Wilhelm Dröscher

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel beschreibt den sozialdemokratischen Politiker Wilhelm Dröscher (1920–1977), der gleichnamige Statistiker und deutsch-konservative Reichstagsabgeordnete (1860–1939) findet sich unter Wilhelm Dröscher (Statistiker).
Wilhelm Dröscher (links) mit Herbert Wehner 1976 in Dortmund

Wilhelm Dröscher (* 7. Oktober 1920 in Kirn; † 18. November 1977 in Hamburg) war ein deutscher Politiker (SPD). Im Alter von 57 Jahren starb er während des Hamburger SPD-Bundesparteitages von 1977.

Familie[Bearbeiten]

Dröscher wurde im Weinbaugebiet Nahe im späteren Bundesland Rheinland-Pfalz geboren. Sein aus Kirn stammender Vater Wilhelm Dröscher sen., geboren 1880, war evangelischer Konfession, seine Mutter Frieda geb. Suchonitzki, geboren 1898, war Jüdin.[1] Die Eltern heirateten 1919 in Suwałki in der Nähe von Białystok, das heute die Hauptstadt der nordostpolnischen Woiwodschaft Podlachien ist. Dort hatte der Vater als Besatzungssoldat während und noch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ein Sägewerk geleitet. Im August 1919 kehrte er nach Deutschland zurück und brachte seine Frau mit.[2] In der Zeit des Nationalsozialismus galten die vier Kinder der Familie als „Halbjuden“; die Mutter überlebte den Holocaust, weil sie mit einem Nichtjuden verheiratet war.

Wie sein Vater war Dröscher jun. evangelisch. Mit seiner Ehefrau Lydia hatte er sechs Kinder. Sein Sohn Peter Wilhelm Dröscher (* 1946) gehört für die SPD seit 1996 dem rheinland-pfälzischen Landtag an, seine Tochter Dorothee Giani-Dröscher (1947–2010) bekleidete verschiedene Funktionen innerhalb der Partei und war verheiratet mit Paul Leo Giani, der Sohn Michael Dröscher (* 1949) ist Professor für Chemie und war 2005/06 Vorsitzender der Deutschen Bunsen-Gesellschaft sowie 2010/11 Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker.

Ausbildung, Militärzeit und Beruf[Bearbeiten]

Dröscher machte nach dem Volksschulbesuch eine kaufmännische Lehre und arbeitete bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges als Angestellter bei den Kirner Hartsteinwerken (heute Südwestdeutsche Hartsteinwerke).

Seiner jüdischen Mutter wegen war Dröscher in der deutschen Wehrmacht, in der er seit 1939 diente, zunächst von Führungsaufgaben ausgeschlossen. Als sich 1943 die militärische Niederlage Deutschlands abzeichnete, wurde er mit einer Sondergenehmigung Adolf Hitlers zum Offizier befördert.[1] Als Soldat wurde er mehrfach verwundet und geriet in Kriegsgefangenschaft. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet.

Von 1945 bis 1948 arbeitete er in einem Sägewerk. Von 1953 bis 1957 ließ er sich in der Verwaltungsakademie Rheinland-Pfalz zum Verwaltungsfachmann ausbilden.

Politik[Bearbeiten]

Partei[Bearbeiten]

Dröschers politische Laufbahn begann 1946 mit dem Eintritt in die KPD. 1949 trennte er sich von dieser Partei und trat in die SPD ein. 1970 übernahm er den Vorsitz der rheinland-pfälzischen SPD und behielt das Amt bis zu seinem Tode. 1973 wurde er in Parteivorstand und Präsidium der Bundes-SPD gewählt und wurde Vorsitzender der Geschäftskommission beim Parteivorstand. 1974 wählte ihn der Bund der Sozialdemokratischen Parteien der Europäischen Gemeinschaft zu seinem Präsidenten. Ab 1975 bekleidete er in der SPD das Amt des Bundesschatzmeisters.

Abgeordneter[Bearbeiten]

Von 1946 bis 1948 saß Dröscher für die KPD im Stadtrat von Kirn.

Nach seinem Wechsel zur SPD war Dröscher von 1955 bis 1957 Landtagsabgeordneter in Rheinland-Pfalz, von 1957 bis zum 12. Oktober 1971 Mitglied des Deutschen Bundestages. Vom 9. Dezember 1965 bis zum 12. Oktober 1971 gehörte er auch dem Europaparlament an. Von 1971 bis zu seinem Tode war er erneut Mitglied des Landtages und als Fraktionsvorsitzender seiner Partei bis zum 31. Dezember 1975 Oppositionsführer. In dieser Funktion war er auch zweimal Spitzenkandidat bei der Landtagswahl, unterlag aber immer dem Amtsinhaber Helmut Kohl.

Öffentliche Ämter[Bearbeiten]

1949 wurde Dröscher Amtsbürgermeister von Kirn-Land und übte dieses Amt bis 1967 aus.

Ehrungen[Bearbeiten]

Zum Andenken an Dröscher, der zu Lebzeiten als der „gute Mensch von Kirn“ galt, wurde schon eine Woche nach seinem Tod von der SPD die Wilhelm-Dröscher-Stiftung gegründet. Witwe Lydia Dröscher hatte zehn Jahre lang den Vorsitz inne, dann übernahm ihr Schwiegersohn Paul Leo Giani das Amt. Seit 2010 ist Sohn Michael Dröscher Vorsitzender.

1982 wurde von der SPD der Wilhelm-Dröscher-Preis gestiftet, der jeweils zum Bundesparteitag vergeben wird und von einer Ausstellung begleitet wird. Der Preis ist mit 15.000 € dotiert.[3]

Der SPD-Landesverband Rheinland-Pfalz verleiht die Wilhelm-Dröscher-Plakette.

Nach Dröscher wurden u. a. benannt:

  • in Kirn das Wilhelm-Dröscher-Haus, das ehemalige Amtsgericht, in dem seit 1977 u. a. die Altentagesstätte der Arbeiterwohlfahrt und seit 1998 der Betreuungsverein der AWO untergebracht sind
  • in Kirn die Wilhelm-Dröscher-Schule, eine Förderschule für Lernbehinderte (1994)
  • in Birkenfeld die Wilhelm-Dröscher-Straße (1987 im Beisein von Dröschers Witwe)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wilhelm Dröscher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b  Peter Wilhelm Dröscher MdL: Persönliche E-Mail an Mundartpoet. Kirn, 8. Juni 2012 (weitergeleitet an Chronist 47).
  2.  Peter Wilhelm Dröscher MdL: Persönliche E-Mail an Mundartpoet. Kirn, 14. Juni 2012 (weitergeleitet an Chronist 47).
  3.  Saskia Freiesleben, SPD-Parteivorstand, Abteilung Parteileben: Telefonische Auskunft an Mundartpoet. Berlin, 14. Juni 2012 (weitergeleitet an Chronist 47).