Wilhelm Klemm (Lyriker)

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Wilhelm Klemm (* 15. Mai 1881 in Leipzig; † 23. Januar 1968 in Wiesbaden; Pseudonym: Felix Brazil) war ein deutscher Lyriker.

Leben[Bearbeiten]

Vor 1914[Bearbeiten]

Die ersten, noch überwiegend gereimten Gedichte Wilhelm Klemms fallen in seine Gymnasialzeit (Thomasschule zu Leipzig, bis 1900). Neben dem literarischen Bildungskanon des Kaiserreiches stand sein Frühwerk, wie zahlreiche Zeichnungen in seinen Tagebüchern belegen, unter dem Einfluss der Kunstgeschichte, insbesondere der italienischen Renaissance, des französischen Klassizismus und der Romantik. Nach dem Studium der Medizin in München, Erlangen, Leipzig und Kiel legte er 1905 das Staatsexamen ab. Nach dem Tod seines Vaters Otto Klemm im Jahr 1909 übernahm er dessen Buchhandlung. Die Ehe mit Erna Kröner, Tochter des Verlegers Alfred Kröner, im Jahr 1912 sicherte ihn finanziell ab. Aus der Ehe gingen vier Söhne hervor. Seine Geschwister waren Otto Klemm, ein Vertreter der Leipziger Schule der Gestaltpsychologie (Ganzheitspsychologie), und Annemarie Jacob[1], eine expressionistische Malerin.

Literarisches Debüt. Bruch mit Franz Pfemfert[Bearbeiten]

1915, während der Zeit des Ersten Weltkrieges – Wilhelm Klemm war Regimentsarzt in Flandern – debütierte er mit dem Gedichtband Gloria. Seine inzwischen zumeist reimlose freirhythmische Lyrik ist von einer minimalistischen, ausdrucksstarken Sprache gekennzeichnet, die sich häufig keinen Regeln unterwirft. Hat er mit anderen expressionistischen Lyrikern die Präferenz einer Strophenform gemeinsam, so teilt er nicht deren patriotisches Pathos (Ernst Wilhelm Lotz) oder deren Mitleidsdenken (Franz Werfel). Die erste Strophe des von Kritikern wie Theodor Heuss hochgelobten Gedichtes Stellung lautet: „Die Nacht arbeitet ununterbrochen. Schüsse jagen / Vorüber. Klatschen ein, oder seufzen davon, / Poltern fern wie Steingeröll. Vergähren. Ein Geschütz brüllt auf – / Die Gespenster der Vernichtung schnattern. Stunden versickern.“

Klemms Gedichte erschienen – mit Ausnahme des Sturms – in den wichtigen Literatur- und Kunstzeitschriften: zunächst in der Jugend und im Simplicissimus, später auch in Franz Pfemferts Aktion. An den weltanschaulichen Diskussionen seiner Zeit nahm Klemm allerdings nicht teil. Pfemfert gab mit Verse und Bilder sowie Aufforderung den zweiten bzw. dritten lyrischen Einzelband heraus. Nach Kriegsende kam es jedoch zu ästhetisch-inhaltlichen Differenzen, bis schließlich keines seiner Gedichte mehr in die Aktion aufgenommen wurde. In dem Gedicht Sehnsucht deutet sich schon eine Abkehr vom Expressionismus an: „O Herr, vereinfache meine Worte. / Laß Kürze mein Geheimnis sein. / Gib mir die weise Verlangsamung. / Wieviel kann beschlossen sein in drei Silben!“[2]. Diese Abkehr bedeutete aber nicht eine Hinwendung zum Ästhetizismus eines Stefan George; die Zerrissenheit der Moderne blieb weiterhin ein wichtiges Sujet: „Oh meine Zeit! So namenlos zerrissen, / So ohne Stern, so daseinsarm im Wissen“[3], und immer wieder setzt er sich mit einer keiner bestimmten Religion zugeordneten Transzendenz auseinander.

