Weng Chun Kung Fu

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Weng-Chun-Sportler in typischer Trainingskleidung des Weng Chun Verbandes von Andreas Hoffmann beim Aufnehmen eines gegnerischen Faustschlages, Gegenangriff aus der Flanke heraus

Das Weng Chun Kung Fu (KantonesischWing bzw. Hochchinesisch yǒng „ewig“, 春 cheun „Frühling“, 功夫 gōngfu „Fähigkeit“) ist eine Kampfkunst aus Südchina, welche in den Neunziger Jahren von Andreas Hoffman nach Deutschland eingeführt und international bekannt gemacht wurde.[1] Weng Chun soll eigenen Legenden nach im Shaolin-Kloster in Dengfeng entstanden sein.[2] Es gehört damit zu den etwa 360 Shaolin-Kung-Fu-Stilen, die aus dem Kloster in Dengfeng hervorgegangen sind.[3]

Weng Chun ist nicht zu verwechseln mit der Kampfkunst Wing Chun (KantonesischWing bzw. Hochchinesisch yǒng „Lied“, 春 cheun „Frühling“), abgesehen von dem oben genannten, gemeinsamen Ursprung.[4] Um Verwechselungen aufgrund der sehr ähnlichen Aussprache der Schriftzeichen 永 ('ewig') und 詠 ('Lied') zu vermeiden, ließ Andreas Hoffman das Weng Chun als Transkription markenrechtlich schützen,[5] zumal die Notation 'Weng Chun' in lateinischer Schrift durchaus auch in China gebräuchlich zu sein scheint.[6] In Bezug auf Technik und Kampfprinzipien unterscheiden sich Weng Chun und Wing Chun deutlich.[7]

Das Weng Chun Kung Fu gehört zu den inneren Kampfkünsten, da das Ausweichen im Kampf durch Kontrolle des Winkels zum Gegner sowie das Ausnutzen und Umleiten der Kraft des Gegners wesentliche Merkmale sind. Ein weiteres Merkmal ist das Fehlen jeglicher Bevorzugung der Kampfdistanzen. Schläge und Tritte mit Hand, Fuß, Ellenbogen, Knie und Schulter gehen nahtlos über in Würfe, Hebel und Würgegriffe, welche auch im Bodenkampf enden können. Wie bei den meisten Südshaolin-Stilen ist aber der Bodenkampf nicht die bevorzugte Kampfdistanz im Weng Chun.[8]

Geschichte des Weng Chun Kung Fu[Bearbeiten]

Der wichtigste Weng-Chun-Großmeister der Neuzeit ist höchstwahrscheinlich Chu Chung Man.[9][10] Er wurde anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts in Foshan geboren und hatte bei Lehrern verschiedener Kung-Fu-Stile viele Jahre Unterricht, darunter auch das Weng Chun Kung Fu.[11] Chu Chung Man erwarb sich auf diese Weise einen ausgezeichneten Ruf als Kampfkünstler und trug deshalb den Spitznamen „Eisenfaust“.[12] Er war während des Zweiten Weltkrieges als praktizierender Arzt in Macao tätig, ab 1953 als Arzt in einem Krankenhaus in Hongkong. Chu Chung Man gilt als Schüler der fünften Generation des Weng Chun Kung Fu.[13]

Die Großmeister des Weng Chun in der Dai-Tak-Lan-Akademie. Tang Yik, Chu Chung Man und Wai Yan in der zweiten Reihe, 3., 4. und 5 v. l.

Chu Chung Man hatte Kontakt und sportlichen Austausch mit Yip Man, der als Vater des modernen Wing Chuns gilt und überdies lange Zeit Bruce Lee als seinen berühmtesten Schüler hatte.[14] Zwischen Weng Chun und Wing Chun gibt es entsprechend Gemeinsamkeiten wie das Training an der Holzpuppe, aber auch Unterschiede, z. B. in Bezug auf die Formen und den Ansatz, die Deckung des Gegners im Kampf zu umgehen.[15]

