Wilhelm Schmid (Philosoph)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Wilhelm Schmid Buchmesse Leipzig 2013

Wilhelm Schmid (* 26. April 1953 in Billenhausen / Bayerisch-Schwaben) ist ein deutscher Philosoph mit dem Schwerpunkt auf dem Gebiet der Lebenskunstphilosophie.

Leben[Bearbeiten]

Nach einer Kindheit und Jugend in bäuerlicher Umgebung, einer Lehre als Schriftsetzer und vier Jahren bei der Bundeswehr holte Wilhelm Schmid am Augsburger Bayernkolleg 1980 das Abitur nach. Von 1977 bis 1980 war er in Augsburg Vorsitzender der dortigen Jungdemokraten, der damaligen Jugendorganisation der FDP. 1980 begann er ein Studium von Philosophie und Geschichte an der Freien Universität Berlin, der Pariser Sorbonne und der Universität Tübingen, das er 1991 mit einer Doktorarbeit über Michel Foucault abschloss. Er übernahm Lehraufträge an der Universität Leipzig (1990–1991), der Technischen Universität Berlin (1991–1992), der Pädagogischen Hochschule Erfurt (1993–1999) und der Universität Jena (1999–2000). In Erfurt habilitierte er sich im Jahr 1997 mit seiner Arbeit „Grundlegung zu einer Philosophie der Lebenskunst“. 2004 Ernennung zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Erfurt. Er lehrte als Gastdozent (DAAD-Kurzzeitdozenturen) an der Universität Riga/Lettland (1991–2000) und an der Staatlichen Universität Tiflis/Georgien (1997–2006). Von 1998 bis 2007 arbeitete er regelmäßig als „philosophischer Seelsorger“ am Spital Affoltern am Albis (bei Zürich).

Wilhelm Schmid lebt seit 1980 als freier Philosoph in Berlin. Zudem lehrt er Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. Seine Bücher sind ins Niederländische, Italienische, Spanische, Französische, Englische, Lettische, Estnische, Finnische, Dänische, Serbische, Türkische, Koreanische und Chinesische übersetzt. Sie erreichten bis 2013 eine Gesamtauflage von etwa 700.000 Exemplaren. 2012 wurde ihm der deutsche Meckatzer-Philosophiepreis für besondere Verdienste bei der Vermittlung von Philosophie verliehen, 2013 der schweizerische Preis der Dr. Margrit Egnér-Stiftung für sein bisheriges Werk zur Lebenskunst.

Schmid ist in zweiter Ehe verheiratet und hat vier Kinder.

Lebensphilosophie[Bearbeiten]

„Für sich selbst zu sorgen“, bedeutet für Wilhelm Schmid weder nur sich ökonomisch zu verhalten, d. h. seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, noch im Sinne des so genannten „Positiven Denkens“ etwa Bedrohungen zu ignorieren oder Zweifel zu unterdrücken. Die „reflektierte Lebenskunst“ bestehe stattdessen darin, sich selbst wahrzunehmen, zu orientieren und zu entwickeln, ohne beziehungslos zu werden oder sich anderweitig zu verengen; man solle sich bemühen, weder zu einem Egomanen noch zu einem „Herdentier“ zu verkommen.

Das individuelle Lebensglück, die Erfahrung des eigenen Sinns und Wohlbefindens, ergibt sich laut Schmid im Wesentlichen nicht daraus, dass man vorübergehend „Glück hat“, d. h. zufällig oberflächliche Vorteile erlangt. Glücklich werde man vielmehr dadurch, dass man seine realen Möglichkeiten erkennt und unter diesen selbstbestimmt und klug wählt. Dies bezeichnet Schmid als das „aristotelische Element“ (s. Aristoteles) der Lebenskunst. Die individuelle Lebensgestaltung müsse selbstgesetzten Ansprüchen genügen, die sich im Laufe des Lebens verändern.

Nur ein bewusster Umgang mit den eigenen Gefühlen und Lüsten führt laut Schmid zu „Selbstmächtigkeit“. Dies nennt er das „epikureische Element“. Ein erfülltes Leben ist nicht von „hedonistischem Lustkonsum zu erwarten, der üblicherweise zu einer Verflachung“ des Erlebens führt. Vielmehr ist eine selbst gewählte Dosierung von Lust dem gesteigerten Empfinden und Genuss förderlich. Dazu gehört es auch, vorübergehende Schmerz- und Unlustgefühle hinzunehmen, die zum Leben gehören. Es sei wichtig, sein eigenes Maß zu finden.

