Wilhelm Meisters Wanderjahre

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Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die Entsagenden ist ein Roman von Johann Wolfgang von Goethe. Er gilt als die persönlichste aller Goethe’schen Dichtungen. 1821 erschien die erste Fassung, 1829 die vollständige. Ihr fehlen die vorangestellten Gedichte des Fragments von 1821.

Bereits in den Jahren 1807 bis 1810 hatte Goethe an dem Text geschrieben. Die Idee einer solchen Fortsetzung der Lehrjahre wurde in dem Brief vom 12. Juli 1796 an Schiller geäußert.[1]

Titelblatt der Erstausgabe von 1821
Goethe im Jahre 1828

Auf Kapitel im Buch wird mit einem Zahlenpaar in der Form (Buch, Kapitel) verwiesen.

Merkmale des Romans[Bearbeiten]

Typus[Bearbeiten]

Goethe selbst bezeichnet dieses Spätwerk als einen Roman.[2] Er besteht aus drei Büchern sowie Betrachtungen im Sinne der Wanderer und Materialien aus einem Archiv.

Die Einordnung der Wanderjahre seitens der Fachwelt ändert sich mit den Jahren.

  • Erich Trunz[3] bestimmte 1950 die Wanderjahre schlicht als Rahmenerzählung mit eingelegten Novellen.
  • Volker Neuhaus[4] bezeichnete 1968 die Wanderjahre als „Archivroman“, wobei er unter anderem von Makariens Archiv und seinem Inhalt ausging. In der Tat wird manches im Roman brieflich verhandelt. Es geht zentral um Papiere.
  • Gero von Wilpert[5] nannte die Wanderjahre einen Zeitroman. Nach Wilpert[6] hat Brentano den Zeitroman als erweiterten Gesellschaftsroman definiert. Im Zeitroman wird definitionsgemäß gleichsam ein Bild der Gesellschaft, des Geistes, der Kultur, der Politik und der Ökonomie einer Zeit auf einen Rundhorizont gemalt. Im Falle der Wanderjahre handelt es sich um das Bild der Zeit, in der Goethe lebte und die Goethe ins 19. Jahrhundert hinein schreibend extrapolierte.

Darstellungsweise[Bearbeiten]

Zur Darstellungsweise der Wanderjahre hat Gidion[7] ein Buch geschrieben.

Goethe belastet den Wanderer Wilhelm mit zwei Restriktionen, indem er ihn konstatieren lässt:

  • „Nicht über drei Tage soll ich unter einem Dache bleiben.“ (1,1)
  • „Nun soll auf meiner Wanderschaft kein Dritter uns ein beständiger Geselle werden.“ (1,3)

Auch der daraus resultierende beständige Orts- und Personenwechsel erzeugt jene disparate Romanstruktur, auf die Goethe am 28. Juli 1829 hingewiesen und die dann etliche Rezipienten zu unbedachten Äußerungen verleitet hat.

Mehr noch als in den Lehrjahren fordert Goethe in den Wanderjahren einen geduldigen Leser. Jarno aus den Lehrjahren heißt in den Wanderjahren Montan. Hinter der „Schönen-Guten“ und dem „nußbraunen Mädchen“ verbirgt sich Nachodine.

Zeit der Handlung[Bearbeiten]

An zwei Stellen im Text erfährt der Leser, dass die Wanderung ins 18. Jahrhundert zurückführt. Der Wanderer Wilhelm Meister wird einmal unterwegs auf einem Schlosse in eine Galerie geführt, „worin nur Porträts aufgehängt bzw. aufgestellt waren, alles Personen, die im achtzehnten Jahrhundert gewirkt hatten“ (1,6). Und als ein andermal die Vorgeschichte des Romans erzählt wird, heißt es: „Der lebhafte Trieb nach Amerika im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war groß“ (1,7).

Motiv der Entsagung[Bearbeiten]

Diesen zentralen Begriff seiner Ethik, den Verzicht auf Niederes zugunsten Höherem, hat Goethe in Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit in (4,16) definiert: „Unser physisches sowohl als geselliges Leben, Sitten, Gewohnheiten, Weltklugheit, Philosophie, Religion, ja so manches zufällige Ereignis, alles ruft uns zu, daß wir entsagen sollen… Diese schwere Aufgabe jedoch zu lösen, hat die Natur den Menschen mit reichlicher Kraft, Tätigkeit und Zähigkeit ausgestattet.“

Weil Goethe den Terminus in den Wanderjahren sogar in den Titel hinein genommen hat, wird er in der Sekundärliteratur ausführlich besprochen. Wilpert (anno 1998, S. 1189 unten) zählt z.B. die in den Roman eingelegten Novellen als Beispiele für Geschichten um Personen auf, denen die Entsagung noch nicht geglückt ist.

Für Goethes Romankonzept ist die Entsagung Programm. Das ist aus Einzelheiten ablesbar:

(1,4) Zu den „sonderbaren Verpflichtungen der Entsagenden“ gehört auch die: „daß sie, zusammentreffend, weder vom Vergangenen noch Künftigen sprechen dürfen, nur das Gegenwärtige soll sie beschäftigen“.

Entsagt wird meist den Freuden der körperlichen Liebe zwischen Mann und Frau zugunsten höchster Werte. Vollkommenheit wird angestrebt.

Symbolik[Bearbeiten]

Hinter der vordergründigen Handlung stecken in den Wanderjahren allegorische Figuren und Symbole.

Zum Beispiel symbolisieren Kästchen und Schlüssel das Geheimnis des Lebens. Zudem ist das Symbol bei Goethe selten eindeutig. Etliche Goethe-Interpreten verstehen Kästchen und Schlüssel – um bei dem Beispiel zu bleiben – in Verbindung mit der Liebesgeschichte zwischen Hersilie und Felix (3,17) auch als sexuelle Attribute.

