Wilhelm Hoegner

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Wilhelm Hoegner
Hoegner (2.v.l.) im Juni 1947 auf der Münchener Ministerpräsidentenkonferenz.

Wilhelm Hoegner (* 23. September 1887 in München; † 5. März 1980 ebenda) war ein deutscher Jurist und Politiker (SPD). Er war von 1945 bis 1946 und 1954 bis 1957 Bayerischer Ministerpräsident. Damit ist er der einzige Ministerpräsident Bayerns nach dem Zweiten Weltkrieg, der nicht der CSU angehörte. 1946, 1954 und 1958 trat er als Spitzenkandidat seiner Partei zu den bayerischen Landtagswahlen an.[1] Hoegner ist außerdem Ehrenbürger der Stadt München, der Stadt Burghausen und der Stadt Vohburg an der Donau.

Frühe Jahre[Bearbeiten]

Wilhelm Hoegner war das siebte von 13 Kindern des aus Gräfensteinberg bei Gunzenhausen stammenden Eisenbahnbeamten Michael Georg Hoegner und seiner Frau Therese, geborene Engelhardt. Nach Stationen in München und Aufkirchen bei Erding ließ sich die Familie schließlich in Perach bei Altötting nieder. Ab 1898 besuchte Hoegner das humanistische Gymnasium in Burghausen. Von 1907 bis 1911 studierte er Rechtswissenschaften in Berlin, München und Erlangen. 1911 wurde er mit der Arbeit „Die bedingte Strafaussetzung nach dem Vorentwurf (verglichen mit der bedingten Begnadigung)“ zum Dr. jur. promoviert.

1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wurde jedoch aus gesundheitlichen Gründen abgewiesen. Am 3. Oktober 1918 heiratete er die Bankangestellte Anna Woock (geboren am 25. Oktober 1892 in München). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. 1917 bis 1918 arbeitete er als Assessor und vom 15. Mai 1918 bis zum 1. Februar 1920 als Rechtsanwalt in München, nachdem er am 14. Mai seine Zulassung als Rechtsanwalt erhielt.[2]Vom 2. Februar 1920 bis zum 29. Februar 1920 war er als geprüfter Rechtspraktikant und danach bis zum 20. April 1920 als ständiger juristischer Hilfsarbeiter bei der Staatsanwaltschaft München I tätig. Am 1. Mai 1920 wurde er dort zum III. Staatsanwalt ernannt, was er bis zum 30. November 1925 blieb. Vom 1. Dezember 1925 bis zum 31. März 1929 war er am Amtsgericht München als Amtsrichter tätig. Bereits 1920/1921 und 1923 hatte er sich erfolglos um eine Stelle als Amtsrichter beworben.

Am 1. März 1929 kehrte er als II. Staatsanwalt zur Staatsanwaltschaft München I zurück, was er bis zum 31. Dezember 1932 blieb. Am 1. Januar 1933 wurde er zum Landgerichtsrat beim Landgericht München I ernannt. Am 1. Mai 1933 wurde er wegen seiner politischen Tätigkeit für die SPD auf der Grundlage des § 4 des NS- Gesetzes zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus dem bayerischen Staatsdienst entlassen.

1919 trat er der SPD bei. Von 1924 bis 1930 war er Mitglied des Landtags und von 1930 bis 1933 Mitglied des Reichstages.

Exil und Rückkehr[Bearbeiten]

Am 1. Mai 1933 wurde Hoegner aus dem Staatsdienst entlassen und emigrierte im Juli nach Tirol, wo er sich als Sekretär bei der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs betätigte. Im Februar 1934 ging Wilhelm Hoegner ins Exil in die Schweiz.