Chu Chung Man und Yip Man bei einem Treffen in Kowloon, vermutlich um 1960

Als Chu Chung Man 1953 nach Hongkong zog, traf er auf weitere Großmeister des Weng Chun Kung Fu, die vergleichsweise viele Schüler unterrichteten, darunter auch die Großmeister Tank Yik und Wai Yan. Wai Yan war ein wohlhabender Geschäftsmann und hatte großes Interesse daran, das Weng Chun Kung Fu zu erhalten. So funktionierte er eines seiner Warenhäuser in Kowloon kurzerhand in eine Akademie um, in welcher sich die Weng Chun Großmeister unter der Leitung von Chu Chung Man lange Zeit regelmäßig zum Austausch trafen.[16] Der Name des Warenhauses stand Pate für die die Akademie, welche als Dai Tak Lan Akademie zu einem wichtigen Zentrum des Weng Chun Kung Fu werden sollte.[17] Der regelmäßige Austausch der Weng-Chun-Meister aus den verschiedenen Familien-Linien in der Dai-Tak-Lan Akademie führte vermutlich auch zu einer gewissen Vereinheitlichung und technischen Vervollständigung des Weng Chun Kung Fu.

Wai Yan hatte später in den Neunziger Jahren einen deutschen Schüler, Andreas Hoffmann.[18] Dieser machte im Auftrag von Wai Yan[19] das kulturelle Erbe des Weng Chun erstmals auch außerhalb von China bekannt. Wie bei vielen anderen in Europa eingeführten asiatischen Kampfkunstarten wurde die klassische Lehrer-Schüler-Beziehung von Andreas Hoffmanns Verband durch eine Schulenstruktur mit Graduierungen durch Gurtfarben ersetzt. Aufgrund der Arbeit von Andreas Hoffmann gibt es mittlerweile 40 Weng-Chun-Schulen in Europa, davon mehr als 30 in Deutschland, mit steigender Tendenz.[20]

Zwar gibt es noch einige chinesische Weng-Chun-Meister, die aus der Dai-Tak-Lan-Akademie hervorgegangen sind, diese ziehen es allerdings in der Regel vor, einige wenige selbst ausgewählte Schüler privat zu unterrichten.[21] Andreas Hoffmann unterhält bis heute Kontakte zu einigen dieser chinesischen Meister des Weng Chun, unter anderem zum Beispiel zu Tang Chung Pak. Dieser war einer der letzten engen Schüler von Tang Yik.[22] Ein deutscher Schüler von Tang Chun Pak betreibt beispielsweise in Berlin eine Kung-Fu-Schule, welche mit der klassischen Lehrer-Schüler-Beziehung arbeitet und auf Graduierungen verzichtet.[23]

Andreas Hoffmann während der Ausbildungszeit bei Großmeister Wai Yan in den Neunziger Jahren.
Andreas Hoffmann mit Schülern beim Training einer Messer-Form.

Prinzipien des Weng Chun[Bearbeiten]

Im Weng Chun gibt es bestimmte Prinzipien für den Kampf, die dazu dienen, schnelle taktische Entscheidungen treffen zu können.[24] Auf diese Weise soll vermieden werden, dass der Kämpfer den Überblick verliert bzw. dem Kämpfer die Optionen ausgehen.[25] Hier die sieben wichtigsten Prinzipien des Weng Chun:

1. Prinzip Tai (nach oben ausheben):
Die Balance des Gegners durch Ausheben nach oben brechen.

2. Prinzip Got (nach unten schneiden):
Die Kraft des Gegners bei einer Attacke nach unten schneiden.

3. Prinzip Waan (seitliches Kreisen):
Die Kraft des Gegners nutzen, um ihn aus der Balance zu bringen. Übt der Gegner Druck aus, wird der Winkel zum Gegner geändert. Damit geht ein Angriff ins Leere, oder der Gegner läuft in eine Gegenattacke hinein.

4. Prinzip Kit (gegnerischen Raum einnehmen):
Abwehr einer Attacke, Einstieg in die Deckung des Gegners.

5. Prinzip Lan (eigenen Raum schaffen):
Den Gegner verriegeln, um eigenen Raum zu schaffen oder zu erhalten.

6. Prinzip Dim (etwa „zielen“, „Aufmerksamkeit lenken“):
Den Gegner durch einen schnellen, konzentrierten Angriff schockieren und verunsichern.

7. Prinzip Lau (fließen):
Im Weng Chun auch das „halbe Prinzip“ genannt, macht es die Hälfte des Weng Chun Kung Fu aus: Den Fluss der eigenen Aktionen aufrechterhalten, den Fluss des Gegners zerstören. Der Kämpfer fließt kontinuierlich wie Wasser in die Lücken der gegnerischen Abwehr.