Mit der unten stehenden, kurz gefassten Beschreibung der Roman-Handlung ist die enzyklopädische Deskription dieses viel sagenden Werkes also keinesfalls abgetan. Notgedrungen wird auf die sehr umfangreiche Sekundärliteratur verwiesen.

Handlung[Bearbeiten]

Eine einzelne Zahl verweist auf das betreffende Kapitel. Die Titel der eingelegten Novellen sind unterstrichen. Mitunter gehen Novellen über Kapitelgrenzen hinweg. Das Ende der Beschreibung einer Novelle ist im Normalfall die Leerzeile. Ausnahme: Manche Novellen sind mit der nachfolgenden Rahmenerzählung verquickt.

Erstes Buch[Bearbeiten]

Die Flucht nach Ägypten

1 Wilhelm, mit seinem Sohn Felix im Gebirge unterwegs, begegnet einer fünfköpfigen Familie. Der junge, rüstige Mann trägt Handwerkszeug eines Zimmermanns. Die Familienmutter, „ein sanftes, liebenswürdiges Weib“, hat Wilhelm schon viel früher gesehen – auf dem Gemälde Die Flucht nach Ägypten. Der freundliche Zimmermann lädt die beiden Wanderer zur Übernachtung nach Sankt Joseph ein.

Sankt Joseph der Zweite

2 Sankt Joseph erweist sich als „ein großes, halb in Trümmern liegendes, halb wohlerhaltenes Klostergebäude“. Wilhelm wird von den Kindern des Zimmermanns vor ein Gemälde geführt, die „die Geschichte des heiligen Joseph“ vorstellen. Auf einem Gemälde ist Joseph „mit einer Zimmerarbeit beschäftigt“, auf dem nächsten begegnet er „Marien“, und eine Lilie sprosst zwischen beiden aus dem Boden. Der Zimmermann, den Wilhelm in den Bergen traf, heißt auch Joseph und seine Frau heißt Marie.

Die Heimsuchung, Der Lilienstengel

Joseph erzählt Wilhelm, wie er um Marie, die schwangere Witwe, die „den schönsten Knaben“ gebar, freite.

3 Wilhelm, der Natalie entsagte, schreibt ihr über den Zimmermann Joseph: „Jene Verehrung seines Weibes, gleicht sie nicht derjenigen, die ich für dich empfinde? und hat nicht selbst das Zusammentreffen dieser beiden Liebenden etwas Ähnliches mit dem unsrigen?“ Wilhelm beneidet Joseph, weil er mit Marie unter einem Dach wohnt und schreibt weiter an Natalie: „Dagegen darf ich nicht einmal mein Schicksal beklagen, weil ich dir zugesagt habe, zu schweigen und zu dulden, wie du es auch übernommen hast.“

Wilhelm und Felix wandern weiter und begegnen Jarno, der Steine klopft und nun Montan genannt wird. Montan ist von den Menschen enttäuscht: „Ihnen ist nicht zu helfen.“ Deshalb folgt er einer „einsiedlerischen Neigung“. Montan weiß: „Die Natur hat nur eine Schrift.“ Er will nicht länger reden, sondern jene Schrift der Natur entziffern.

4 Montan und Wilhelm reden aber doch weiter. Es geht um die naturkundliche Belehrung von Felix. Montan meint, Wilhelm sei als Lehrer ungeeignet: „Wer andere lehren will, kann wohl oft das Beste verschweigen, was er weiß, aber er darf nicht halbwissend sein.“ Nach Montan ist „die Zeit der Einseitigkeiten“ – sprich, der Entsagung – angebrochen und er weiß auch den Weg: „von unten hinauf zu dienen, ist überall nötig. Sich auf ein Handwerk zu beschränken, ist das Beste. Um einen Gegenstand ganz zu besitzen, zu beherrschen, muß man ihn um sein selbst willen studieren. Was der Mensch leisten soll, muß sich als ein zweites Selbst von ihm ablösen.“

Wilhelm ist beeindruckt und will endlich einen ordentlichen Beruf erlernen. Montan soll ihm helfen, „daß die lästigste aller Lebensbedingungen, nicht länger als drei Tage an einem Orte zu verweilen, baldigst aufgehoben und ihm vergönnt werde, sich zu Erreichung seines Zweckes da oder dort, wie es ihm belieben möge, aufzuhalten“. Montan will sich für den Freund verwenden.

Wilhelm und Felix pilgern weiter, bis Felix ein „Riesenschloß“ erblickt. Wände und Säulen ragen auf einem einsamen Gipfel hervor, geschlossene Säulenwände bilden „Pforten an Pforten, Gänge nach Gängen“. Während der nächsten Rast ist Felix verschwunden. In einer Felsspalte findet Felix „ein Kästchen, nicht größer als ein kleiner Oktavband, von prächtigem altem Ansehn“, es scheint „von Gold zu sein, mit Schmelz geziert“. Wilhelm und Felix schlagen „den Weg ein nach jenen ausgedehnten Gütern eines großen Landbesitzers, von dessen Reichtum und Sonderbarkeiten man ihnen erzählt hatte“.

