Wilhelm Emmanuel von Ketteler

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Dieser Artikel beschreibt den Mainzer Bischof des 19. Jahrhunderts. Für den gleichnamigen Fürstbischof des 16. Jahrhunderts siehe Wilhelm Ketteler, für den gleichnamigen Diplomaten des 20. Jahrhunderts Wilhelm Freiherr von Ketteler.
Wilhelm Emmanuel von Ketteler, 1870
In diesem Haus, dem heutigen Kettelerhaus, wohnte Wilhelm Emmanuel von Ketteler während seiner Zeit als Pfarrer von Hopsten
Wilhelm Emmanuel von Ketteler, Lithografie (1865)
Deckengemälde in der Stadtpfarrkirche St. Josef (Reinhausen): Papst Pius IX. (als er den Hl. Josef zum Schutzherr der katholischen Kirche erklärte) mit Fahnen der Regensburger Studenten- und anderer kirchlicher Vereine, Bischof Ketteler und Zentrumsparteivorsitzender Windthorst
Rheinland-pfälzische Briefmarke (1948)
Briefmarke von 1977 zum 100. Todestag
Das Ketteler-Denkmal in Hopsten

Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler (* 25. Dezember 1811 in Münster (Westfalen); † 13. Juli 1877 in Kloster Burghausen, Landkreis Altötting) war katholischer Bischof von Mainz und deutscher Politiker (Deutsche Zentrumspartei). Er wurde der Arbeiterbischof genannt. Ketteler ist der Gründer der KAB (Katholische Arbeitnehmer-Bewegung). Er war ein Großonkel von Clemens August Graf von Galen.

Leben[Bearbeiten]

Ketteler wurde als sechstes von neun Kindern des Landrates Maximilian Freiherr von Ketteler (1779–1832) und dessen Gattin Clementine geb. von der Wenge (1778–1844) geboren. Seine beiden älteren Brüder waren August Joseph (1808–1853) und der Politiker Wilderich Freiherr von Ketteler (1809–1873). Er entstammte einem westfälischen Uradelsgeschlecht von Hüsten, das sich später von Ketteler nannte. 1828 schloss er das Abitur im Jesuiteninternat des Kollegium Spiritus Sanctus in Brig / Wallis (Schweiz) ab, danach studierte er Rechtswissenschaften und Staatswissenschaft in Göttingen, wo er sich dem Corps Guestphalia anschloss. Bei einem Duell verlor er hier seine Nasenspitze.[1] Seine Studien setzte er dann ab 1831 in Berlin fort. Dort hörte er unter anderem Friedrich Carl von Savigny. Nach Abschluss des Jurastudiums in Berlin und Staatsexamen in Münster leistete er seine einjährige Militärzeit als Unteroffizier ab und wurde Gerichtsreferendar. Anschließend schlug Ketteler zunächst eine juristische Laufbahn in Preußen ein, quittierte jedoch den Staatsdienst aus Glaubens- und Gewissensgründen, unter anderem wegen der Verhaftung und Inhaftierung des Kölner Erzbischofs Clemens August Droste zu Vischering.[2] Anschließend studierte er von 1841 bis 1843 Theologie in München, wo er dem Kreis um Joseph Görres angehörte. Am 1. Juli 1844 wurde Ketteler in Münster zum Priester geweiht. Bereits als Kaplan an St. Stephanus in Beckum wurde sein Interesse an der „Sozialen Frage“ deutlich. Auf seine Anregung entstand dort ein Krankenhaus für die unteren Schichten, welches bis heute besteht. Im November 1846 übernahm er die verwahrloste Gemeinde Hopsten. Die Jahre bis 1848 als „Bauernpastor“ haben Ketteler entscheidend geprägt. Sein unermüdlicher Einsatz galt der Linderung des durch Armut, Krankheit und mangelnde Ausbildung hervorgerufenen Elends.

In den Jahren 1848/49 war er Mitglied der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Im August 1849 legte er sein Mandat nieder, denn er wurde zum Propst der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin und zum Fürstbischöflichen Delegaten für Brandenburg und Pommern ernannt, jedoch nur für kurze Dauer.[3] Denn schon am 15. März 1850 wurde Ketteler zum Bischof von Mainz ernannt und am 27. Juli durch den Freiburger Erzbischof Hermann von Vicari zum Bischof geweiht.

