Wilhelm Genazino

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Wilhelm Genazino (2013)

Wilhelm Genazino [genaˈtsiːno] (* 22. Januar 1943 in Mannheim) ist ein deutscher Schriftsteller. 2004 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

Leben[Bearbeiten]

Wilhelm Genazino wuchs in einfachen Verhältnissen in Mannheim auf. Nach dem Abitur und einem Volontariat bei der Rhein-Neckar-Zeitung studierte Genazino Germanistik, Philosophie und Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Nach Abschluss arbeitete er als freier Journalist und Redakteur. Er war bis 1971 Redakteur bei der Frankfurter Satire-Zeitschrift Pardon und von 1980 bis 1986 Mitherausgeber der Zeitschrift Lesezeichen. Seit Anfang der 1970er Jahre erwirbt er seinen Lebensunterhalt als freiberuflicher Schriftsteller.

Von 1970 bis 1998 lebte er in Frankfurt am Main. 1997/98 hatte Genazino eine poetologische Gastdozentur an der Universität Paderborn inne. Ab 1998 lebte er in Heidelberg, bevor er 2004 nach Frankfurt zurückkehrte. 2004 erhielt er den bedeutendsten deutschen Literaturpreis, den damals mit 40.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, in der er seit 1990 Mitglied ist. Im Wintersemester 2005/06 hielt er an der Frankfurter Universität die Frankfurter Poetik-Vorlesungen unter dem Titel „Die Belebung der toten Winkel“. Im Sommersemester 2009 hatte er die Poetikprofessur an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg inne. 2011 wurde er in die Berliner Akademie der Künste gewählt. Sein Roman Wenn wir Tiere wären wurde für den Deutschen Buchpreis 2011 nominiert.

Genazino wurde in den späten 1970er Jahren bekannt durch seine Abschaffel-Trilogie über das Innenleben eines isoliert lebenden kleinen Angestellten. Diese wurde 2011 zur gemeinsamen Lektüre im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Frankfurt liest ein Buch“ ausgewählt.[1]

In seinen Romanen und Essays greift Wilhelm Genazino einzelne Bilder aus dem unscheinbaren Alltag heraus und beschreibt sie minutiös. Seine Beschreibungen resultieren aus einer zeitlich gedehnten Betrachtung von konkreten Einzelheiten. Auf diese intensive Art der Wahrnehmung bezieht sich der Titel seines Essays Der gedehnte Blick. Neben seinen Romanen und Essays hat er auch zahlreiche Hörspiele verfasst. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, unter anderem ins Englische, Französische, Griechische, Italienische, Litauische, Niederländische, Russische, Slowenische, Spanische, Tschechische und Ungarische.

Im Mai 2012 wurde bekanntgegeben, dass Genazino sein Archiv an das Deutsche Literaturarchiv Marbach übereignet.[2]

Wilhelm Genazino lebt in Frankfurt am Main.

Werkbeschreibung[Bearbeiten]

Autogramm

Das dichterische Werk Genazinos ist vom Gehalt her resignativ, ein Grundzug, der jedoch durch den offenen und mitunter verhalten optimistischen Schluss eines jeden Werkes abgemildert wird.

Im Mittelpunkt seiner Prosa steht meist ein Mann mittleren Alters (zwischen 30 und 50 Jahre alt) in einer mittelgroßen deutschen Stadt mit einer Arbeit, die vom gesellschaftlichen Ansehen im Mittelfeld zu finden ist und vom Protagonisten eher gleichgültig, mitunter widerwillig, aber auch ohne Hassgefühle oder Sabotage-Akte ausgeführt wird – vielmehr konzentriert er sich auf sein Umfeld und die gesellschaftlichen Entwicklungen. Der Protagonist unterhält fast immer mindestens eine sexuelle Beziehung mit Frauen. Während die Äußerlichkeiten der im Mittelpunkt stehenden männlichen Person nur am Rande oder gar nicht beschrieben werden, wird bei jenen der Frauen etwas mehr ins Detail gegangen. Die Frauen erfüllen die gesellschaftlichen Anforderungen an Attraktivität, ohne besonders hervorzustechen. Aus den Texten erschließt sich, dass das auch auf die männlichen Protagonisten zutrifft, die demnach weder besonders schön noch hässlich, groß noch klein, dünn noch dick sind.

Der Protagonist hat im Allgemeinen den Glauben an erfüllende Partnerschaften verloren, steht aber im Grunde positiv zu seinen jeweiligen Partnerinnen. Charakteristisch sind detailliert beschriebene Streifzüge durch die Stadt, durch die sich der Protagonist in bessere Stimmung zu bringen versucht. Dabei begegnen ihm häufig alte Bekannte, Frauen oder Männer, die ihm stets wohlgesinnt sind, sodass es bei Frauen auch zu lockeren Affären kommen kann.

Typisch für alle Romane Genazinos ist die hochdifferenzierte Beobachtungsgabe der Personen, die immer wieder zu sehr ausführlichen Beschreibungen scheinbarer Banalitäten führt, die dann aber in eigenwillige, teils skurril erscheinende Einsichten münden. Diese unterstreichen seinen impliziten Anspruch, das Besondere im Allgemeinen zu sehen, die Absurdität des Alltags, wie sie von durchschnittlichen Bewohnern durchschnittlicher Städte im Hier und Jetzt erlebt wird. Obwohl die detailliert beschriebenen Gedankengänge ein gewisses Bildungsniveau und vor allem Interesse an der Gesellschaft erkennbar machen, gibt es keinerlei explizite Hinweise auf kulturelle, politische oder wissenschaftliche Hintergründe oder Einflüsse.

