Wielbark-Kultur

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Wielbark-Kultur
Zeitalter: Eisenzeit
Absolut: ca. Ende 1. Jh. v. Chr. bis 5. Jh. n. Chr.
Ausdehnung
Verbreitung der Wielbark-Kultur
späte vorrömische Eisenzeit: [1]

Oksywie-Kultur und frühe Wielbark-Kultur: rot
Ausweitung der Wielbark-Kultur: lachsrot,
Ausbreitung im Gebiet der Przeworsker Kultur: orange,
Ausbreitung im Gebiet der Jastorf-Kultur lila
Jastorfkultur: blau,
Ausbreitung der Jasdorf-Kultur hellblau
Przeworsker Kultur gelb und orange, später nur gelb

Leitformen

Keramik mit Mäandern

Steinkreis der Wielbark-Kultur (hier im pommerschen Węsiory westlich von Danzig)
Rekonstruktion eines gotischen Langbauerhauses bei Masłomęcz am Hrubieszów (2./3. Jh.)
Ausrüstung eines gotischen Grabes von Wielbark-Kultur in Odry.
Keramik der Wielbark-Kultur, ausgestellt im Museum Odry

Die Wielbark-Kultur, Willenberg-Kultur oder Braunswalde-Willenberg-Kultur war eine archäologische Kultur aus dem 1. vorchristlichen bis zum 4. Jahrhundert beiderseits der Weichsel im Gebiet des heutigen Polen. Sie ist benannt nach dem Fundort bei Wielbark (Willenberg). Vermutlich bildet sie ein frühes Siedlungsgebiet der Goten.

Entdeckung und Namen[Bearbeiten]

Wielbark (Willenberg) und Gościszewo (Braunswalde) (gelb) im Weichseldelta

Im Jahre 1874 wurde östlich der Nogat, einem Mündungsarm der Weichsel, zwischen den preußischen Dörfern Braunswalde[2] und Willenberg zwischen den Städten Marienburg (Malbork) und Stuhm (Sztum) ein eisenzeitliches Gräberfeld mit 3.000 Gräbern entdeckt. Im Jahr darauf wurde im Correspondenz-Blatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte darüber berichtet. Die Willenberg-Kultur wurde früher als „gotische-gepidische Kultur“ eingeordnet.

In Polen wurde zunächst die Bezeichnung als „ostpommersch-masowische Kultur“ bevorzugt. Der Archäologe Ryszard Woła̜giewicz (1933–1994), der mehrere Fundorte erforschte und beschrieb, führte den Begriff Kultura Wielbarski ein.[3] Diese Bezeichnung übernahmen Herwig Wolfram und andere Wissenschaftler.[4] Ihr Vorzug ist, dass sie „neutral“ ist, insofern sie sich nur auf den Fundort bezieht und ethnische Festlegungen vermeidet.

Charakteristika[Bearbeiten]

Die Wielbark-Kultur ersetzte im letzten Jahrhundert vor der Zeitenwende die Oxhöft-Kultur an der Weichsel unterhalb von Thorn (Toruń) und weiter westlich bis zur Persante (Parsęta). Für den Beginn der Kultur ist kennzeichnend, dass Friedhöfe der Oksywie-Kultur weiterbenutzt wurden unter grundsätzlicher Änderung der Bestattungssitten. Männer wurden in Körpergräbern bestattet, Frauen in Urnen.

Den Toten wurden im Unterschied zu vorangegangenen und benachbarten Kulturen keine Waffen, sondern lediglich Bekleidung und Schmuck sowie vereinzelt Sporen mit ins Grab gegeben. In späterer Phase breitete sich die Kultur westlich der Weichsel aus mit Steinkreisen ähnlich skandinavischer Kulturen dieser Zeit. Die Menschen der Willenberg-Kultur errichteten steinbedeckte Erdhügel, Bautasteine und gepflasterte Areale. Typisch an der Metallverwendung der Wielbark-Leute: Gebrauchs- und Schmuckgegenstände wurden häufig aus Bronze hergestellt, seltener aus Silber, nur ganz selten aus Gold und Eisen.

