Wiglaf Droste

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Wiglaf Droste auf der lit.Cologne 2008

Wiglaf Droste (* 27. Juni 1961 in Herford) ist ein vor allem als Satiriker bekannt gewordener deutscher Autor und Sänger.

Leben[Bearbeiten]

Wiglaf Droste in Potsdam, 2006

Wiglaf Droste ging nach dem Besuch des Gymnasiums 1983 von Westfalen nach Berlin. Ein Studium der Publizistik und Kommunikationswissenschaften brach er nach fünf Wochen ab und arbeitete bis 1985 in diversen Aushilfsjobs. Anschließend schrieb er Beiträge für das Spandauer Volksblatt, das Berliner Stadtmagazin tip und die taz. 1987 arbeitete er für kurze Zeit in einer Düsseldorfer Werbeagentur. Wieder zurück in Berlin war er bis Mitte 1988 als Redakteur der taz-Medienseite tätig, ab den 1990ern bis 2006 dann als Freier Mitarbeiter für deren Satire-Seite die Wahrheit. Seit Dezember 2010 schreibt er häufig in der Tageszeitung junge Welt.

1989 trat Droste mit Kommunikaze erstmals als Buchautor in Erscheinung. Zudem verfasste er Beiträge für den WDR, unter anderem im Kritischen Tagebuch und für das Digitale Logbuch im Deutschlandfunk.[1] Von 1989 bis 1991 war er Redakteur des Satiremagazins Titanic, er gründete 1989 die Höhnende Wochenschau sowie 1991, zusammen mit Michael Stein, das „Benno-Ohnesorg-Theater“.

Seit 1989 unternimmt er Lesereisen und wurde dabei mehrfach von der Thüringer Punk-Rock-Band „Geile Götter“ begleitet. Ab 2000 (CD für immer) tritt er als Sänger mit der Chanson-Jazz-Band Spardosen-Terzett auf.

Seit 1999 gibt Droste mit seinem Freund Vincent Klink die kulinarische Vierteljahreszeitschrift Häuptling Eigener Herd heraus.[2] Mit Klink und dem Zeichner Nikolaus Heidelbach verfasste er 2006 ein humoristisches Buch zum Thema Wurst. Es folgten gemeinsame Werke zu den Themen Weihnachten (2007) und Wein (2008). Darüber hinaus übernimmt er bei Heidelbachs Ausstellungen zu diesem Thema Wurst, Wein, Weihnachten Bild – ein buntes Gemüse die Rolle als Vorleser, so zum Beispiel im Caricatura Museum in Frankfurt.[3]

Droste gibt nur selten Interviews. 2002 wünschte er sich, dass über ihn „nichts in der Zeitung steht“ und er „irgendwann nicht mehr als öffentliche Figur auftaucht“.[4]

Im Februar 2009 übernahm Droste für sechs Monate Wohnung und Amt eines Stadtschreibers im brandenburgischen Rheinsberg.[5][6]

Seit 2006 lebt er vorwiegend in Leipzig.[5]

Rezeption[Bearbeiten]

Droste versteht sich als satirischer Polemiker, was häufig zu Konflikten führt. So wurde ihm als taz-Redakteur die Verantwortlichkeit für die Medienseite entzogen, nachdem in der Ausgabe zum Frauentag am 8. März 1988 ein groß aufgemachter Beitrag (Der Fotofix-Fick) auf der Seite erschienen war, der mit einer in eine Vagina gestopften Banane illustriert war. Droste beendete bald darauf seine Tätigkeit als fester Mitarbeiter der taz, war ihr jedoch später wieder als Freier Mitarbeiter verbunden. So schrieb er ab Anfang der 1990er eine freitägliche Kolumne auf deren Satire-Seite »die Wahrheit«.

Ende 2006 trennte sich Droste dann vorerst endgültig von dem Blatt wegen eines Artikels über die Gesellschaft für deutsche Sprache,[7] der von Redakteur Michael Ringel abgelehnt wurde.[8] Ringel sah darin taz-Interna angedeutet und empfahl ihm nachträglich einen Psychiater.[8] Weder Droste noch die taz-Redaktion kommentierten den Vorgang öffentlich. Seit dem Ausscheiden als freier Mitarbeiter veröffentlicht Droste regelmäßig in der Jungen Welt.