5 „Der Hausherr, ein kleiner, lebhafter Mann von Jahren“, bewillkommt Wilhelm auf dem Schlosse. Es folgt sogleich die Begrüßung durch „zwei Frauenzimmer“, wovon die eine mit großer Heiterkeit zu ihm spricht: „Sie finden hier kleine Gesellschaft, aber gute; ich, die jüngere Nichte, heiße Hersilie, diese, meine ältere Schwester, nennt man Juliette.“ Hersilie, auf der Wilhelms Blick ruht, hat sich auf französische Literatur spezialisiert und gibt dem Ankömmling gleich eine Kostprobe ihrer Übersetzungstätigkeit zum Lesen:

Die pilgernde Törin

Die pilgernde Törin ist eine schöne Vagantin, der Herr von Revanne, ein reicher Provinzler, abseits der Landstraße begegnet, als sie anmutig auf einem Rasenstück ruht. Er nimmt sie mit in sein Schloss, wo sie wohlgelitten für zwei Jahre als Gesellschafterin bleibt. Nach Ablauf dieser Frist haben sich Herr von Ravenne und sein Sohn in sie verliebt. Als ihr beide – jeder für sich – ihre Liebe gestanden haben, werden sie von ihr gefoppt und die schöne Fremde verschwindet. Der Sohn behält sie als „Engel, oder vielmehr ein Dämon“ in Erinnerung, dem Vater erscheint sie „so flüchtig wie die Engel und so liebenswürdig“.

6 Hersilie unterrichtet Wilhelm über Lenardo, einen „Vetter, der drei Jahre abwesend, demnächst erwartet“ wird. Des Weiteren ist die Rede von Makarie, „einer würdigen Tante, die, unfern in ihrem Schlosse wohnend, als ein Schutzgeist der Familie zu betrachten sei“. Hersilie will Wilhelm Briefe geben, „woraus das Weitere zu ersehen ist“, und sagt: „Gestern machte ich Sie mit einer törigen Landläuferin bekannt, heute sollen Sie von einem verrückten Reisenden vernehmen.“

Felix macht Hersilie den Hof und stürzt während eines Ausritts in einen Graben. Ein Wundarzt ist zur Stelle.

Lenardo kündigt sich mit einem Brief an die Tante an. Hersilie kommentiert diesen Brief in einem weiteren Brief an die Tante. Darin kommt Lenardo nicht gut weg. In letzterem Brief werden Valerine und Nachodine genannt. Lenardo, der Abwesende, verwechselte sie und Hersilie korrigiert. Wilhelm schreibt an Natalie lakonisch: „Man vertraut mir, man gibt mir einen Pack Briefe, … ich kenne die Personen, deren Bekanntschaft ich machen werde.“

7 Über den Hausherrn auf dem Schlosse wird mitgeteilt: Sein Vater wurde in Philadelphia geboren. Der Hausherr gelangte als Jüngling nach Europa. „Er übernahm die Familiengüter, wußte sie freisinnig zu behandeln, sie wirtschaftlich einzurichten.“

Wer ist der Verräter?

8 Lucidor studiert, gefördert vom Oberamtmann, die Rechtswissenschaft, um einmal Oberamtmann zu werden. Die Töchter des Oberamtmanns, Julie und Lucinde, wachsen heran. Nach dem Willen des verehrten, gelehrten Vaters, soll Lucidor einmal Julie heiraten. Beim ersten Treffen fühlt Lucidor eine „Entfremdung gegen Julien“, Lucinde dagegen zieht ihn an, dass er zittert, wenn sie ihn „mit ihren vollen, reinen, ruhigen Augen“ ansieht. Lucidor, der sich im Hause des Oberamtmanns zu Besuch aufhält, offenbart, sobald er im Bett allein ist, dem Leser in Selbstgesprächen sein Innerstes: Nur Lucinde kann die Glückliche sein. Doch es scheint ihm, als ob Lucinde bereits an Antoni vergeben ist. Lucidor muss erkennen, der Schein trügt nicht. Also reist er ab. Jedoch der Unglückliche kommt nicht weit: „da erblickt er Lucinden“. Sie fasst ihn sanft in ihren Arm und ruft: „Sie sind mein, ich die Ihre!“ Schließlich, später, auf einer Kutschfahrt, eröffnet Julie unter vier Augen Lucidor, ihre Familie habe seine heftigen Monologe vom Nebenzimmer aus von Anfang an belauscht und also gewusst, dass er Lucinde begehrte. Mit seinem lauten Gerede im Bett habe er sich selbst verraten. Das Happy End ist perfekt. Antoni bekommt Julie und Lucidor bekommt Lucinde.

9 Wilhelm und Felix wandern „auf ein altes Gebäude“ zu. Darin sitzen Makarie auf einem Lehnsessel (der von zwei hübschen jungen Mädchen geschoben wird), Makaries Astronom und ihre Archivarin Angela. Makarie spricht zu Wilhelm als einem Vertrauten: „da wir unter uns sind, nichts festsetzen, nichts nach außen wirken, sondern nur uns aufklären wollen, so kann das Gespräch immer vorwärtsgehen“. Der Astronom kündigt an, „von der Mathematik ist die Rede“. Es wird aber nicht von der Mathematik gesprochen. Felix kämpft gegen die Langeweile. Wilhelm betrachtet mit dem Astronomen die Gestirne, diese „himmlischen Heerscharen“. Durch ein vollkommenes Fernrohr wird „Jupiter, begleitet von seinen Monden“ angeschaut. Wilhelm schläft in der Sternwarte ein Weilchen und träumt von Makarie – „priesterlich, ihr Anblick“. Wilhelm erzählt: „An der Stelle ihres herrlichen Angesichtes sah ich zuletzt, zwischen sich teilendem Gewölk, einen Stern blinken, der immer aufwärts getragen wurde und durch das eröffnete Deckengewölb sich mit dem ganzen Sternhimmel vereinigte, der sich immer zu verbreiten und alles zu umschließen schien. In dem Augenblick wecken Sie mich auf; schlaftrunken taumle ich nach dem Fenster, den Stern noch lebhaft in meinem Auge, und wie ich nun hinblicke – der Morgenstern, von gleicher Schönheit, obschon vielleicht nicht von gleicher strahlender Herrlichkeit, wirklich vor mir!“ Am andern Morgen sucht Wilhelm seinen Felix und findet Angela im Garten, sie beaufsichtigt junge arbeitende Mädchen, „alle, wo nicht schön, doch keine häßlich“. Angela erklärt, sämtliche Bewohnerinnen der Stiftung würden „ins tätige Leben treten“. Darauf erläutert Angela ihre Tätigkeit als Archivarin: „Deshalb machte sie [Makarie] mirs zur Pflicht, einzelne gute Gedanken aufzubewahren, die aus einem geistreichen Gespräch hervorspringen.“ Das Archiv wird als Lose-Blatt-Sammlung beschrieben. Wilhelm entdeckt einen emsig schreibenden Felix. Bevor sich Wilhelm auf Wanderschaft begibt, wird er von Angela ermutigt: „Wir haben Ihr unvermutetes Erfassen der tiefsten Geheimnisse betrachtet und überlegt, und wir dürfen uns ermutigen, Sie weiter zu führen.“

