraute (Ruta graveolens) ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Rauten (Ruta) innerhalb der Familie der Rautengewächse (Rutaceae). Sie zählt zu den Gewürzpflanzen sowie zu den mittelalterlichen pflanzlichen Heilmitteln und wird manchmal als Zierpflanze angebaut.

Beschreibung[Bearbeiten]

Laubblatt
Blüten
Kapselfrüchte und Samen

Vegetative Merkmale[Bearbeiten]

Die Weinraute ist ein Halbstrauch mit am Grunde schwach verholzenden unteren Zweigen, der Wuchshöhen von bis zu 1 Meter erreicht. Die fein geteilten Laubblätter fallen durch ihre spatelförmigen Blättchen und ihre blaugrüne Farbe auf, die auf „Bereifung“ mit einer Wachsschicht beruht.

Generative Merkmale[Bearbeiten]

Die Blütezeit reicht von Juni bis August oder November. Der reichblütige, trugdoldige Blütenstand ist ein rispiges Pleiochasium. Die fast geruchlosen Blüten sind zwittrig. Die seitlichen Blüten sind vierzählig und die endständigen fünfzählig. Die Blütenkrone ist mattgelb bis gelb. Die bei einem Durchmesser von etwa 1 Zentimeter kugelförmigen Kapselfrüchte sind vier- bis fünffächrig.

Ökologie[Bearbeiten]

Alle Pflanzenteile besitzen zahlreiche Öldrüsen, die ätherische Öle enthalten und den sehr intensiven, unangenehmen Geruch der Pflanze hervorrufen. Die etwas derben Laubblätter schmecken leicht bitter, im durchscheinenden Licht kann man ihre Öldrüsen gut erkennen.

Blütenökologisch handelt es sich bei den streng vormännlichen Blüten um „Nektar führende Scheibenblumen“. Der Nektar ist offen zugänglich, er hat einen Zuckergehalt von 55 % und wird von einem gut sichtbaren Diskus abgeschieden. Die Weinraute ist eine Pollenblume, deren Staubblätter auffällige autonome Bewegungen ausführen, sie nehmen der Reihe nach eine Stellung ein, wo sich später die Narben befinden, das soll offenbar ihre Schaufunktion unterstützen. Bestäuber sind vor allem Zweiflügler und Hautflügler. Auch spontane Selbstbestäubung ist möglich.

Die Kapselfrüchte fungieren als Austrocknungsstreuer.

Natürliches Verbreitungsgebiet

Vorkommen[Bearbeiten]

Das natürliche Verbreitungsgebiet der Weinraute ist Südeuropa, der östliche Mittelmeerraum, die Balkanhalbinsel und die Krim. In Mitteleuropa ist sie meist nur unbeständig verwildert im Weinbaugebiet; im südlichen Schwäbischen Jura ist sie örtlich wohl eingebürgert; am Alpenfuß ist sie beständig eingebürgert, und sie war dort wohl auch ursprünglich vorhanden.

Die Weinraute gedeiht am besten auf trockenen, lockeren steinigen, stickstoffsalz- und kalkreichen Lehmboden. Sie besiedelt Gariguen, Felsband- und ähnliche Pflanzengesellschaften an trockenheißen Standorten. Sie besiedelt in Mitteleuropa sommerwarme und im Winter frostgeschützte Lagen.

Inhaltsstoffe[Bearbeiten]

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Weinrautenblätter enthalten ein ätherisches Öl mit dem Hauptbestandteil 2-Undecanon (Methylnonylketon), einem aliphatischen Keton, das den Geruch dominiert und deshalb auch Rautenketon genannt wird. Nebenbestandteile sind 2-Nonanon und verschiedene Ester (2-Nonylacetat, 2-Undecylacetat, auch Propionate und Isobutyrate).

An der Blattoberfläche lagert die Weinraute verschiedene Furanocumarine vom Psoralentyp ab, die je nach Art und Dosis photosensibilisierende Eigenschaften besitzen. Diese können in Zusammenhang mit Sonnenlicht (UVA-Strahlung) nach Berührung zu einer Photodermatitis führen, die sich durch Rötung der Haut und Bläschenbildung mit anschließender bräunlicher Pigmentierung äußert. Typische Furocumarine der Ruta graveolens sind Bergapten, Isoimperatorin, Psoralen und Xanthotoxin.

Weiter enthält die Weinraute Alkaloide verschiedener Typen, beispielsweise Chinolinalkaloide (Chinolin-Typ: Graveolinin, Graveolin; Furochinolin-Typ: Skimmianin, Dictamnin, γ-Fagarin; Acridon-Typ: Arborinin; Dihydrofuroacridin-Typ: Rutacridon) und Chinazolin-Alkaloide (Arborin). Die Alkaloide werden vorwiegend in der Wurzel, aber auch in den Blättern gespeichert. Einigen dieser Stoffklassen wurde beträchtliche Giftwirkung nachgewiesen; so sind die Acridon-Alkaloide mutagen.

Illustration

Nutzung[Bearbeiten]

Weinraute als Duftpflanze[Bearbeiten]

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Aufgrund der ätherischen Öle findet die Weinraute in der Parfümindustrie Verwendung. Hält man die Laubblätter gegen das Licht, erkennt man durchscheinende, nadelstichartige „Löcher“ (da ist kein Loch, es ist nur durchscheinend) – die mit ätherischem Öl gefüllten Drüsen. Weinraute, in Küche oder Speisekammer aufgehängt, soll Ameisen fernhalten.