Vergleich mit den Prinzipien des Wing Chun[Bearbeiten]

Im Wing Chun gibt es ebenfalls Kampfprinzipien; diese unterscheiden sich jedoch in Zahl und Inhalt vom Weng Chun.[26] Anbei die drei wichtigsten Prinzipien des Wing Chun:

1. Nimm an, was kommt.
2. Folge dem, was geht.
3. Stoße vor, wenn der Weg frei ist.

Vergleicht man die Prinzipien, wird beim Weng Chun eher Wert darauf gelegt, den Winkel zum Gegner durch Kreisen permanent anzupassen, um offene Flanken zu nutzen oder eine Attacke umzulenken. Aufgrund der ausgeprägten Winkelarbeit wird die Kraft hier bei vielen Techniken ganz wesentlich aus dem Schwung einer Hüftdrehung gewonnen.[27]
Im Unterschied dazu wird beim Wing Chun der Angriff eher frontal nach vorne ausgeführt und ein Weg gesucht, die Deckung direkt zu durchdringen, um einen möglichst kurzen und schnellen Weg zu nutzen. Weng Chun und Wing Chun verfolgen also in Bezug auf die Kampfkunst deutlich unterschiedliche Philosophien.

Das Konzept des Kiu Sao[Bearbeiten]

Im Weng Chun gibt es das Konzept der „Brücken zum Gegner“, welches als Kiu Sao (etwa „Brücken-Hände“) beschrieben wird.[28] Es hat damit eine gewisse Ähnlichkeit zu dem Chi Sao des Wing Chun, dem Konzept der „klebenden Hände“.[29] Beiden Konzepten gemeinsam ist es, durch Berühren des Gegners seine Aktionen idealerweise im Voraus zu erfühlen, ohne, dass dies visuell geschieht. Ebenso dienen sowohl Kiu Sao als auch Chi Sao als „Brücken“ zu einem beginnenden Kampf, sozusagen als Einstieg. Beim Weng Chun wird jedoch vermehrt mit dem Winkel der Kämpfer zueinander gearbeitet. Das Kiu Sao ähnelt durch die resultierenden, kreisenden Bewegungen daher noch am ehesten dem Tuishou des Taijiquan (westl. Tai Chi). Das Tai Chi ist in China ein weit verbreiteter Volkssport, bei dem die Gymnastik und Gesunderhaltung im Vordergrund steht.

Graduierung und Gurtfarben[Bearbeiten]

Prüfungen im Weng-Chun-Verband von Andreas Hoffman enthalten stets mindestens die Aspekte Formen, Selbstverteidigung, Kiu Sao, körperliche Fitness und Theorie. Während der Prüfung stellen die Schüler ihre einstudierten Formen vor und zeigen im Partnertraining ihr Können in der Selbstverteidigung und im Kiu Sao. Der Meister prüft hier nicht nur Einstudiertes, sondern verlangt auch die Nachahmung von neu von ihm vorgeführten Techniken. Damit soll geprüft werden, ob die Schüler die Prinzipien des Weng Chun verinnerlicht haben. Ab der Mittelstufe kommt dem freien Kampf in der Prüfung eine immer größere Bedeutung zu. Auch hier wird das instinktive Umsetzen der Weng-Chun-Prinzipien abgeprüft.

Basisstufe Mittelstufe Oberstufe Meisterstufe Großmeisterstufe
Grad 1.-3. Grad 4.-6. Grad 7.-9. Grad 1.-5. Meistergrad 6.-10. Großmeistergrad
Gurtfarbe Schwarz+Gold Schwarz+Gold
Leitung (Gurt) Übungsleiter Lehrer / Sifu Lehrer / Sifu Meister Großmeister

Literatur[Bearbeiten]

  • Leung Ting: Roots of Wing Tsun. Leung's Publications, Hongkong 2000. Roots of Wing Tsun
  • Werner Lind: Das Lexikon der Kampfkünste. Sportverlag, Berlin 2001, ISBN 3-328-00898-5.
  • Robert Chu, Rene Ritchi, Y. Wu: Complete Wing Chun: The Definitive Guide to Wing Chun's History and Traditions. Tuttle Publishing, 1998
  • Benny Meng: The Treasures of Shaolin's six-and-one-half principles. In: Kung Fu and Tai Chi Magazine. Februar 2005, S. 92
  • Andreas Hoffmann, Nadine Poerschke: Weng Chun Kung Fu. Budo International Publ. Co., Madrid 2011, ISBN 978-3-86836-183-4.

