Wilhelm Genazino

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche
Wilhelm Genazino auf der Leipziger Buchmesse 2009

Wilhelm Genazino (* 22. Januar 1943 in Mannheim) ist ein deutscher Schriftsteller, der 2004 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Wilhelm Genazino wuchs in einfachen Verhältnissen in Mannheim auf. Nach dem Abitur und einem Volontariat bei der Rhein-Neckar-Zeitung studierte Genazino Germanistik, Philosophie und Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Nach Abschluss arbeitete er als freier Journalist und Redakteur. Er war bis 1971 Redakteur bei der Frankfurter Satire-Zeitschrift Pardon und von 1980 bis 1986 Mitherausgeber der Zeitschrift Lesezeichen. Seit Anfang der 1970er Jahre erwirbt er seinen Lebensunterhalt als freiberuflicher Schriftsteller.

Von 1970 bis 1998 lebte er in Frankfurt am Main. 1997/98 hatte Genazino eine poetologische Gastdozentur an der Universität Paderborn inne. Seit 1998 lebte er in Heidelberg. Er erhielt 1990 für seinen Roman Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz den Literaturpreis der Stadt Bremen, 1995 den Solothurner Literaturpreis, 1996 den Berliner Literaturpreis und den Stadtschreiber-Preis von Bergen, 1998 den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 2001 den Kranichsteiner Literaturpreis für sein Gesamtwerk und 2003 den Kunstpreis Berlin. 2004 erhielt er den bedeutendsten deutschen Literaturpreis, den mit 40.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, in der er seit 1990 Mitglied ist. Im Wintersemester 2005/06 hielt er an der Frankfurter Universität die Frankfurter Poetik-Vorlesungen unter dem Titel „Die Belebung der toten Winkel“.

Genazino wurde in den späten 1970er Jahren bekannt durch seine Abschaffel-Trilogie über das Innenleben eines isoliert lebenden kleinen Angestellten. In seinen Romanen und Essays greift er einzelne Bilder aus dem unscheinbaren Alltag heraus und beschreibt sie minutiös. Seine Beschreibungen resultieren aus einer zeitlich gedehnten Betrachtung von konkreten Einzelheiten. Auf diese intensive Art der Wahrnehmung bezieht sich der Titel seines Essays Der gedehnte Blick. Neben seinen Romanen und Essays hat er auch zahlreiche Hörspiele verfasst.

[Bearbeiten] Werkbeschreibung

Autogramm

Das dichterische Werk Genazinos ist vom Gehalt her resignativ, ein Grundzug, der jedoch durch den offenen und mitunter verhalten optimistischen Schluss eines jeden Werkes abgemildert wird.

Im Mittelpunkt seiner Prosa steht meist ein Mann mittleren Alters (zwischen 30 und 50 Jahre alt) in einer mittelgroßen deutschen Stadt mit einer Arbeit, die vom gesellschaftlichen Ansehen im Mittelfeld zu finden ist und vom Protagonisten eher gleichgültig, mitunter widerwillig, aber auch ohne Hassgefühle oder Sabotage-Akte ausgeführt wird – vielmehr konzentriert er sich auf sein Umfeld und die gesellschaftlichen Entwicklungen. Der Protagonist unterhält fast immer mindestens eine sexuelle Beziehung mit Frauen. Während die Äußerlichkeiten der im Mittelpunkt stehenden männlichen Person nur am Rande oder gar nicht beschrieben werden, wird bei jenen der Frauen etwas mehr ins Detail gegangen. Die Frauen erfüllen die gesellschaftlichen Anforderungen an Attraktivität, ohne besonders hervorzustechen. Aus den Texten erschließt sich, dass das auch auf die männlichen Protagonisten zutrifft, die demnach weder besonders schön noch hässlich, groß noch klein, dünn noch dick sind.