In seinem gemeinsam mit Gerhard Henschel verfassten satirischen Krimi Der Barbier von Bebra (1996) ließ er sich über die ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und den Umgang mit religiösen Gefühlen aus. Die Satire wurde in der taz als Fortsetzungsroman vorabgedruckt. Darin fallen unter anderem auch Wolfgang Thierse, Rainer Eppelmann und Jürgen Fuchs einem Serienmörder zum Opfer. Es kam zu einem Eklat, als die Politiker Konrad Weiß und Vera Lengsfeld Droste „literarische Anleitungen zum Mord an Andersdenkenden“ unterstellten[9][10] und in der Wochenzeitung Welt am Sonntag zum Boykott der Zeitung aufriefen.[10][11] Die taz unterstützte Droste und fand Sympathie unter anderem bei der Berliner Zeitung.[12]

Drostes Lesungen wurden Mitte der 1990er aufgrund von Sexismusvorwürfen von Feministinnen und Autonomen gestört. Er hatte sich in verschiedenen Beiträgen, z. B. der Kurzgeschichte Der Schokoladenonkel bei der Arbeit, über Aktivistinnen von Projekten zum Thema sexueller Missbrauch von Kindern lustig gemacht.

Drostes Interesse für anspruchsvolle Texte und Musik macht sich nach Ansicht einiger Rezensenten auch in der eingängigen Musikalität und Rhythmik seiner Texte bemerkbar. Ihn besonders kennzeichnende Stilmerkmale sind die zeitweilige Verwendung von ostwestfälischem Regiolekt (begneisen = jmdn. angucken; schlüren = unkonzentriertes Gehen; strunkeln = taumeliges Wanken) sowie den Textinhalt verstärkende Lautmalerei. Ihm wird eine formale Genauigkeit im Duktus sowie eine ebenso große Präzision in der Darstellung eines Sachverhalts zugesprochen.[13] Daher gestehen ihm selbst seine Kritiker einen „formvollendeten“ Wortwitz zu, der ihm zur satirischen Zuspitzung und Polarisierung seiner Themen dient. Der SZ-Essayist Willi Winkler geht sogar soweit, Wiglaf Droste wegen seines „Garantiert ins Schwarze“-Treffens als „den Tucholsky unserer Tage“ auszumachen.[14]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Droste erhielt 2003 den Ben-Witter-Preis, einen Literaturpreis für gesellschaftskritischen Humor, ausdrücklich für sein „vitales Dissidententum“ und seine geschliffene Prosa, die laut Aussage der Jury „beste Zeitungskunst“ repräsentiere und eine „Verbindung aus grobem Ton und feinem Stil“ kennzeichne.[15]

Im Jahre 2005 erhielt Wiglaf Droste den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Die Jury lobte Umfang und Qualität seines Werkes, „das für einen satirischen deutschsprachigen Autor seiner Generation einmalig sein dürfte“. Seine Texte seien „sprachliche Kabinettstückchen von hohem literarischen Rang“. Im Frühjahr 2009 erhielt Droste das fünfmonatige Stipendium Stadtschreiber zu Rheinsberg.

Im September 2013 wurde Wiglaf Droste mit dem "Nieheimer Schuhu", dem Peter-Hille-Literaturpreis ausgezeichnet, einem regionalen Literaturpreis, der von der Peter-Hille-Gesellschaft im Turnus von drei Jahren an Autoren verliehen wird, deren Werk einen besonderen Bezug zu dem Schriftsteller Peter Hille und Westfalen aufweist.