Das nußbraune Mädchen

10 Wilhelm wandert dem anreisenden Lenardo entgegen. Letzterer erzählt dem Wanderer folgende Geschichte. Die Bildungsreise Lenardos „durch das gesittete Europa“ wurde finanziert, indem der Oheim Pacht eintreiben ließ. Die Pächterstochter Nachodine, wegen ihrer „bräunlichen Gesichtsfarbe“ das nußbraune Mädchen genannt, bat Lenardo, sich für ihren zahlungsunfähigen Vater beim Oheim zu verwenden. Lenardo, leichtsinnig, hielt sein Versprechen nicht und macht sich nun Gewissensbisse. Wilhelm und Lenardo suchen das nußbraune Mädchen auf, finden aber die Blondine Valerine vor. Wilhelm bekommt von Lenardo den Auftrag, das nußbraune Mädchen zu suchen. Lenardo sagt zu seinem neuen Freund zum Abschied: „Leisten Sie mir diesen Dienst, und ich werde dankbar sein.“

11 Wilhelm, unmittelbar vor einer Reise ins Ungewisse, deponiert das kostbare Kästchen bei einem „kuriosen Antiquitätenkrämer“. Letzterer meint, „wenn dieses Kästchen etwas bedeutet, so muß sich gelegentlich der Schlüssel dazu finden, und gerade da, wo Sie ihn am wenigsten erwarten“. Außerdem wird Wilhelm eingeschärft: „Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muß das Handwerk vorausgehen, welches nur in der Beschränkung erworben wird. Eines recht wissen und ausüben gibt höhere Bildung als Halbheit im Hundertfältigen.“

Zweites Buch[Bearbeiten]

1–2 Wilhelm, auf der Suche nach Nachodine, bringt unterwegs seinen Felix in einer pädagogischen Provinz unter, in der Jugendliche erzogen werden. Er dringt zu den Oberen vor und wird – bis an eine gewisse Grenze – in die Geheimnisse der Erziehenden eingeweiht. Hervorragende Erziehungselemente sind die Musik und der Chorgesang. Die Oberen setzen Wilhelm auseinander, welche Religionen zu unterscheiden sind und welche zu favorisieren sei. Insbesondere bekommen die Jugendlichen in der Provinz Ehrfurcht vor dem Himmel und der Erde beigebracht. Es gibt „drei Ehrfurchten“. Die oberste ist „die Ehrfurcht vor sich selbst“.

Der Mann von funfzig Jahren

3 Der Major ist fünfzig Jahre alt. Seine geliebte Schwester, die verwitwete Baronin, eröffnet ihm, ihre Tochter Hilarie liebe ihn „wirklich und von ganzer Seele“. Der Major nimmt einen „Verjüngungsdiener“; erprobt an sich „Toilettenkästchen“. Die Verjüngung gibt dem Major „einen besonders heiteren Sinn“. Der Major sagt zu Hilarie „Du machst mich zum glücklichsten Menschen unter der Sonne! Willst du mein sein?“ Darauf Hilarie: „Um Gottes willen stehen Sie auf! Ich bin dein auf ewig.“ Die Baronin ertappt das Paar und hat keine Einwände. Alle drei vereinigen sich nunmehr „in einer Liebe, einem Behagen“, und so fließen für sie „die glücklichsten Stunden dahin“. Der Major sucht den Lieutenant Flavio, seinen Sohn, auf. Eigentlich sollen Flavio und Hilarie ein Paar werden. Flavio kommt dem betretenen Major unverhofft zu Hilfe. Flavio gesteht, er liebe eine schöne Witwe. Die Heirat von Hilarie und Flavio muss sein. Der Besitz muss zusammengehalten werden. Der Major weiß einen Ausweg. Er wird sich für Flavio opfern und Hilarie heiraten. Flavio ist zufrieden und stellt der Witwe seinen Vater vor.

4 Der Major reist ab und wendet sich seinen Geschäften zu. Er schickt der Witwe ein paar selbst verfasste Verse, trennt sich von seinem „Schönheits-Erhaltungslehrer“ und möchte wieder Hilaries Bräutigam sein.

5 Die schöne Witwe will Flavio „einer andern Liebenswürdigen nicht überlassen“ und wendet an ihn „mehr scheinbare Gunst, als billig ist“. Flavio, aufgeregt und ermutigt, wird heftig bis ins Ungehörige. „Ein entschiedener Bruch macht dem ganzen Verhältnis unwiederbringlich ein Ende.“ Flavio geht zu Hilarie. Deren Neigung ist „im Umwenden begriffen“. Der Baronin missfällt, dass Flavio sich Hilarie zuwendet, und sie mag die schöne Witwe nicht leiden. Da die Baronin „ein schönes Verhältnis zu Makarien“ hat, beklagt sie sich bei dieser brieflich. Makarie leitet diese Papiere, mit eigenen Kommentaren im Anschreiben, an die schöne Witwe weiter. Die Witwe ist darauf über die Familienverhältnisse der Baronin und des Majors haarklein unterrichtet. Der abwesende Major bekommt von diesen Vorgängen keine Kenntnis. Als dem Major ein Vorderzahn ausfällt, geht ihm endlich auf, dass er doch nicht der Richtige für die junge Hilarie ist. Auf einer seiner zahlreichen Reisen trifft der Major die Witwe. Die zeigt ihm die Briefe von seiner Schwester und Makarie. Die Witwe bedauert ausnahmslos jeden in der Familie des Majors.

