Weltreich

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Kaiser Karl V. herrschte als Erster über ein globales Imperium, in dem „die Sonne niemals unterging“; Gemälde von Rubens

Als Weltreiche bezeichnet man Reiche, die sowohl große Teile der jeweils bekannten Welt umfassten als auch bedeutenden Einfluss auf die geschichtliche Entwicklung (politisch, geographisch, technologisch, sozial, kulturell, religiös oder sprachlich) hatten. Oft schließt ihr jeweiliges Selbstverständnis den Anspruch ein, entweder die ganze Welt zu beherrschen oder zumindest die größte Macht der Erde zu sein. In verschiedenen historischen Epochen tauchen unterschiedliche Begriffe für ein solches Weltreich auf.

Imperium[Bearbeiten]

Die Bezeichnungen „Imperium“ und „Weltreich“ werden meist synonym gebraucht. Das achämenidische Perserreich gilt als das erste „echte“ Weltreich der Geschichte; in den davor liegenden Jahrhunderten gab es zwar mehrere Großreiche, die kurz- oder mittelfristig die umliegenden Territorien und Völker beherrschten, jedoch war ihre Größe mit der des Perserreiches nicht vergleichbar. Insofern ist deren Einordnung als Weltreich umstritten. Das größte vor dem Perserreich existierende Großreich war das heute relativ unbekannte Neuassyrische Reich, das sich zur Zeit seiner größten Ausdehnung vom Süden Ägyptens bis zum persischen Golf und dem heutigen Armenien erstreckte.

In seiner Ausdehnung fast noch übertroffen wurde das Perserreich vom Reich Alexanders des Großen, das von Nordgriechenland und Ägypten bis zum Indus reichte. Das Alexanderreich war zwar nur äußerst kurzlebig, bewirkte aber über seine Nachfolgestaaten, die sogenannten Diadochenreiche, die Entstehung eines einheitlichen hellenistischen Kulturraums im östlichen Mittelmeerraum.

Das klassische Beispiel für ein Weltreich ist das Imperium Romanum. Es umfasste in seiner Blütezeit nicht nur große Teile Europas, Vorderasiens und Nordafrikas, sondern übte auf die von ihm über längere Zeit beherrschten Gebiete auch einen tiefgreifenden und nachhaltig prägenden zivilisatorischen, kulturellen und sprachlichen Einfluss aus, der (auch durch die spätere Verbindung mit dem Christentum) in vielen Bereichen bis heute nachwirkt. Heutige sprachliche und staatliche Strukturen können in vielen Fällen direkt mit dem römischen Imperium in Verbindung gebracht werden.

Außereuropäische Weltreiche[Bearbeiten]

Infolge des vorherrschenden eurozentrischen Geschichtsbildes wurde und wird bis heute nur unzureichend wahrgenommen, dass die meisten Weltreiche bis zum Beginn der Frühen Neuzeit außerhalb des europäischen Kontinents existierten. Bis zum Ende der Antike gab es mindestens drei europäische Weltreiche: das Alexanderreich, das Römische Reich und das (in direkter Nachfolge des Römischen Reiches stehende) Oströmische/Byzantinische Reich. Nach dem Untergang des Römischen Reiches in der Spätantike konnte kein Weltreich mehr auf dem europäischen Kontinent Fuß fassen, nur noch imperiale Peripherien anderer, außereuropäischer Weltreiche erstreckten sich über Randgebiete Europas. Byzanz bildete hier als europäisches Reich zunächst noch eine Ausnahme, war aber seit der Islamischen Expansion im 7. Jahrhundert praktisch ebenfalls kein Weltreich mehr. Stattdessen bildeten sich in Europa erst die Personenverbandsstaaten und dann das komplexe System der Territorialstaaten heraus. Mit Beginn der Europäischen Expansion im 15. Jahrhundert schufen diese Staaten dann ihrerseits außereuropäische Weltreiche (Kolonialreiche) auf anderen Kontinenten.

Aber beispielsweise sowohl beim Mongolenreich Dschingis Khans, als auch beim Reich der Kalifen (ca. 700 – 900 n. Chr.) und beim Chinesischen Kaiserreich (ca. 200 v. Chr. – 1800), lassen sich längerfristige historische Nachwirkungen ebenfalls nicht bestreiten. Auch sie waren alle für die Entwicklung ihrer Region nachhaltig bestimmende historische Größen.