Werke[Bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten]

Herausgeber[Bearbeiten]

Tonträger[Bearbeiten]

  • Grönemeyer kann nicht tanzen, (zusammen mit Bela B.) Weserlabel 1989, 7“-Vinylsingle
  • Wiglaf Droste – seine schönsten Erfolge. Bremen 1993 (CD)
  • Die schweren Jahre ab Dreiunddreißig. als Gast: Funny van Dannen 1995 (CD)
  • Wieso heißen plötzlich alle Oliver? 1996 (CD)
  • Mariscos y maricones. Zürich 1999 (CD)
  • für immer. München 2000 (CD)
  • Das Paradies ist keine evangelische Autobahnkirche. 2001 (2 CDs)
  • Voltaire: Candide. München 2002 (3 CDs)
  • Wolken ziehn. Bochum 2002 (CD)
  • Das große IchundDu. München 2003 (CD)
  • Ich schulde einem Lokführer eine Geburt. 2003 (CD)
  • Der Bär auf dem Försterball. Hacks und Anverwandtes. Mit Bernstein, Droste, Wieland und Musik von Petrowsky, 2004 (CD)
  • Westfalian Alien. 2005 (CD)
  • Wiglaf Droste und das Spardosen-Terzett: Peter Hacks: Seit du da bist auf der Welt - Liebeslieder. Kein & Aber Records, Zürich 2008, ISBN 978-3-0369-1406-0.
  • Am Nebentisch belauscht. Kunstmann, München 2009 (CD)
  • Im Sparadies der Friseure. WortArt, Köln 2010.
  • Meine ostdeutschen Adoptiveltern und ihr missratener Sohn aus dem Westen. Mit Uschi Brüning und Ernst-Ludwig Petrowsky, Buschfunk, Berlin 2011.

Literatur[Bearbeiten]

Filme[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Siehe z. B. Der infrarote Korsar. In: Forschung Aktuell, 2004: „Ich konnte es noch nie ausstehen, wenn Männer sich in der Öffentlichkeit in den Schritt fassen und dort herumzuppeln oder -kratzen. Der Griff ans Gemächt ist unzivilisiert und ein echter Abschiebegrund für Aus- wie Inländer.“
  2. „Häuptling eigener Herd“
  3. Wiglaf Droste und buntes Gemüse. frankfurter-blog.de, 9. Juli 2012
  4. Frank Lorentz: Bodenständiger Alien. In: Die Welt. 22. Juni 2003, Interview mit Droste
  5. a b „Ich habe vieles zum ersten Mal getan“ Der Satiriker über seine Erlebnisse als Stadtschreiber in Rheinsberg. Deutschlandradio Kultur vom 16. Juli 2009
  6. Stephanie Gerlich: Wiglaf Droste: „Wenn dich wer fragt nach Soll und Sinn / dann hörst du besser gar nicht hin.“ unser-luebeck.de (Stadtmagazin), 12. Dezember 2009
  7. Wiglaf Droste: Trittbrettficker. Gegen das Ausweichgerede: Das Wort des Jahres. In: junge Welt. 27. Dezember 2006.
  8. a b Jörg Schröder, Barbara Kalender: Wiglaf Droste zum Zweiten. In: taz. 13. Februar 2007.
  9. Liane von Billerbeck: Der Barbier von Bebra – Vera Lengsfeld contra taz. In: Berliner Zeitung. 16. August 1996, S. 3.
  10. a b Jörg Lau: Aufruf zum Boykott der taz. Was darf der „Barbier von Bebra“? In: Die tageszeitung, 15. August 1996, S. 3
    „Soll den Helden des taz-Sommerromans das Morden verboten werden? Zwei BürgerrechtlerInnen sehen die Serie als ‚literarische Anleitung zum Mord an Andersdenkenden‘.“
  11. Burkhard Scherer: Die müden Arnold-Hau-Degen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 13. März 2001
  12. Peter Laudenbach: Die Mordlust ist überparteilich. In: Berliner Zeitung, 28. August 1996, S. 34.
  13. Droste, Wiglaf – Handschrift und Leben eines deutschen Satirikers. Universität Leipzig, Semesterarbeit 1999
  14. Wiglaf Droste „der Tucholsky unserer Tage“, zitiert nach Buchbeschreibung in der SZ-Mediathek
  15. Komische Gedichte als Waffe. Deutschlandradio, 15. Juli 2005

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wiglaf Droste – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien