Wildwasserrennsport

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Wildwassersprint 2003 in Augsburg

Wildwasserrennsport (auch Wildwasser-Abfahrt, Kanu-Abfahrt) ist eine Wettkampfdisziplin des Kanusports. Dabei geht es darum, eine Wildwasserstrecke in kürzester Zeit mit dem Boot zu befahren. Für ein Wildwasserrennen muss das befahrene Gewässer mindestens den Schwierigkeitsgrad III haben. Ein Boot für den Wildwasserrennsport wird meist einfach als Abfahrtsboot bezeichnet.

Wildwasserrennsport ist zu unterscheiden von der olympischen Kanu-Disziplin Kanuslalom, die umgangssprachlich auch Kanu-Wildwasser genannt wird. Beim Wildwasserrennsport ist die höchste zu erreichende Auszeichnung der Weltmeisterschaftstitel. Ebenso gibt es sogenannte Extrem-Wildwasserrennen bei denen Strecken bis Wildwasser V und VI befahren werden. Diese werden nicht in Rennbooten, sonder in gewöhnlichen Wildwasserbooten ausgetragen.

Geschichte[Bearbeiten]

Die erste belegte Wildwasserregatta fand am 16./17. Juli 1921 auf der Isar statt. Es folgten 1922 die erste Enns-Regatta, 1923 die große Salzach-Regatta und 1925 die erste Wildwasserregatta auf der Traun. Erst 1933 entwickelte sich aus den Wildwasserabfahrten und dem 1932 auf einem See in der Schweiz eingeführten Kanu-Slalom, der erste Wildwasser-Slalom am 8. Oktober 1933 auf der Aare am Rupperswiler Wehr (WW III - IV). Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es ebenfalls die Schweizer, auf deren Initiative der Kanu-Slalom wieder mit einem ordentlichen Wettkampfsystem eingeführt wurde. Die Wildwasserabfahrt wurde erst auf Initiative des Engländers John Dudderidge bei ICF-Kongress 1954 wieder zur Kenntnis genommen. Beim ICF-Kongress 1955 in Ljubljana wurden die ersten eigenständigen internationalen Wettkampfbestimmungen für Wildwasserabfahr angenommen. Der gestellte Antrag auf die Durchführung von Weltmeisterschaften wurde jedoch vorerst zurückgestellt. Das steigende Interesse der nationalen Verbände führte schließlich 1958 beim ICF-Kongress in Prag zu dem Beschluss, alle zwei Jahre Wildwasser-Weltmeisterschaften in der gleichen Region der Slalom-Wettkämpfe einzuführen. Die Schweiz sah sich jedoch nicht in Lage so kurzfristig diese zusätzliche Veranstaltung zu den Slalom-Weltmeisterschaften 1959 in Genf auszutragen, so dass die Franzosen die ersten Wildwasser-Weltmeisterschaften 1959 in Treignac auf der Vezere durchführten. 1963 wurden neben den Faltbootklassen, das erste Mal auch Titel im RI, aus Kunststoff gefertigten Kajaks, vergeben. 1965 entfielen die Faltbootklassen aus dem Programm. [1]

Disziplinen[Bearbeiten]

Im Wildwasserrennsport unterscheidet man Sprint- und Classic-Wettkämpfe.

Die Streckenlänge liegt beim klassischen Wildwasserrennen bei 4–8 km. Dies entspricht je nach Strömungsgeschwindigkeit Fahrzeiten von 12 bis 20 Minuten.

Seit Anfang der 1990er Jahre gibt es neben der klassischen Renndistanz, genannt Classic, den so genannten Wildwassersprint. Der Sprint wird auf einer 200–600 m langen Wildwasserstrecke in zwei Läufen gefahren, die beste Laufzeit zählt. Auf großen Wettkämpfen wird der Sieger dann in einem Finale der besten 10 - 15 Sportler (je nach Kategorie) in einem einzigen Lauf ermittelt. Pro Lauf benötigen die Sportler 45–90 Sekunden, abhängig von oben genannten Faktoren.

Über beide Strecken werden Einzel- und Mannschaftswettkämpfe ausgetragen. Eine Mannschaft besteht aus drei Booten der gleichen Bootsklasse, die gleichzeitig die Strecke befahren. Die Fahrzeit wird gemessen vom Start des ersten bis zur Zielankunft des letzten Bootes. Alle drei gestarteten Boote müssen innerhalb von zehn Sekunden die Ziellinie durchfahren haben.

Bootsklassen[Bearbeiten]

Zweier-Canadier in Aktion

Wildwasserrennsport wird in Einer-Kajaks (K1, KI) und Einer- (C1, CI) und Zweier-Canadiern (C2, CII) betrieben. Wie in allen Kanuwettkämpfen war es Frauen lange verwehrt, im Canadier zu starten. Offizielle Begründung war, dass Frauen durch Canadierfahren körperliche Schäden davontragen würden. Einzige Ausnahme dieses Verbots war bis 1981 der Mixed-Canadier. Seit 2010 sind die Canadierklassen für Frauen freigegeben.

Daraus ergibt sich:

  • Herren Einer-Kajak (K1H)
  • Damen Einer-Kajak (K1D)
  • Herren Einer-Canadier (C1H)
  • Damen Einer-Canadier (C1D)
  • Herren Zweier-Canadier (C2H)
  • Damen Zweier-Canadier (C2D)
  • Mixed Zweier-Canadier (C2M) (seit 1982 nur noch auf nationaler Ebene)

Laut Wettkampfbestimmung (WB) müssen die Boote bestimmten Kriterien entsprechen.

Bootstyp max. Länge [cm] mind. Breite [cm] mind. Gewicht [kg] Auftriebskörper vorne/hinten [l]
K1 450 60 10 30/50
C1 430 70 11 40/50
C2 500 80 17 60/60

Die Boote dürfen keine Steuereinrichtung besitzen und nur eine Kiellinie, ein Heck und einen Bug haben. Zur Saison 2013 ist das mind. Gewicht um je 1 kg reduziert worden.

Altersklassen[Bearbeiten]

Im Wildwasserrennsport gibt es Wettkämpfen in folgenden Altersklassen:

  • Schüler C: 7–9 Jahre
  • Schüler B: 10–12 Jahre
  • Schüler A: 13/14 Jahre
  • Jugend: 15/16 Jahre
  • Junioren: 17/18 Jahre
  • Leistungsklasse: ab 19 Jahre
  • Senioren A: 32–39 Jahre
  • Senioren B: 40–49 Jahre
  • Senioren C: 50–59 Jahre
  • Senioren D: ab 60 Jahre

Ein Sportler gehört ab dem Beginn eines Jahres zu einer Altersklasse in dem der Sportler das angegebene Alter erreicht und nicht erst ab seinem Geburtstag.

Wettkämpfe[Bearbeiten]

international[Bearbeiten]

Weltmeisterschaften[Bearbeiten]

Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1985 zur WM in Garmisch-Partenkirchen

Seit 1959 werden im Wildwasserrennsport Weltmeisterschaften im 2-Jahres-Rhythmus ausgetragen. 1963 wurden Mannschaftswettbewerbe eingeführt. Seit 1996 finden die Weltmeisterschaften in Jahren mit gerader Jahreszahl statt. Bei den Weltmeisterschaften 2002 wurden zum ersten Mal Titel im Sprint vergeben. 2008 kamen die Mannschaftswettbewerbe im Sprint dazu. 2011 wurden zum ersten mal Weltmeisterschaften nur für den Sprint auf dem Augsburger Eiskanal ausgetragen.

Austragungsorte der Wildwasser-Weltmeisterschaften
Jahr Fluss Ort Land
1959 Vézère Treignac FrankreichFrankreich Frankreich
1961 Rote Weißeritz Hainsberg Deutschland Demokratische Republik 1949DDR Deutsche Demokratische Republik
1963 Lieser Spittal an der Drau OsterreichÖsterreich Österreich
1965 Lieser Spittal OsterreichÖsterreich Österreich
1967 Elbe Špindlerův Mlýn TschechoslowakeiTschechoslowakei Tschechoslowakei
1969 Isère Bourg-Saint-Maurice FrankreichFrankreich Frankreich
1971 Adige Meran ItalienItalien Italien
1973 Muota Muotathal SchweizSchweiz Schweiz
1975 Vardar Skopje Jugoslawien Sozialistische Föderative RepublikJugoslawien Jugoslawien
1977 Lieser Spittal OsterreichÖsterreich Österreich
1979 Métabetchouan Desbiens KanadaKanada Kanada
1981 Tryweryn Bala Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich
1983 Passer Meran ItalienItalien Italien
1985 Loisach Garmisch Deutschland BundesrepublikBundesrepublik Deutschland Bundesrepublik Deutschland
1987 Isère Bourg St.Maurice FrankreichFrankreich Frankreich
1989 Savage River Bloomington Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Vereinigte Staaten
1991 Soča Bovec Jugoslawien Sozialistische Föderative RepublikJugoslawien Jugoslawien
1993 Noce Mezzana ItalienItalien Italien
1995 Tryweryn Bala Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich
1996 Sanna Landeck (Tirol) OsterreichÖsterreich Österreich
1998 Loisach Garmisch DeutschlandDeutschland Deutschland
2000 Vézère Treignac FrankreichFrankreich Frankreich
2002 Sesia Valsesia ItalienItalien Italien
2004 Loisach Garmisch-Partenkirchen DeutschlandDeutschland Deutschland
2006 Teplá Karlovy Vary TschechienTschechien Tschechien
2008 Dora Baltea Ivrea ItalienItalien Italien
2010 Noguera Pallaresa Sort SpanienSpanien Spanien
2012 Isère La Plagne FrankreichFrankreich Frankreich
2014 Adda Sondrio ItalienItalien Italien
2016 Save Banja Luka Bosnien und HerzegowinaBosnien und Herzegowina Bosnien und Herzegowina