Das Nachkriegswerk 1919 bis 1921[Bearbeiten]

Nach den 1919 erschienenen Bänden Ergriffenheit und Entfaltung publizierte Klemm Traumschutt (1920). Die Gedichtfolge Verzauberte Ziele (1921) wurde wahrscheinlich 1920 oder vorher zusammengestellt. In Alfred Wolfensteins Jahrbuch Die Erhebung (1920) ist Klemms Zyklus Tage und Nächte enthalten, der jedoch völlig unbeachtet blieb und auch nicht in späteren Anthologien Aufnahme fand. Der Lyriker und Literaturwissenschaftler Jan Volker Röhnert spricht bei den Nachkriegsgedichten Klemms von „unbekannten Meisterwerken unserer Poesiegeschichte“ und erkennt in der bizarren Metaphorik Einflüsse des Stummfilms. Klemms Verzicht auf weitere lyrische Publikationen ab 1921 kann als ein freiwilliges „Bilderverbot“ aufgefasst werden: „Das bewährte lyrische Bild wurde als überholt und verbraucht empfunden, während die Allgegenwart von Bildern der Wirklichkeit in Gedichten kaum mehr repräsentierbar schien.“[4]

Tätigkeit als Verleger[Bearbeiten]

Im Jahr 1919 übernahm Klemm das Leipziger Kommissionshaus Carl Friedrich Fleischer. Ab 1921 – Kröner starb am 2. Januar 1922 – arbeitete er zudem als geschäftsführender Gesellschafter[5] der Firma Alfred Kröner, und 1927 kaufte er die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung. Ein denkwürdiges Ereignis unter seiner Ägide war die Herausgabe der Frühschriften von Karl Marx im Alfred Kröner Verlag ein Jahr vor Hitlers Machtergreifung. 1937 wurde er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und musste die Leitung des Alfred Kröner Verlages aufgeben. Dem setzte Klemm in Zusammenarbeit mit dem Philologen Rudolf Marx (1899–1990) die Herausgabe der Sammlung Dieterich[6] entgegen, die sich während der NS-Zeit mit ihren philosophisch, kulturgeschichtlich und literarisch wertvollen Bänden der humanistischen Tradition verpflichtet wusste. 1943 wurden alle Betriebe zerstört. Zwei seiner vier Söhne fielen im Krieg.

Nach 1945. Ein vergessener Dichter. Zögerliche Neuentdeckung[Bearbeiten]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges existierte die Sammlung Dieterich in geteilter Form weiter. Die Leipziger Bände wurden in der DDR vom Philologen Rudolf Marx betreut, der sich für einen Verbleib in Leipzig entschied, während Wilhelm Klemm einem Angebot der Amerikaner folgte und nach Wiesbaden zog (vgl. Stegmann, 2011).[7] Hier setzte er seine verlegerische Tätigkeit fort, bis er 1955 die in seiner Verantwortung verbliebenen Bände der Sammlung Dieterich dem Carl Schünemann Verlag in Bremen verkaufte. 1948 heiratete er die aus Leipzig stammende Ilse Brandt und hatte eine Tochter mit ihr.

Als Autor war Wilhelm Klemm in Vergessenheit geraten. Zu den Schriftstellern der Gruppe 47 und ihrem Umfeld hatte er keinen Kontakt. Die Rezeption seines Werkes begann erst zu Klemms achtzigstem Geburtstag 1961, als im Limes Verlag der Band Aufforderung mit einem Nachwort von Kurt Pinthus neu veröffentlicht wurde. Als Förderer hat sich auch der Akzente-Herausgeber Hans Bender verdient gemacht. Eine gewissen Impuls erfuhr die Rezeption ferner durch die ab den 1960er Jahren zunehmende Popularität von Jorge Luis Borges in Deutschland, der bereits 1920 Wilhelm Klemm ins Spanische übertrug. Wilhelm Klemm starb am 23. Januar 1968 in Wiesbaden.

Trivia[Bearbeiten]

Das Pseudonym Felix Brazil ist der Name einer von Wilhelm Klemm bevorzugten Zigarrenmarke.