Nach der Flucht war ihm jede politische, juristische oder journalistische Tätigkeit untersagt worden. So blieb ihm nur die Literatur als einziges Mittel der Auseinandersetzung mit dem „Dritten Reich“. Unter dem Pseudonym „Urs Liechti“ publizierte er 1936 in Zürich den Roman Wodans Wiederkunft. Lustiger Reisebericht aus einer traurigen Zeit, der grimmig-satirisch mit Hitler-Deutschland abrechnete. Ein Ich-Erzähler berichtet von haarsträubenden Erlebnissen: Er wird Zeuge eines Volksgerichtsverfahrens gegen Karl den Großen, muss sich wegen „Führerbeleidigung“ verantworten, weil er mit seinem Wagen durch den Staub fuhr, über den kurz zuvor Hitler geschritten war, und er erlebt eine „Walpurgisnacht“ mit Julius Streicher auf dem fränkischen Hesselberg. Der Roman war das einzige Werk, das Hoegner unter diesem Pseudonym veröffentlichte.

1939/40 entwarf er eine Reichsverfassung, zwischen 1943 und Frühjahr 1945 schrieb er einen Vorschlag für die Neugliederung Deutschlands, außerdem formulierte er Gesetzestexte für die Errichtung eines bayerischen Staates im Rahmen eines föderalistischen Systems.

Anfang Juni 1945 kehrte er nach Deutschland zurück und leitete im Auftrag des bayerischen Ministerpräsidenten Fritz Schäffer den Wiederaufbau der Justizverwaltung. Im September wurde er Senatspräsident des Oberlandesgerichts München, übte dieses Amt jedoch nur sehr kurz aus.

Politische Karriere[Bearbeiten]

Erste Regierung Hoegner[Bearbeiten]

Ende September ernannte die amerikanische Besatzungsbehörde Hoegner als Nachfolger Fritz Schäffers zum bayerischen Ministerpräsidenten. Im Oktober übernahm er zusätzlich das Amt des Justizministers und wurde Mitglied im Länderrat des amerikanischen Besatzungsgebietes.

Die Besatzungsbehörde beauftragte Hoegner, die Bayerische Verfassung vorzubereiten. Von März bis Juni 1946 war er Vorsitzender des Vorbereitenden Verfassungsausschusses, von Juni bis November Mitglied der Verfassunggebenden Nationalversammlung. Auf ihn gehen besonders die Institutionalisierung von Volksbegehren und Volksentscheid, die Gleichstellung von Bekenntnisschule und Gemeinschaftsschule sowie die starke Verankerung der gemeindlichen Selbstverwaltung zurück. Hoegner gilt damit als Vater der Verfassung des Freistaates Bayern.

Am 16. Oktober 1946 war er als einer von zwei deutschen Vertretern bei der Hinrichtung der zum Tode verurteilten Angeklagten der Nürnberger Prozesse anwesend.

Im Februar 1946 wurde Hoegner zum Vorsitzenden der bayerischen SPD gewählt.

Justizminister[Bearbeiten]

Bei den ersten Landtagswahlen am 1. Dezember 1946 siegte die CSU und Hans Ehard bildete ein Kabinett aus CSU und SPD. Hoegner blieb Justizminister und wurde stellvertretender Ministerpräsident.

1946 wurde er Honorarprofessor für Verfassungsrecht an der Juristischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Die SPD-Landtagsfraktion kündigte 1947 die Koalition mit der CSU auf. Hoegner wandte sich gegen diese Entscheidung und trat als Minister und Parteivorsitzender zurück.

Hoegner war als Delegierter des Bayerischen Landtags Mitglied der ersten Bundesversammlung, die 1949 Theodor Heuss zum ersten deutschen Bundespräsidenten wählte.

Außerhalb der Regierung[Bearbeiten]

Wegen seiner Haltung in der Koalitionsfrage und weil er in der Frage der Zustimmung zum Grundgesetz eine von der Parteilinie abweichende Meinung vertrat, kam es zwischen ihm und der Parteileitung bis 1949 zu heftigen Auseinandersetzungen.

Nach seinem Rücktritt als Minister wurde Hoegner 1947 Senatspräsident am Oberlandesgericht München. 1948 bis 1950 war er Generalstaatsanwalt am Bayerischen Obersten Landesgericht.