In den Jahren 1871/72 war er Mitglied des deutschen Reichstags. Gemeinsam mit Ludwig Windthorst gründete er die Zentrumspartei als Gegengewicht zu den protestantischen Parteien und insbesondere Otto von Bismarck. Er legte sein Mandat aber bald zugunsten seines Domkapitulars Christoph Moufang nieder.[4]

Zwei im Rahmen des Kulturkampfs im Mai 1873 beschlossene Gesetze griffen in die Autonomie der Kirche ein, z. B. mit Regelungen zur Vorbildung und Anstellung der Geistlichen (Näheres hier). Von Ketteler prangerte im Oktober 1873 in Kevelaer vor mehr als 25.000 Menschen in seiner Predigt diese Regelungen bzw. Gesetze an. Da die Erörterung staatlicher Angelegenheiten nach dem Kanzelparagraphen verboten war, wurde er nach seiner Ansprache verhaftet und zur Höchststrafe von zwei Jahren Festungshaft verurteilt, was heftige Proteste auslöste.

Als Mainzer Bischof war Wilhelm Emmanuel von Ketteler qua Verfassung von 1851 bis 1877 Mitglied der ersten Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen.

Kirchenpolitisch setzte er sich für die Autonomie und Macht der katholischen Kirche ein und war erklärter Gegner der Trennung von Staat und Kirche, was ihn zum Widersacher Bismarcks im Kulturkampf machte, der durch die Veröffentlichung des Syllabus Errorum, eines Verzeichnisses moderner theologischer und gesellschaftlicher Anschauungen und Lehren durch Papst Pius IX. im Jahre 1864, die von der Kirche abzulehnen seien, ausbrach. Die katholische Kirche, und damit auch von Ketteler, wollte sowohl die Ächtung philosophischer Vorstellungen, wie die des Naturalismus, Pantheismus und Rationalismus, als auch die Ablehnung von Sozialismus, Kommunismus, Nationalismus und Liberalismus propagieren.

Unter dem Einfluss von Adolph Kolping erkannte er die Bedeutung der Sozialen Frage in der neu entstehenden Industriegesellschaft und bereitete die Hinwendung der katholischen Kirche zur Sozialtätigkeit zum Wohle der Arbeiterschaft vor, die schließlich von Papst Leo XIII. (Papst von 1878 bis 1903) vollzogen wurde. Er gilt damit als Mitbegründer der Katholischen Soziallehre und erhielt den Beinamen „Arbeiterbischof“. Mit Relevanz einer lehramtlichen Aussage erläuterte Ketteler 1848 während seiner Mainzer Adventspredigten die Sozialpflichtigkeit des Eigentums, insofern es sich um Güter handelt, die „zum Zwecke der Fürsorge und Verwaltung“ verteilt sind und „im Interesse der Ordnung und des Friedens“ wirksam sein sollen.[5]

Allerdings sind in Kettelers Äußerungen auch antijudaistische Denkweisen festzustellen, z. B. vertrat er die Gottesmordthese, dass „das Judenvolk seinen Beruf auf Erden verloren hat, als es den Messias kreuzigte“. Auch kombinierte er wiederholt die Begriffe „Juden und Heiden und falsche Brüder“.[6][7]

Obwohl Bischof Ketteler ein Gegner der auf dem 1. Vatikanischen Konzil beschlossenen Unfehlbarkeitserklärung des Papstes war, unterwarf er sich dem Konzilsbeschluss.

Ketteler starb während einer Rückreise von Rom am 13. Juli 1877 im Kapuzinerkloster, Burghausen, und wurde am 18. Juli 1877 in der Marienkapelle des Mainzer Doms beigesetzt.

Er war Mitglied der Accademia dei Quiriti in Rom, römischer Patrizier, päpstlicher Thronassistent und Hausprälat, Kommandeur 1. Klasse des Großherzoglich Hessischen Ludwigsordens und Ritter des preußischen Roten Adlerordens 2. Klasse.