Es werden 18 Titel vergeben. Im Einer-Kajak (K1) und Einer-Canadier (C1) der Frauen und Männer sowie im Zweier-Canadier der Männer, jeweils in Sprint und Classic in Einzel- und Mannschaftswettbewerben.

Seit 2011 werden in jedem ungeraden Jahr zusätzlich Weltmeisterschaften im Sprint ausgetragen. Damit werden die Sprinttitel nun jedes Jahr vergeben.

Austragungsorte der Wildwasser-Sprint-Weltmeisterschaften
Jahr Fluss Ort Land
2011 Lech/Eiskanal Augsburg DeutschlandDeutschland Deutschland
2013 Soča Solkan SlowenienSlowenien Slowenien
2015 Wildwasserarena Donauinsel Wien OsterreichÖsterreich Österreich
2017 Stade d'eaux vive Pau-Pyrénées Pau FrankreichFrankreich Frankreich

Europameisterschaften[Bearbeiten]

Seit 1997 finden alle 2 Jahre Europameisterschaften statt. Der Sprint wurde bei Europameisterschaften schon 2001, also ein Jahr bevor er bei den Weltmeisterschaften stattfand, eingeführt, genauso der Mannschaftssprint, der 2007 bei Europameisterschaften eingeführt wurde.

Austragungsorte der Wildwasser-Europameisterschaften
Jahr Fluss Ort Land
1997 Isère La Plagne FrankreichFrankreich Frankreich
1999 Soča Kobarid SlowenienSlowenien Slowenien
2001 Sesia Valsesia ItalienItalien Italien
2003 Teplá Karlovy Vary TschechienTschechien Tschechien
2005 Chalaux Chalaux FrankreichFrankreich Frankreich
2007 Una Bihać Bosnien und HerzegowinaBosnien und Herzegowina Bosnien und Herzegowina
2009 Adda Sondrio ItalienItalien Italien
2011 Ibar Kraljevo SerbienSerbien Serbien
2013 Soča Trnovo SlowenienSlowenien Slowenien

Alternierend finden Welt- und Europameisterschaften der Juniorenklasse statt.

Darüber hinaus gibt es seit 1989 eine jährliche Weltcupserie. Seit der Saison 2012 wurde die Anzahl der Weltcupwettkämpfe von je 3 auf jeweils 2 Sprint- und 2 Classic-Wettkämpfe reduziert. Zuvor gab es einen Europacup von 1974 bis 1988, welcher im Zwei-Jahres-Rhythmus ausgetragen wurde.

Deutschland[Bearbeiten]

In Deutschland finden jährlich Deutsche Meisterschaften in allen Disziplinen, Boots- und Altersklassen statt.

Als Qualifikationskriterium für internationale Wettbewerbe dienen Qualifikationsrennen und die Wildwasserrennsportrangliste. Bei 4 Wettkämpfen im Jahr können die Sportler Punkte sammeln. Der Sieger erhält 300 Punkte, die Punkte der geschlagenen Sportler errechnen sich aus den Fahrzeiten. Somit spiegelt die Rangliste die Leistung über den Zeitraum der letzten Ranglistenrennen wider.

Seit 2000 gibt es im Wildwasserrennsport den Deutschlandcup. Die Punktevergabe im Deutschlandcup erfolgt durch Platzierung (1. 50 Pkt., 2. 46 Pkt., 3. 43 Pkt., 4. 41 Pkt., 5. 39 Pkt., 6. 38 Pkt., usw.).

Seit 2010 wird ein ähnliches Konzept zur Nachwuchsförderung unter dem Namen Schülercup angewendet.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vesper, H.E. (1974): 50 Jahre Internationale Canu Föderation. Böhler-Verlag, Würzburg.