Kolonialreich[Bearbeiten]

Hauptartikel: Kolonialreich

In der Zeit des Kolonialismus und Imperialismus bauten einige europäische Länder Weltreiche auf und prägten nachhaltig die Länder, die sie kolonisierten. So wurden Lateinamerika von Spanien und Portugal, Nordamerika, Afrika und Asien durch Frankreich und Großbritannien sprachlich und kulturell geformt. Die Tatsache, dass das Britische Empire die größte Kolonial- und Handelsmacht der Welt war, hatte die weltweite Verbreitung der englischen Sprache zur Folge, so dass Englisch heute zur universellen Welt- und Verkehrssprache geworden ist.

Universalmonarchie[Bearbeiten]

Insbesondere das chinesische Kaiserreich sah sich als Universalmonarchie, d. h. dem Kaiser als dem „Sohn des Himmels“ kam die Oberherrschaft über alle anderen Fürsten der Welt zu. Eine ähnliche Vorstellung verband man im Europa des Mittelalters mit dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, unter Berufung auf den heiligen Hieronymus, der den Bibeltext Dan 2, 21ff. vom Traume Nebukadnezars so auslegte, dass es nur vier Weltreiche geben werde: das babylonische Reich, das Reich der Meder und Perser, das Reich Alexanders des Großen und das Römische Reich, das bis ans Ende der Tage dauern sollte. Unter dieser Voraussetzung konnte das Heilige Römische Reich sich nur als Nachfolger des römischen fühlen, eine Kontinuität, die von Karl dem Großen bewusst hergestellt wurde (Translatio Imperii). Allerdings verband sich mit diesem universalen Anspruch keine entsprechende reale Macht. Erst nach der Entdeckung Amerikas lässt sich unter Karl V., in dessen Reich „die Sonne nicht unterging“, wieder von einem Weltreich sprechen.

Liste der bekannten Weltreiche[Bearbeiten]

Reich Fläche in km² Einwohnerzahl Jahr der größten Ausdehnung Karte
Akkadisches Großreich
(Reich von Akkad)
  -2300 Orientmitja2300aC.png
Ägyptisches Reich
(Neues Reich)
1.000.000   -1450 Ägypten.JPG
Neuassyrisches Reich 1.400.000   -671 Map of Assyria.png
Neubabylonisches Reich 1.000.000   -580 Chaldean-empire-600BCE.png
Achämenidenreich
(Altpersisches Reich)
6.500.000 42.000.000   -500 Perserreich 500 v.Chr.jpg
Alexanderreich 6.200.000 47.000.000   -323 MakedonischesReich.jpg
Maurya-Reich 40.000.000   -250 Mauryans.JPG
Qin-Reich 30.000.000   -221 Qin map.jpg
Reich der Parther 1.900.000   -141 Parther reich.jpg
Han-Reich 6.000.000 50.000.000   -100 Han Dynasty 100 BCE (Chinese).png
Römisches Reich 8.300.000 62.000.000   117 n. Chr. Roemischeprovinzentrajan.png
Byzantinisches Reich 4.500.000 34.000.000 ? Byzantine Empire.png
Reich der Göktürken 10.000.000 ? GökturksAD551-572.png
Sassanidenreich
(Neupersisches Reich)
? Sassanid Empire 620.png
Tang-Reich 40.000.000   669 Tang China 669AD.jpg
Arabisches Weltreich
(Umayyaden-Kalifat)
13.200.000 60.000.000   750 Umayyad750ADloc.png
Arabisches Weltreich
(Abbasiden-Kalifat)
11.100.000   850 Abbasids850.png
Arabisches Weltreich
(Fatimiden-Kalifat)
5.100.000   969 FatimidCaliphate969.png
Chola Reich 3.600.000   1050 Rajendra map new.svg
Reich der Seldschuken   1071 Seljuk Empire locator map.svg
Song-Reich 60.000.000   1081 China 11a.jpg
Mongolenreich 33.000.000 100.000.000   1274 Mongol Empireaccuratefinal.png
Reich der Timuriden   1405 Das Reich Timur-i Lenks (1365-1405).GIF
Ming-Reich 6.500.000 50.000.000   1424 Ming-Empire2.jpg
Aztekenreich   1521 Aztecempirelocation.png
Inkareich 2.000.000   1532 LocationTawantinsuyu.PNG
Portugiesisches Kolonialreich 4.000.000 14.000.000   1580 Portugal empire map(2).PNG
Niederländisches Kolonialreich 3.700.000   1650 Dutch Empire35.PNG
Osmanisches Reich 5.700.000 28.000.000   1683 Ottoman 1683.png
Mogulreich 4.000.000 100.000.000   1707 Mughals.JPG
Spanisches Kolonialreich 13.700.000 64.000.000   1740 Spanish Empire Anachronous 0.PNG
Qing-Reich 13.000.000 300.000.000   1790 Qing Dynasty 1820.png
Russisches Reich 22.000.000 78.000.000   1866 The Russian Empire-en.svg
Deutsches Kolonialreich 3.500.000 70.000.000   1914 Map of the German Empire - 1914.PNG
Französisches Kolonialreich 13.500.000 112.000.000   1919 131Etendue de l'Empire Français.png
Britisches Weltreich 33.000.000 458.000.000   1921 British Empire 1921.png