Diese inhaltlichen Tendenzen bei Genazino wirken sich auf die Struktur seiner Prosa aus. Ein Handlungsstrang ist nicht klar erkennbar, im Vordergrund steht die Beschreibung der Gegenwart. Die Handlung ist durch Schilderung, Kulturkritik und Selbstreflexion ersetzt.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Romane[Bearbeiten]

Weitere Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Vom Ufer aus. Göttingen 1990
  • Aus der Ferne. Texte und Postkarten. Reinbek bei Hamburg 1993
  • Das Bild des Autors ist der Roman des Lesers. Münster 1994
  • Mitteilungen an die Freunde. Zum Preis der LiteraTour Nord. Frankfurt am Main 1996
  • Achtung Baustelle. Essay-Sammlung. Frankfurt am Main 1998
  • Über das Komische: der außengeleitete Humor. Paderborner Universitätsreden. Paderborn 1998
  • Der gedehnte Blick. Essay-Sammlung. Frankfurt am Main 1999
  • Fühlen Sie sich alarmiert. Abiturreden. München 1999
  • Auf der Kippe. Texte zu Postkarten und Fotos. Reinbek bei Hamburg 2000
  • Karnickel und Fliederbüsche, violett. Kiel 2001
  • Aus dem Tagebuch der Vergangenheit. In: Text und Kritik 162, München 2004
  • Lieber Gott mach mich blind. (Uraufführung Staatstheater Darmstadt, Oktober 2005), Frankfurt 2003, München 2006 und Der Hausschrat. München 2006, Mülheim 2007, Theaterstücke
  • Die Belebung der toten Winkel. Poetikvorlesungen. München 2006
  • Idyllen in der Halbnatur. Essays und Reden. München 2012
  • Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands München 2013

Herausgeberschaft[Bearbeiten]

  • Beruf: Künstler. Frankfurt am Main 1983
  • Istanbul, 'sterbende Schöne' zwischen Orient und Okzident? Corso, Hamburg 2011, ISBN 978-3-86260-021-2.

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Wilhelm Genazino. Edition Text + Kritik, München 2004, ISBN 3-88377-755-2.
  • Jonas Fansa: Unterwegs im Monolog. Poetologische Konzeptionen in der Prosa Wilhelm Genazinos. Königshausen & Neumann, Würzburg 2008, ISBN 3-8260-3744-8.
  • Winfried Giesen (Hrsg.): Wilhelm Genazino – „Die Belebung der toten Winkel“, Begleitheft zur Ausstellung 11. Januar – 25. Februar 2006, Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Frankfurt 2006, ISBN 3-88131-100-9.
  • Anja Hirsch: Schwebeglück der Literatur. Der Erzähler Wilhelm Genazino. Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, Heidelberg 2006, ISBN 3-935025-88-2
  • Joachim Jacob: Schönheit, Literatur und Lebenskunst. Überlegungen zu Peter Handkes „Versuch über den geglückten Tag“ und Wilhelm Genazinos „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“. In: Susanne Krepold, Christian Krepold (Hrsg.): Schön und gut? Studien zu Ethik und Ästhetik in der Literatur. Königshausen & Neumann, Würzburg 2008, S. 185–199.
  • Christian Krepold: „…als sei das Ende des Menschen die einzige ordentliche Verrichtung“. Altern, Melancholie und Komik bei Wilhelm Genazino und Italo Svevo. In: Andrea Bartl (Hrsg.): Transitträume. Beiträge zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Wißner, Augsburg 2009 (Germanistik und Gegenwartsliteratur 4), S. 55–101.
  • Susanne Krepold, Christian Krepold: Literarische Selbstreflexion durch Lektüre. Wilhelm Genazino als Leser von Marguerite Duras. In: Steffen Buch, Álvaro Ceballos, Christian Gerth (Hrsg.): Selbstreflexivität. Beiträge zum 23. Forum Junge Romanistik (Göttingen, 30. Mai–2. Juni 2007). Romanistischer Verlag, Bonn 2008 (Forum Junge Romanistik 14), S. 107–124.
  • Aktualisiertes Verzeichnis der unselbstständig erschienenen Primärliteratur Wilhelm Genazinos. Von 1961 bis 2014, zusammengestellt von Winfried Giesen. [6]
  • Wilhelm Genazino – Sekundärliteratur. Von 1963 bis 2014, zusammengestellt von Winfried Giesen. [6]
  • Andrea Bartl und Friedhelm Marx (Hrsg.): Verstehensanfänge. Das literarische Werk Wilhelm Genazinos. Wallstein, Göttingen 2011 (Poiesis. Standpunkte zur Gegenwartsliteratur 7), ISBN 978-3-8353-0845-9.
  • Ulrich Klappstein: Ein Flaneur für diesen Tag. Eine lexikalische Annäherung an den Schriftsteller Wilhelm Genazino. In: Hartmut Fischer (Hrsg.): Flanieren - Gehen - Wandern. Northeim 2011 (= Begleitband der gleichnamigen Ausstellung des Heimatmuseums Northeim).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wilhelm Genazino – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Frankfurt liest ein Buch. Homepage. Abgerufen am 21. April 2011.
  2. PM 33/2012. Archiv von Wilhelm Genazino geht nach Marbach. Pressemitteilung. Deutsches Literaturarchiv. Marbach. 31. Mai 2012. Abgerufen am 3. Juni 2012.
  3. Pressemitteilung der verleihenden Stiftung vom 15. August 2012 (PDF; 129 kB)
  4. Seite der Univ. Heidelberg
  5. Frankfurt liest ein Buch 2011. Abgerufen am 21. April 2011.
  6. a b Kontakt: winfried.giesen (at) web.de