6 Wilhelm wiederholt in einem Schreiben an den Abbé, sein Gesuch – „durch Montan vorlängst angebracht“.

7 Vom Hochgebirge steigt Wilhelm zum Lago Maggiore herab und wandelt auf Mignons Spuren. Am See begegnet Wilhelm Hilarie und der schönen Witwe. Alle drei gehören jenem Orden der Entsagenden an. Alle drei entsagen dem anderen Geschlecht.

Der Abbé erwähnt in einem Schreiben an Wilhelm Lotharios Tätigkeit für den Orden und spricht Wilhelm frei: „Sie sind von aller Beschränktheit entbunden. Reisen Sie, halten Sie sich auf, bewegen Sie sich, verharren Sie! was Ihnen gelingt, wird recht sein; möchten Sie sich zum notwendigsten Glied unsrer Kette bilden.“

Zwischenrede – dem Leser wird „eine Pause und zwar von einigen Jahren“ angekündigt.

8 Wilhelm sucht seinen Sohn Felix in der pädagogischen Provinz auf dem flachen Lande auf. „Felix hat sich zum Italienischen bestimmt.“

9 Auf einem Fest begegnet Wilhelm Montan. Letzterer spricht: „Tun und Denken, das ist die Summe aller Weisheit.“

10 Hersilie schreibt an Wilhelm, Felix, der zum Jüngling heranreifende Knabe, liebe sie, die ältere Frau.

11 Wilhelm erinnert Natalie brieflich an jenes Wundarztbesteck: „es war Zeuge des Augenblicks, wo mein Glück begann“. Wilhelm spielt auf die Szene in den Lehrjahren an, als er, von Räubern im Walde überfallen, von Natalies Gefolge gerettet wurde. Wilhelm will Wundarzt werden.

Betrachtungen im Sinne der Wanderer[Bearbeiten]

Siehe Zitate.

Drittes Buch[Bearbeiten]

1 Friedrich aus den Lehrjahren wird von Lenardo begrüßt. In den Wanderjahren liefert Friedrich Beiträge zu diesem Archivroman. Hinter dem „Band“, einem Auswandererbund der Wanderjahre, steht die Turmgesellschaft der Lehrjahre. „Wandern“ erhält auch die Bedeutung „auswandern“.

2 „Parierend, ablehnend sind Ihre Briefe!“, beschwert sich Hersilie schriftlich bei Wilhelm. Das „Schlüsselchen“ zum „Prachtkästchen“ ist in ihre Hände gefallen. Hersilie möchte Felix wiedersehen. Wilhelm soll Hersilie besuchen und den Sohn sowie auch das Kästchen mitbringen. Wilhelm, der Entsagende, lässt sich nicht zu einem Besuch der Dame verlocken.

3 Wilhelm nimmt seine Studien als Wundarzt auf. Im Fach „Anatomie als Grundstudium“ soll er den „schönsten weiblichen Arm“ einer Wasserleiche sezieren. Ein „plastischer Anatom“ lenkt Wilhelm von jener analytischen Aufgabe ab. Unter der Anleitung des Anatomen synthetisiert Wilhelm einen Arm aus Knochen und Sehnen.

4 Dabei folgt Wilhelm einer Maxime der Turmgesellschaft, an die ihn Friedrich erinnert: „Das Grundgesetz unserer Verbindung: in irgendeinem Fache muß einer vollkommen sein, wenn er Anspruch auf Mitgenossenschaft machen will.“

Lenardos Tagebuch

5 Wilhelm erhält und studiert Lenardos Aufzeichnungen über die bienenfleißigen Garnspinner und Baumwollweber im Gebirge.

Die neue Melusine

6 Ins Reich der „Nixen und Gnomen“ führt diese erzählerisch sorgfältig ausgearbeitete Version des Schlüssel-Kästchen-Motivs. Eine schöne Zwergenprinzessin entschlüpft gelegentlich dem Kästchen und lockt den verliebten, liederlichen, von Geldsorgen geplagten Ich-Erzähler in ihr arg begrenztes Reich. Mit einer Feile kann sich der künftige Schwiegersohn des Zwergenkönigs Eckwald befreien, entflieht dem Eheglück und erreicht – wieder in normaler Größe – unsere Alltags-Welt.

7 Der „kuriose Antiquitätenkrämer“ ist gestorben. Hersilie besitzt nun Schlüssel und Kästchen. Die Frau sehnt Wilhelm und Felix herbei; schreibt von „Trennen und Vereinigen“.

Die gefährliche Wette

8 Weil die „Angelegenheiten immer ernsthafter werden“, schaltet die „Redaktion“ rasch noch einen „Schwank“ ein: Ein mutwilliger Student wettet mit seinen Kommilitonen, dass er einem gesetzten Herrn, der in „schöner Equipage“ vorfährt, „bei der Nase“ zupft und dafür noch belohnt wird. Der Student gewinnt die Wette. Der Verhöhnte stirbt ohne Rache, aber dessen Sohn rächt sich an einem der Studenten.