Werke[Bearbeiten]

  • 1915 Gloria! Kriegsgedichte aus dem Felde. Albert Langen, München
  • 1916 Verse und Bilder. Verlag Die Aktion, Berlin
  • 1917 Aufforderung. Gesammelte Verse. Mit vier Textillustrationen des Verfassers. Verlag Die Aktion, Berlin (Die Aktions Lyrik Bd 4); Neuauflage 1961 mit einem Nachwort von Kurt Pinthus. Limes, Wiesbaden 1961
  • 1919 Entfaltung. Gedichtfolge. Kleuken Presse, Bremen; Reprint 1973 von Kraus Reprint, Nendeln (Bibliothek des Expressionismus)
  • 1919 Ergriffenheit. Gedichte. Kurt Wolff, München (dieses Buch wurde als erstes der neuen Folge der Drugulin-Drucke im Dezember 1919 für Kurt Wolff Verlag in München von W. Drugulin in Leipzig in einer Auflage von 1100 Exemplaren gedruckt); Reprint 1973 von Kraus Reprint, Nendeln (Bibliothek des Expressionismus)
  • 1920 Traumschutt. Gedichte, Umschlagzeichnung von Wilhelm Klemm. Paul Steegemann Verlag, Hannover (Gedruckt als 65.-66. Band der Sammlung Die Silbergäule bei der Geschäftsbücherfabrik Edler & Krische, Hannover); mit dem Untertitel „Ausgewählte Gedichte“ hrsg. von Andrea Czesienski: Aufbau, Berlin/Weimar 1985
  • 1921 Verzauberte Ziele. Gedichtfolge. Erich Reiß Verlag, Berlin (gedruckt bei Otto v. Holten, Berlin C, im Herbst 1921); Reprint 1973 von Kraus Reprint, Nendeln (Bibliothek des Expressionismus)
  • 1922 Die Satanspuppe. Erschienen unter dem Pseudonym Felix Brazil. Paul Steegemann Verlag, Hannover; Reprint 1973 von Kraus Reprint Nendeln (Bibliothek des Expressionismus)
  • 1964 Geflammte Ränder J. G. Bläschke Verlag, Darmstadt (Das neueste Gedicht Band 4, hrsg. von Horst Heiderhoff und Dieter Hoffmann)
  • 1981 Ich lag in fremder Stube. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Hanns-Josef Ortheil. Hanser, München
  • 1985 Traumschutt. Ausgewählte Gedichte. Auswahl und Nachwort von Andrea Czesienski. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar
  • 1995 Dreizehn Autorenporträts. Von Guillaume Appolinaire bis Kurt Schwitters. Herausgegeben von Karl Riha. edition fundamental, Köln
  • 2012 Gesammelte Verse. Mit Vignetten und Tuschezeichnungen von der Hand des Autors. Herausgegeben von Imma Klemm und Jan Volker Röhnert. Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Mainz. ISBN 978-3-87162-077-5
  • 2013 Tot ist die Kunst. Briefe und Verse aus dem Ersten Weltkrieg. Herausgegeben von Imma Klemm, mit einem Nachwort von Hanns-Josef Ortheil. Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Mainz. ISBN 978-3-87162-079-9

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Renate Hartleb: Annemarie Jacob. 1891–1990. Leben und Werk. Herausgegeben von Rosmarie Pierer. Druckerei zu Altenburg GmbH, Altenburg 2002, ISBN 3-936300-02-X.
  2. Aufforderung. 1917.
  3. Meine Zeit. In: Aufforderung. 1917.
  4. Jan Volker Röhnert: Magische Flucht am Rand des Expressionismus. Zum spurenlosen Œuvre Wilhelm Klemms. In: Akzente. Zeitschrift für Literatur. Heft 2/April 2006 (S. 157–172). S. 169.
  5. Peter Rühmkorf (Hrsg.): Kurzbiografie. In: Expressionistische Gedichte. Klaus Wagenbach, Berlin 1994. S. 158.
  6. Grit Stegmann: Die Sammlung Dieterich und ihr Herausgeber Rudolf Marx. In: Siegfried Lokatis, Ingrid Sonntag (Hrsg.): 100 Jahre Kiepenheuer-Verlage. Ch. Links Verlag, Berlin 2011. ISBN 978-3-86153-635-2, S. 300–308.
  7. Wilhelm Klemms damalige Adresse war Steubenstraße 3. Kurt Pinthus (Hrsg.): Kurzbiografie. in: Menschheitsdämmerung Revidierte Ausgabe mit wesentlich erweitertem bio-bibliographischen Anhang. Rowohlt, Reinbek 1995. S. 351.