Der Protagonist hat im Allgemeinen den Glauben an erfüllende Partnerschaften verloren, steht aber im Grunde positiv zu seinen jeweiligen Partnerinnen. Charakteristisch sind detailliert beschriebene Streifzüge durch die Stadt, durch die sich der Protagonist in bessere Stimmung zu bringen versucht. Dabei begegnen ihm häufig alte Bekannte, Frauen oder Männer, die ihm stets wohlgesinnt sind, sodass es bei Frauen auch zu lockeren Affären kommen kann.

Typisch für alle Romane Genazinos ist die hochdifferenzierte Beobachtungsgabe der Personen, die immer wieder zu sehr ausführlichen Beschreibungen scheinbarer Banalitäten führt, die dann aber in eigenwillige, teils skurril erscheinende Einsichten münden. Diese unterstreichen seinen impliziten Anspruch, das Besondere im Allgemeinen zu sehen, die Absurdität des Alltags, wie sie von durchschnittlichen Bewohnern durchschnittlicher Städte im Hier und Jetzt erlebt wird. Obwohl die detailliert beschriebenen Gedankengänge ein gewisses Bildungsniveau und vor allem Interesse an der Gesellschaft erkennbar machen, gibt es keinerlei explizite Hinweise auf kulturelle, politische oder wissenschaftliche Hintergründe oder Einflüsse.

Diese inhaltlichen Tendenzen bei Genazino wirken sich auf die Struktur seiner Prosa aus. Ein Handlungsstrang ist nicht klar erkennbar, im Vordergrund steht die Beschreibung der Gegenwart. Die Handlung ist durch Schilderung, Kulturkritik und Selbstreflexion ersetzt.

[Bearbeiten] Werke

[Bearbeiten] Romane

  • Laslinstrasse, Köln 1965
  • Abschaffel-Trilogie:
    • Abschaffel, Reinbek bei Hamburg 1977
    • Die Vernichtung der Sorgen, Reinbek bei Hamburg 1978
    • Falsche Jahre, Reinbek bei Hamburg 1979
  • Die Ausschweifung, Reinbek bei Hamburg 1981
  • Fremde Kämpfe, Reinbek bei Hamburg 1984
  • Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz, Reinbek bei Hamburg 1989
  • Die Liebe zur Einfalt, Reinbek bei Hamburg 1990
  • Leise singende Frauen, Reinbek bei Hamburg 1992
  • Die Obdachlosigkeit der Fische, Reinbek bei Hamburg 1994
  • Das Licht brennt ein Loch in den Tag, Reinbek bei Hamburg 1996
  • Die Kassiererinnen, Reinbek bei Hamburg 1998
  • Ein Regenschirm für diesen Tag, München u. a. 2001
  • Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman, München u. a. 2003
  • Die Liebesblödigkeit, München 2005
  • Mittelmäßiges Heimweh, München 2007
  • Das Glück in glücksfernen Zeiten, München 2009

[Bearbeiten] Weitere Veröffentlichungen

  • Vom Ufer aus, Göttingen 1990
  • Aus der Ferne. Texte und Postkarten, Reinbek bei Hamburg 1993
  • Das Bild des Autors ist der Roman des Lesers, Münster 1994
  • Mitteilungen an die Freunde, zum Preis der LiteraTour Nord, Frankfurt am Main 1996
  • Achtung Baustelle, Essay-Sammlung, Frankfurt am Main 1998
  • Über das Komische: der außengeleitete Humor, Paderborner Universitätsreden, Paderborn 1998
  • Der gedehnte Blick, Essay-Sammlung, Frankfurt am Main 1999
  • Fühlen Sie sich alarmiert, Abiturreden, München 1999
  • Auf der Kippe, Texte zu Postkarten und Fotos, Reinbek bei Hamburg 2000
  • Karnickel und Fliederbüsche, violett, Kiel 2001
  • Aus dem Tagebuch der Vergangenheit, in: Text und Kritik 162, München 2004
  • Lieber Gott mach mich blind (Uraufführung Staatstheater Darmstadt, Oktober 2005), Frankfurt 2003, München 2006 und Der Hausschrat, München 2006, Mülheim 2007, Theaterstücke
  • Die Belebung der toten Winkel, Publikation zur Frankfurter Poetik-Dozentur, München 2006