9 Odoard will eine von den „grenzenlosen Weiten“ Europas besiedeln.

Nicht zu weit

10 Die Geschichte Odoards und seiner Liebe zur Prinzessin Sophronie wird erzählt.

11 Friedrich und Wilhelm tauschen sich in „stiller Unterhaltung“ unter anderem über die Zeit aus, diese „höchste Gabe der Natur“.

12 Odoard trägt sein Besiedlungsprojekt vor.

Lenardos Tagebuch – Fortsetzung

13 Wilhelm liest den Rest von Lenardos Aufzeichnungen übers „Muggengarn“.

14 Nachodine, die glücklich unter Webern aufgefunden wurde, gibt ihr Weberhandwerk angesichts des Konkurrenzdrucks der Maschinen auf und erhält bei Makarie Angelas Stelle. Lenardo und Nachodine finden einander. Lothario, Therese, Natalie und der Abbé wandern per Segelschiff aus. Philine, Lydie und auch Lenardo, Friedrich sowie Montan werden schließlich denselben Weg einschlagen. Da alle auswandern, muss sich Wilhelms Jugendfreund Werner nach neuen Geschäftspartnern umsehen.

15 Die Beziehung zwischen Makarie und dem Astronomen, „diese ätherische Dichtung“, wird „Verzeihung hoffend“ beschlossen und das „terrestrische Märchen“ zu Ende erzählt.

16 Odoardo geht mit den Seinigen ab.

17 Hersilie erzählt Wilhelm ihre zärtliche Begegnung mit Felix. Wilhelms Sohn drückte Hersilie beherzt an seine Brust. Hersilie konnte nicht anders, sie erwiderte die stürmischen Küsse. Dann wies die Entsagende den feurigen Liebhaber kühl ab. „Gut!“, sagt der Verschmähte, „so reit ich in die Welt, bis ich umkomme.“ Felix sprengt auf dem Pferde davon.

18 Ross und Reiter stürzen in den Abgrund. Wundarzt Wilhelm, mit dem unvermeidlichen Wundarztbesteck zur Stelle, rettet dem Sohn fachmännisch das Leben.

Aus Makariens Archiv[Bearbeiten]

Siehe Zitate.

Figuren[Bearbeiten]

Figuren aus Wilhelm Meisters Lehrjahren[Bearbeiten]

Figuren sind jeweils alphabetisch geordnet. Die Zahl bezeichnet die Seite, auf der der Name zuerst genannt wird.

  • 528 Der Abbé lenkt im Hintergrund die Geschicke Wilhelms.
  • 388 Felix ist der Sohn Wilhelms.
  • 587 Friedrich ist Mitglied der Turmgesellschaft sowie der Bruder Natalies und Lotharios.
  • 539 Baron Lothario ist Mitglied der Turmgesellschaft und Natalies Bruder.
  • 664 Lydie ist Montans Gattin.
  • 402 Montan (der Jarno aus den Lehrjahren) betätigt sich als Geologe.
  • 390 Baronesse Natalie ist Wilhelms Gattin und Lotharios Schwester.
  • 664 Philine ist eine Schauspielerin, die seinerzeit von Friedrich schwanger wurde.
  • 662 Therese ist die Gemahlin Lotharios.
  • 668 Der Kaufmann Werner ist Wilhelms Jugendfreund.
  • 388 Wilhelm (siehe Handlung) ist ein Entsagender.

Neue Figuren[Bearbeiten]

  • 415 Hersilie eine Entsagende, ist die jüngere Nichte des Hausherrn auf dem Schlosse.
  • 430 Baron Lenardo ist der Vetter von Hersilie.
  • 435 Makarie die Tante von Lenardo und Hersilie, ist „eine ältliche, wunderwürdige Dame“. Hinter ihr verbirgt sich die Herzogin Charlotte von Sachsen-Meiningen, Gattin von Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg.
  • 635 Odoard ist „ein Mann von einnehmenden Wesen“, der ein Besiedlungsprojekt in Europa forciert.

Nebenfiguren[Bearbeiten]

  • 458 Angela ist die Archivarin Makaries.
  • 458 Der Arzt, Mathematiker und Astronom ist Mitarbeiter Makaries. Hinter ihm verbirgt sich der Gothaer Hofastronom Franz Xaver von Zach, dem Goethe in dem Roman ein subtiles Denkmal setzt.
  • 415 Juliette ist die ältere Schwester von Hersilie.
  • 433 Nachodine ist die Tochter eines liederlichen Pächters auf dem Schlosse.
  • 415 Der Oheim (Onkel) von Lenardo und Hersilie ist der Hausherr auf dem Schlosse.
  • 433: Valerine ist die Tochter des Gerichtshalters auf dem Schlosse.
Die pilgernde Törin
  • 416 Herr von Revanne ist ein reicher Provinzler, der die pilgernde Törin für zwei Jahre aufnimmt, sich in sie verliebt und von ihr gefoppt wird.
  • 416 Die pilgernde Törin ist eine Allegorie der Poesie, die für zwei Jahre im Schloss des Herrn von Revanne hospitiert.
Wer ist der Verräter?
  • 441 Antoni ist „nicht mehr jung, von bedeutendem Ansehn, würdig, lebensgewandt und durch Kenntnis der weitesten Weltgegenden höchst unterhaltend“.
  • 439 Julie ist vom Professor N. als Braut für Lucidor auserkoren.
  • 439 Lucidor ist der Sohn des Professors N. zu N. Sein Gönner ist der Oberamtmann zu R.
  • 439 Lucinde ist die Schwester von Julie.
Der Mann von funfzig Jahren
  • 491 Die Baronin ist die Schwester des Majors und die Mutter von Hilarie.
  • 514 Lieutenant Flavio ist der Sohn des Majors.
  • 491 Hilarie, eine Entsagende, ist die Tochter der Baronin.
  • 491 Der Major ist die Titelfigur der Novelle.
  • 501 Die schöne Witwe verdreht Flavio und seinem Vater den Kopf und entsagt schließlich den Männern.