Weblinks[Bearbeiten]

  • vtm-dlp.com Website des International Ving Tsun Museum
  • weng-chun.de Weng-Chun-Hauptquartier von Großmeister Andreas Hoffmann (Wai-Yan-Familie)
  • shaolin-wengchun.com Webseite der Chu-Chung-Man-Familie (chinesisch)
  • tangyik-wengchun.info Webseite der Tang-Yik-Familie, erstellt von Peter Scholz und Tang Chung Pak
  • siulam-wingchun.org Webseite der Siu-Lam-Wing-Chun-Schule Berlin (Peter Scholz, Schüler der Tang-Yik-Familie)

Referenzen[Bearbeiten]

  1. Robert Chu, Rene Ritchi, Y. Wu: Complete Wing Chun: The Definitive Guide to Wing Chun's History and Traditions. Tuttle Publishing, 1998, S.94 [1]
  2. Andreas Hoffmann, Nadine Poerschke: Weng Chun Kung Fu. Budo International Publ. Co., Madrid 2011, ISBN 978-3-86836-183-4.
  3. Werner Lind: Das Lexikon der Kampfkünste. Sportverlag Berlin, 2001, ISBN 3-328-00898-5, S. 530
  4. Leung Ting: Roots of Wing Tsun. Leung's Publications, Hong Kong 2000
  5. https://register.dpma.de/DPMAregister/marke/register/300938500/DE
  6. http://www.shaolin-wengchun.com/2008/index.html
  7. Ein Vergleich beider Stile durch das Ving Tsun Museum von Benny Meng, http://home.vtmuseum.org/articles/meng/misconceptions.php
  8. Andreas Hoffmann, Nadine Poerschke: Weng Chun Kung Fu. Budo International Publ. Co., Madrid 2011, ISBN 978-3-86836-183-4
  9. http://www.wingchunkungfu.de/wingchun-lexikon/Chu-Chung-Man.html
  10. Robert Chu, Rene Ritchi, Y. Wu: Complete Wing Chun: The Definitive Guide to Wing Chun's History and Traditions. Tuttle Publishing, 1998, S.92 [2]
  11. Leung Ting: Roots of Wing Tsun. Leung's Publications, Hong Kong 2000, S. 371
  12. http://www.wingchunpedia.org/pmwiki/pmwiki.php?n=WCP.WengChun-HistoryAndTradition
  13. http://www.shaolin-wengchun.com/2008EN/history.html
  14. http://naamkyun.com/2012/03/interview-with-wing-chun-grandmaster-yip-man/
  15. http://naamkyun.com/2012/03/interview-with-wing-chun-grandmaster-yip-man/
  16. http://www.shaolin-wengchun.com/2008EN/history.html
  17. Robert Chu, Rene Ritchi, Y. Wu: Complete Wing Chun: The Definitive Guide to Wing Chun's History and Traditions. Tuttle Publishing, 1998, S.94 [3]
  18. Robert Chu, Rene Ritchi, Y. Wu: Complete Wing Chun: The Definitive Guide to Wing Chun's History and Traditions. Tuttle Publishing, 1998, S.94
  19. http://www.wcarchive.com/images/lineage/chi-sim-weng-chun-lineage-1.jpg
  20. http://www.weng-chun.com/de/wengchun-schulen
  21. Eine Liste einiger u. a. auch chinesischer Weng-Chun-Meister: http://ewingchun.com/search/node/weng%20chun?page=1
  22. http://ewingchun.com/sifus/tang-chung-pak
  23. Peter Scholz, Siu-Lam-Wing-Chun Schule in Berlin, http://www.siulam-wingchun.org
  24. Benny Meng: The Treasures of Shaolin's six-and-one-half principles. In: Kung Fu and Tai Chi Magazine. Februar 2005, Seite 92
  25. Andreas Hoffmann, Nadine Poerschke: Weng Chun Kung Fu. Budo International Publ. Co., Madrid 2011, ISBN 978-3-86836-183-4.
  26. Ein Vergleich beider Stile durch das Ving Tsun Museum von Benny Meng, http://home.vtmuseum.org/articles/meng/misconceptions.php
  27. Andreas Hoffmann, Nadine Poerschke: Weng Chun Kung Fu. Budo International Publ. Co., Madrid 2011, ISBN 978-3-86836-183-4.
  28. Andreas Hoffmann, Nadine Poerschke: Weng Chun Kung Fu. Budo International Publ. Co., Madrid 2011, ISBN 978-3-86836-183-4.
  29. http://www.wing-chun-kungfu.de/wing-chun/chi-sao