Zusammen mit Waldemar von Knoeringen baute er ab 1948 die Georg-von-Vollmar-Schule (ab 1968: Georg-von-Vollmar-Akademie) auf, deren Ziel es war und ist, durch politische Bildung und Schulung die Menschen dazu zu befähigen, sich aktiv für die soziale Demokratie einzusetzen, um so dem nationalsozialistischen Gedankengut entgegenzuwirken.

Innenminister[Bearbeiten]

Bei der Landtagswahl 1950 errang die SPD mit 28 % knapp den höchsten Stimmenanteil, zog aber dennoch nur als zweitstärkste Partei in den Landtag ein. Hoegner trat als Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident in das aus CSU und SPD gebildete dritte Kabinett Hans Ehard ein.

Zweite Regierung Hoegner[Bearbeiten]

Bei den Landtagswahlen vom 28. November 1954 konnte die SPD leicht zulegen, wurde aber von der CSU überholt, die sich um 10,6 % auf 38,0 % steigern konnte. Da eine Fortsetzung der bisherigen großen Koalition an der Haltung der CSU scheiterte, bildete die SPD zusammen mit der Bayernpartei, dem BHE und der FDP eine Viererkoalition mit Hoegner als Ministerpräsidenten. Die CSU stellte die einzige Oppositionspartei dar.

Hoegners Regierung versuchte unter anderem die Volksschullehrerausbildung zu reformieren. Am 31. Januar 1956 stellte er vor dem Bayerischen Landtag sein „Pfalz-Manifest“ vor, das der Pfalz im Falle der Rückkehr zu Bayern weitgehende Zusagen machte, doch das entsprechende Volksbegehren vom April 1956 erreichte nicht das notwendige Quorum.

Nach der Bundestagswahl vom 15. September 1957 mit dem triumphalen Sieg der Unionsparteien und einem Stimmenanteil von 57,2 % für die CSU in Bayern zerbrach seine Viererkoalition. Von der CSU ermuntert, trat am 7. Oktober der BHE aus der Koalition aus. Noch am selben Tag erklärten um 21 Uhr auch die vier Minister der Bayernpartei ihren Rücktritt, und Hoegner musste sein Amt am 8. Oktober abgeben. Hanns Seidel von der CSU wurde sein Nachfolger.

Nach dem Rücktritt[Bearbeiten]

Hoegner führte von 1958 bis 1962 die Landtagsfraktion der SPD und war anschließend bis zu seinem Ausscheiden aus dem Landtag 1970 stellvertretender Präsident des Bayerischen Landtags.

Im September 1961 wurde Wilhelm Hoegner in den Deutschen Bundestag gewählt. Er verzichtete aber schon Ende des Jahres auf sein Mandat; Nachrücker war Georg Kahn-Ackermann.

Hoegner starb am 5. März 1980 in München. Er wurde auf dem Friedhof am Perlacher Forst im Grab Nr. 7-A-56 beigesetzt.

Wilhelm-Hoegner-Preis[Bearbeiten]

Anlässlich Hoegners 100. Geburtstages wurde 1987 von der Landtagsfraktion der bayerischen SPD der Wilhelm-Hoegner-Preis gestiftet. Er wird seit 1988 jährlich an „Persönlichkeiten vergeben, die sich in besonderer Weise um den Erhalt und die Sicherung der Freiheits- und Bürgerrechte im Sinne Wilhelm Hoegners verdient gemacht haben“ (zitiert aus der Laudatio Franz Magets am 1. Juli 2008).

Einige der bisherigen Preisträger: Barbara Distel und Max Mannheimer (2008), Hans Schuierer (2006), Günter Verheugen (2005), Klaus Kreuzeder (2003), Hubert Weinzierl (2002), Dieter Hildebrandt (2001), Biermösl Blosn und Jörg Hube (2000), Heinrich Albertz, Martin Hirsch, Regine Hildebrandt, Ernst Maria Lang, Ilse Schliekmann, Hildegard Hamm-Brücher, Hans-Jochen Vogel, Carl Amery, Helmut Zilk und Heribert Prantl (2011).

