Wilhelm Müller (Dichter)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Wilhelm Müller
Denkmal im Dessauer Stadtpark
Ruhestätte auf dem neuen Begräbnisplatz in Dessau

Johann Ludwig Wilhelm Müller (* 7. Oktober 1794 in Dessau; † 1. Oktober 1827 ebenda) war ein deutscher Dichter. Er war der Vater des Sprachforschers Friedrich Max Müller.

Biografie[Bearbeiten]

Wilhelm Müller war das sechste Kind des Schneiders Christian Leopold Müller und seiner Frau Marie Leopoldine, geborene Cellarius. Seine Geschwister starben früh, 1808 verlor er auch seine Mutter. Sein Vater, ein Schuhmacher, der durch längere Krankheit immer wieder in Finanznot war, heiratete 1809 die wohlhabende Witwe Marie Seelmann, geborene Gödel.

1812 begann Wilhelm Müller ein Studium der Philologie in Berlin, meldete sich aber im Februar 1813 als Freiwilliger zum preußischen Heer und nahm an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil. 1814 wurde er zum Leutnant ernannt. Ab 1816 besuchte er literarische Salons in Berlin und lernte dort unter anderen Gustav Schwab, Joachim von Arnim, Clemens Brentano, Ludwig Tieck sowie Ludwig Berger kennen. Bereits 1816/1817 vertonte dieser für ein Liederspiel Texte Müllers. Fünf dieser Vertonungen wurden 1818 als Teil von Bergers Liederzyklus Gesänge aus einem gesellschaftlichen Liederspiel 'Die schöne Müllerin' veröffentlicht. In die Dichterin Luise Hensel war er unglücklich verliebt. 1817/18 unternahm er eine Bildungsreise nach Italien.

Im April 1819 wurde er zum Gymnasiallehrer in seiner Heimatstadt Dessau ernannt, später zum Herzoglichen Bibliothekar.

Am 21. Mai 1821 heiratete er Adelheid Basedow, eine Enkelin des Reformpädagogen Johann Bernhard Basedow. Mit ihr hatte er zwei Kinder, die am 20. April 1822 geborene Auguste und den am 6. Dezember 1823 geborenen Friedrich Max.

Vom 1. bis 3. Juli 1824 nahm er am Musikfest zur „Säcularfeier“ Klopstocks in Quedlinburg teil, das von Quedlinburger Bürgern initiiert worden war, um für Friedrich Gottlieb Klopstock ein Denkmal zu errichten. Das Musikfest, auf dem seine Frau Adelheid die Altpartie sang, wurde von Carl Maria Weber geleitet. Über die Feier berichtete er in Brockhaus’ Literarischen Conversations-Blatt. Das Denkmal von Schinkel und Tieck wurde am 7. Juli 1831 in der Quedlinburger Parkanlage Brühl eingeweiht.

Im August 1824 wurde Müller zum Hofrat ernannt. Im März 1826 erkrankte er an Keuchhusten. Trotz mehrerer Kuraufenthalte ging es mit seiner Gesundheit stetig bergab und er starb im folgenden Jahr im Alter von nur 32 Jahren an einem Herzinfarkt.

Müller wurde durch seine gesellschaftskritischen deutschen Volkslieder bekannt. Er setzte sich für den Unabhängigkeitskampf der Griechen gegen die türkische Besatzung ein – daher sein Beiname „Griechen-Müller“, obwohl er Griechenland nie besuchte.

Er konnte sehr gut Englisch lesen und war unter anderem von Lord Byron beeinflusst, der am griechischen Unabhängigkeitskampf teilgenommen hatte.[1]

Müller war als Herausgeber und Redakteur unter anderem für die im Verlag Brockhaus erschienene Bibliothek deutscher Dichter des siebzehnten Jahrhunderts tätig. Die Bibliothek wurde von Karl August Förster weitergeführt und mit Band 14 beendet. Außerdem arbeitete Müller für verschiedene literarische Zeitschriften, darunter das Literarische Conversationsblatt und Hermes.

Wilhelm Müller war Freimaurer. Im Juli 1820 wurde er in die Freimaurerloge Minerva zu den drei Palmen in Leipzig aufgenommen.[2]

Der literarische Nachlass Müllers wird in der Anhaltischen Landesbücherei Dessau verwahrt.

Wirken[Bearbeiten]

Bereits zu seinen Lebzeiten wurde Müller oft als mittelmäßiger Autor der Romantik abgetan [3]; die Kritik hält bis heute an.[4] Demgegenüber steht das Bemühen um eine differenziertere Würdigung als Vorläufer Heinrich Heines.

