Wilhelm Gutmann

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Wilhelm Gutmann (* 9. Juni 1900 in Basel; † 16. Februar 1976 in Karlsruhe) war ein deutscher Politiker (NPD). Zeitweise geschäftsführender Bundesvorsitzender und Fraktionsvorsitzender im Landtag von Baden-Württemberg, trat Gutmann 1968 nach Vorwürfen wegen seiner Tätigkeit als Bürgermeister in der Zeit des Nationalsozialismus zurück.

Leben[Bearbeiten]

Der Sohn eines deutschen Kapellmeisters nahm als Kriegsfreiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. Ausgebildet als Diplom-Kaufmann arbeitete Gutmann anfänglich in der Industrie, ehe er 1927 zunächst in die Reichsfinanzverwaltung, später in die Gemeindeverwaltung wechselte. Gutmann war verheiratet; aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor.

Politisch betätigte sich Gutmann zunächst im Evangelischen Volksdienst, der badischen Landesgruppe des Christlich-Sozialen Volksdienstes (CSVD). 1931 wurde er Mitglied der NSDAP (Mitglieds-Nr. 966.564). In der Zeit des Nationalsozialismus war Gutmann von 1935 bis 1945 Bürgermeister der Stadt Tiengen am Hochrhein. Eine von Gutmann 1935 erlassene judenfeindliche Ortssatzung wurde von übergeordneten Behörden als zu weitgehend aufgehoben.[1] Während des Zweiten Weltkrieges soll er im Amt Abwehr tätig gewesen sein.[2] Bei Kriegsende 1945 soll Gutmann laut der Tübinger Staatsanwaltschaft „in fanatischer Weise zum sinnlosen Widerstand gegen die anrückenden französischen Truppen“[3] aufgefordert haben und Einwohner Tiengens, die weiße Fahnen hissen wollten, bedroht haben.

1945 verhaftet und interniert, wurde Gutmann 1947 vom Landgericht Waldshut wegen „Landfriedensbruchs“, „Anreizung zum Klassenkampf“ und „Freiheitsberaubung im Amt“ zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt. Verfahrensgegenstand waren die Novemberpogrome 1938 in Tiengen. Laut Feststellungen des Gerichts hatte Gutmann bei einer Parteiversammlung die Juden eine „internationale Mörderbande“ genannt. Zudem sei er für die Festnahme von zwei Dutzend jüdischen Einwohnern Tiengens verantwortlich gewesen. Die Festgenommenen seien zur nächsten Gestapo-Stelle gebracht worden; die männlichen Festgenommenen seien in Konzentrationslager transportiert worden, wo zwei von ihnen starben.[4]

1949 zog Gutmann nach Karlsruhe, wo er mit Franz Kienle den Ärztekongress Deutsche Therapiewoche begründete. Bis 1965 war er als Ausstellungsleiter der mit der Therapiewoche verbundenen Heilmittelausstellung tätig. Zunächst in der Bewegung von Vertriebenen, ehemaligen Internierten und von der Entnazifizierung Betroffenen aktiv, arbeitete Gutmann ab 1949 in der Notgemeinschaft Württemberg-Baden von Franz Ott mit.[5] Ende 1949 gründete er zusammen mit dem früheren badischen Finanzminister Wilhelm Mattes den Karlsruher Ortsverein der DG/BHE, einem Wahlbündnis der Deutschen Gemeinschaft (DG) und des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten (GB/BHE). 1955 war Gutmann Kreisverbandsvorsitzender des GB/BHE; ein Jahr später wurde er in der Karlsruher Stadtrat gewählt. Ab 1961 war Gutmann Mitglied der Gesamtdeutschen Partei; die aus der Fusion des GB/BHE mit der Deutschen Partei (DP) entstanden war.

Im November 1964 beteiligte sich Gutmann an der Gründung der NPD und wurde stellvertretender Bundesvorsitzender und im April 1965 Vorsitzender des Landesverbandes Baden-Württemberg. Nach der Amtsenthebung von Friedrich Thielen im März 1967 amtierte er bis zur Wahl Adolf von Thaddens im November 1967 als geschäftsführender Bundesvorsitzender der NPD.

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 1968 wurde Gutmann am 28. April im Wahlkreis 9 (Leonberg) in den Stuttgarter Landtag gewählt, wo er den Fraktionsvorsitz übernahm. Vor der Wahl hatte der Tübinger Arbeitskreis zum Schutz gegen den Rechtsradikalismus auf Gutmanns Tätigkeit als Bürgermeister von Tiengen sowie auf seine Verurteilung 1947 hingewiesen.[2] Im Landtag lehnten alle anderen Fraktionen eine interfraktionelle Zusammenarbeit mit der NPD unter Hinweis auf Gutmanns Verurteilung ab. Dennoch war Gutmann nach Einschätzung des Historikers Lutz Niethammer der einzige NPD-Abgeordnete, „mit dem sich Vertreter anderer Parteien auf einer gut-schwäbisch gemütlichen Ebene verständigen konnten.“[6] Dabei überließ er die Aufgaben des Fraktionsvorsitzenden weitgehend seinem Stellvertreter Peter Stöckicht und beschränkte sich darauf, abwiegelnd aufzutreten, wenn Reden anderer NPD-Abgeordneter zu Tumulten geführt hatten.[7] Nach seinem Rücktritt als Fraktionsvorsitzender Ende 1968 blieb Gutmann bis 1972 Landtagsabgeordneter. Als Landes- und stellvertretender Bundesvorsitzender der NPD war er bereits Mitte 1968 zurückgetreten.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gideon Botsch, Christoph Kopke: Die NPD und ihr Milieu. Klemm & Oelschläger, Münster 2009, ISBN 978-3-932577-41-3, S. 45; Matthias Fischer: Waldshut-Tiengen: Gedenken an ehemaliges jüdisches Leben. bei haGalil (Abgerufen am 13. April 2011)
  2. a b Wilhelm Gutmann im Munzinger-Archiv, abgerufen am 9. April 2011 (Artikelanfang frei abrufbar)
  3. Zitiert in:  Weicher Willi. In: Der Spiegel. Nr. 19, 1968, S. 36 (online).
  4.  Weicher Willi. In: Der Spiegel. Nr. 19, 1968, S. 36 (online).
  5. Richard Stöss (Hrsg.): Parteien-Handbuch. Band 2: FDP bis WAV. (= Schriften des Zentralinstituts für Sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin. Band 39) Westdeutscher Verlag, Opladen 1984, ISBN 3-531-11592-8, S. 1470.
  6. Lutz Niethammer: Angepasster Faschismus. Politische Praxis der NPD. S. Fischer, Frankfurt 1969, S. 210.
  7. Niethammer, Faschismus, S. 209f.