Weinraute als Gewürzpflanze[Bearbeiten]

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Die Laubblätter der Weinraute finden in der Herstellung von Grappa und ähnlichen Schnäpsen Verwendung, außerdem ist die Weinraute Hauptbestandteil des sogenannten Vierräuberessigs. Die Blätter der Weinraute kann man als Charaktergewürz der antiken römischen Küche ansehen. Für ein überliefertes Rezept siehe Moretum (Kräuterkäse). Die Blätter haben einen intensiven Geschmack, weswegen man sparsam damit umgehen muss. Die Würze wird zu verschiedenen Fleischgerichten (Wild, Hammel), zu Eiern, Fisch und Streichkäse, Salat, Soße, Gebäck und Kräuterbutter empfohlen. In Äthiopien werden auch die Weinrautenfrüchte getrocknet und als Gewürz verwendet. Wegen der abortiven Wirkung der Weinraute sollten Schwangere das Gewürz meiden.

Weinraute in der Volksmedizin[Bearbeiten]

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In der heutigen Pflanzenheilkunde findet die Weinraute keine Verwendung mehr. Die Pflanze ist phototoxisch, das heißt, sie kann Hautreizungen bei gleichzeitiger Berührung und Sonneneinstrahlung hervorrufen (vergleiche Herkulesstaude). Sie sollte außerdem nicht von schwangeren Frauen verwendet werden, da sie zu Fehlgeburten führen kann.

Die Weinraute war jedoch sowohl im Altertum als auch im Mittelalter eine hochgeschätzte Heilpflanze. Sie sollte bei Augenleiden helfen, ebenso bei Ohrenschmerzen und bei Wurmbefall. Sie stand außerdem in dem Ruf, ein wirksames Gegenmittel gegen Gift zu sein. Ihren Ruf als hervorragendes Heilmittel erlangte die Raute im 17. Jahrhundert zur Zeit der großen Pestepidemien. Sie war in dem berühmten Essig der vier Räuber enthalten, mit dem sich vier französische Diebe eingerieben hatten, bevor sie in Toulouse die Häuser von Pestkranken ausraubten, ohne sich anzustecken. Dieser Essig enthielt auch Salbei, Thymian, Lavendel, Rosmarin und Knoblauch – die Wirkung beruhte daher wohl nicht auf dem starken Rautengeruch, wie man damals annahm, sondern auf der keimtötenden Wirkung der anderen Pflanzenarten.

Bekannt ist die Weinraute auch wegen ihrer abortiven Wirkung. In einigen Regionen Frankreichs trägt sie deshalb auch den Namen „herbe à la belle fille“ – Kraut der schönen Mädchen. Angeblich mussten im Botanischen Garten von Paris vor Jahrzehnten die Rautenpflanzen mit einem Gitter umgeben werden, weil junge Mädchen die Bestände plünderten.

Gartenbaugeschichte[Bearbeiten]

Die Raute ist in Mitteleuropa seit der Römerzeit belegt. In dem römischen Kastell Praetorium Agrippinae bei Valkenburg wurden verkohlte Raute-Samen gefunden.[1][2]

Weinraute im Aberglauben[Bearbeiten]

Als Universalheilmittel sagte man der Weinraute nach, gegen alle Gifte, gegen Geister und Teufel und vor dem Bösen Blick zu schützen. Damit sich die Pflanze gut entwickelte und heilkräftig sei, sollte der Samen unter Flüchen und Verwünschungen ausgestreut werden; Jungpflänzchen hingegen hatte man zu stehlen.

In Italien wehrte das einfache Volk mit Rautenzweigen den bösen Blick ab. Auch tauchte man sie in Weihwasser und besprengte damit Schlafzimmer, in denen böse Geister die Liebesbeziehungen eines Ehepaares gestört hatten. Der Weinraute schrieb man auch zu, dass sie helfe, die Keuschheit zu bewahren oder sie zu schützen.

Im Schweizer Simmental wurde Weinraute gemeinsam mit Birnbrot oder Hutzelbrot, Salz und Eichenkohlen in ein Tuch gepackt, alles in ein Loch in der Türschwelle gelegt und dieses Loch mit einem Rechenzahn verstopft. Mit dieser Abfütterung versöhnte man alle Geister und Hexen, die als Gewürm im Schwellenholz hausen mussten.

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. J. P. Pals, V. Beemster, A. Noordam 1989: Plant remains from the Roman castellum Praetorium Agrippinae near Valkenburg (prov. of Zuid-Holland). In: Udelgard Korber-Grohne.
  2. H. Küster (Hrsg.): Archäobotanik. Dissertationes Botanicae 133, 117–133.

Literatur[Bearbeiten]

  • Manfred Bocksch: Das praktische Buch der Heilpflanzen. München 1996
  • Anneliese Ott: Haut und Pflanzen (Allergien, phototoxische Reaktionen und andere Schadwirkungen) 1991
  • Ruprecht Düll, Herfried Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands und angrenzender Länder. Die häufigsten mitteleuropäischen Arten im Porträt. 7., korr. u. erw. Auflage. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2011, ISBN 978-3-494-01424-1.
  • Oskar Sebald, Siegmund Seybold, Georg Philippi (Hrsg.): Die Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs. Band 4: Spezieller Teil (Spermatophyta, Unterklasse Rosidae): Haloragaceae bis Apiaceae. Eugen Ulmer, Stuttgart 1992, ISBN 3-8001-3315-6.
  •  Dietmar Aichele, Heinz-Werner Schwegler: Die Blütenpflanzen Mitteleuropas. 2. Auflage. Band 3: Nachtkerzengewächse bis Rötegewächse, Franckh-Kosmos, Stuttgart 2000, ISBN 3-440-08048-X.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Weinraute (Ruta graveolens) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
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