Ehrungen[Bearbeiten]

  • Von Ketteler zu Ehren sollte in einem Mainzer Vorort mit überwiegender Arbeiterbevölkerung eine Kirche mit eigener Ketteler-Kapelle errichtet werden. Hierzu wurde der 1907 eingemeindete Stadtteil Mainz-Mombach bestimmt. Die dortige Herz-Jesu-Kirche wurde jedoch aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges nie vollendet, und die sterblichen Überreste des Bischofs ruhen deshalb weiterhin im Mainzer Dom.
  • Im Rockenberger Ortsteil Oppershofen wurde eine Straße nach ihm benannt, ebenso in Einhausen, Beckum, Bremen, Hopsten, Großostheim, Kleinostheim und Rodalben in der Pfalz.
  • In Hopsten wurde sein damaliges Wohnhaus als denkmalgeschütztes Kettelerhaus Pfarrheim der katholischen Kirchengemeinde St. Georg. Neben der Kettelerstraße ist auch die Hopstener Ketteler-Realschule nach ihm benannt.
  • Zudem wurde 1977 in Hopsten anlässlich seines 100. Todestages zwischen Pfarrkirche und Pfarrhaus das Ketteler-Denkmal, eine von dem Bildhauer Joseph Krautwald geschaffene Statue, aufgestellt.
  • Sein Aufruf an die katholischen Arbeiter, sich zu organisieren, war der Gründungsaufruf für die katholischen Arbeitervereine. 1849 wurde der erste Verein, der St.-Joseph-Unterstützungsverein St. Emeram, in Regensburg gegründet. In der Folgezeit bildeten sich viele Arbeitervereine, die sich Ende des 19. Jahrhunderts (1891) zum Verband Süddeutscher Katholischer Arbeitervereine zusammenschlossen. Im gleichen Jahr veröffentlichte Papst Leo XIII. das erste große Sozialrundschreiben Rerum Novarum. Die Schriften des Sozialethikers von Ketteler haben die Programmatik der Arbeitervereine und der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands (KAB) bis heute bestimmt.
  • Die KAB-Stiftung Zukunft der Arbeit und sozialen Sicherung (ZASS) verleiht im Zwei-Jahres-Rhythmus den Ketteler-Preis. Bisherige Preisträger sind die Solwodi-Gründerin Schwester Lea Ackermann, und der Leiter des Innenressorts der Süddeutschen Zeitung Heribert Prantl.

Predigten, Briefe, Schriften[Bearbeiten]

  • Predigten des Hochwürdigsten Herrn Wilhelm Emmanuel Freiherrn v. Ketteler, Bischof von Mainz, herausgegeben von Johann Michael Raich, 2 Bände. Franz Kirchheim Verlag, Mainz 1878.
  • Briefe von und an Wilhelm Emmanuel Freiherrn von Ketteler, Bischof von Mainz, herausgegeben von Johann Michael Raich. Franz Kirchheim Verlag, Mainz 1879.
  • 10 Briefe von Wilhelm Emmanuel von Ketteler an Ida Gräfin Hahn-Hahn. 8. Februar 1850 bis 8. Februar 1873. Fritz Reuter Literaturarchiv, Berlin.
  • Erwin Iserloh (Hg.): Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler. Sämtliche Werke und Briefe. 11 Bände. Mainz 1977-2001.
  • Erwin Iserloh, Christoph Stoll: Bischof Ketteler in seinen Schriften. [Repräsentative Textauswahl]. Mainz 1977.
  • Die Arbeiterfrage und das Christentum. Franz Kirchheim Verlag, Mainz 1864 (Digitalisat).

Literatur[Bearbeiten]

Zu Ketteler gibt es sehr viel Literatur. Eine von Christoph Stoll und Bernd Goldmann 1995 erstellte Bibliographie enthält über 1.300 Titel;[8] seither kamen zahlreiche weitere hinzu.

in der Reihenfolge des Erscheinens:

Biographien, Einführungen, grundlegende Studien[Bearbeiten]