Was jemand aus seinem Leben macht, ist nach Schmid eine Frage der „Selbstaneignung“. Ein beruflicher oder sozialer Status garantiert das individuelle Glück nicht. Das „gute Leben“ im Sinne Schmids bedarf einer selbst zu findenden Balance zwischen Außen und Innen, womit sich der Bogen zum antiken Epikureismus schließt. Diese Balance kann man mit einem aus der Mode gekommenen Begriff als ein Ergebnis von Weisheit bezeichnen. Wesentlich sind die Selbstbefreiung von unnötigen Abhängigkeiten sowie Freundschaften, die einem helfen, die erstrebte Balance im Leben zu halten.

In Schmids Buch “Mit sich selbst befreundet sein” von 2004 finden sich 7 Punkte der Selbstdefinition: 1. Was sind meine wichtigsten Beziehungen der Liebe und der Freundschaft, über die ich mich definieren will? 2. Was sind die wichtigsten Erfahrungen in meinem Leben, die fester Bestandteil meiner selbst bleiben sollen? 3. Was ist mein Traum, mein Glaube, mein bestimmter Weg und vielleicht mein Lebensziel, meine Idee, meine Sehnsucht, der ich im Leben folgen will? 4. Was sind die bestimmten Werte, die ich hochhalten, aber auch selbst realisieren will, und welcher Wert soll im Zweifelsfall Vorrang haben, wenn etwa zwischen Freiheit und Bindung, Risiko und Sicherheit, Konsequenz und Nachgiebigkeit zu wählen ist? 5. Welche Gewohnheiten will ich sorgsam pflegen, in denen sich das Leben wohnlich einrichten lässt, und welche besonderen Charakterzüge will ich stärken: Geiz oder Großzügigkeit? Ungeduld oder Duldsamkeit? Zögerlichkeit oder Entschlossenheit? 6. Was sind meine Ängste, die einfach da sind, meine Verletzungen, die ich erfahren habe, meine Traumata, gegen die ich nicht ankomme, die ich aber in mein Selbst integrieren kann? Diese Seite des Lebens ausschließen zu wollen, liegt nahe, kostet jedoch unsinnig viel Kraft und ist letztlich ohnehin vergeblich; daher der Versuch, sie als Bestandteil des Selbst zu sehen, um alle Kraft dafür übrig zu haben, gut damit zurechtzukommen. Hilfreich ist dabei 7. das Schöne, an dem ich mein Leben orientieren kann: Was sind die Momente, Anblicke, Arbeiten, Spiele, Lüste, Gespräche, Gedanken, zu denen ich vorbehaltlos Ja sagen kann, sodass sie sehr viel Sinn vermitteln und zu einer Quelle von Kraft werden können, mit der mühelos auch größte Schwierigkeiten zu bewältigen sind?

Zitate[Bearbeiten]

  • „Die reflektierte Lebenskunst setzt an bei der Sorge des Selbst um sich, die zunächst ängstlicher Natur sein kann, unter philosophischer Anleitung jedoch zu einer klugen, vorausschauenden Sorge wird, die das Selbst nicht nur auf sich, sondern ebenso auf Andere und die Gesellschaft bezieht.“ (Grundlegung, 1998, S. 51)
  • „Die möglichst weit gehende Verfügung des Selbst über sich und sein Leben im Sinne der Selbstmächtigkeit (Autarkie), und die dafür erforderliche Arbeit des Selbst an sich zur Veränderung und Festigung seiner selbst (Askese) repräsentieren das kynische Element der reflektierten Lebenskunst und führen zum modernen Gedanken der Autonomie.“ (Grundlegung, 1998, S. 51f)

Schriften[Bearbeiten]