[Bearbeiten] Übersetzungen

Englisch

  • The Shoe Tester of Frankfurt, 2006

Französisch

  • Un parapluie pour ce jour-là , 2002
  • Un appartement, une femme, un roman , 2004
  • Léger mal du pays, 2008, ISBN 978-2-267-01997-1

Griechisch

  • Mia omprela gia t¯e mera: mythistor¯ema, 2005

Italienisch

Litauisch

  • Sk·etis siai dienai: romanas, 2005

Niederländisch

  • Liefdeskolder, 2008

Russisch

  • Zenscina, kvartira, roman, 2004
  • Zontik na ·etot den' , 2004

Slowenisch

  • Dežnik za ta dan, 2005

Spanisch

  • El amor a la simplicidad, 1993
  • Un paraguas para este día, 2002
  • Mujeres cantando suavemente, 2003
  • Una mujer, una casa, una novela, 2004
  • Un poco de nostalgia, 2008, ISBN 978-84-8109-763-4

[Bearbeiten] Herausgeberschaft

  • Beruf: Künstler, Frankfurt am Main 1983

[Bearbeiten] Auszeichnungen

[Bearbeiten] Literatur

  • Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Wilhelm Genazino. Edition Text + Kritik, München 2004, ISBN 3-88377-755-2
  • Jonas Fansa: Unterwegs im Monolog. Poetologische Konzeptionen in der Prosa Wilhelm Genazinos. Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, ISBN 3-8260-3744-8
  • Winfried Giesen (Hrsg.): Wilhelm Genazino - „Die Belebung der toten Winkel“, Begleitheft zur Ausstellung 11. Januar – 25. Februar 2006, Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Frankfurt 2006, ISBN 3-88131-100-9
  • Anja Hirsch: Schwebeglück der Literatur. Der Erzähler Wilhelm Genazino. Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, Heidelberg 2006, ISBN 3-935025-88-2
  • Joachim Jacob: Schönheit, Literatur und Lebenskunst. Überlegungen zu Peter Handkes ‚Versuch über den geglückten Tag‘ und Wilhelm Genazinos ‚Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman‘, in: Susanne Krepold, Christian Krepold (Hrsg.): Schön und gut? Studien zu Ethik und Ästhetik in der Literatur. Königshausen & Neumann, Würzburg 2008, S. 185–199.
  • Christian Krepold: „…als sei das Ende des Menschen die einzige ordentliche Verrichtung“. Altern, Melancholie und Komik bei Wilhelm Genazino und Italo Svevo, in: Andrea Bartl (Hrsg.): Transitträume. Beiträge zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Wißner, Augsburg 2009 (Germanistik und Gegenwartsliteratur 4), S. 55–101.
  • Susanne Krepold, Christian Krepold: Literarische Selbstreflexion durch Lektüre. Wilhelm Genazino als Leser von Marguerite Duras, in: Steffen Buch, Álvaro Ceballos, Christian Gerth (Hrsg.): Selbstreflexivität. Beiträge zum 23. Forum Junge Romanistik (Göttingen, 30. Mai – 2. Juni 2007). Romanistischer Verlag, Bonn 2008 (Forum Junge Romanistik 14), S. 107–124.
  • Aktualisiertes Verzeichnis der unselbstständig erschienenen Primärliteratur Wilhelm Genazinos (von 1961 bis 2008), zsgest. von Winfried Giesen, Universitätsbibliothek Frankfurt a.M., Kontakt: winfried.giesen@web.de
  • Wilhelm Genazino - Sekundärliteratur (von 1963 bis 2008), zsgest. von Winfried Giesen, Universitätsbibliothek Frankfurt a.M., Kontakt: winfried.giesen@web.de

[Bearbeiten] Weblinks

Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen
Andere Sprachen