Mögliche „Postkoloniale Imperien“[Bearbeiten]

Bipolare Staatenwelt im Kalten Krieg mit der westlichen Welt und dem Ostblock

Auch in der Weltordnung nach 1945 könnte man gemäß einigen Autoren imperiale Strukturen feststellen, die deutliche Parallelen zu vorherigen Weltreichsordnungen aufweisen. So wäre etwa der Kalte Krieg eine Auseinandersetzung zwischen einem östlich-kommunistischen und einem westlich-kapitalistischen Weltreich. Prinzipiell wäre die Herrschaft der postkolonialen Imperien nicht an Territorien gebunden, sondern äußert sich maßgeblich in der Kontrolle der Weltwirtschaft sowie einem überstarken und zugleich globalen Einfluss auf Politik, Technologie, Migration, Sprache und ganz besonders deutlich auf die Kultur. Münkler spricht sich für ein Amerikanisches Weltreich aus, in dem die EU eine Art imperiales Subzentrum bildet. Posener plädiert für ein Europäisches Weltreich und spricht den USA jegliche Imperialität ab. Bollmann versucht beide Positionen zu versöhnen und identifiziert eine Art Westliches Imperium, wobei EU und USA gemeinsam dessen imperiales Zentrum bilden. Der gesamte Globus wird demnach mehr oder minder indirekt vom „Westen“ dominiert. Es ergibt sich eine Aufteilung der Welt in verschiedene Peripherien: Dabei bilden z. B. NATO und OECD die transatlantische Klammer zwischen den beiden imperialen Kernräumen. Im Umkehrschluss ergibt sich, dass je weniger ein Land in Richtung EU/USA integriert ist, desto mehr gehört es der Peripherie an.

Kernraum Fläche in km² Einwohnerzahl Jahr der größten Ausdehnung Karte
Sowjetunion[1] 22.402.223 262.000.000 1979 LocationSovietUnion.png
Vereinigte Staaten[1]
(Außengebiete der USA)
9.826.630 306.000.000 noch nicht bestimmbar US insular areas.png
Europäische Union[2]
(Gebiete der EU)
6.500.000 500.000.000 noch nicht bestimmbar EU OCT and OMR map de.png
Westliche Welt[3] ~ 36.500.000 ~ 1.000.000.000 noch nicht bestimmbar OECD member states map.svg

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. a b Vgl. Herfried Münkler: Imperien: Die Logik der Weltherrschaft. Rowohlt, Berlin 2007.
  2. Vgl. Alan Posener: Imperium der Zukunft. Warum Europa Weltmacht werden muss. Pantheon, München 2007, ISBN 978-3-89331-821-6.
  3. Vgl. Ralph Bollmann: Lob des Imperiums: Der Untergang Roms und die Zukunft des Westens. wjs verlag, Berlin 2006, ISBN 3-937989-21-8.