Werke[Bearbeiten]

Erste Gesamtausgabe der Werke Wilhelm Müllers in zeitgenössischen Einbänden
  • Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten, Erstes Bändchen, 1821[5] – enthält u. a. den Zyklus Die schöne Müllerin
  • Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten, Zweites Bändchen, 1824 – enthält u. a. den Zyklus Die Winterreise
  • Lyrische Reisen und epigrammatische Spaziergänge, 1827 – enthält u. a. den Zyklus Muscheln von der Insel Rügen mit dem Gedicht „Vineta“, das Johannes Brahms 1860 als einen von Drei Gesängen für sechstimmigen Chor a cappella vertonte (op. 42 Nr. 2)

Franz Schuberts Vertonungen[Bearbeiten]

Der heutige Nachruhm Müllers beruht vor allem auf seinen Gedichtzyklen Die schöne Müllerin und Winterreise. Sie wurden – wie auch zwei Gedichte, die er für sein letztes Werk Der Hirt auf dem Felsen heranzog – von Franz Schubert vertont und zählen in dieser Form zu den bekanntesten[6] Liederzyklen überhaupt. Es ist nicht belegt, dass Müller je von diesen Vertonungen erfahren hat, obwohl Schubert die „Müllerin“ schon 1823 vollendete, während die Vertonung der „Winterreise“ erst 1827 erfolgte, also in Müllers Todesjahr und ein Jahr vor Schuberts eigenem Tod.

Wilhelm-Müller-Preis[Bearbeiten]

Der Wilhelm-Müller-Preis wird seit 1996 im Regelfall alle zwei Jahre durch das Land Sachsen-Anhalt im Wechsel mit dem Friedrich-Nietzsche-Preis als Förderpreis für den literarischen Nachwuchs verliehen.

Literatur[Bearbeiten]

  • F. Max Müller: Müller, Wilhelm. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 22, Duncker & Humblot, Leipzig 1885, S. 683–694.
  • Hans-Wolf Jäger: Müller, Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 18, Duncker & Humblot, Berlin 1997, ISBN 3-428-00199-0, S. 320–322 (Digitalisat).
  • Otto Hachtmann: Wilhelm Müller. In: Mitteldeutsche Lebensbilder, Band 2: Lebensbilder des 19. Jahrhunderts; Magdeburg 1927; S. 151–170.
  • Norbert Michels (Hrsg.): Wilhelm Müller, eine Lebensreise. Böhlau, Weimar 1994, ISBN 3-7400-0960-8 (Ausstellungskatalog der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau zum 200. Geburtstag).
  • Maria-Verena Leistner (Hrsg.): Wilhelm Müller. Werke, Tagebücher, Briefe, 5 Bände und ein Registerband; Berlin: Mathias Gatza, 1994; ISBN 3-928262-21-1.
  • Erika von Borries: Wilhelm Müller – Der Dichter der Winterreise. Eine Biographie; München: C.H.Beck, 2007; ISBN 978-3-406-56212-9 (mit 2 Audio-CD).
  • Eugen Lennhoff, Oskar Posner, Dieter A. Binder: Internationales Freimaurerlexikon. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage der Ausgabe von 1932; München 2003; ISBN 3-7766-2161-3.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Wilhelm Müller – Quellen und Volltexte
 Commons: Wilhelm Müller – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Siehe dazu die Biografie von Harro Paul Harring.
  2. Eugen Lennhoff, Oskar Posner, Dieter Binder: Internationales Freimaurerlexikon, München 2003, ISBN 3-7766-2161-3
  3. So hat z.B. Johann Wolfgang von Goethe in einem am 27. Sept. 1827 geführten Gespräch mit Eckermann im Zusammenhang mit W. Müller von „Lazarettpoesie“ gesprochen.
  4. Fritz Martini: Deutsche Literaturgeschichte; Köln: Komet, 2003 (= Stuttgart: Kröner, 1991); ISBN 3-89836-381-3; S. 349–350.
  5. Vgl. z. B.  Wilhelm Müller (Hrsg.): Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten. Christian Georg Ackermann, Dessau 1821. Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv
  6. Jeweils ein einziger der Liedertexte dieser umfangreichen Zyklen ist dabei so populär geworden, dass - anders als bei Schubert - volksliedhafte Vertonungen daraus entstanden sind (gemeint sind die Texte „Das Wandern ist des Müllers Lust ...“ bzw. „Am Brunnen vor dem Tore da steht ein Lindenbaum ...“).