  • Otto Pfülf: Bischof von Ketteler (1811–1877). Eine geschichtliche Darstellung, 3 Bände, 418, 441 und 403 Seiten. Franz Kirchheim Verlag, Mainz 1899.
  • Fritz Vigener: Ein deutsches Bischofsleben des 19. Jahrhunderts. München und Berlin 1924.
  • Klemens Löffler: Wilhelm Emmanuel v. Ketteler. In: Westfälische Lebensbilder, Bd. 2, Aschendorff, Münster 1931, S. 299–318.
  • Gisbert Kranz: Bischof Ketteler. Ein Lebensbild. Winfried-Werk, Augsburg 1961.
  • Erwin Iserloh: Kirche - Ereignis und Institution. Aufsätze und Vorträge, Bd. 1: Kirchengeschichte als Theologie. Aschendorff, Münster 1985; darin mehrere Beiträge über Ketteler:
    • Wilhelm Emmanuel von Ketteler (S. 259–265).
    • Die soziale Aktivität der Katholiken im Übergang von caritativer Fürsorge zu Sozialreform und Sozialpolitik, dargestellt an den Schriften Wilhelm Emmanuel von Kettelers (S. 266–284).
    • Wilhelm Emmanuel von Ketteler und die Freiheit der Kirche und in der Kirche (S. 285–308).
    • Der Katholismus und das Deutsche Reich von 1871. Bischof Kettelers Bemühungen um die Integration der Katholiken in den kleindeutschen Staat (S. 309–326).
    • Wilhelm Emmanuel von Ketteler zur Infallibilität des Papstes (S. 327–345).
  • Karl Brehmer: Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811–1877) – Arbeiterbischof und Sozialethiker. Auf den Spuren einer zeitlosen Modernität. Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2009, ISBN 978-3-7954-2135-9.
  • Hermann-Josef Große Kracht: Wilhelm Emmanuel von Ketteler. Ein Bischof in den sozialen Debatten seiner Zeit. Ketteler-Verlag und Lahn-Verlag, Köln und Kevelaer 2011, 234 S.
  • Reinhard Marx: Christ sein heißt politisch sein. Wilhelm Emmanuel von Ketteler für heute gelesen. Herder, Freiburg 2011.

Einzelne Gesichtspunkte[Bearbeiten]

  • Elmar Fastenrath: Bischof Ketteler und die Kirche. Eine Studie zum Kirchenverständnis des politisch-sozialen Katholizismus (Beiträge zur neueren Geschichte der katholischen Theologie, Bd. 13). Ludgerus-Verlag Wingen, Essen 1971.
  • Mainz und die soziale Frage in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Zum 100. Todestag von Oberbürgermeister Wallau und Bischof Ketteler. Katalog zur Ausstellung im Rathaus-Foyer Mainz 4. August bis 4. September 1977.
  • Karsten Petersen: „Ich höre den Ruf nach Freiheit“ – Wilhelm Emmanuel von Ketteler und die Freiheitsforderungen seiner Zeit. Eine Studie zum Verhältnis von konservativem Katholizismus und Moderne. Schöningh, Paderborn 2005.
  • Klaus Schlupp: Schule, Kirche und Staat im 19. Jahrhundert. Die katholische Volksschule im Bistum Mainz und Großherzogtum Hessen-Darmstadt 1830–1877. Nordhausen 2005.
  • Volker Jakob: Ein aristokratischer Arbeiterbischof. In: Westfalenspiegel, Ausgabe 3/2011, S. 60-61 (insbesondere zu seinen westfälischen Wurzeln).

Beiträge in biographischen Handbüchern[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Baron Wilhelm Emmanuel von Ketteler – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Wilhelm Emanuel von Ketteler – Quellen und Volltexte

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Hayden Edwards: Des Bischofs Wilhelm Emmanuel von Kettelers Göttinger Mensur. In: Deutsche Corpszeitung 51 (1934/35), S. 245-249
  2. Von der Arbeiterfrage zur Neuen Sozialen Frage (PDF; 69 kB), Zeittafel
  3. Die Fürstbischöfliche Delegatur für Brandenburg und Pommern war der katholische Jurisdiktionsbezirk des Fürstbistums Breslau, aus dem am 13. August 1930 das Bistum Berlin hervorging.
  4. Quelle: Meyers großes Konversations-Lexikon
  5. Siehe Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler: Die katholische Lehre vom Eigentum in Kettelers Hirtenwort Die großen sozialen Fragen der Gegenwart, zitiert nach Texte zur katholischen Soziallehre I I, 1. Halbband Seite 96 (insgesamt 87-100), hrsg. vom Bundesverband der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), 1976 (Kevelaer)
  6. Olaf Blaschke: Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1999 (2. Aufl.), S. 173
  7. Eda Sagarra: „Judentum und katholische Kirche in Deutschland zwischen Restauration und Reichsgründung.“ In: Hans-Otto Horch / Horst Denkler (Hg.): Judentum, Antisemitismus und deutschsprachige Literatur vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. (Conditio Judaica) Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1988, S. 275 ff.
  8. Verlag v.Hase & Koehler, 1995

Siehe auch[Bearbeiten]

Vorgänger Amt Nachfolger
Georg Anton Brinkmann Fürstbischöflicher Delegat für Brandenburg und Pommern
1849–1850
Leopold Pelldram
Peter Leopold Kaiser Bischof von Mainz
1850–1877
Christoph Moufang (als Diözesanadministrator)