Zitate[Bearbeiten]

Aus dem Werk[Bearbeiten]

  • (1,3) Joseph: „Wer lebt, muß auf Wechsel gefaßt sein.“
  • (1,3) Montan: „Gut Ding will Weile haben.“
  • (1,10) Wilhelm: „Wer durch Brillen sieht, hält sich für klüger, als er ist.“
  • (1,11) Lenardo: „Der Helden Söhne werden Taugenichtse.“
  • (1,12) Der Alte zu Wilhelm: „Wer lange lebt, sieht manches versammelt und manches auseinander fallen.“
  • (2,3) Der Freund zum Major: „Man will sein und nicht scheinen. Das ist recht gut, so lange man etwas ist.“
Betrachtungen im Sinne der Wanderer
  • „Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muß nur versuchen, es noch einmal zu denken.“
  • „Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche deine Pflicht zu tun, und du weißt gleich, was an dir ist.“
  • „Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.“
  • „Aus Farbenreibern sind treffliche Maler hervorgegangen.“
  • „Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiß ich, womit du dich beschäftigst, so weiß ich, was aus dir werden kann.“
  • „Ein großer Fehler: daß man sich mehr dünkt, als man ist, und sich weniger schätzt, als man wert ist.“
  • „Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum einen bösen Stand.“
  • „Wenn ich die Meinung eines andern anhören soll, so muß sie positiv ausgesprochen werden; Problematisches hab' ich in mir selbst genug.“
  • „Ich schweige zu vielem still, denn ich mag die Menschen nicht irremachen und bin wohl zufrieden, wenn sie sich freuen da wo ich mich ärgere.“
  • „Wenn man alt ist, muß man mehr tun, als da man jung war.“
  • „Wer zuviel verlangt, wer sich am Verwickelten erfreut, der ist den Verwirrungen ausgesetzt.“
  • „Der Mensch muß bei dem Glauben verharren, daß das Unbegreifliche begreiflich sei; er würde sonst nicht forschen.“
  • „Um zu begreifen, daß der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen.“
  • „Das Falsche hat den Vorteil, daß man immer darüber schwätzen kann, das Wahre muß gleich genutzt werden, sonst ist es nicht da.“
Aus Makariens Archiv
  • „Was einem angehört, wird man nicht los, und wenn man es wegwürfe.“
  • „Mit den Jahren steigern sich die Prüfungen.“
  • „Man wird nie betrogen, man betrügt sich selbst.“
  • „Wen jemand lobt, dem stellt er sich gleich.“
  • „Es ist nicht genug, zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muß auch tun.“
  • „Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum.“
  • „Die größten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nicht suchen.“
  • „Sei nicht ungeduldig, wenn man deine Argumente nicht gelten läßt.“

Goethe über sein Werk[Bearbeiten]

„…sie [die kleineren Geschichten] sollten alle, durch einen romantischen Faden unter dem Titel Wilhelm Meisters Wanderjahre zusammengeschlungen, ein wunderlich anziehendes Ganzes bilden. Zu diesem Zweck finden sich bemerkt: Schluß der Neuen Melusine, Der Mann von fünfzig Jahren, Die pilgernde Törin.“

– Goethe in den Tag- und Jahresheften 1807

„Es gehört dieses Werk [Wilhelm Meister] übrigens zu den incalculabelsten Productionen, wozu mir fast selbst der Schlüssel fehlt.“

– Goethe im Gespräch mit Riemer, Eckermann und Wilhelm Rehbein (Hofmedicus, Hofrat in Weimar, 1776–1825) am 18. Januar 1825

„Ich hoffe, meine Wanderjahre sind nun in Ihren Händen und haben Ihnen mancherlei zu denken gegeben; verschmähen Sie nicht einiges mitzutheilen. Unser Leben gleicht denn doch zuletzt den sibyllinischen Büchern; es wird immer kostbarer, je weniger davon übrig bleibt.“

– Brief Goethes vom 19. Juni 1829 an Christoph Ludwig Friedrich Schultz (Jurist, preußischer Staatsrat, 1781–1834)

„Eine Arbeit wie diese [die Wanderjahre], die sich selbst als collectiv ankündiget, indem sie gewissermaßen nur zum Verband der disparatesten Einzelheiten unternommen zu seyn scheint, erlaubt, ja fordert mehr als eine andere daß jeder sich zueigne was ihm gemäß ist, was in seiner Lage zur Beherzigung aufrief und sich harmonisch wohltätig erweisen mochte.“

– Brief Goethes vom 28. Juli 1829 an Johann Friedrich Rochlitz

„Mit solchem Büchlein [den Wanderjahren] aber ist es wie mit dem Leben selbst: es findet sich in dem Complex des Ganzen Nothwendiges und Zufälliges, Vorgesetztes und Angeschlossenes, bald gelungen, bald vereitelt, wodurch es eine Art von Unendlichkeit erhält, die sich in verständige und vernünftige Worte nicht durchaus fassen noch einschließen läßt. Wohin ich aber die Aufmerksamkeit meiner Freunde gerne lenke und auch die Ihrige gern gerichtet sähe, sind die verschieden, sich voneinander absondernden Einzelnheiten, die doch, besonders im gegenwärtigen Falle, den Werth des Buches entscheiden.“

– Brief Goethes vom 23. November 1829 an Johann Friedrich Rochlitz

Rezeption[Bearbeiten]

(Geordnet nach dem Rezeptionsjahr)