1971-1986
  • Nachtgedanken. Gedichte und Texte. Mit Grafiken von Christian Laubmeier. Selbstverlag, Augsburg 1971.
  • Bilder Deines Lebens. Einfach ein nettes kleines Buch und nix Berühmtes. Verlag Junger Augsburger Autoren, Augsburg 1980.
  • Wolfgang. Versuche zu einem Portrait; die Welt, der Traum, der Tod. Verlag Junger Augsburger Autoren, Augsburg 1981.
  • Gespräch mit dem Leben. Bruchstücke aus der Welt der Gedanken. Verlag Junger Augsburger Autoren, Augsburg 1981.
  • Wille zum Leben! Entwurf zur Haltung. Verlag Junger Augsburger Autoren, Augsburg 1983.
1987-1999
  • Die Geburt der Philosophie im Garten der Lüste. Michel Foucaults Archäologie des platonischen Eros. Athenäum, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-610-09200-9. Neuauflage: Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-518-39715-X.
  • Wege zu Edgar Degas. Herausgegeben von W.S., Matthes & Seitz, München 1988, ISBN 3-88221-236-5.
  • Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst. Die Frage nach dem Grund und die Neubegründung der Ethik bei Foucault. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-518-58082-5. Neuauflage: Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-518-29087-8.
  • Denken und Existenz bei Michel Foucault. Herausgegeben von W.S., Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-518-11657-6.
  • Nach der Postmoderne. Herausgegeben von Andreas Steffens, Christine Pries und W.S., Bollmann, Düsseldorf 1992, ISBN 3-927901-21-0.
  • Was geht uns Deutschland an? Ein Essay. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-518-11882-X.
  • Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung. Suhrkamp-TB Wissenschaft 1385, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-28985-3.
2000-2006
  • Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst. In: Bibliothek der Lebenskunst. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-518-41207-8. Neuauflage: Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-518-45664-4.
  • W.S. mit Volker Caysa: Reinhold Messners Philosophie. Sinn machen in einer Welt ohne Sinn. Edition Suhrkamp, Band 2242, Frankfurt am Main 2002. 3. Auflage 2005, ISBN 978-3-518-12242-6.
  • Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst. In: Bibliothek der Lebenskunst. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, ISBN 978-3-518-41656-3. Neuauflage: Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-518-45882-2.
  • Leben und Lebenskunst am Beginn des 21. Jahrhunderts. In: Heinz-Nixdorf-MuseumsForum. Fink, Paderborn, München 2005, ISBN 978-3-7705-3955-0.
  • Die Kunst der Balance. 100 Facetten der Lebenskunst. Insel-Taschenbuch 3120, Frankfurt am Main, Leipzig 2005, ISBN 978-3-458-34820-7.
  • Die Fülle des Lebens. 100 Fragmente des Glücks. Insel-Taschenbuch 3199, Frankfurt am Main, Leipzig 2006, ISBN 978-3-458-34899-3.
  • Seelsorge und Lebenskunst. In: Wege zum Menschen. Jahrgang 58, Heft 1, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006.
2007-
  • Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist. Insel, Frankfurt am Main, Leipzig 2007, ISBN 3-458-17373-0.
  • Ökologische Lebenskunst. Was jeder Einzelne für das Leben auf dem Planeten tun kann. Suhrkamp-TB 4034, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-46034-4.
  • Die Liebe neu erfinden. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen. Suhrkamp, Berlin 2010, ISBN 978-3-518-42203-8. Als Taschenbuch 2013 unter neuem Titel: Die Liebe atmen lassen, Suhrkamp, Berlin 2013, ISBN 978-3-518-46419-9.
  • Liebe. Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt, Insel, Berlin 2011, ISBN 978-3-458-17520-9.
  • Unglücklich sein. Eine Ermutigung. Insel, Frankfurt am Main, Leipzig 2012, ISBN 978-3-458-17559-9.
  • Dem Leben Sinn geben. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt, Suhrkamp, Berlin 2013, ISBN 978-3-518-42373-8.[1]
  • Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden, Insel, Berlin 2014, ISBN 978-3-458-17600-8.

Gespräche[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Elke Schmitter: Den Schmerz ausloten. In: Der Spiegel 17/2004, Seiten 177–179.
  • Volker Caysa: Aktuelle deutschsprachige Konzeptionen einer Philosophie der Lebenskunst. In: Information Philosophie, Cladia Moser, Lörrach Dezember 2000.
  • Eudaimonismus, Das Lebenskunstmodell. In: Marcus Düwell u. a. (Hrsg.): Handbuch Ethik, Metzler, Stuttgart 2002, S. 90–92 ISBN 3-476-01749-4.
  • Wolfgang Kersting, Claus Langbehn (Hrsg.): Kritik der Lebenskunst. Suhrkamp-TB Wissenschaft 1815, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-518-29415-4.
  • Ferdinand Fellmann: Philosophie der Lebenskunst zur Einführung. Junius, Hamburg 2009.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wer ruhig ist, wird hier noch ruhiger in FAZ vom 15. Mai 2013, Seite 26