Wilhelm-Hoegner-Preis 2010[Bearbeiten]

2010 hat die SPD-Landtagsfraktion mit dem Wilhelm-Hoegner-Preis erstmals nicht die herausragenden Leistungen einer Einzelperson gewürdigt, sondern das Engagement vieler fleißiger Köpfe, die hinter vier erfolgreichen sozialen Einrichtungen stecken, nämlich die sozial engagierten Straßenmagazine BISS (München), Donaustrudl (Regensburg), Riss (Augsburg) und Straßenkreuzer (Nürnberg). „Mit dem Preis setzen wir im Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung auch ein politisches Zeichen. Gegen Sozialabbau. Gegen Entsolidarisierung und für ein gerechteres Bayern. Die Preisträger sind sogenannte Straßenzeitungen. Sie haben sich dem Ziel verschrieben, Menschen in Not, in sozialen Schwierigkeiten, Menschen, die auf der Straße leben, zu unterstützen,“ erklärte SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher beim Festakt im Bayerischen Landtag.

Eingeladen waren auch die Macher der Obdachlosenzeitungen und die Verkäufer. Markus Rinderspacher: „Arme und Obdachlose haben für gewöhnlich keine Lobby. Straßenzeitungen wie Biss, Riss, Donaustrudl und Straßenkreuzer nehmen sich der Ausgegrenzten an. Sie helfen denen, die in Not sind, verleihen Ihnen eine Stimme, verschaffen ihnen Gehör und machen in unserer Wohlstandsgesellschaft auf ein soziales Problem aufmerksam, welches es in entwickelten Zivilisationen so nicht geben dürfte. In den vier Straßenmagazinen haben Obdachlose wichtige Fürsprecher und Anlaufstellen.“ Laudatorin war die stellvertretende SPD-Vorsitzende und Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig.

Ehrungen (Auszug)[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Der Faschismus und die Intellektuellen (1934)
  • Wodans Wiederkunft. Lustiger Reisebericht aus einer traurigen Zeit (Roman, 1936) unter dem Pseudonym „Urs Liechti“
  • Politik und Moral (1937)
  • Die verratene Republik. Geschichte der deutschen Gegenrevolution (1958)
  • Der schwierige Außenseiter. Erinnerungen eines Abgeordneten, Emigranten und Ministerpräsidenten (1959)
  • Flucht vor Hitler. Erinnerungen an die Kapitulation der ersten deutschen Republik 1933 (1977)

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Kritzer: Wilhelm Hoegner. Politische Biographie eines bayerischen Sozialdemokraten. Süddeutscher Verlag, München 1979, ISBN 3-7991-5874-X.
  • Hildegard Kronawitter: Wilhelm Hoegner. In: Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte. Nr. 2, 2005, S. 34–57 (HTML; PDF, 266 kB).
  • Hermann Rumschöttel: Wilhelm Hoegner. In: Katharina Weigand (Hrsg.): Große Gestalten der bayerischen Geschichte. Herbert Utz Verlag, München 2011, ISBN 978-3-8316-0949-9.
  •  Martin Schumacher, Katharina Lübbe, Wilhelm Heinz Schröder: M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung, 1933–1945. Eine biographische Dokumentation. 3. Auflage. Droste, Düsseldorf 1994, ISBN 3-7700-5183-1.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wilhelm Hoegner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. SPD-Spitzenkandidaten seit 1946 – Acht Spitzenkandidaten und ein Fragezeichen, br-aussenproduktion.de
  2. Peter Kritzer: Wilhelm Hoegner. München 1979, S. 28.
  3. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB)
  4. Helga Pfoertner: Mit der Geschichte leben. Bd. 1, Literareron, München 2001, ISBN 3-89675-859-4, S. 200 (PDF; 1,1 MB)