  • 1830: Der junge Theodor Mundt (1808–1861): „Wir müssen ehrlich sein, und, um dem Dichter nicht unrecht zu tun, die Wanderjahre sogleich, auch in ihrer jetzigen Gestalt noch für ein unausgearbeitetes Fragment, das nur in einzelnen Partien mehr oder weniger ausgebildet und vollendet erscheint, erklären.“ (Blessin, S. 374)
  • 1895: Friedrich Spielhagen will den „dichterischen“ Roman und fragt, „ob wir es hier überall noch mit einer Dichtung zu tun haben“. (Gidion, S. 11)
  • 1918: Friedrich Gundolf : „So sind die Wanderjahre von einem Weisen geschrieben, der dichten kann, nicht von einem Dichter, der weise ist.“ (Gidion, S. 15)
  • 1921 und 1932: Thomas Mann setzt sich mit den Wanderjahren auseinander.
  • 1936: Hermann Broch bekräftigt, Goethe habe „in den Wanderjahren den Grundstein der neuen Dichtung, des neuen Romans“, gelegt. (Bahr, S. 363)
  • 1963: Richard Friedenthal (S. 469 f.): „Die Wanderjahre sind schließlich kein Roman mehr, sondern ein Repositorium [= Büchergestell, Aktenschrank] für Goethes Altersweisheit … Er [der Meister-Komplex] spottet allen Regeln. Goethe selber hat oft darüber gespottet …“
  • 1989: Hannelore Schlaffer zitiert in ihrer Habilitationsschrift Arbeiten von
    • Ferdinand Gregorovius: Göthe’s Wilhelm Meister in seinen socialistischen Elementen entwickelt. Königsberg 1849
    • Wilhelm Emrich: Das Problem der Symbolinterpretation im Hinblick auf Goethes ›Wanderjahre‹. 1952
    • Karl Schlechta: Goethes Wilhelm Meister. Frankfurt am Main 1953
    • Arthur Henkel: Entsagung. Eine Studie zu Goethes Altersroman. Tübingen 1954
    • Friedrich Ohly: Zum Kästchen in Goethes »Wanderjahren«. 1961
    • Hans-Jürgen Bastian: Zum Menschenbild des späten Goethe. Eine Interpretation seiner Erzählung »Sankt Joseph der Zweite«. Weimar 1966
    • Manfred Karnick: »Wilhelm Meisters Wanderjahre« oder die Kunst des Mittelbaren. München 1968
    • Benno von Wiese: Der Mann von funfzig Jahren. Düsseldorf 1968
    • Marianne Jabs-Kriegsmann: Felix und Hersilie (in: Erich Trunz (Hrsg.): Studien zu Goethes Alterswerken). Frankfurt am Main 1971
    • Peter Horwath: Zur Namensgebung des »nußbraunen Mädchens«. 1972
    • Anneliese Klingenberg: Goethes Roman »Wilhelm Meisters Wanderjahre«. Berlin 1972
    • Wilhelm Voßkamp: Romantheorie in Deutschland. Stuttgart 1973

Literatur[Bearbeiten]

Quelle

  • Johann Wolfgang von Goethe: Poetische Werke. Band 7, Phaidon Verlag, Essen 1999, ISBN 3-89350-448-6, S. 387–717.

Sekundärliteratur

(Geordnet nach dem Erscheinungsjahr)

  • Richard Friedenthal: Goethe. Sein Leben und seine Zeit. R. Piper Verlag, München 1963, S. 673–676.
  • Heidi Gidion: Zur Darstellungsweise von Goethes ' Wilhelm Meisters Wanderjahre'. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 1969.
  • Adolf Muschg: „Bis zum Durchsichtigen gebildet“. Nachwort zu „Goethe Wilhelm Meisters Wanderjahre“. Insel Taschenbuch, Frankfurt 1982, ISBN 3-458-32275-2, S. 495–523.
  • Ehrhard Bahr in: Paul Michael Lützeler (Hrsg.), James E. McLeod (Hrsg.): Goethes Erzählwerk. Interpretationen. Stuttgart 1985, ISBN 3-15-008081-9, S. 363–395.
  •  Hannelore Schlaffer: Wilhelm Meister. Das Ende der Kunst und die Wiederkehr des Mythos. Metzler, Stuttgart 1989, ISBN 3-476-00655-7.
  • Gerhard Schulz: Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration. Teil 2: Das Zeitalter der Napoleonischen Kriege und der Restauration: 1806–1830. München 1989, ISBN 3-406-09399-X, S. 341–353.
  • Stefan Blessin: Goethes Romane. Aufbruch in die Moderne. Paderborn 1996, ISBN 3-506-71902-5, S. 239–382, S. 405–406.
  • Gero von Wilpert: Goethe-Lexikon. Stuttgart 1998, ISBN 3-520-40701-9, S. 1187–1191.
  • Karl Otto Conrady: Goethe. Leben und Werk. Düsseldorf/Zürich 1999, ISBN 3-538-06638-8, S. 983–1001.
  • Manfred Engel: Modernisierungskrise und neue Ethik in Goethes Roman „Wilhelm Meisters Wanderjahre oder Die Entsagenden“. In: Henning Kössler (Hrsg.): Wertwandel und neue Subjektivität. Fünf Vorträge. Erlangen 2000, S. 87–111. (Erlanger Forschungen, Reihe A, Bd. 91)
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 2001, ISBN 3-520-23108-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikiversity: Die pilgernde Törin – eine Allegorie der Poesie. – Kursmaterialien, Forschungsprojekte und wissenschaftlicher Austausch

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wilpert, S. 1187, 3. Z.v.u.
  2. Zitat: „Der Redakteur dieser Bogen hier“ (2,8) versichert, wir „haben einen Roman in die Hand genommen“. (1,10)
  3. Bahr, S. 379 unten
  4. Bahr, S. 380.
  5. Wilpert, 1998, S. 1189 unten
  6. Wilpert, 2001, S. 917.
  7. Gidion, 1969.