Um das Jahr 2000 wurde in Czarnówko bei Lębork (bis 1945 Scharnhorst Kreis Lauenburg) in Ostpommern Gräber mit einem Bronzekessel gefunden, auf dem Männer mit Suebenknoten dargestellt sind.[5] Die Fundstätten der ersten Phase befinden sich größtenteils in der Umgebung zur Ostsee fließender Flüsse, also nördlich der pommerschen Wasserscheide Ostsee/Netze. Mit der Zeit dehnte sich die Kultur in südwestlicher Richtung bis in die Region Großpolen aus, Steinsetzungen nicht so weit wie die Bestattungsriten. Dabei wurde die andernorts fortbestehende Przeworsker Kultur regelrecht verdrängt. Entscheidend war aber die Ausdehnung nach Südosten.

Ausbreitung der Kultur[Bearbeiten]

Um 200 n. Chr. erreichte die Wielbark-Kultur die heutige Ukraine, während ihre Spuren an der unteren Weichsel im 3. Jahrhundert deutlich nachlassen und im Lauf des vierten Jahrhunderts ganz aussetzen, was für eine vollständige Abwanderung der entsprechenden Bevölkerung innerhalb von drei Generationen spricht. Gleichzeitig breitete sich nordwestlich des Schwarzen Meeres die Tschernjachow-Kultur aus, die in ihren Ausdrucksformen große Ähnlichkeit mit der Wielbark-Kultur, aber auch Beziehungen zur Zarubincy-Kultur hatte.

Deutung[Bearbeiten]

Der Beginn der Kultur stellt die Aussage des Jordanes infrage, die Goten seien insgesamt aus Skandinavien an die Südküste der Ostsee eingewandert. Im Detail ziehen Forscher aber unterschiedliche Schlüsse. In der neueren Forschung wird oft angenommen, die Kultur habe sich ohne Zuwanderung vor Ort entwickelt und die Einwanderung der Goten aus Skandinavien sei nur ein Mythos.[6] Andere Forscher nehmen an, eine kleine Gruppe von Skandinaviern (die in den Getica erwähnten Amaler, wenngleich Amaler vor dem 4. Jahrhundert nicht sicher bezeugt sind) sei zugewandert und habe sich mit der einheimischen Bevölkerung vermischt.

Archäologisch ist jedenfalls keine Einwanderung aus Skandinavien nachweisbar, was, neben anderen Punkten, gegen die Ursprungsgeschichte (Origo gentis) des Jordanes spricht.[7]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wielbark-Kultur – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Heinrich Beck, Heiko Steuer, Dieter Timpe (Red.): Die Germanen. Germania, germanische Altertumskunde (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde). De Gruyter, Berlin 1998, S. 145, ISBN 3-11-016383-7, Schraffur im Original durch Farben ersetzt
  2. Braunswalde auf Landkarte 1896, östlich der Nogat.
  3. Ryszard Wołągiewicz: Pole orne ludności kultury wielbarskiej z okresu wczesnorzymskiego w Gronowie na Pomorzu. In: Wiadomości Archeologiczne. Jg. 42, 1977, ISSN 0043-5082, S. 227–244;
    Ryszard Wołągiewicz: Die Goten im Bereich der Wielbark-Kultur. In: Archaeologia Baltica. Jg. 7, 1986, ZDB-ID 350669-1, S. 63–98;
    Ryszard Wołągiewicz: Ceramika kultury wielbarskiej mie̜dzy Bałtykiem a Morzem Czarnym = Die Tongefäße der Wielbark-Kultur im Raum zwischen Ostsee und Schwarzen Meer. Muzeum Narodowe, Stettin 1993, ISBN 83-86136-00-6.
  4. Herwig Wolfram: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie. 2., durchgesehene Auflage. C. H. Beck, München 1980, ISBN 3-406-04027-6.
    Herwig Wolfram: Die Goten und ihre Geschichte (= Beck'sche Reihe. Bd. 2179). C. H. Beck, München 2001, ISBN 3-406-44779-1.
  5. Magdalena Mączyńska, Dorota Rudnicka: Ein Grab mit römischen Importen aus Czarnówko, Kr. Lębork (Pommern). In: Germania. Bd. 82, 2004, S. 397–429, Abstract (PDF; 110 KB).
  6. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Artikel über Goten, Oksywie-Kultur, Przeworsker Kultur und Wielbark-Kultur.
  7. Zusammenfassend Walter Pohl: Die Germanen. 2004, S. 24. Selbst Herwig Wolfram, der die gotische Frühgeschichte nicht immer kritisch sieht, muss eingestehen, dass archäologisch eine Einwanderung aus Skandinavien nicht nachweisbar ist, vgl. Herwig Wolfram: Die Goten und ihre Geschichte. 2005, S. 23–24.